Natürlich dämmen, Teil 2 Kork, Schilf, Seegras, Holzschaum, Rohrkolben

Teil 1 der Serie über natürliche Dämmstoffe behandelte Holzfasern, Hobelspäne, Zellulose, Hanf und Stroh. Der 2. Teil zeigt, worauf Handwerker bei der Verarbeitung von Kork, Schilf und Seegras achten sollten und wohin uns Dämmstoffe wie Holzschaum und Rohrkolben führen.

Tabelle für Daten- und Kostenvergleich

Eine Tabelle mit bauphysikalischen Daten und Kosteneinschätzungen der in beiden Teilen der Serie Natürlich dämmen vorgestellten Naturdämmstoffen und weiteren Naturdämmstoffen zum Vergleich finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Zeitschrift bauhandwerk.

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Ebenso wie Holzfasern, Hobelspäne, Zellulose, Hanf und Stroh sind auch Kork, Schilf und Seegras schwer entflammbare Baustoffe, also B2. Hinsichtlich ihrer Dämmeigenschaften, Preise und ihrer Verarbeitung unterscheiden sich diese Baustoffe jedoch erheblich. Dämmstoffe aus Holzschaum und Rohrkolben gibt es zurzeit nur als Prototyp. Doch schauen wir mal, wohin die Reise geht.

Kork

Alle neun bis zehn Jahre kann man die Korkeichen auf der iberischen Halbinsel schälen, ohne sie zu gefährden. Dämmstoffe aus Kork sind vielseitig verwendbar: als Zwischensparrendämmung (Korkgranulat), Aufdachdämmung (Backkork-Platten), WDVS unter Putz oder lose in Holzständerwänden. Da Kork kaum Nässe zieht und schwer verrottbar ist, eignet es sich gut zum Einsatz in feuchtigkeitsanfälligen Bereichen.

Für ein WDVS mit Korkdämmplatten muss der Untergrund frei von losen Teilen, Verunreinigungen und Unebenheiten sein. Die Dämmplatten werden grundsätzlich im Verband verlegt: Hierbei Kreuzfugen vermeiden und die Platten dicht beziehungsweise pressgestoßen, lot- und waagerecht anordnen. Platten an den Gebäudeecken muss man mit versetzten Stößen miteinander verzahnen. Die Dämmplatten entweder vollflächig mit Klebmörtel bestreichen oder pro Platte fünf Mörtelpunkte und einen umlaufender Wulst auftragen. Dämmplatten zusätzlich mit Schraubdübeln, Tellerdurchmesser 60 mm, befestigen. Dabei 4 bis 5 Dübel pro m2 in der Fläche und 8 bis 9 Dübel pro m2 im Randbereich einkalkulieren.

Im Anschluss wird ein Armierungsputz aufgetragen. Wichtig ist, dass das Putzgewebe im oberen Drittel des Armierungsputzes liegt, da hier die Oberflächenspannungen am größten sind. In den Anschlussbereichen zwischen Dämmung und Dach, Fensterrahmen und Fensterbänken legt man ein vorkomprimiertes, witterungs- und alterungsbeständiges Dichtband ein. Ein Füllstreifen verbindet Putz und anschließendes Bauteil. Nach dem Auftrag und Austrocknen des Armierungsputzes folgen der Dekorputz und ein einmaliger Egalisationsanstrich.

Was außen als WDVS möglich ist, lässt sich natürlich in fast identischer Art und Weise auch als Innendämmung ausführen.

Schilf

Eine Ernte von Schilfrohr in begrenztem Umfang schadet dem Bestand nicht, sondern verhindert, dass sich die Wasserqualität der Seen verschlechtert. Trockenes Schilf ist dank seines hohen Siliziumgehalts resistent gegen Pilze, Schädlinge und Fäulnis. Der Schilfschnitt wird nach dem Trocknen ohne Chemiebehandlung mit Draht oder Schnur zu 2 bis 5 cm dicken Platten gebunden.

