Quo vadis? 

Die wirtschaftliche Situation im mittelständischen Bauhandwerk

Die Auswirkungen der Finanzkrise kommen auch im Bauhandwerk an. Aber nicht nur deshalb bedarf es tauglicher Werkzeuge, die das mittelständische Bauhandwerk dauerhaft wettbewerbsfähig machen. Von einem gewerkeübergreifenden Zusammenschluss von Betrieben des Bauhandwerks wurde im Rahmen eines vom BMBF geförderten Forschungsprojekts die Lage des Bauhandwerks analysiert und – was viel wichtiger ist – daraus ein bundesweit taugliches Konzept abgeleitet, dass es Inhabern von Handwerksbetrieben erlaubt, ihre betriebliche Situation zu verbessern. Diese Werkzeuge, die helfen werden, Ihren Betrieb dauerhaft wirtschaftlich stabil zu entwickeln, werden in BAUHANDWERK in einer Serie vorgestellt. Das erste Werkezeug können Sie im Internet am Ende des Beitrags unter www.bauhandwerk.de schon einmal ausprobieren.

Die Finanzkrise breitet sich in rasanter Geschwindigkeit aus. Ein Ende ist bislang nicht in Sicht. In einer Abwärtsspirale zieht die schlimmste Weltwirtschaftskrise nach 1920 eine Reihe von wirtschaftlichen und unternehmerischen Konsequenzen nach sich. Am härtesten wird es neben der Finanzwirtschaft und Automobilbranche die bereits ständig kriselnden Wirtschaftszweige, insbesondere auch die schon labile Bauwirtschaft treffen.

 

Arbeiten im wirtschaftlichen Schattendasein

 

Dabei sah die gesamtwirtschaftliche Situation im Bauhandwerk – vor allem in kleinen und mittelständisch geprägten Betrieben – schon vor dieser Krise nicht gerade rosig aus. Gravierende Mankos wie geringes Eigenkapital, fehlende Umsätze und unauskömmliche Erträge übernehmen schon seit Jahrzehnten die Oberhand in bauhandwerklichen Betrieben und prägen das allgemeine Unternehmensbild. Zu viele bauhandwerkliche Unternehmen führen ein wirtschaftliches Schattendasein. Betriebswirtschaftlich betrachtet sind sie schon nicht mehr handlungsfähig.

Um sich diese zunehmende Problematik im mittelständisch geprägten Bauhandwerk verständlich zu machen, müssen zwei Aspekte intensiver betrachtet werden. Das Bauhandwerk ist ein sehr großes und zudem heterogenes Wirtschaftsfeld, das nicht einfach zu erfassen und zu analysieren ist. Dabei ist eine umfangreiche Analyse der wirtschaftlichen Gesamtlage notwendig, um die Probleme und die wirtschaftliche Bedrohung erkennen und wirksame Lösungen schaffen zu können.

Die amtliche, klassifizierte Gewerkeaufteilung zeigt bereits die große Vielfalt im Bauhandwerk. Dennoch reicht sie nicht aus, den tatsächlichen fachlichen Status quo im Bauhandwerk auch nur annähernd wirklichkeitsgetreu wiederzugeben. Diese gängige Methode ist deswegen sehr überholt und wird insgesamt der bauhandwerklichen Wirklichkeit nicht mehr gerecht.

Hochspezialisiert tätige Betriebe, deren Situationsanalyse von grundlegender Bedeutung ist, werden in diesem wirtschaftspolitischen Konstrukt nicht näher berücksichtigt, sogar volkswirtschaftlich ignoriert. Die mangelnde Berücksichtigung hat eine nachvollziehbare Erklärung: Betrieblich kleine Organisationsstrukturen prägen seit jeher das Gesamtbild im Bauhandwerk. Über die Hälfte der bauhandwerklichen Betriebe haben vier oder weniger Beschäftigte. In der Unternehmenstheorie werden solche Betriebe als Mikro- beziehungsweise Kleinstunternehmen bezeichnet. Ihre unternehmerische und betriebswirtschaftliche Bedeutung ist verhältnismäßig so gering, dass sie im Potpourri der allgemein gehaltenen Wirtschaftskategorien verschwinden. Das trägt insgesamt zur sozioökonomischen Abwertung der schon geschwächten Bauhandwerksunternehmen bei.

 

115 Milliarden Euro Umsatz im Bauhandwerk

 

