Fachwerkgebäude in Ötlingen von innen gedämmt

Bei der Sanierung eines 400 Jahre alten Fachwerkgebäudes in Ötlingen wurde das ursprüngliche Bauernhaus komplett entkernt. Die Außenwände erhielten eine mineralische Innendämmung von Knauf Aquapanel, die auf die komplexen Bedürfnisse von Fachwerk abgestimmt ist.

Auf dem Rücken des Tüllinger Berges nahe der Schweizer Grenze liegt Ötlingen, ein Stadtteil von Weil am Rhein, der seine historisch gewachsene, dörfliche Substanz sehr gut erhalten konnte. Jetzt wurde ein im ursprünglichen Ortskern liegendes Gehöft, das zu den sechs ältesten Häusern des Ortes zählt, aufwendig saniert, um einer dreiköpfigen Familie als Wohnhaus zu dienen. Zum ursprünglichen Bauernhaus gehört eine Heuscheune mit drei Etagen: im Keller die Gülle­grube, darüber der ehemalige Kuhstall und abschließend die Heubühne.

Komplett entkernt

Das Gebäude wurde komplett entkernt, tragendes Mauerwerk beziehungsweise tragende Balken, wo es nötig war, erneuert und das Dach als Galerie ausgebaut. Es verfügt nach Ausbau – Fußbodenaufbau von etwa 7,5 cm inklusive Fußbodenheizung – über Raumhöhen zwischen 2,03 m, über 2,20 und 2,50 m bis zu 2,70 m in der Galerie. Das Haus steht in einem Erdbebengebiet, daher ist Fachwerk hier ideal. An einigen Stellen hatte der Putz der Fassade Risse, ansonsten war die Fassade aber gut erhalten. Allerdings war an undichten Stellen im Gefach Feuchtigkeit im Obergeschoss aufgetreten, und das Fachwerk hatte teilweise ebenfalls Feuchteschäden. Die Außenmauern des Erdgeschosses sind 50 cm dick massiv aus Backsteinen gemauert. Im ersten und zweiten Obergeschoss sind die Gefach der Außenwände mit Bruchsteinen gefüllt.

Sichtbares Fachwerk

Außen waren bei vorangegangenen Sanierungen teilweise Holzwolle-Leichtbauplatten an die Wand gekommen, die man beließ, um durch äußerliche Veränderungen nicht mit dem Denkmalschutz in Konflikt zu kommen. Die sichtbaren Gefache an zwei Seiten des Hauses hatten entsprechend Auswirkungen auf die Wahl der Dämmung.

Ergänzende Stahlunterzüge

Der Dachstuhl des Hauses ist komplett mit einer
Zapfenkonstruktion (traditionelle Holzverbindungen)  versehen – er enthält keine einzige Schraube. Die
Balken wurden sandgestrahlt und dann geölt, so ökologisch wie möglich behandelt und erhalten. Auf einige Balken war irgendwann aber Bleilack aufgetragen worden, was aus alten Bildern ersichtlich wurde. Dieser musste mühsam von Hand entfernt werden. Wegen der Vorgaben des Denkmalschutzamtes musste eine Zwischensparrendämmung ausgeführt werden. Hier versuchte man den Dachstuhl trotzdem soweit wie möglich sichtbar zu lassen.

Bei einer der früheren Modernisierungen im letzten Jahrhundert hatte man außerdem einige tragende Balken und Unterzüge abgesägt; die Tragkonstruktion war dadurch massiv beschädigt. Daher wurden auf zwei Etagen Stahlunterzüge neu eingezogen, um das  erste Ober- und das Dachgeschoss abzustützen.

Erweiterung des Daches

Zu einer Straßenseite hin konnten Dachgauben in das Dach eingefügt werden, die dem historischen Ortsbild entsprechen. Zur Südseite wurden Dachflächenfenster von der Denkmalbehörde genehmigt, da diese vom öffentlichen Raum aus nicht einsehbar sind.

Das Wohnhaus hatte über die Jahrhunderte einige Bauabschnitte und Veränderungen erlebt, unter anderem um etwa 1870, wie man an gefundenen Zeitungsbelegen feststellen konnte. Weitere Sanierungsarbeiten fanden um 1970 und 1980 statt, als unter anderem Polystyrolplatten und Holzwolle-Leichtbauplatten als Innendämmung aufgebracht wurden. Im ersten Ober- und Dachgeschoss wurden Böden aus Beton­estrich eingegossen. In den Zwischenböden stieß man bei der Entkernung auf ein wahres Sammelsurium an Reststoffen, mit denen man früher versucht hatte zu dämmen, unter anderem Glaswolle und Steinwolle. Leider hatte man mit diesen laienhaften Maßnahmen großen Schaden an der Bausubstanz verursacht. Es gab an vielen Stellen Schimmelpilz durch Kondensatbildung.

