Rheingold Umbau und Restaurierung des Hilchenhauses in Lorch

Nach den Ende 2013 abgeschlossenen Restaurierungs- und Umbauarbeiten hat Lorch seinen Schatz zurück: das 1573 fertiggestellte Hilchenhaus. Das hatte seinen Preis: Die sehr aufwendige Sicherung, die Fenster und Steinmetzarbeiten erforderten ein rigides Kostenmanagement, um bei 6,6 Millionen Euro zu bleiben.

Das Lorcher Hilchenhaus gilt als bedeutendster Renaissancebau im Welterbe Oberes Mittelrheintal. 1546 begonnen, wurde es erst 1573 mit stiltreuem Schaugiebel und Kreuzstockfenstern fertiggestellt. Damit stach es aus der zeit- und ortstypischen Fachwerkbauweise repräsentativ heraus. Im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, hatte man es nur notdürftig repariert und in den Jahrzehnten danach in Teilen immer wieder versucht zu sanieren, was dem Gebäude nicht unbedingt zum Vorteil gereichte. In den 1980er Jahren nahm man schließlich die stark verwitterte, mit Wappen verzierte Balkonbrüstung aus gelbem Sandstein ab und lagerte sie ein. Ab dem darauf folgenden Jahrzehnt stand das Hilchenhaus leer. Das blieb in vielerlei Hinsicht nicht ohne Folgen. Ein ostwestfälischer Unternehmer interessierte sich auf einmal für das Objekt und wollte daraus ein Vier-Sterne-Hotel machen. Wollte er, denn es blieb bei dem Versuch. Sein Konkurs ließ eine viergeschossige Rohbauruine, der übrigens eine Zehntscheuer aus dem 18. Jahrhundert hatte weichen müssen, und ein völlig entkerntes Hilchenhaus zurück – eine Katastrophe, nicht nur, weil der hässliche Rohbau den Blick vom Rhein her auf die gotische Pfarrkirche versperrte.

6,6 Millionen Euro Kosten

Folgerichtig beschäftigte sich der bauliche Umgang mit dem Hilchenhaus 2010 im ersten Schritt mit dem Abriss der Rohbauruine. Zudem wurde der darunter liegende historische Weinkeller des Grafen von Kanitz saniert, dem im Übrigen auch das Hilchenhaus gehört. Mit dem Grafen schloss die Stadt einen Erbbauvertrag, nach dem ihr das Haus für 99 Jahre überlassen wird. Dies war natürlich erst möglich, nachdem die finanzielle Situation geklärt war. „Man muss erst mal schauen, wo es Missstände gibt, um in ein Förderprogramm zu kommen“, meint Gregor Voss von der NH (Nassauischen Heimstätte) ProjektStadt, die von Seiten des Bauherren die Projektsteuerung übernahm – und Missstände gab es am Hilchenhaus nun wirklich genug. In Absprache mit dem Bürgermeister akquirierte die NH ProjektStadt rund 5,2 Millionen Euro vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung in Bonn nach Aufnahme in das Investitionsprogramm Nationale UNESO-Welterbestätten – der zweithöchste Betrag, der einem Einzelprojekt im Rahmen des Investitionsprogramms 2009 zugesprochen wurde. Das Land Hessen unterstützte mit einer halben Million Euro. Weitere 656 000 Euro steuerte die Stadt Lorch bei. Damit war der finanzielle Rahmen der Sanierungs- und Umbauarbeiten vorgegeben.

Aus einem VOF-Verfahren ging eine Arbeitsgemeinschaft aus Planern hervor, die sich um das Büro smp Architekten aus Oestrich-Winkel gebildet hatte, das bereits im ersten Bauabschnitt mit der Planung der Rückbauarbeiten beschäftigt gewesen war. Als extrem schwierig stellte sich das Kostenmanagement vor allem in Bezug auf die statische Sicherung, die Fenster und die Steinrestauration dar. „Man hat ja keinen Röntgenblick und täglich kamen auf der Baustelle neue Dinge zum Vorschein“, meint Gregor Voss und hat damit nicht nur in Bezug auf das Hilchenhaus völlig Recht. Dass man bei einer Sanierung im Bauprozess auf unvorhersehbare Arbeiten trifft, ist hinlänglich bekannt. Beim Hilchenhaus schlug dies besonders zu Buche. „Wir mussten uns fast täglich mit mehreren Gewerken abstimmen und einen Kostenausgleich schaffen“, erinnert sich Gregor Voss.

