Umnutzung des Speditionshauses der VerSeidAG von Mies van der Rohe in Krefeld

Ludwig Mies van der Rohe hat in den 1930er Jahren in Krefeld seinen einzigen Industriekomplex realisiert. Grundsätzlich bekannt, aber weitgehend unbeachtet, verfiel das Areal in den letzten Jahren sogar. Wissenschaftlich begleitet werden die Gebäude nun behutsam nacheinander saniert. Im November vergangenen Jahres ging das einstige Speditionshaus neu in Nutzung.

Mies – wie seine Fans ihn kurz nennen – war Ende der 1920er Jahre mit dem deutschen Pavillon auf der Weltausstellung von Barcelona sowie der Stuttgarter Weißenhofsiedlung, die er kuratiert hatte, weltberühmt geworden. Zudem wurde er 1930 zum Direktor des Dessauer Bauhauses ernannt. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten, die seine Architektur nicht schätzten, reduzierten sich seine Aufträge jedoch beachtlich. Dennoch zogen ihn weiterhin die Krefelder Textilindustriellen Hermann Lange und Josef Esters als Berater für die Planung ihrer neuen Fabrikanlage heran. Realisiert wurden die Entwürfe überwiegend von Erich Holthoff, seinem ehemaligen Bauhaus-Mitarbeiter, der dazu mit ihm im Austausch stand.

Moderner Pavillon

Das ehemalige Speditions- oder Pförtnerhaus ist ein eingeschossiger, vollständig unterkellerter Pavillon mit großen Fensterflächen unmittelbar an der Werkszufahrt. Bis zum aktuellen Umbau gab es keine interne Treppe zwischen den beiden Ebenen. Eine Außentreppe erschloss das als Lager genutzte Untergeschoss. Im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, wurde das Gebäude in den Folgejahren in pragmatischer Manier wiederaufgebaut und unterhalten.

Entsprechend den Idealen der Moderne, weist das Gebäude keine tragenden Wände auf, sondern nur zwei nah beieinander verlaufende Stützenreihen, an die im Keller schwere Unterzüge anschließen. Dazwischen lag in beiden Geschossen ein Flur, von dem jeweils kleine Räume, abgeteilt durch nicht tragende Wände, abgingen. Diese Wände wurden im Zuge des Umbaus entfernt.

Im Erdgeschoss entstand so eine rund 300 m² große Bürofläche, die von schallisolierenden „quint-it“-Ganzglaswänden gegliedert wird, welche die beiden Handwerker Michael Kummer und Jürgen Koch montierten. Der neue Nutzer, der Teppichfliesenhersteller Interface, organisiert zudem die Bürogroßfläche mit entsprechendem Fliesendesign mit inselartigen Nut­zungs­schwerpunkten. Teilflächen dienen etwa für Schreib­tischarbeiten, als Ruhezone, zur Besprechung oder als Cafeteria.

Um den Keller im Gebäude an das Erdgeschoss anzuschließen, plante das mit dem Umbau beauftragte Krefelder Architekturbüro Georg von Houwald eine einläufige Treppe im Zentrum der mittigen Flurachse. Hierzu sägten die Betonbauer über die gesamte Achsbreite eine rechteckige Öffnung in die Kellerdecke hinein. Der Treppenlauf besteht aus zwei massiven C-förmigen Stahlprofilen in die eine entsprechend geneigte Ortbetonfläche betoniert wurde. Tritt- und Setzstufen sind Betonfertigteile, die sich um 1 cm Unterschneiden. Die gedachten Schnittpunkte dieser Elemente liegen genau auf der Oberkante des C-Profils. „Man musste beim Einbau unglaublich genau arbeiten – die üblichen Rohbautoleranzen gab es hier nicht“, sagt Bauleiter Stefan Grefraths.

Wärmeschutzverglasung im ungedämmten Rahmen

Wolf-Reinhard Leendertz, der jetzige Eigentümer des früheren VerSeidAG (Vereinigte Seidenwerke AG) Fabrikgeländes und heutigen Mies-van-der-Rohe-Business-Parks, legt großen Wert auf die Originalität seiner Industriebauten. Insofern war es für ihn keine Option, die vorhandenen, weitgehend intakten Fens­ter­stahl­rahmen zu ersetzen, nur weil diese unge­dämmt sind. Eine Berechnung ergab, dass der Wärme­ver­lust, wenn allein die Scheiben eine Wär­me­schutz­-
verglasung erhielten, die originalen Rah­men jedoch beibehalten würden, vertretbare 8 Pro­zent beträgt.

Die mit dem Fensterumbau und deren Instandsetzung beauftragte Krefelder Firma Franz Krüppel Metallbau ging dabei so vorsichtig vor wie bei der Restaurierung eines Oldtimers. So arbeiteten die Handwerker bei der Entlackung der Rahmen mit Nadelentrostern. Diese Pressluft-Pistolen besitzen rotierende Nadeln auf ihren Düsenköpfen, die einen ähnlichen Effekt wie Draht­bürsten haben. Die Schließmechaniken der Fensterprofile wurden wieder gangbar gemacht, und die Rahmen grundiert und schwarz lackiert. Die Wärme­schutzverglasung klebten die Handwerker schließlich in Ermangelung einer Führung einfach ein.