Betonschwere Altdecken

Der schwere Betonestrich hat die Holzbalkendecken um bis zu 45 cm nach unten gebogen. Nach Entlastung der Holzbalkendecken haben sich diese von allein wieder um etwa 10 cm gehoben. Anschließend wurden die Balken in der feuchten Jahreszeit mit 30 t Hebeböcken (Stockwinde) und aufgesetzten Stahlpfosten Woche um Woche nach oben in ihre Ursprungslage gedrückt, um die ursprüngliche Raumhöhe zu gewinnen: Im
ersten Obergeschoss um 35 cm, bis zum Dach um 45 cm. Da das Ge­bäu­de in diesem Zeitraum komplett entkernt war, mussten die Außenwände vorübergehend statisch gesichert werden, damit das Haus nicht zusammenfällt. Die zur statischen Absicherung der Decken eingebauten Stahlträger verbleiben, schwarz gestrichen, dauerhaft im Gebäude. Das Stahlkorsett (Verstärkung der Unterzüge, Stahlträger) des Hauses bleibt sichtbar und bildet als Industriedesign einen spannenden Kontrast zum Stil des alten Gehöfts. Die Hauseingangstür wurde als Eichentüren wiederum original und massiv nachgebaut und die Fenster teils gusseisern vergittert. Die überall eingebauten Kunststofffenster aus den 1980er Jahren wurden gegen traditionelle Holzsprossenfenster ersetzt.

Erhalten wurden auch die Holzbalken der Fußböden beziehungsweise Decken, alte Eichenbalken, von denen nur zwei erneuert werden mussten: Das Gebäude ist teilunterkellert, als Natursteinkeller mit Lehmboden, und beim Öffnen des Bodens im Erdgeschoss stellte man fest, dass zwei der Deckenbalken, die im Sand auflagen, an den Auflagestellen komplett morsch waren. Daher wurde im Keller als Auflage für die Balken eine neue Wand aus ausbetonierten Kellerschalsteinen eingezogen. Zusätzlich wurde der Keller durch eine Dampfsperre zum Erdgeschoss hin abgedichtet, da der Keller weiterhin als Naturkeller mit einem Boden aus Erdreich genutzt wird.

Spezialdämmung für Fachwerk

Die Gefache des Gebäudes sind zum Teil in der Außenansicht zu sehen. Eine Außendämmung kam daher nicht in Frage. Nicht zuletzt aufgrund der schattigen Lage in der engen, immer angrenzenden Dorfbebauung des Hauses konnte auf eine Dämmung aber nicht verzichtet werden. Auf Grundlage der Empfehlung des Architekten, ein kapillaroffenes System zu nehmen, das aufeinander abgestimmt ist, entschied man sich schließlich für eine Spezialdämmung für Fachwerkgebäude: „TecTem Historic“ von Knauf.

Der maßgebende Unterschied des Fachwerks zu herkömmlichen Ziegelkonstruktionen besteht darin, dass der Baustoff Holz sich der relativen Feuchte der umgebenden Luft anpasst. Diese Feuchte wiederum beeinflusst erheblich das Schwinden und Quellen des Holzes. Den jahreszeitlichen Witterungen ausgesetzt ist es also ständig in Bewegung und macht eine schlagregendichte Fugenausbildung der Fachwerkfassade unmöglich. „Eine luftdichte Gebäudehülle nach EnEV hat in einem historischen Fachwerkhaus nichts zu suchen und verursacht mehr Schaden als Nutzen“, so Architekt Thomas Grützmacher vom Architekturbüro Grützmacher in Steinen.

Nicht zu viel des Guten tun

Aufgrund der Schlagregen-Problematik und der schlanken, etwa 150 mm dicken Wände muss man bei der Wahl des Dämmmaterials darauf achten, nicht zu viel des Guten zu tun: Fachwerk darf nur mäßig gedämmt werden, damit das Trocknungspotenzial der Bestandswand erhalten bleibt. „TecTem Insulation Board Indoor Historic“ ist eine auf Fachwerkgebäude abgestimmte mineralische Dämmplatte. Sie ist hy-
drophil und nimmt durch ihre Diffusionsoffenheit und ihre Kapillaraktivität die genannten Herausforderungen an. Die 60 mm schlanke Dämmplatte ist eingestuft in der Baustoffklasse A1 (nicht brennbar), faserfrei und hat den schimmelpilzfeindlichen pH-Wert 10.

Montage der mineralischen Dämmplatten

Für die Dämmung wurden im komplett entkernten Haus alle Makel und Verschmutzungen auf den Innenseiten der Außenwände beseitigt. Auf den sehr unebenen Untergrund trugen die Handwerker dann als Ausgleichputz „TecTem Grundputz Lehm“ auf, mit bis zu 10 cm Unterschied in der Auftragsdicke. Er ist kapillar leitfähig, wasserdampfdurchlässig und hat eine hohe Verbundhaftung. Er passt sich optimal der späteren Dämmung, aber auch dem Feuchteverhalten des Holzes an.

