Serielles Bauen: Mehr als nur Vorfertigung

Der Druck auf die Bau- und Immobilienwirtschaft wächst. Wohnraummangel, steigende Baukosten, Fachkräftemangel und immer komplexere Anforderungen an Nachhaltigkeit und Energieeffizienz setzen die Branche unter Zugzwang. Gleichzeitig werden die Rufe nach schnellerem und bezahlbarem Bauen lauter. Als möglicher Lösungsansatz rücken serielle, modulare und systemische Bauweisen zunehmend in den Fokus.

Doch was verbirgt sich hinter den Begriffen? Welche Potenziale bieten sie tatsächlich – und warum haben sie sich bislang noch nicht flächendeckend durchgesetzt?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Online-Pressekonferenz, an der Vertreter aus Bauwirtschaft, Projektentwicklung, Nachhaltigkeitsforschung und Immobilienwirtschaft teilnahmen.  Mit dabei waren:

Lukas Schermann, Geschäftsführer von Elk Kampa Projects. Die Elkampa Gruppe ist ein seriell produzierendes Unternehmen, das im Bereich serielle Elemente Windbau und dreidimensionaler Modulbau tätig ist.

Johannes Kreißig, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB).   

Christian Möhrke, CEO vom Pflegeimmobilien-Entwickler Cureus.

Michael Neitzel, Geschäftsführer von Neitzel Consultants, einer Beratungsgesellschaft in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft. Seit 12 Jahren beschäftigt er sich mit dem seriellen, modularen und systemischen Bauen.

Das Gespräch moderierte Daniel Hosie, Senior PR-Berater, der PB3C GmbH aus Hamburg, einer Agentur für Immobilienkommunikation, Immobilien-PR und Finanzkommunikation.

Vom Bauteil bis zur Raumzelle: Was bedeutet serielles Bauen ?

Die  „HA! Harabruck Apartments“ in Gmünd / Österreich. Dort entstehen 21 schlüsselfertige Ferienapartments in Modulbauweise. Der Rohbau war innerhalb von 12 Stunden abgeschlossen
Foto: ELK Kampa Projects

Die  „HA! Harabruck Apartments“ in Gmünd / Österreich. Dort entstehen 21 schlüsselfertige Ferienapartments in Modulbauweise. Der Rohbau war innerhalb von 12 Stunden abgeschlossen
Foto: ELK Kampa Projects
Wer über serielles Bauen spricht, stößt schnell auf unterschiedliche Begriffe. Michael Neitzel plädiert deshalb zunächst für eine klare Begriffsbestimmung. Im Kern gehe es um vorgefertigte Bauelemente, die im Werk produziert und auf der Baustelle montiert werden. Dabei könne es sich um Wände, Decken oder komplette Bauteile handeln. Modulares Bauen stelle dabei eine besondere Form des seriellen Bauens dar. „Die herrschende Meinung ist, dass das Modul eben ein vollständiges Raummodul ist, eine Raumzelle“, erklärte Neitzel. Während beim Elementbau zweidimensionale Bauteile auf der Baustelle zusammengesetzt werden, kommen beim Modulbau bereits weitgehend fertig ausgestattete Raumeinheiten zum Einsatz.

Noch weiter fasst Lukas Schermann den Begriff des systemischen Bauens. Für ihn beginnt die Standardisierung nicht erst in der Produktion, sondern bereits in Planung und Genehmigung. Systemisches Bauen umfasse den gesamten Wertschöpfungsprozess – von der Planung über Fertigung, Logistik und Montage bis hin zum späteren Gebäudebetrieb. „Das systemische Bauen ist eine ganzheitliche Standardisierung“, betonte Schermann. Ziel sei es, möglichst viele Prozesse aus dem Baustellenbetrieb in industrielle Fertigungsabläufe zu verlagern. Man könne es mit anderen Branchen vergleichen, beispielsweise ein bisschen mit der Automobilindustrie. „Es ist nicht ganz zu vergleichen. Aber es lässt sich da ein bisschen ein leichterer Gedankenbrückenschlag schaffen“, so Schermann.

