Wohnen in Leipziger Zollhäusern

Mit mineralischen Innendämmplatten wird denkmalgeschützte Backsteinarchitektur zum KfW-Effizienzhaus 70

In Leipzig hat man die denkmalgeschützten Zollhäuser zu modernen Wohnungen umgebaut. Im Zuge der in diesem Frühjahr abgeschlossenen energetischen Sanierung erhielt das Backsteinmauerwerk eine Innendämmung aus Mineraldämmplatten. Auf diesem Weg wird der Standard eines KfW-Effizienzhauses 70 erreicht.

Einst boomender Industriestandort konnte der Leipziger Stadtteil Plagwitz zuletzt nicht mehr an seine Erfolgsgeschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts anknüpfen und verfiel zusehends. Die Wende besiegelte schließlich den Untergang des gewerblich geprägten Quartiers endgültig: 90 Prozent der damals dort ansässigen Unternehmen meldeten Insolvenz an. In der Folge lagen weite Teile schließlich brach, viele Immobilien verfielen. Mittlerweile besinnen sich jedoch die Stadtentwickler wieder auf die alten Qualitäten des innenstadtnahen Gebietes, zu dem auch eine 300 000 m² großen Brache rund um den ehemaligen Güterbahnhof gehört. Mittendrin gelegen die denkmalgeschützten alten Zollschuppen, die von der Atrium Baubetreuungsgesellschaft mbH zu Stadthäusern ausgebaut wurden. Die darin individuell nach dem Bedarf der Bewohner zugeschnitten Wohnungen richten sich jedoch auch nach dem historisch vorgegebenen Raster der Außenwände des rund 150 m langen Gebäudes, das in insgesamt 22 Segmente mit einer Gesamtwohnfläche von 2800 m² unterteilt wurde. „Der Wohnwert entspricht in dem langgestreckten Gebäudeteil einem Reihenhaus und im Kopfbau einer Eigentumswohnung“, sagt Michael Suhr, Geschäftsführer der Atrium Baubetreuungsgesellschaft mbH.

Vieles hat sich durch den Umbau verändert: Dort, wo einst Pferdefuhrwerke zum Entladen vorfuhren, ist heute der Eingangsbereich. Die ehemalige Ladestraße wurde zur Wohnstraße mit Parkmöglichkeiten. Die Laderampe der gegenüberliegenden Westseite, wo früher die von Dampfloks gezogenen Güterzüge beladen wurden, ist zur überdachten Terrasse geworden. Der tiefer gelegene Schienenbereich wurde zum Privatgarten umgestaltet.

Im Inneren profitieren die Wohnungen von einer lichten Raumhöhe von gut 6 m, die es möglich machte, eine Zwischenebene einzuziehen. Eine in Absprache mit dem Denkmalschutz vorgenommene Änderung der Dachkonstruktion, die sich nunmehr im Stil eines Industrie-Sheddachs präsentiert, sorgt für hohen Wohnwert durch gut beleuchtete Innenräume. „Unser Vorteil war“, erinnert sich Michael Suhr, „dass der Denkmalschutz in diesem Fall sehr aufgeschlossen und pragmatisch war. Wir konnten diese Veränderung durchführen, weil diese Dachform typisch für Industriebauten des späten 19. Jahrhunderts ist.“

Ziegeltausch und komplette Erneuerung der Verfugung

Schon seit Anfang der 1990er Jahre war der Güterbahnhof stillgelegt und dem Verfall preisgegeben. Da bedurfte es umfangreicher Sanierungs- und Umbauarbeiten, um die 1895 erbauten Zollhäuser in moderne Einfamilienhäuser zu verwandeln. Zunächst wurde das gesamte Mauerwerk innen und außen von Graffiti gereinigt. Aber erst nachdem die gesamte Altverfugung geöffnet wurde, erhielten Michael Suhr und seine Mitarbeiter einen Überblick über den tatsächlichen Umfang der teilweise erheblichen Mauerwerksschäden. Im Endeffekt mussten 25 Prozent der Steine ausgetauscht und die komplette Verfugung erneuert werden.

Zweischalige Trennwände aus Kalksandstein

Für die Trennwände, die den durchgehenden Bau in einzelne Wohneinheiten unterteilen sollten, wurde eine Lösung gesucht, die sowohl die Wärmebrücken im Anschlusspunkt deutlich vermindert, als auch die Anforderungen an den erhöhten Schallschutz gemäß DIN 4109 Beiblatt 2 (≥ 67 dB) erfüllt. Die Handwerker bauen zweischalige Wandkonstruktionen aus 17,5 cm dicken Silka Ratio-Plansteinen ein. Diese konnten sie durch die Ausstattung mit einem Nut- und Federsystem schnell und einfach verarbeiten. Aufgrund der hohen Maßgenauigkeit der Steine erfolgte die Verarbeitung mit Silka Secure Dünnbettmörtel. Die Verbindung mit der denkmalgeschützten Bestandswand erfolgte mit Edelstahlflachankern.

Die hohe Rohdichte von 2.0 der hier eingesetzten Kalksandsteine des Formates 6 DF garantierte dabei in Kombination mit einer Mineralfaserdämmung, die in dem 6 cm breiten Schalenabstand eingebracht wurde, den geforderten erhöhten Schallschutz. Denn der messbare und später auch erlebbare Schallschutz hängt im Wesentlichen von der Masse einer Wand ab: Je schwerer die Wand, desto besser die Schalldämmung. Die trotzdem schlanke Wandkonstruktion sorgte gleichzeitig dafür, dass möglichst viel Platz als Wohnfläche übrig blieb.

