Die Vielfalt der Amöbe

In dem in Aalborg nach Plänen des Architekturbüros Coop Himmelb(l)au entstandenen Musikkens Hus sticht vor allem der akustisch bis ins Detail durchdachte Konzertsaal heraus. Er wurde nach Vorgaben der Akustiker der Artec mit Gipsfaserplatten fürs Auge und Ohr optimiert.

Mit der Neugestaltung des Uferbereichs am Aalborger Limfjord putzt sich die viertgrößte Stadt Dänemarks auch kulturell heraus. Ein Baustein des vom Architek­turbüro Coop Himmelb(l)au entworfenen Masterplans ist das Haus der Musik oder – auf dänisch – Musikkens Hus. Dieses ebenfalls von Coop Himmelb(l)au entworfene Gebäude, prägt den östlichen Abschluss des Kulturplatzes, der hier entstanden ist.

Das Haus der Musik selbst ist auf den ersten, flüchtigen Blick nicht sofort zu erfassen. Statt einen klaren, geometrischen Körper zu bauen, der alle Funktionen in sich vereint, lösten sich die Architekten um Wolf D. Prix von diesem Gedanken und schufen mehrere Volumen, die ihre jeweiligen Funktionen einen Raum bieten. Den Kern des Hauses bildet ein Konzertsaal, der von einem U-förmigen Gebäude umschlossen wird. Während der Saal mit seinen 1300 Plätzen der Präsentation von Musik dient, wurden die Räume um ihn für die Musikausbildung entworfen.

Klare Trennung mit verbindenden Elementen

Vor den Konzertsaal und als öffnendes Element zum Platz stellten die Planer das Foyer, dass die Besucher auf den dahinter liegenden Saal sowie auf die drei unter dem Foyer liegenden Sälen verteilt. Diese sind unterschiedlich groß und dienen ebenfalls den Mietern als Ort der Musikpräsentation.

Gerade das Foyer zeigt den Entwurfsgedanken des Musikkens Hus. Alle Bereiche wurden so angeordnet und organisiert, dass alle Funktionen autark und bei voller Auslastung nebeneinander laufen können. Bei Bedarf ist es jedoch jederzeit möglich, über das Foyer eine Verbindung herzustellen. Diese Verbindungsmöglichkeit schließt auch den westlich angeordneten Baukör­per ein. Er wirkt, als würde er dem Bo­den entwachsen und be­her­bergt die für einen Konzer­be­trieb not­wen­di­gen Ne­ben­­räu­me sowie ein Café.

Die unterschiedlichen Funktionen sind außen übrigens nicht nur an der Gliederung der Gebäudeteile, sondern auch an deren Fassaden ablesbar. So wird der U-förmige Bau mit den Unterrichts- und Probenräumen von einer Betonfertigteil-Fassade geprägt, während Foyer und Konzertsaal eine Haut aus metallischen Fassadenplatten erhielten, die wie beim Baukörper für Nebenräume und Café, mit viel Glas ergänzt wurden.

Viel Wert auf Akustik gelegt

Innen wurde neben einer ebenfalls eleganten wie funktionalen Gestaltung vor allem auf die Akustik geachtet. Ein Umstand, der bei einem Haus für Musik nicht verwundert. So erhielten alle Unterrichts- und Probenräume sowie die kleineren Säle eine Akustikdecke, die Nachhallzeiten optimiert und für eine neutrale Raumakustik sorgt. Nur so ist es möglich, das feine Gehör der Lehrer und ihrer Schüler auch entsprechend einzusetzen und zu schulen. In Absprache mit den Architekten und den Akustik-Planern von Artec Consultants Inc. aus New York setzten die Mitarbeiter des ausführenden Unternehmens TL BYG A/S aus Aalborg die neuen Akustikplatten des Unity 6 Systems von Knauf Danoline ein. Diese Platten verfügen über einen hohen Schallabsorptionsgrad und benötigen gegenüber vergleichbaren Platten eine geringere Einbautiefe. Dadurch verliert ein Raum nur unwesentlich an lichter Höhe, was für die akustischen Eigenschaften neben dem Absorptionsgrad ebenfalls wichtig ist. Da die Platten zudem über eine einheitliche Lochung sowie einen Verlegefalz verfügen, wird die Montage erleich­tert und ein sauberes, gleichmäßiges Muster erzeugt.