Auf die so vorbereiteten Außenwände montierten die Handwerker „TecTem Historic“ mit dem im System abgestimmten Klebespachtel Lehm. Dieser Klebespachtel ist ebenfalls kapillaraktiv und besonders elastisch. An den Fenstern verwendeten die Handwerker die zum System gehörenden Laibungsplatten. Die Dämmplatten wurden an den Innenseiten der Außenwände durchgezogen, die Balken allerdings ausgespart. Da alle Innenwände neu eingezogen und vor die gedämmten Außenwände gestellt wurden, bilden sie keine Gefahr für Wärmebrücken.

Besonders glatte Oberflächen

Auf die gedämmten Wandflächen kam anschließend „TecTem Grundierung“ zur Oberflächenverfestigung der Dämmplatten. Nach der Trocknung trugen die Handwerker „TecTem Innenputz“ in Bahnenbreite des „TecTem Gewebes“ auf, das anschließend eingebettet und nochmals dünn mit Innenputz überzogen wurde. Auf die verfestige Armierungsschicht trugen die Handwerker am Folgetag erneut Innenputz auf. Um den Abrieb des Putzes in Grenzen zu halten, entschied man sich dafür, eine Silikatfarbe von Keim aufzutragen.

Der Einsatz einer Silikatfarbe wurde mit dem Hersteller des Dämmsystems abgestimmt, damit die Dämmplatten ihre Diffusionsoffenheit und Kapillaraktivität behalten. Diese Abstimmung ist sehr wichtig, damit mit dem falschen Anstrich nicht das gesamte System zerstört wird. „Eine Aufklärung der Bauherrschaft ist hier extrem wichtig“, so Architekt Grützmacher.

Bodenaufbau mit Fußbodenheizung

Alle Böden wurden neu aufgebaut, indem die Handwerker 4 cm dicke OSB-Platten auf die Tragbalken montierten. Auf die OSB-Platten wurde Holzfaser-Trockenestrichelemente verlegt. Darauf kam die dünne Fußbodenheizung „Bekotec“ von Schlüter – ein System, das einen dünnschichtigen Bodenaufbau ermöglicht und mit einer Estrichüberdeckung von 20 mm über den Noppen auskommt. Das Ergebnis hat gerade mal 60 kg/m2 Estrichgewicht. Den Abschluss bildet anschließend ein Eichenechtholzparkett.

Fachwerk sanieren und gesund wohnen

Die Sanierung des alten Fachwerkhaueses ist ein Werk von Liebhabern, die keine Mühe gescheut haben. Sehr hilfreich war die ständige Präsenz des befreundeten Zimmermanns Marcel Straube auf der Baustelle, der als Zimmermann mit den unterschiedlichen und individuellen Anforderungen an den Holzbau souverän umging. Gemeinsam mit ihm ging die Bauherrenfamilie immer wieder auf eine Gratwanderung zwischen Erhalt und Erneuerung, zwischen Modernität und Tradition. Die Funktionalität sollte stimmen, aber den Charakter des Hauses nicht grundlegend ändern. Die immer wieder auftretenden, häufig unangenehmen Überraschungen, üblich bei einem solchen Sanierungsobjekt, konnten im stimmigen Zusammenhalt aller Beteiligten dann auch gut gemeistert werden.

Autorin

M.Sc. Filiz Bekmezci ist Bauingenieurin und arbeitet in der Anwendungstechnik bei Knauf Aquapanel in Dortmund.

Baubeteiligte (Auswahl)

Bauherr Familie Reinhart, Weil am Rhein/Ötlingen

Planung Architekturbüro Grützmacher, Steinen, www.gruetzmacher-architekt.de

Innenausbau Größtenteils in Eigenleistung,

Fach­berater Alexander Thümmrich, Verkaufsleiter Nord von Knauf Aquapanel, stand unterstützend und mit Tatkraft zur Seite

Herstellerindex (Auswahl)

Innendämmung „TecTem“-System: „Insulation

Board Historic“, Klebespachtel Lehm, Füllmörtel, Grundierung, Innenputz, Gewebe, Knauf Aquapanel, Dortmund, www.knauf-aquapanel.com

Silikatfarbe „Innostar“, Keimfarben, Diedorf,

www.keim.com

Dachfenster Wohndachfenster, Velux, Hamburg, www.velux.de

Parkett „Parquet Victoria“, Wicanders, São Paio de Oleiros (Portugal), www.wicanders.com

Fußbodenheizung „Bekotec“, Schlüter, Iserlohn, www.schlueter.de

Trockenestrich Fermacell 22 mm / Gutex Trittschalldämmung, Fermacell, Duisburg, www.fermacell.de, Gutex, Waldshut-Tiengen, www.gutex.de

Dachdämmung Puren, Überlingen, www.puren.com