Der gläserne Vorhang

1000 m2 misst die Glasfassade des neuen Gütersloher Theaters. Vor allem abends inszeniert sichdahinter der vom Hamburger Architekten Professor Jörg Friedrich entworfene Kulturbetrieb, für den auf kleiner Grundfläche die Funktionen des Theaters übereinander angeordnet sind.

Gütersloh steht mit seinen fast 100 000 Einwohnern an der Schwelle zur Großstadt. Dabei wirkt der von Bertelsmann und Miele geprägte Ort bisweilen wie ein zu groß geratenes Dorf. Um Kultur hat man sich dort aber schon immer bemüht und mit der Paul-Thöne-Halle gleich nach dem Zweiten Weltkrieg eine „Kulturscheune“ für Theateraufführungen und Konzerte gebaut.

Überlegungen für ein ganz neues Theater gab es schon zu Beginn der 1970er Jahre. Doch gebaut wurde 1978 erst einmal die Stadthalle, die nach Schließung der Paul-Thöne-Halle ab 2003 als Spielort für Theateraufführungen diente. Ende 2007 wurde die Paul-Thöne-Halle abgerissen.

Bereits 1993 hatte ein Wettbewerb für einen Theaterneubau stattgefunden, aus dem der Hamburger Architekt Professor Jörg Friedrich als Sieger hervorging. 86 Millionen Mark sollte der Bau damals kosten. Ein Jahrzehnt später stoppte angesichts der knappen Kassen der Stadt ein Bürgerentscheid alle weiteren Bemühungen in Richtung eines Theaterneubaus. Dabei hatte Friedrich bereits einen Entwurf samt Modell für ein kleineres Gebäude vorgelegt, bei dem auf minimaler Grundfläche von 43 x 40 m die Funktionen des Theaters übereinander angeordnet sind. Dessen ungeachtet wurde das Projekt durch die Bürgerinitiative gestoppt, obwohl man sich im Rat der Stadt diesbezüglich klar zum Neubau bekannte.

Nach Ablauf der zweijährigen Bindungsfrist des Bürgerentscheids hatte sich die Stimmung in der Stadt aber zugunsten eines Theaterneubaus geändert. Der Rat bat Professor Friedrich um einen nochmals abgespeckten Entwurf, der nun „nur noch“ 22 Millionen Euro kosten sollte. Mit finanzieller Unterstützung von Bertelsmann und Miele, die zusammen rund 5 Millionen Euro stifteten, und dem „Verkauf“ der 524 Stühle im Zuschauersaal für 1,1 Millionen Euro, konnten im März 2008 die Bauarbeiten beginnen.

 

Ein Balanceakt für den schwebenden Theatersaal 

Eine der Hauptrollen spielt im Theatergebäude der zentrale Bühnenturm. An der Vorderseite des Turms ist der große Theatersaal angehängt. An diesen dockt seitlich wiederum die Studiobühne an, die 10 m aus dem Gebäude herausragt. An der Rückseite kragt die Hinterbühne 5 m nach außen.

Nicht von außen wahrnehmbar, ist das ganze aus Beton, Stahl und Glas konstruierte Gebäude durch eine sehr komplexe Statik geprägt, bei der das Bielefelder Ingenieurbüro Prinz & Pott die Regie führte. Ein solcher statischer Balanceakt ist der schwebend erscheinende Theatersaal selbst. Er ist zwar am Bühnenturm angehängt, ein Teil der Last wird aber auf der Vorderseite mit zwei Paaren von jeweils drei Schrägstützen aufgenommen. Diese Schrägstützen spreizen sich, als würde man eine Untertasse auf drei Fingern balancieren. Sie haben dabei einen Durchmesser von nur 45 cm, bestehen aus Schleuderbeton und sind in der Lage, pro Stück eine Last von 3700 kN aufzunehmen. Sie stützen die über dem Foyer schräg ansteigende Unterseite des Theatersaals, welche die Rohbauer aus Betonfertigteilen montierten. Vor allem aber halten die 40 cm dicken Seitenwände den Theatersaal in der Schwebe. Die 20 cm dicke Decke über dem Theatersaal wird von Reihen aus 30 t schweren Fertigteil-Querträgern getragen.