Alles wieder im Lot

Ein Kostentreiber war die statische Sicherung der Bausubstanz. „Innen und außen war eine Notsicherung vorhanden. Sonst wäre das Haus in sich zusammengefallen“, sagt Sandra Stein vom Büro smp Architekten. Hierfür war unter anderem der aus der Nachkriegszeit stammende Dachstuhl verantwortlich. Sein Gewicht drückte die Wände derart nach außen, dass akute Einsturzgefahr bestand. Dies schaffte er jedoch nur, weil aufgrund der Totalentkernung keine innere Aussteifung mehr vorhanden war. Als erstes mussten die Zimmerleute daher den Dachstuhl mit Nadelholz reparieren. Die kleinen Lüftergauben bauten sie aus Eichenholz nach. Zu ihren Aufgaben gehörten auch die Stahlbauarbeiten der obersten Geschossdecke. Für deren Doppel-T-Träger stemmten sie Auflagertaschen in die Mauerkronen der Bruchsteinwände und montierten die Träger. Zusammen mit der Beplankung aus OSB-Platten bilden diese eine statische Scheibe, die alle Schubkräfte aufnimmt. „Dach und Decke könnte man theoretisch abheben und woanders hinstellen. Man hat nun nur noch vertikale Druckkräfte, die das Mauerwerk aufnimmt“, sagt Gregor Voss. Letzteres brachten die Handwerker mit Spannlitzen wieder ins Lot. Für deren Ankerköpfe stemmten sie punktuell das Mauerwerk auf. Danach zogen sie die Mutter auf der Kopfplatte der Spannlitzen ganz langsam so lange an, bis die erforderliche Kraft in den Zugstangen erreicht war, um die Außenwände im Lot zu halten. Ein statisch-gestalterischer Clou ist den Planern mit der an den Stahlträgern der obersten Geschossdecke über Zugstangen abgehängten Galerie im Rittersaal gelungen: Damit wird zum einen die historisch niedrige Decke des Raumes mit Blick auf eine repräsentative Nutzung geöffnet und zum anderen die Gebäudemitte auf Höhe der einstigen Decke über die Stahlkonstruktion der Galerie ausgesteift. „Das ganze Gebäude wird mit einem Stahlkorsett zusammengezurrt“, so Gregor Voss. Danach konnte man mit der Rissverpressung beginnen. „Kleine Risse, die aufgrund der statischen Sicherung nicht weiter wachsen würden, wurden nicht durch Rissverpressung saniert“, sagt Sandra Stein. Sie wurden lediglich zugespachtelt. Risse mit einer Breite ab 1 mm mussten jedoch mit tubag Vergussmörtel NHL-V verpresst werden. Das Bruchsteinmauerwerk erhielt außen einen Kalkputz mit Mineralfarbanstrich und innen  Lehmputz.

Rekonstruktion der historischen Fenster

Ein weiterer ungeahnter Kostentreiber waren die Fenster. „Man hatte fünf Fensterflügel im Gebäude gefunden, die auf die Mitte des 16. Jahrhunderts, also auf den Baubeginn datieren“, berichtet Sandra Stein. Die Restaurierung dieser Fenster war für das Denkmalamt indiskutabel. Restaurator Johannes Mosler arbeitete einen der Fensterflügel originalgetreu auf. Dieser diente den Tischlern der Holzmanufaktur Rottweil als „Blaupause“ für die Restauration der übrigen vier Fensterflügel. Diese waren wiederum Vorlage für die handwerkliche Rekonstruktion der fehlenden Fensterflügel durch die Mitarbeiter der Tischlerei Riedel. Diese bauten die Fenster originalgetreu mit Bleiruten, von Mund geblasenen Tellerscheiben, handgeschmiedeten Beschlägen und leinölgetränkten Holzkanteln nach. „Dies verursachte Kosten in Höhe von 5000 Euro je Fensterflügel beziehungsweise Fensteranlage. Wir hatten jedoch mit deutlich niedrigeren Kosten kalkuliert. Dies führte wiederum zu intensiven Gesprächen mit dem Denkmalamt, das sämtliche Fenster gern in dieser Qualität gehabt hätte“, sagt Gregor Voss. Mit einer solchen Vorgabe konnte man unmöglich im Kostenrahmen bleiben und einigte sich schließlich mit dem Amt darauf, nur die erste und zweite Ebene der Schaufassade zum Rhein hin mit dieser Fensterqualität auszustatten. Die Nebenfassaden erhielten baugleiche Holzfenster, jedoch mit einfacher Verglasung. „Die Weiterproduktion der Holzfenstervorlagen der Schaufassade war logisch, da die Tischler über die Vervielfältigung des historischen Vorbildes wirtschaftlicher arbeiten konnten“, meint Gregor Voss. Für die drei Dachgeschosse der Schaufassade kamen Lamellenfensterläden zur Ausführung, die zu einem belüfteten Dach führen.

