Schaufenster in die Geschichte: Restaurierung des Abt-Gaisser-Hauses in Villingen

Das in Villingen jüngst restaurierte Abt-Gaisser-Haus geht auf das 13. Jahrhundert zurück und ist damit das älteste Gebäude der Stadt. Der Architekt Andreas Flöß legte zusammen mit fähigen Handwerkern die im Laufe der Jahrhunderte hinzugekommenen Schichten frei und schuf damit ein Schaufenster in die Geschichte des Hauses.

30 Jahre lang stand das Abt-Gaisser-Haus in Villingen leer. „Das Haus befand sich vor der Sanierung in einem sehr schlechten Zustand und musste von Grund auf stabilisiert werden“, erinnert sich der mit der Planung beauftragte ortsansässige Architekt Andreas Flöß. Dabei ist das über 770 Jahre alte Gebäude das älteste Haus der Stadt: Ursprünglich hatte man es 1234 als Pfleghof und Zentrale für das in St. Georgen benachbarte Benediktinerkloster direkt an der Stadtmauer erbaut. Daher war es für die Stadtväter ein großes Anliegen, mit der Sanierung des Hauses die mit der Stadt verflochtene Geschichte mit ihren vielen Zeitebenen sicherzustellen und gleichzeitig das Gebäude in seiner Vielfältigkeit wieder nutzbar zu machen. „Vor allem war es mir ein Anliegen, eine Nutzung zu finden, die dem historischen Charakter des Hauses entspricht“, sagt Dr. Rupert Kubon, Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen. Mit der Heilig-Geist-Spital-Stiftung als Eigentümerin und einer Nutzung als generationenübergreifender Treffpunkt für die Bürger der Stadt und „Zentrum für Senioren und Behinderte“ ist dies nach Abschluss der zweijährigen Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten Mitte Dezember vergangenen Jahres auch gelungen.

 

Statische Ertüchtigung im Kellergeschoss 

Man hatte das Haus 1234 auf wenig tragfähigem Grund erbaut. Daher mussten die Fundamente der Gewölbepfeiler unter dem aus der Erbauungszeit stammenden westlichen Kernbau durch Injektion mit Fundamentbeton verpresst werden, um sie statisch zu sichern. Über diesem Gewölbekeller befindet sich ein nur 1,80 m hoher Kriechkeller, den die Zimmerleute mit Stabilisierungsstützen und Schubhölzern statisch ertüchtigten.

1536 kam mit dem östlichen Anbau ein Hochkeller hinzu, der mit einer Scheitelhöhe von 4,20 m in diesenm Teil des Hauses sowohl den Keller als auch das Erdgeschoss einnimmt. In dem einst ebenfalls von Gewölben überspannten Hochkeller – der Anschluss der Gewölbegiebel ist an den Wänden heute noch ablesbar – bauten die Zimmerleute ein neues Tragsystem aus Stützen und Sattelhölzern ein, das die Lasten der Decke zum ersten Obergeschoss abfängt. Die Balken der in Holzbauweise errichteten Decke werden dabei von den neuen Vollholzunterzügen gestützt.

 

Sicherung der Gewölbe- und Holzbalkendecken 

Gewölbte Decken gibt es jedoch nicht nur im Untergeschoss – wo man sie auch erwarten würde – sondern in Form eines Ziegelgewölbes auch im zweiten Obergeschoss. „Das unter einer Putzschicht verborgene Gewölbe, das direkt an die Stadtmauer angrenzt, konnte aufwendig freigelegt werden“, sagt Architekt Flöß. Zur statischen Stabilisierung betonierten die Handwerker über dem alten Gewölbe ein Traggerüst und sanierten die Fugen zwischen den Ziegelsteinen. Gut ein Fünftel der Gewölbetonne konnte nicht repariert werden. Diesen Teil mauerten die Handwerker auf einer Gewölbeschalung mit dünnen Backsteinen im Klosterformat wieder auf. Bei den übrigen Decken des Hauses handelt es sich um Holzbalkendecken, die ebenfalls der statischen Ertüchtigung bedurften. „Innen senkten sich die Decken und Fußböden von den Außenwänden ins Gebäudeinnere um bis zu 80 cm ab. Diese Setzungen sind auch nach der Sanierung noch überall im Haus sichtbar. Für nahezu jeden einzelnen der insgesamt 140 Boden- und Deckenbalken wurde ein eigenes Trag- und Stützkorsett entwickelt und zur Stabilisierung zahlreiche Stahlstützen eingebracht und vor Ort verschweißt“, so Andreas Flöß.