Trotz dieser widrigen Umstände hat das Bauhandwerk eine enorme volkswirtschaftliche Bedeutung. Das gigantische Umsatzvolumen im gesamten Bauhandwerk beträgt knapp 115 Milliarden Euro, die gemeinsam von rund 243 000 Unternehmen erwirtschaftet werden. Die rund 177 400 Handwerksbetriebe mit bis zu 4 Beschäftigten realisieren zusammen einen Umsatz von 36 Milliarden Euro. Das bedeutet, dass sich über 73 Prozent der gesamten Bauhandwerksbetriebe ein Umsatzvolumen von 31 Prozent teilen. Dem stehen knapp 57 000 (24 Prozent) Unternehmen mit einer Strukturgröße von 5 bis 20 Beschäftigten gegenüber, die gemeinsam einen Gesamtumsatz von rund 51 Milliarden Euro erwirtschaften. 24 Prozent der mittelständisch geprägten Unternehmen teilen sich somit ein Volumen von 44 Prozent des Gesamtumsatzes im Bauhandwerk. Aus diesem Grund verdienen Unternehmen, die 5 bis 20 Beschäftigte zählen und somit eindeutig mittelständisch geprägt sind, ein besonderes Augenmerk. Die ersten wirtschaftlichen Auswirkungen der Finanzkrise sowie auch der Trend von Konzernen und großen bauwirtschaftlichen Systemanbietern, alle Wirtschaftsebenen besetzen zu wollen, bedrohen ernsthaft die Existenz dieser so genannten mittelständisch geprägten Bauhandwerksunternehmen. Was kann und muss das mittelständisch geprägte Bauhandwerk gegen diese wirtschaftliche Bedrohung tun? Wenn man sich das wirtschaftliche Potenzial von 51 Milliarden Euro genauer ansieht, ist es sehr naheliegend, den Weg der „Kräftebündlung“ zu gehen, das heißt, sich mit den vorhandenen Betrieben gewerkeübergreifend zusammenzuschließen. Der gewerkeübergreifende Zusammenschluss im Bauhandwerk ist nichts Neues, so genannte Handwerkerkooperationen gibt es seit jeher. Doch die mangelnde Erfolgsfähigkeit zeigt, dass Handwerkerkooperationen nicht die wirkliche Lösung gegen die Finanzkrise sein können.

 

Warum Handwerkerkooperationen nicht funktionieren

 

Es gibt keine Kooperationen im Bauhandwerk, die stabil und langfristig erfolgreich bestehen. Intuitive Zusammenschlüsse bauhandwerklicher Unternehmen sind allein aus pragmatischen Gründen nicht nachhaltig erfolgreich. Mangelnde unternehmerische Planung, keine professionelle und unabhängige Führung, Ziellosigkeit und fehlende strategische Ausrichtung sind wesentliche Gründe für das Scheitern von Kooperationen im Bauhandwerk. Diese Erkenntnis wurde im Jahre 2003 auch in einem Forschungsprojekt des BMBF umfangreich wissenschaftlich belegt. Und trotz dieser Erkenntnisse werden seitdem immer noch Kooperationsgründungen im Bauhandwerk gefördert und forciert. Nach dem Scheitern oder Stagnieren solcher Handwerkerkooperationen – was regelmäßig nach spätestens fünf Jahren der Fall ist – stehen die meisten Mitgliedsbetriebe wirtschaftlich und unternehmerisch schwächer dar, als zuvor.

 

Verbundgruppen als erfolgreiche Partnerschaften

 

Dennoch ist die wirtschaftliche und organisatorische Verbindung von Unternehmen im mittelständisch geprägten Bauhandwerk eine entscheidende Antwort auf die Frage nach der wirtschaftlichen Überlebens- und unternehmerischen Zukunftsfähigkeit. Mittelständisch geprägte bauhandwerkliche Unternehmen sind und werden ernsthaft von einer Vielzahl unterschiedlicher Risiken in ihrer Überlebensfähigkeit bedroht. Was kann in diesem Fall ein Verbundgruppen-System im Bauhandwerk leisten? Die Betriebswirtschaftslehre unterscheidet zwischen unterschiedlichen unternehmerischen Organisationsformen der Handels- und Dienstleistungsgruppen. Je nach Verbindlichkeitsgrad der Entscheidungsfindung und Einheitlichkeit des Marktauftritts fängt der Zusammenschluss von Unternehmen mit freiwilligen Gruppen an und endet bei Filialisten, die den höchsten Verbindlichkeitsgrad und die höchste Einheitlichkeit der zugehörigen Filialen voraussetzen. Gewerbliche Verbundgruppen-Systeme haben auf beiden Achsen ein ausgeglichenes Verhältnis: in der Höhe des Verbindlichkeitsgrades und der Einheitlichkeit des Marktauftritts sind die Maßstäbe so balanciert, dass Handwerksunternehmen in gewerkeübergreifenden Verbundgruppen weder in einer schwammigen Struktur orientierungslos werden, noch ihre Selbständigkeit und unternehmerische Identität aufgeben müssen. Übertragen auf das Bauhandwerk ist dies eine systemische Weiterentwicklung der Kooperationen hin zu gewerblichen Verbundgruppen. Nur in dieser Form sind fest etablierte Strukturen, unternehmerische Prozesse und die strategische Arbeitsweise professionell durchsetzbar. Der wesentliche Vorteil eines Verbundgruppen-Systems für die Betriebe ist, dass sie durch die Teilhabe daran nicht nur ihre Unternehmen sichern, sondern auch die Perspektive haben, wirtschaftlich zu wachsen. Die Serie wird in der kommenden Ausgabe der BAUHANDWERK im Juni mit einem Beitrag zum Thema „Von gewerblichen Verbundgruppen lernen und profitieren“ fortgesetzt.

Esra Onus, Ahlen

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