Warum serielles Bauen noch kein Standard ist

Laut Daniel Hosie habe sich das serielle Bauen als Konzept noch nicht richtig etabliert. „Wo sehen Sie denn die größten Hemmnisse für eine breitere Marktdurchdringung?“ fragte er. Christian Möhrke sieht die gegenwärtige Situation anders. „Wir nennen das die Systempflegeimmobilie.“ Bei Bau von Pflegeeinrichtung werden Bäder standardisiert. Vor einigen Jahren habe Möhrke 5000 Bäder auf einmal gekauft, um unabhängig zu sein.  „Außerdem haben wir Fenstermodule, Absturzsicherung und Treppenläufe standardisiert und die kommen systematisch angeliefert auf die Baustelle“, gab er ein Beispiel.

Viele Bauherren und Kommunen verbinden serielles Bauen noch immer mit den Großsiedlungen der 1960er- und 1970er-Jahre oder mit monotonen Plattenbauten. Dabei habe sich die Branche längst weiterentwickelt. Moderne Systeme erlaubten eine große Bandbreite an Grundrissen, Fassaden und Materialkombinationen. „In vielen Fällen ist das eher ein Vorurteil“, sagte  Michael Neitzel. Hersteller seien heute durchaus in der Lage, auf unterschiedliche städtebauliche Situationen zu reagieren.

Auch Johannes Kreißig sieht hier ein Kommunikationsproblem. Während in der Automobilindustrie standardisierte Produktionsprozesse selbstverständlich seien, würden sie im Bauwesen häufig noch als Einschränkung wahrgenommen. „Das ist vielleicht die Vergangenheit aus den 70er Jahren, die so erscheint, aber nicht mehr die Gegenwart oder die Zukunft“, sagte Kreißig.

Hinzu kommen politische und administrative Rahmenbedingungen. Nach Auffassung von Schermann sind Genehmigungsprozesse, Ausschreibungen und Förderstrukturen noch immer stark auf individuelle Bauprojekte ausgerichtet. „Es braucht definitiv noch politische, gremiale und behördliche Vorarbeit“, so Schermann.

Ist serielles Bauen kostengünstiger?

Für 21 Apartments mit einer Gesamtfläche von rund 1.000 m² wurden 24 Module und über 400 Tonnen Baumaterial verhoben
Foto: ELK Kampa Projects

Für 21 Apartments mit einer Gesamtfläche von rund 1.000 m² wurden 24 Module und über 400 Tonnen Baumaterial verhoben
Foto: ELK Kampa Projects
Die Hoffnung vieler politischer Akteure: Serielle Bauweisen könnten den Wohnungsbau deutlich günstiger machen. Die Experten der Pressekonferenz mahnten jedoch zu einer differenzierten Betrachtung. Christian Möhrke warnte vor unrealistischen Erwartungen. „Wenn man jetzt also seriell und modular baut, dann kann man die Baukosten ja irgendwie gefühlt auf 2.500 Euro den Quadratmeter senken. Nein, das ist Quatsch.“

Tatsächlich lassen sich die Kosten nur schwer pauschal vergleichen. Dennoch sehen die Experten wirtschaftliche Vorteile. Schermann beziffert die möglichen Einsparungen gegenüber konventionellen Bauweisen auf etwa 15 bis 20 Prozent. Neitzel hält ähnliche Größenordnungen für realistisch und verweist auf Erfahrungen aus den Rahmenvereinbarungen des GdW Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen. Der eigentliche wirtschaftliche Hebel liegt jedoch häufig an anderer Stelle: in der Bauzeit.

Zeit wird zum entscheidenden Faktor

Wo auf der Baustelle bislang zahlreiche Gewerke nacheinander arbeiten müssen, laufen beim seriellen und modularen Bauen viele Prozesse parallel ab. Während auf der Baustelle die Gründung entsteht, werden Bauteile oder Module bereits im Werk gefertigt. „Da redet man von 50 bis 70 Prozent kürzeren Bauzeiten“, erklärte Schermann. Die vorgefertigten Raumeinheiten werden innerhalb weniger Tage montiert. Gebäude können dadurch deutlich früher bezogen, vermietet oder verkauft werden. Gleichzeitig verkürzen sich Finanzierungszeiten, was angesichts steigender Zinsen zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Für Christian Möhrke liegt der eigentliche Nutzen deshalb weniger in einzelnen Kosteneinsparungen als in der höheren Prozesssicherheit. Standardisierte Abläufe, eingespielte Lieferketten und wiederkehrende Lösungen reduzierten Risiken und erleichterten die Projektsteuerung.