Sandsteinrestauration an der Schaufassade

Dritter im Bunde der Kostentreiber waren die Sandsteinelemente der Schaufassade. Die Schäden an diesen handwerklich hochwertigen Steinbildhauerarbeiten traten erst vollständig zu Tage, nachdem man den Mörtel und die Steinersatzmasse vorangegangener Sanierungsversuche entfernt hatte. Hier bedurfte es der Unterstützung durch Michael Hangleiter, der bereits beim Umbauversuch zum Hotel eine Begutachtung der Schaufassade durchgeführt hatte. Es zeigte sich, dass sowohl am roten Sandstein der Kreuzstockfenstergewände als auch an den Architekturelementen auf dem Stufengiebel und am Erker Teile vom Steinmetz ergänzt beziehungsweise komplett neu angefertigt werden mussten. „Um einen geringen Kostenaufwand und so viel Originalsubstanz wie möglich zu erhalten, arbeiteten die Steinmetze so kleinteilig wie nötig“, sagt Gregor Voss. Das erforderte von den Steinmetzen viel Fingerspitzengefühl bei der Arbeit mit den Bildhauermeißeln. Die Abgüsse, die man vor Jahrzehnten bereits von den eingelagerten Brüstungselementen aus gelbem Sandstein gemacht hatte, erwiesen sich leider nicht als wetterfest. Sie mussten erneut aus Steinersatzmasse angefertigt werden.

Gerüstet für eine zeitgemäße Nutzung

Energetisch ist das Gebäude eine Katastrophe, weist sich damit aber gerade als waschechte Restaurierung aus. Gedämmt wurde gar nicht. Das sich an den einfach verglasten Fensterscheiben bildende Tauwasser läuft in Rinnenbleche und von dort durch einen Schlitz unter den Fenstern nach außen. Trotzdem ist das Gebäude für eine moderne Nutzung gerüstet. Es gibt einen mit Sirkwitzer Sandstein verkleideten Anbau, der den Aufzug, ein Treppenhaus und die Toiletten aufnimmt. Im Rittersaal und Ausstellungsraum montierten die Trockenbauer eine abgehängte Akustikdecke mit Downlights. Man bewegt sich im Altbau auf Fußböden aus geölter Räuchereiche, oder auf historischem Plattenbelag aus Sandstein in der ersten Ebene. Im Neubau verlegten die Handwerker Plaidter Basaltlava, die auch für den Sockel des Neubaus Verwendung fand.

Endspurt für 50 Gewerke

Ziel war es, das Haus zum 31.12.2013 wegen der Fördermittelvergabe des Bundes wieder hergestellt und funktionstüchtig zu übergeben. Dies erforderte von den Handwerkern der rund 50 beteiligten Gewerke eine extrem übergreifende Zusammenarbeit, die gerade gegen Abschluss der Bauarbeiten nicht immer geklappt hat. Trotz alledem musste auch der enge Kostenrahmen eingehalten werden. „Letztendlich haben wir die geplante Gesamtbausumme von 6,6 Millionen Euro um nicht mal 70 000 Euro überschritten“, berichtet Gregor Voss nicht ohne Stolz. Der Rittersaal kann nun für unterschiedliche Veranstaltungen genutzt werden. Der ehemalige Hilchenkeller wartet dagegen mit eingerichteter Großküche noch auf eine  Nutzung, die sich für den wunderbar wieder hergestellten Renaissancebau hoffentlich bald findet.

Autor

Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.