Charaktersache Umnutzung einer Remise in Gütersloh zum Wohn- und Geschäftshaus

Trotz ihres Alters von nur 70 Jahren gehört die Remise auf dem Gütersloher Meierhof Rassfeld zum denkmalgeschützten Ensemble. Dank sensibler Planung durch das Architekturbüro von Thomas Spooren konnte das Gebäude trotz neuer Nutzung als Wohn- und Geschäftshaus seinen ursprünglichen Charakter bewahren.

Der Osten Westfalens ist seit jeher landwirtschaftlich geprägt. Schon in karolingischer Zeit gab es hier sogenannte Meier. Das waren vom Gutsherrn ernannte Aufseher über ein landwirtschaftliches Hofgut. Dieses Erbe ist noch heute in so manchem ostwestfälischen Familiennamen durch den Zusatz „Meier zu“ lebendig.

Der heute zur Stadt Gütersloh gehörende Meierhof Rassfeld steht in dieser Tradition, denn er wird bereits im Jahr 1088 erstmals urkundlich erwähnt. Das Hof-ensemble selbst steht mit seinem 1825 erbauten Haupthaus, einem Schafstall aus dem 17. Jahrhundert und dem Speicher von 1578 unter Denkmalschutz – inklusive des alten Eichenbaumbestandes und des Kopfsteinpflasters (mehr dazu unter www.meierhof.de).

 

Vielfältig genutzte, 70 Jahre alte Remise

Als Eigentümer eines historisch wertvollen Hofes ist sich die Familie Haver-Rassfeld ihrer Verantwortung für das kulturelle Erbe sehr wohl bewusst und wollte daher auch ein so untergeordnetes Nebengebäude wie die 1942 wieder aufgebaute Remise erhalten. Den Vorgängerbau hatte ein Baum zerstört, den ein Orkan umgeworfen hatte. Daher beauftragte Friedrich Wilhelm Haver-Meier zu Rassfeld den ortsansässigen Architekten Thomas Spooren damit, herauszufinden, was man mit Blick auf den Denkmalschutz unter Berücksichtigung der bauordungsrechtlichen Auflagen aus der 70 Jahre alten Remise machen konnte. Ursprünglich wurde die Remise als Unterstand für Fahrzeuge, Maschinen und Erntewagen genutzt. Deshalb war der vordere Gebäudeteil offen. Hier gab es neben einer Werkstatt und Stellmacherei auch einen Aufenthaltsraum für Gefangene, denn auf dem Hof wurden noch bis 1985 Gefangene beschäftigt, die im Rahmen des halboffenen Strafvollzugs anfangs in der Landwirtschaft Arbeit fanden. Zuletzt wurde die Remise zur Aufzucht von Puten genutzt.

 

Neue Nutzung unter Wahrung
des ursprünglichen Charakters

Der Vorschlag des Architekten: Unter Wahrung des Remisencharakters im Dachgeschoss Wohnungen und im Erdgeschoss Praxen für „den Dienst am Menschen“ unterzubringen. Wollte man diese neue Nutzung unter Einhaltung der rechtlichen und brandschutztechnischen Auflagen in der Remise realisieren, musste die noch vorhandene alte Holzbalkendecke raus. Statt ihrer betonierten die Handwerker über dem ursprünglichen Niveau eine neue Stahlbetondecke, damit man die Remise im Erdgeschoss zweigeschossig nutzen kann. „Dadurch konnten wir über dem heutigen Eingang unter dem im Bestand vorhandenen Zwerggiebel einen Rest der alten Holzbalkendecke erhalten“, sagt Architekt Thomas Spooren. Denn das Format des vormals mit einer Brettertür verschlossenen Zwerggiebels sollte auf Wunsch der Denkmalpflege auch nach dem Umbau unverändert bewahrt bleiben. Auf dem erhaltenen Teil der alten Decke befindet sich im Dachgeschoss nun eine abgesenkte Sitznische hinter dem mit einem Holzfenster geschlossenen Zwerggiebel.

Um den im Erdgeschoss offenen Charakter auf der Vorderseite der Remise zu erhalten, bauten die Handwerker hier eine verglaste Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Holz-Aluminium-Profilen ein. Den Abstand, den diese Glasfassade von der Traufkante der Remise einzuhalten hatte, handelten die Architekten mit der Denkmalpflege aus. Als Ergebnis steht die neue Pfosten-Riegel-Konstruktion rund einen halben Meter nach innen versetzt zu den sechs alten Holzständern, die auf der Vorderseite den Dachstuhl tragen. „Zudem stellt die moderne Pfosten-Riegel-Konstruktion keine Konkurrenz zum alten Tragwerk dar. Im Gegenteil: Sie hebt sich deutlich davon ab“, meint die im Büro Spooren bauleitende Architektin Davina Furmaniak.

 

Energetische Ertüchtigung des Bestandsgebäudes

Selbstverständlich ist die neue Pfosten-Riegel-Konstruktion isolierverglast. Die kurzen, neu errichteten Mauerabschnitte dazwischen erhielten als Wärmeschutz ein Wärmedämmverbundsystem, das abschließend grau-weiß gestrichen wurde. Um für die 24 cm dicke, aus Ziegeln gemauerte Gebäuderückwand und für die beiden nur 15 cm dicken Fachwerkaußenwände an den Giebelseiten ebenfalls einen guten Wärmeschutz zu erreichen, mauerten die Handwerker hinter die Bestandsaußenwände innen eine neue Schale aus Porenbeton. Den Zwischenraum dämmten sie mit Mineralwolle. Besonderes Augenmerk mussten die Handwerker beim Anschluss der Innenschale auf die Fensterleibungen und die beiden in Fachwerkbauweise errichteten Giebelseiten der Remise richten. Auf letztere brachten sie mit der Maschine Lehmspritzputz auf, damit die Kerndämmung hohlraumfrei an die Fachwerkaußenwand angeschlossen werden konnten. Was die Fensterleibungen anbelangt, so erfolgte der Anschluss der Innenschale an die Bestandsaußenwand über Dämmschürzen aus Polyurethan. „Man hätte mit den Porenbetonsteinen auch bis an die Leibung gehen können. Aber dann hätte man eine Sperrpappe zwischen den Porenbeton und die alten Ziegel packen müssen, damit aus diesen keine Feuchtigkeit in die neue Innenschale wandert“, erklärt Thomas Spooren das handwerkliche Detail.

 

Viel Tageslicht im Dachgeschoss

Auf der Gebäudevorderseite gelangt durch das viele Glas reichlich Tageslicht ins Erdgeschoss. Darüber hinaus waren im Fachwerk der Giebelseiten bereits Fenster vorhanden. Anders sah es im Dachgeschoss aus. Hier gab es auf der Gebäudevorderseite zwar den Zwerggiebel, der war jedoch von einer Brettertür verschlossen. Diesen Giebel „kopierten“ die Zimmerleute viermal in verkleinerter Form als Gauben, die auf der Gebäudevorderseite neben dem nun verglasten Zwerggiebel Tageslicht ins Dachgeschoss lassen. Der hauptsächliche Tageslichteintag erfolgt jedoch von der Dachfläche auf der Gebäuderückseite aus. Hier bauten die Zimmerleute zwei Dachloggien und etliche Dachfenster bis in den Spitzboden hinauf ein. Diese Kombination aus Dachöffnungen bringt nicht nur viel Tageslicht ins Dachgeschoss, sondern leistet auch einen wesentlichen Beitrag zum Wohnwert für die zeitgemäße Nutzung der Räume unterm Dach.

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