Auch statisch waren die Zwischenwände aus Kalksandstein ein Gewinn: Das trotz seiner geringen Dicke hochbelastbare Mauerwerk nahm sämtliche Lasten der rekonstruierten Dachkonstruktion auf, so dass die nicht tragfähigen Außenwände entlastet werden konnten. Zur Verminderung der Wärmebrücken im Fußpunktanschluss vermauerten die Handwerker Silka Therm Kimmsteine als Höhenausgleichssteine (Wärmeleitfähigkeit ≤ 0,33 W/mK, die mit allen Silka Kalksandstein-Formaten kombinierbar sind. Die Verarbeitung erfolgte in Handvermauerung am Wandfuß mit Normalmörtel MG III (< 3 cm) und am Wandkopf mit Silka Secure Dünnbettmörtel.

Denkmalschutz fordert Innendämmung

Die besondere Herausforderung beim Umbau der Plagwitzer Zollhäuser war die denkmalgeschützte Klinkerfassade. Entsprechend der Auflage des Denkmalschutzes sollte die Außenhülle originalgetreu erhalten bleiben beziehungsweise wiederhergestellt werden. Daher konnte auf der Außenfassade keine Dämmung aufgebracht werden. Eine Innendämmung, welche die Bildung von Kondensat im Wandaufbau verhindert, war hier die einzige Möglichkeit. „Wir haben ein Produkt gesucht, das hochwärmedämmend und gleichzeitig diffusionsoffen ist, das also Feuchtigkeit aufnimmt und über ein hohes Austrocknungspotential zum Raum hin verfügt, so dass das Mauerwerk im Laufe der Zeit einen stabilen Feuchtegehalt erreicht und so der Schimmelbildung vorbeugt“, erklärt Michael Suhr.

Zum Einsatz kam die Multipor Mineraldämmplatten von Xella mit einer Wärmeleitfähigkeit von λ = 0,042 W/mK. Durch die 200 mm dicke Innendämmung der einfachen Klinkeraußenwände in Kombination mit einem Blockheizkraftwerk und automatischer Be- und Entlüftung sowie modernen, entsprechend dem Passivhaus-Standard zertifizierten Fenstern und Türen, die in ihren Proportionen den historischen Einbauten entsprechen, erreicht das Gebäude den Standard eines KfW-Effizienzhauses 70.

Verarbeitung der Mineraldämmplatten

Bei den Leipziger Zollhäusern mussten die Handwerker zunächst das gesamte Bestandsmauerwerk reinigen und einen diffusionsoffenen Aussgleichsputz auftragen. So entstand ein ausreichend planebener Untergrund, der die vollflächige Verklebung und damit die sichere Haftung der Dämmplatten gewährleistete. Die Mineraldämmplatten werden dabei einfach und ohne Dampfsperre verarbeitet, da das System einen Dampfdiffusionsstrom in die Wand hinein ermöglicht, dabei die anfallende Feuchtigkeit aufnimmt und sie kapillar an die Innenoberfläche zurücktransportiert. Die Dämmung ließ sich durch das handliche Format von 600 x 390 mm schnell mit Leichtmörtel verlegen. Geringes Gewicht, Druckfestigkeit und Formstabilität sorgen für einfache Handhabung. Mit dem massiven Dämmstoff konnten die Handwerker Unregelmäßigkeiten im alten Bestandsmauerwerk einfach ausgegleichen. Außerdem konnten sie mit dem gut zu bearbeitenden Material die Bogenformen der alten Tür- und Fensterstürze gut nachbilden. Die Ausbildung der Segmentbögen im Erdgeschoss erfolgte mit der zum System gehörenden Laibungsdämmplatte. Auch der Zuschnitt von Passstücken für winklige Flächen und schwierige Anschlussdetails, wie sie bei Altbaurenovierungen häufig vorkommen, war durch die günstigen Verarbeitungseigenschaften unproblematisch und konnte mit einer Handsäge schnell und einfach ausgeführt werden. Geringe Unebenheiten im Stoßbereich konnten mit einem Schleifbrett plan geschliffen werden. Kleinere Eckausbrüche besserten die Handwerker mit Multipor Füllmörtel aus. Die fertiggestellten Flächen wurden abschließend mit Tapeten versehen oder mit einer diffusionsoffenen Silikatinnenwandfarbe gestrichen.

Gut ein Jahr nach Baubeginn waren die Sanierung und der Umbau der ehemaligen Zollhäuser abgeschlossen und die Wohnungen konnten in diesem Frühjahr den Eigentümern übergeben werden. Entstanden waren unter Beachtung der strengen Auflagen des Denkmalschutzes moderne Wohnungen, die über die Forderungen der Energieeinsparverordnung hinausgehen.

Mit dem massiven Dämmstoff konnten die Handwerker Unregelmäßigkeiten im Bestandsmauerwerk ausgleichen

Baubeteiligte (Auswahl)

Bauherr und Investor Atrium Baubetreuungsgesellschaft mbH, Leipzig

Maurerarbeiten MM Bau, Zwickau

Putz- und Innendämmarbeiten Hanfi Dermitas, Bremen

Technische Beratung Jens Hanschmann, Gebietsleiter Multipor, René Kastel, Gebietsleiter Ytong Silka, Dipl.-Ing. (FH) Ninett Schumann-Jäckel, Energieberaterin, Bera­tungsingenieurin Xella Deutschland, Duisburg, www.xella.de