Liebe Leserinnen, liebe Leser,

um die Finanzen vieler Kirchengemeinden ist es schlecht bestellt, auch wenn der Fall des Limburger Bischofsitzes eine durchaus andere Lesart zulässt. Es sind vor allem die sinkenden Mitgliederzahlen, die vielen Gemeinden Anlass dazu geben, ihre finanzielle Situation zu überdenken. In diesem Zusammenhang steht häufig die Frage im Raum, ob man für die geschrumpfte Gemeinde alle Kirchenbauten noch braucht. Was aber tun mit den zum Teil denkmalgeschützten Gebäuden? Die Suche nach einer passenden Nutzung ist heikel. Zumindest in der Kontinuität einer sakralen Nutzung bleibt die 2008 in Bielefeld zur Synagoge Beit Tikwa umgenutzte Paul-Gerhard-Kirche. Damit nimmt sie die Tradition der großen sakralen Umnutzungen auf, beispielsweise der Mezquita im spanischen Córdoba oder der Hagia Sophia in Istanbul, bei der aus der einst größten Kirche der Christenheit eine Moschee wurde – bei der Mezquita war es umgekehrt.

Aber soll man in einer ehemaligen Kirche auch Essen und Trinken oder es sich anderweitig gut gehen lassen? Bielefeld hält auch für diesen Fall ein passendes Beispiel bereit. Fragt man Dr. Richard Borgmann vom westfälischen Amt für Denkmalpflege nach dem Resultat der schon 2006 in Bielefeld zum Restaurant umgebauten Martinikirche, äußert er sich positiv: Die Umnutzung stelle den ursprünglichen Charakter des nicht denkmalgeschützten Kirchenraums wieder her und die Einbauten seien zudem reversibel. Die Rückbaubarkeit der Räume ist wichtig und spielte auch bei der zum Wohnhaus umgebauten Herz-Jesu-Kirche in Mönchengladbach eine entscheidende Rolle. Wie ab Seite 22 in dieser Ausgabe der bauhandwerk zu sehen, bauten die Handwerker ein bis zu vier Geschosse hohes Holzständerwerk in Trockenbauweise in die neogotische Backsteinbasilika hinein, das sich wie ein Haus im Haus den Außenwänden und Säulen im Kirchenschiff anpasst. Ebenfalls aus Ziegeln erbaut, doch jüngeren Baujahrs ist die Kirche St. Sebastian in Münster, die Sie ab Seite 16 in diesem Heft finden: ein großes zu Beginn der 1960er Jahre erbautes Oval. Auch hier handelt es sich bei der Umnutzung um ein Haus-im-Haus-Konzept des ortsansässigen Büros Bolles & Wilson, das den verbleibenden Luftraum in der Kirche formal zum Außenraum werden lässt. Allerdings ist diese im vergangenen Jahr abgeschlossene Umnutzung zu einer Kita irreversibel, da die Handwerker die neuen Innenwände aus Kalksandstein mauerten.

Von diesem Beispiel einmal abgesehen, sind bei den meisten Umnutzungen von Kirchen die Einbauten so leicht und reversibel, dass die Gebäude in Zukunft wieder sakral genutzt werden könnten. Das macht den Gemeinden die Entscheidung nicht leichter, ist für viele Gläubige aber doch zumindest so etwas wie ein Hoffnungsschimmer. Denn wesentlich ist, dass die Kirche als Gebäude erhalten bleibt.

Viel Erfolg bei der Arbeit wünscht Ihnen

Thomas Wieckhorst

Bei den meisten Umnutzungen von Kirchen sind die Einbauten leicht und reversibel

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