 

Freitragende Gipskartondecken und restaurierte Holzvertäfelung 

Aufgrund der neuen Nutzung des historischen Gebäudes, galt es im Zuge der Sanierungs- und Umbauarbeiten auch Aspekte wie Brand- und Schallschutz, Technik und barrierefreie Erschließung mit den Anforderungen der Denkmalpflege in Einklang zu bringen. Daher montierten die Handwerker aus Gründen des Brandschutzes unter die alten Holzbalkendecke Metallprofilen für eine freitragende Trockenbaudecke, die anschließend mit Gipskartonplatten beplankt wurde. Sauber verspachtelt eine ruhige Deckenuntersicht bildt. Dort wo man Deckenverkleidungen mit einer historischen Holzvertäfelung fand, wurden diese freigelegt und restauriert. In einem Raum im zweiten Obergeschoss entsteht so ein Nebeneinander von abgehängter Gipskartondecke und restaurierter Holzdecke, die zu einem Schaufenster in die Geschichte des Hauses wird. Aber auch die von Sicherheitsglas abgedeckten Öffnungen in den Fußböden lassen tief in sieben Jahrhunderte Baugeschichte blicken.

 

Restaurierung der Renaissance-Malereien 

Ein wahrer Schatz für die Denkmalpflege sind die aufwendigen Renaissance-Malereien, die man im 16. Jahrhundert auf die verputzten Ausfachungsfelder der Fachwerkinnenwände aufgebracht hatte. Diese wurden behutsam restauriert und zeugen gemeinsam mit den Decken- und Bodenöffnungen sowie zahlreichen Details von der wechselvollen Geschichte des Abt-Gaisser-Hauses. „Der Gedanke, die alten Elemente in ihrer Ursprünglichkeit zu bewahren, war das ständige Motiv aller Arbeiten“, erklärt Andreas Flöß.

Kosten der Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten 

Die Gesamtkosten belaufen sich auf etwa 2,3 Millionen Euro. 1 612 000 Euro kamen von der Heilig-Geist-Spital-Stiftung als Eigentümerin. Der Bund bezuschusste das Bauvorhaben mit 180 000 Euro, das Land mit 380 000 Euro und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz gab 100 000 Euro aus Mitteln der Glücksspirale dazu. Die Investition hat sich nicht nur für die Stadt gelohnt, die ihr ältestes Gebäude mit neuer Nutzung zurück erhalten hat, sondern erlaubt auch einen lehrreichen Blick in die Geschichte des Hauses. Dies ist letztendlich nur Dank der hervorragenden Arbeit des Architekten, des Restaurators, der Denkmalschutzbehörde und der Handwerker möglich geworden, von denen Andreas Flöß sagt, dass sie in mehr als 18 000 Arbeitsstunden im Abt-Gaisser-Haus ihr Können und Fachwissen unter Beweis gestellt haben.

Von Thomas Wieckhorst

Baubeteiligte (Auswahl)

 

Bauherrin Heilig-Geist-Spital-Stiftung, Villingen-Schwenningen 

Architekt Andreas Flöß, Villingen-Schwenningen 

Statik Ingenieurbüro Czerny + Zimmerer, Villingen-Schwenningen 

Restaurator Eberhard Grether, Freiburg 

Zimmererarbeiten A. Kratt Holzbau, Villingen-Schwenningen 

Restaurierung der Holzvertäfelungen Holzmanufaktur Rottweil GmbH, Rottweil 

Maurerarbeiten Günter Bausanierung GmbH, Unterkirnach 

Stuck- und Putzarbeiten Hirt Stukkateurbetrieb GmbH & Co. KG, Villingen-Schwenningen 

Malerarbeiten Siegfried Zimmermann Malerwerkstätte, Dauchingen 

Steinmetzarbeiten Abel Steinmetz und Bildhauer, Auggen 

Fensterbau Hässler GmbH, Villingen-Schwenningen 

Metallbauarbeiten Hirt Schlosserei & Metallbau, Villingen-Schwenningen 

Dachdeckerarbeiten Weißer Bedachungen GmbH, Unterkirnach


Pläne

Hier finden Sie sämtliche Grundrisse des Abt-Gaisser-Hauses als PDF zum Download.

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