Schilfrohr dient in Form von Reet als Dachdeckmaterial. Vor allem aber werden mehrschichtige Platten oder einfache Matten (Rabitzgeflecht) als Putzträger verwendet. Schilf nimmt keine Feuchtigkeit auf und verrottet kaum, es ist stabil und dank seiner griffigen Oberfläche ein ausgezeichneter Putzgrund. Sein Gehalt an Kieselsäure macht es brandhemmend. In Lehm eingeputzte Schilfrohrplatten werden seit langem als Innendämmung verwendet. Auch als wärmedämmende und putztragende Innenausbauplatte (Schilfgranulatplatte) eignet sich das Material. Sofern sie keinen Putz trägt, lässt sich Schilfdämmung problemlos wiederverwenden und vollständig kompostieren.

Schilfdämmplatten werden in Standardgrößen von 1,25 m x 1 m und 1,25 m x 2 m angeboten, können aber auch variabel auf ein Längenmaß zugeschnitten werden. WDVS aus Schilfrohrplatten sind für alle tragfähigen Untergründe bis zu einer Maximalhöhe von zwei Vollgeschossen geeignet und können auch zwei- oder dreilagig verbaut werden. Allerdings gibt es derzeit noch keine Schilfrohrplatten mit „Allgemeiner bauaufsichtlicher Zulassung“. Es bedarf also einer Zustimmung im Einzelfall. Die Schilfdämmplatten lassen sich mit der Tisch- oder Handkreissäge gut zuschneiden. Dazu vorab die Bindung öffnen und später an der Sollschnittstelle wieder zusammenschnüren. Als Verschnitt sollte der Profi 5 Prozent, der Anfänger lieber 10 Prozent einkalkulieren.

Die Untergründe müssen frei von losen Teilen und einigermaßen eben sein. 1 bis 2 cm Unebenheit lassen sich aber durch die Dickputzschale ausgleichen. Verschmutzungen durch Staub oder Öl spielen keine Rolle, da die Matten nicht verklebt, sondern verdübelt werden. Bei ein-, zwei- oder dreilagigen Verbänden mit je 5 cm Dämmplattendicke nimmt man Schraubdübel der Dübellastklasse 0,15 kN mit 60 mm Tellerdurchmesser. Bei Gebäuden bis 8 m Höhe sind in der Fläche 6 Dübel pro m2 nötig, im Randbereich 10. Werden mehrere Lagen im Verband verlegt, muss jede Lage so gedübelt sein, als ob sie für sich alleine steht. Durchgehende Fugen muss man vermeiden. Dämmlücken, die sich nicht mit Schilfstücken bündig schließen lassen, werden mit PU-Dämm-Schaum geschlossen, damit keine Wärmebrücken entstehen.

Seegras

Neptunbälle kennen viele Menschen vom Urlaub am Mittelmeer: Die 2 bis 10 cm großen, braunen, filzigen Kugeln werden von der Brandung geformt und an Strände gespült. Sie bestehen aus den verwelkten Blattrippen einer Seegras-Art. Der ehemalige Architekturprofessor Richard Meier aus Heidelberg stieß 2006 beim Kitesurfen an der Costa Blanca auf die Neptunbälle: „Nicht mal verbrennen kann man das Zeug!“, sagte ein Freund damals zu Meier, als die vom Wind durchgefrorenen Männer am Strand ein Feuer machen wollten.

Das ließ den Experten für Baustoffkunde aufhorchen. Er gab einige Proben an das Fraunhofer-Institut für Bauphysik zur Prüfung. Und siehe da: Die Forscher waren begeistert. Dank ihrer silikathaltigen Strukturen brennen die Fasern der Neptunbälle von Natur aus schlecht. Ein Vorteil gegenüber vielen anderen Ökodämmstoffen, denen Borsalze als Brandhemmer beigemischt werden. Zudem sind sie schimmelresistent, speichern hervorragend Wärme und trocknen schnell.