Stille nach außen, Klangerlebnis nach innen

Während man bei den Proben- und Unterrichtsräumen noch von einer üblichen Aufgabe für einen Akustiker sprechen kann, stellt sich dies beim Konzertsaal etwas anders dar. Der Konzertsaal musste so gestaltet und ausgeführt werden, dass innen ein Klangerlebnis für hohe Ansprüche möglich ist, von dem außen kaum jemand etwas mitbekommt. Als Material für die Raumschale entschieden sich die Planer für Gipsfaserplatten von der Firma Knauf Riessler. Nach dem Prinzip Masse-Feder-Masse wurde die Wand des Konzert­saals so aufgebaut, dass nach außen keine Bauteilübertragung des Schalls möglich ist. Auf die massive Außenwand des Saals wurde direkt eine Vor­satz­schale aufgebracht, die man zum Saal hin um eine Blechverkleidung ergänzte. Den entstehenden Zwischenraum füllten die Mitarbeiter der TL BYG A/S mit Sand aus. Auf die Blechverkleidung kamen dann vier Lagen aus Creanovapanels mit einem Gewicht von rund 50 kg/m². Die beiden ersten Lagen bestehen aus 12,5 mm dicken, glatten Gipsfaserplatten. Darauf befindet sich eine Schicht mit ausgefrästen Vertiefungen. Vorbild für die Form dieser unterschiedlich großen Vertiefungen waren Amöben – eine in der Natur vorkommende Gruppe von Einzellern, die keine feste Körperform besitzen, sondern durch Ausbildung von Scheinfüßchen ihre Gestalt laufend ändern. Diese Vertiefungen werden in der vierten Schicht um exakt berechnete und auf Basis der akustischen Vorgaben platzierte Amöben-Details ergänzt. Die durch diese Vertiefungen strukturierte Oberfläche sorgt im Innenraum für eine ausreichend diffuse Schallreflexion und dient so der Verbesserung der Raumakustik. Im Saal gibt es 169 verschiedene Amöben-Varianten in drei verschiedenen Dicken (12/18/25 mm). Daraus ergeben sich 507 verschiedene Formen. Rund 170 000 Amöben wurden aufgeklebt, so dass sich die Zahl der organischen Vertiefungen und Erhebungen in der Wandfläche auf über 300 000 summiert.

Doch nicht nur bei der Akustik, auch bei der optischen Gestaltung konnten die Gipsfaserplatten ihre Stärken ausspielen. Im Aalborger Konzertsaal wurden sie weiß lackiert und ergänzen so das Farbspiel aus roten Sitzbezügen, der dunklen Decke und den weißen Balkonen für die Zuschauer.

Viele Detaillösungen

Um die vielen Detaillösungen auf Basis der Anforderungen und der Geometrie des Saales umsetzen zu können, bedurfte es einer engen Abstimmung zwischen den Planern und dem Hersteller der Gipsfaserplatten. Besonders die Koordination und Logistik der über 170 000 Einzelteile für die Wand war eine große Herausforderung. Daneben gab es aber auch bauseitige Probleme zu lösen: Da die Wand des Konzertsaals mäandert, konnten nur Gipsfaserplatten mit einem Format von maximal 1,20 m x 1,20 m eingesetzt werden. Zudem war dies der Grund für den Aufbau der Innenwand aus vier Schichten. Auf diese Weise konnten die Handwerker die engen Radien zwischen 1,20 m und 5,00 m sicher ausführen. Insgesamt verarbeiteten sie auf diese Weise rund 2200 m² Innenverkleidung. Neben der Akustik spielte natürlich auch der Brandschutz eine wichtige Rolle. Auch hierzu leisten die Gipsfaserplatten mit einer A1-Zertifizierung einen wesentlichen Beitrag.

Autoren

Dipl.-Ing. (FH) Dipl. Kfm. Sebastian Mittnacht studierte Bauphysik an der Hochschule für Technik in Stuttgart. Heute ist er für das Category Management Gypsum Acoutic bei der Knauf Gips KG in Iphofen verantwortlich.
Dipl.-Ing. Architektur, Dipl.-Wirtsch.-Ing. (FH) Marc Nagel ist als freier Journalist und Autor in der Marketing- und PR-Beratung für Bau und Architektur tätig. Er lebt und arbeitet in Stuttgart.

Im Konzertsaal sorgen Vertiefungen in Form von Amöben in der Raumoberfläche für eine ausreichend diffuse Schallreflexion

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