Brandschutzauflagen erfordern, dass an fünf Stellen über die Fenster geflüchtet werden kann. Die ursprünglich quadratischen Fensterflügel waren hierfür zu klein und zu hoch. Die Schlosser der Firma Krüppel verbanden deshalb die beiden bislang übereinander liegenden Fensterfelder mit einem dritten darunter zu einem neuen Großrahmen. Dafür bauten sie die untere horizontale Mittelstrebe der Festverglasung aus und schweißten einen neuen Fensterrahmen, in den sie die Strebe dann wieder auf die ursprüngliche Höhe montierten.

Fassadendämmung und Kellerabdichtung

Konstruktiv besteht die Fassade des Pavillon-Baus neben der über 2 m hohen Verglasung nur aus einer rund 1 m hohen Brüstung. Um die kubische Außenwirkung zu erhalten, füllten die Handwerker die vorhandenen Heizkörpernischen mit einer Multipor-Dämmung teilweise auf. Die Nischen dienen aber auch weiterhin der Aufnahme von Standradiatoren. Da heutzutage aber deutlich flachere Modelle eingesetzt werden können, ragen die Radiatoren auch weiterhin nicht in den Raum hinein.

Auch das Untergeschoss des Speditionshauses dämmten die Handwerker innenseitig vollflächig mit Multipor-Platten. Auf der Außenseite nahm der interne Baubetrieb des Mies-van-der-Rohe-Business-Parks eine klassische Kellerabdichtung vor. Die aus Ortbeton bestehenden Kellerwände erhielten zunächst einen Bitumenanstrich, vor den dann 5 cm dicke Dämmplatten gestellt wurden.

Kellerabgrabung lässt Tageslicht herein

Auch die Kellerräume werden nunmehr als Bürofläche genutzt, weshalb eine natürliche Belichtung gewünscht war. Architekt Georg von Houwald entwickelte für die südliche Schmalseite des ehemaligen Speditionsgebäudes eine um 40 Grad geneigte Abgrabung. Der Kellerfassade ist nun ein Kiesbett vorgelagert, das mittig in eine kleine Pausenterrasse übergeht. Gerne hätte Wolf-Reinhard Leendertz auch die längere Westseite freigelegt, jedoch verfremdete dies nach Ansicht der Denkmalbehörde zu stark den Charakter des Speditionsgebäudes. Bei der Gestaltung der freigelegten Kelleraußenwand orientierte man sich an der Verklinkerung der Erdgeschossbrüstung und ließ dafür eigens 1,5 cm dicke Ziegelriemchen brennen.

Während die großformatigen Kellerfenster des Gebäudes Originale sind, die zuvor nur auf Lichtschächte mündeten, ist die mittlere Glastür eine Neuanfertigung.

Ihre mittige Position am Ende der Flurachse erscheint ursprünglich, dabei schnitten die Handwerker die gesamte Öffnung mit einer Betonsäge neu in die Wand hinein. Auch lässt ihr Anblick nicht vermuten, dass es sich hierbei um ein weiteres Einzelstück der Firma Franz Krüppel Metallbau handelt. Grund für die Neuanfertigung war die aufwendige Sicherheitstechnik, die in der Stahlrohrrahmentür untergebracht ist: eine Hochsicherheitstür, die mit dem Alarmsystem verschaltet ist und dennoch als Paniktür fungiert. Zudem kann sie im regulären Betrieb wie eine normale Tür auch von außen betätigt werden.

Zwischensparrendämmung fürs Walmdach

Bei dem kubischen Speditionshaus würde man nicht vermuten, dass sich hinter der 90 cm hohen Attika ein um 4 bis 5 Grad geneigtes Walmdach versteckt, das eine Firsthöhe von 1,30 m hat: ein klassisches Holzpfettendach. Dessen Entwässerung ist natürlich auf die bestehenden Geometrien abgestimmt, weshalb eine Aufsparrendämmung nicht umgesetzt werden konnte. Den Dachdeckern blieb letztendlich keine andere Wahl, als im niedrigen Stuhl herumzukriechen und eine Zwischensparrendämmung auszuführen, unter der sie dann eine dampfdiffusionsdichte Folie verlegten.

Der Dachzugang erfolgte ausschließlich über eine vorhandene Dachluke vom Erdgeschoss aus, da die eigentliche Deckenkonstruktion, wie sich Bauleiter Stefan Grefraths augenzwinkernd ausdrückte, „aus 1000 Schätzen“ bestehe: Teilweise traf er Ortbetondecken an, unterbrochen von fragilen Rabitzgitter-Konstruktionen, auf die dann wieder Hohlsteine folgten: Ein Umbau des Dachzuganges empfahl sich daher nicht.

Eine Zukunft für die Vergangenheit

„Der beste Weg, ein Gebäude zu erhalten, ist es zu beleben“, meint Daniel Lohmann anlässlich der Einweihung des Pförtnerhauses im November vergangenen Jahres. Zusammen mit Prof. Norbert Hannenberg von der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) in Gießen begleitet der Wissenschaftliche Mitarbeiter des Lehrgebietes Denkmalpflege der RWTH Aachen das Großprojekt VerSeidAG-Sanierung. Das Ergebnis gibt dem Wissenschaftler Recht. Wortwörtlich „begreift“ man erst so Mies van der Rohes berühmten Ausspruch: „Weniger ist mehr“.

Autor
Dipl.-Ing. Robert Mehl studierte Architektur an der RWTH Aachen. Er ist als Architekturfotograf und Fachjournalist tätig und schreibt als freier Autor unter anderem für die Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

„Der beste Weg, ein Gebäude zu erhalten,
ist es zu beleben“