 

Dramatischer Aufstieg über die Spiraltreppe 

Geradezu dramatisch ist die vertikale Erschließung im Gebäude inszeniert. Eine schwarz mattierte Treppe bringt den Theaterbesucher auf die Saalebene mit beidseitigem Zugang zum Parkett. Zum oberen Parkett, zum Rang, zur Studiobühne und bis hinauf zur Skylobby steigt man über eine nach oben breiter werdende Spiraltreppe hinauf, welche die Handwerker traditionell in Zimmermanns-Manier schalten und in Ortbeton gossen. Der Entwurf der Treppe war ursprünglich noch viel dramatischer mit nur wenigen Verbindungen an die Stockwerke angelegt. Aufgrund der zu erwartenden Gebäudeschwingungen mit einem Ausschlag von bis zu 20 cm entschlossen sich die Verantwortlichen jedoch dazu, die Treppe zusätzlich an einer fast 22 m hohen Betonsäule zu verankern. Diese wurde ebenfalls aus Schleuderbeton hergestellt und trägt mit ihrem Durchmesser von 35 cm als fixer Abstandhalter eine Last von rund 4000 kN ins Fundament ab.

 

Hinter dem gläsernen Fassaden-Vorhang
inszeniert sich das Theater 

Hinter der über 1000 m2 großen Glasfassade öffnet sich das Theater auf einer Seite zur Stadt. Vor allem am Abend setzen sich der kantige Hauptdarsteller, der schwebende Theatersaal, und seine Gegenspielerin, die geschwungene Spiraltreppe, hinter dem gläsernen Vorhang auf dieser Bühne gut in Szene und locken allein schon dadurch Kulturinteressierte ins Theater. Der beeindruckende gläserne Vorhang misst 43 m in der Breite und 24 m in der Höhe, und der Blick durch die in Reihen an den obersten Stahl-Querträgern aufgehängten Glasscheiben ist fesselnd – ein ganz eigenes Schauspiel abseits des Bühnengeschehens.

 

Die Rohbauer – die ersten Darsteller
auf der Baustellenbühne 

Bei so einem für die Stadt bedeutenden Gebäude finden die Bauarbeiten natürlich auch unter den Augen der Öffentlichkeit statt. Die ersten Darsteller betraten schon im Juni 2008 diese Bühne: Mitarbeiter der Fechtelkord & Eggersmann GmbH aus Marienfeld begannen mit den Rohbauarbeiten der Betonkonstruktion. Auf den tragfähigen Untergrund setzten sie Streifenfundamente aus C 30/37 – 35/45. Diese müssen vor allem unter den beiden Dreifachstützen extreme Lasten aufnehmen können. Für die Schalung der Fundamente und Wände verwendeten die Rohbauer Athlet-Elemente von Paschal, während für die vielen kleinen und zum Teil recht komplizierten Teile der Betonschalung die Raster-Elemente des Herstellers zum Einsatz kamen. Die Athlet-Schalungselemente dienten aber nicht nur als herkömmliche Wand-, sondern auch bis in 23 m Höhe als Kletterschalung, wobei ein Klettertakt 4,20 m hoch war. Das Klettern gestaltete sich ziemlich anspruchsvoll aufgrund der Aussteifungsprobleme, die eine 23 m hohe, freistehende Wand aus physikalischen Gründen nun einmal mit sich bringt. Alle Rohbauer mussten sich daher auf den Arbeitsbühnen angurten.

Die Stahlbewehrung des Betons musste aus statischen Gründen überdurchschnittlich stark sein. Nicht nur, dass die Rohbauer mehr Eisen als sonst verflechten mussten, die Eisen hatten auch noch einen Durchmesser von bis zu 28 mm. Als Tribut an die höchst komplexe Statik des Theaterrohbaus befestigten die Handwerker die Bewehrungen der einzelnen Gebäudeteile mit Schraubverbindungen aneinander. Für einige neuralgische Übergangsstellen kamen Spezialschweißer auf die Baustelle nach Gütersloh.