Meier lässt die Seegraskugeln an Stränden in Tunesien und Albanien von Hand einsammeln und per Schiff und Lkw nach Deutschland bringen. Zwar kostet seine Dämmwolle namens NeptuTherm fast das Doppelte wie die gleiche Menge Zelluloseflocken. Dafür ist sie ein hundertprozentiges Naturprodukt. Trotz des Transports ist die Primärenergiebilanz bis zu 20 Mal besser als bei Polystyrol. Kein Wunder, das Material wird fast einbaufertig an Land geschwemmt: Ein Sieb rüttelt nur noch den Sand aus den Poren, bevor der Häcksler die Kugeln zu Fasern zerkleinert. Diese transportieren Meiers Leute in wasserdichten, wiederverwendbaren Plastik-Pfandsäcken auf die Baustelle, stopfen oder blasen sie in die Hohlräume von Dächern, Innen- und Außenwänden, schütten sie auf die obersten Geschossdecken oder Holzbalkendecken. Wird der Dämmstoff nicht mehr gebraucht oder in anderen Bauten wiederverwendet, mischt man ihn im Garten zum Bodenauflockern unter die Erde.

Um Außenwände mit Seegras zu dämmen, werden zunächst Holzträger montiert und mit Holzwolledämmplatten beplankt. In den Zwischenraum stopfen die Handwerker den Dämmstoff. Auf die gleiche Weise lassen sich Innenwände dämmen. Alternativ wird der Dämmstoff mit einer Einblasmaschine und einem Förderschlauch durch kleine Löcher in Gefache, Vorsatzschalen oder Trennwände eingeblasen. Bei Steildächern wird das Material vom First aus durch den Einblasschlauch zwischen die Sparren gedrückt.

Rohrkolben

Als Wasserpflanze ist der Rohrkolben (lateinisch Typha) gegen Feuchtigkeit bestens gewappnet. Gerbstoffe schützen ihn vor Schimmel, und der Aufbau der Blätter macht ihn leicht und stabil. Aufgrund der vielen positiven Eigenschaften entwickelte die Firma typha technik Naturbaustoffe zusammen mit Forschern des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik IBP eine magnesitgebundene Dämmplatte aus Rohrkolben, die alle Qualitäten des Rohrkolbens vereint: Sie ist belastbar, schimmelresistent, hochdämmend, energiearm in der Herstellung, rein biologisch und nachhaltig.

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter www.typhatechnik.com

Holzschaum

Forscher des Fraunhofer-Instituts für Holzforschung WKI in Braunschweig haben ein Verfahren entwickelt, mit dem sich aus Holzpartikeln Schaumstoff herstellen lässt. „Der Holzschaum lässt sich genauso einsetzen wie klassische Kunststoffschäume, ist aber ein hundertprozentiges Naturprodukt aus nachwachsenden Rohstoffen“, sagt Prof. Volker Thole vom WKI. Um den Schaum herzustellen, wird das Holz zunächst in feine Partikel zermahlen, bis eine schleimige Masse entsteht. In diese Suspension wird dann Gas geleitet, so dass sie aufschäumt. Anschließend härtet der Schaum aus. „Man kann sich das ähnlich wie beim Backen vorstellen, wenn der Teig im Ofen aufgeht und fest wird“, sagt Thole. Das Ergebnis ist ein leichter Grundwerkstoff, der sich zu Hartschaumplatten oder elastischen Schaumstoffmatten weiterverarbeiten lässt.

Zwar gibt es bereits Dämmstoffe auf Holzbasis, etwa Vliese aus Holzfasern oder Holzwolle. Diese haben aber den Nachteil, dass sie fasern und weniger formstabil sind als Dämmmaterialien aus Kunststoff. Oft sinken Dämmvliese aus Holzfasern im Laufe der Zeit in der Mitte ein und ein Teil der Dämmwirkung geht verloren, so Thole. Der am WKI entwickelte Holzschaum kann dagegen mit klassischen Kunststoffschäumen mithalten.

Derzeit experimentieren die Wissenschaftler mit verschiedenen Holzarten, um herauszufinden, welche Baumarten sich besonders gut als Grundstoff eignen. Zudem suchen sie nach geeigneten Prozessen, mit denen sich Holzschäume im großen Maßstab industriell fertigen lassen.

Weiterer Informationen finden Sie im Internet unter www.wki.fraunhofer.de

Autor

Dipl.-Ing. Michael Brüggemann studierte Architektur in Detmold und Journalismus in Mainz. Er arbeitet als Redakteur und schreibt außerdem als freier Autor unter anderem für stern, DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau.

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