Der in der Stadt sehr begrenzte Platz ließ auf der Baustelle keine großartige Lagerhaltung zu. Drei Kräne waren als Hauptdarsteller des Baustellenstücks unablässig damit beschäftigt, Stahl-, Beton- und Gerüstbauteile an ihren Bestimmungsort zu transportieren. Die Lieferung von Material erfolgte Just-in-Time. Infolgedessen mussten viele Bauarbeiten zeitgleich erfolgen. Insgesamt verbauten die Handwerker rund 7500 m³ Beton und 740 Tonnen Stahl.

 

Farbe als Mittel der Inszenierung 

Als weißer Würfel setzt sich der Theaterneubau neben dem alten Wasserturm und der Stadthalle in einem Wohn- und Gewerbegebiet mit Putz- und Klinkerfassaden gut in Szene. Drei Seiten des Gebäudes sind weitgehend geschlossen, eine – die Bühne zur Stadt – ist vollkommen verglast. Aber auch das, was man hinter diesem gläsernen Vorhang sieht, haben die Maler der Gütersloher Hensdiek GmbH weiß gestrichen. Lediglich die schwarzen Wangen der geraden Treppe, welche die Theaterbesucher vom Foyer auf die Parkett-
ebene des Theatersaals geleitet, bringen einen überdeutlichen Farbkontrast in das vorherrschende Schneeweiß hinein. Ganz klar: Mit den schwarzen Wangen beginnt eine Inszenierung, die in dem Moment ihren Höhepunkt findet, in dem der Besucher den Theatersaal betritt. Dort ist alles schwarz. Die Augen brauchen eine Weile, bis sie sich nach dem weißen Foyer an die künstliche Theaternacht gewöhnt haben. Dann aber leuchten die rot bezogenen Sessel der Sitzreihen umso intensiver aus dem Dunkel hervor. Steil steigen die Reihen im Parkett, noch steiler im Rang empor, so dass mit 25 m von der Bühne bis zur letzten Sitzreihe immer noch eine gute Sicht gewährleistet ist. An den Wänden hängen aus akustischen Gründen Reflektoren aus schwarzem Stahl und Cortenstahl, die im starken Kontrast zur Wand stehen.

 

Augen in den Himmel über der Skylobby 

Und nach dem Theatergenuss geht es hinauf in die Skylobby über dem Theatersaal. Man steigt über die Spiraltreppe oder über das separate, im Grundriss spitz zulaufend dreieckige Treppenhaus empor, mit dem die Skylobby auch unabhängig vom Theaterbetrieb genutzt werden kann. Die runden Öffnungen, die den Blick durch die Decke in den Gütersloher Himmel erlauben und neben der Glasfassade zusätzlich wie Schweinwerfer die Szenen um die Tische und Bar mit Tageslicht von oben beleuchten, sind das Werk der Mitarbeiter der Trockenbau München GmbH. Sie haben in den Raum zwischen der abgehängten Leichtbaudecke um die kreisrunden Öffnungen der Rohbaudecke ein Korsett aus Metallprofilen gehängt, deren Radius sich bis zur Ebene der Lochplattendecke zu einem Kegel weitet. Mehr zu diesem Detail und was es sonst noch für die Trockenbauer an Bauaufgaben im Gütersloher Theater zu lösen galt, lesen Sie auf den folgenden Seiten.

 

Ganz großes Theater für die Stadt 

Das im vergangenen Jahr eröffnete Theater nimmt für die Stadt den formalen Schritt über die 100 000-Einwohner-Hürde gestalterisch schon vorweg: Ein solches Theater vermutet man eher in Hamburg, München oder Berlin. Der Blick geht oben von der Skylobby und von der Dachterrasse aus auf die Szenerie der Stadt bis hin zum Teutoburger Wald, und bereitet den Theaterbesuchern nach der Aufführung ein wahrhaft großstädtisches Lebensgefühl. Die Bürger der Beinahe-Großstadt dürfen sich über ein vielfältig nutzbares Theater freuen, dass im Kulturbau hierzulande seinesgleichen sucht.

Insgesamt verbauten die Handwerker rund 7500 m³ Beton und 740 Tonnen Stahl

Pläne

Hier finden Sie die Grundrisse sowie weitere Schnitte des Theaters in Gütersloh als PDF zum Download.

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