Was bedeutet das serielle Bauen für Architekten ?

Die Vorstellung, serielles Bauen verdränge die Architektur, wiesen die Diskussionsteilnehmer zurück. Vielmehr verändere sich die Rolle der Planer. An die Stelle individueller Detailplanung trete stärker die Entwicklung intelligenter Systeme. Wiederkehrende Bauteile und standardisierte Grundrisse müssten so gestaltet werden, dass sie dennoch auf unterschiedliche Anforderungen reagieren können.

Neitzel sieht darin keinen Verlust an Gestaltungsmöglichkeiten. Die heutigen Systeme seien wesentlich flexibler als ihr Ruf vermuten lasse. Unterschiede entstünden nicht nur durch Fassaden oder Materialien, sondern auch durch die Kombination verschiedener Module und Grundrissvarianten. Unterschiedle Putze, Klinker oder WDVS, vorgehängte hinterlüftete Fassade: Auch serielles Bauen lasse Individualität zu.

Außerdem: Gerade bei Gebäudetypen mit hohen Wiederholungsraten – etwa Wohnanlagen, Studentenwohnheimen, Hotels oder Pflegeeinrichtungen – könnten Architekten von standardisierten Lösungen profitieren.

Ist serielles Bauen nachhaltig ?

Nach Ansicht der Diskussionsteilnehmer bietet serielles Bauen erhebliche Potenziale. Industrielle Fertigungsprozesse ermöglichen einen präziseren Materialeinsatz und reduzieren Verschnitt sowie Baustellenabfälle. Zudem lassen sich Materialströme besser dokumentieren und kontrollieren. „Wir können über bestimmte Dinge sehr viel besser Bescheid wissen“, sagte Johannes Kreißig mit Blick auf Nachhaltigkeitsbewertungen und Zertifizierungen.

Auch Schermann sieht deutliche Vorteile. Die Vorfertigung führe zu geringeren Emissionen auf der Baustelle, weniger Transportaufwand und einer insgesamt effizienteren Ressourcennutzung. Entscheidend sei jedoch, Nachhaltigkeit von Beginn an mitzudenken. Serielle Bauweisen seien nicht automatisch nachhaltiger, böten aber gute Voraussetzungen, um ökologische Ziele systematisch umzusetzen.

Kommunen als Schlüsselakteure

Die „HA! Harabruck Apartments“ werden am 1. August 2026 eröffnet
Visualisierung: ELK Kampa Projects

Die „HA! Harabruck Apartments“ werden am 1. August 2026 eröffnet
Visualisierung: ELK Kampa Projects
Ob sich serielles Bauen künftig stärker durchsetzt, hängt nach Einschätzung der Experten nicht zuletzt von den Kommunen ab. Zwar könnten standardisierte Systeme grundsätzlich zu schnelleren Genehmigungsverfahren führen. In der Praxis seien die Abläufe vieler Bauämter jedoch noch nicht auf solche Prozesse eingestellt. Gleichzeitig fehle vielerorts die Erfahrung mit industriellen Bauweisen.

Die Teilnehmer waren sich einig, dass Kommunen eine wichtige Rolle dabei spielen, Akzeptanz zu schaffen und Verfahren zu beschleunigen. Standardisierte Lösungen könnten dazu beitragen, Planungszeiten zu verkürzen und Wohnungsbauprojekte schneller umzusetzen.

Fazit: Serielles Bauen ist kein Allheilmittel

Die Diskussion machte deutlich, dass serielles und modulares Bauen kein Allheilmittel sind. Sie werden den konventionellen Bau nicht ersetzen.  Die größten Vorteile liegen dabei weniger in spektakulären Kostensenkungen als vielmehr in schnelleren Bauzeiten, höherer Prozesssicherheit und besseren Voraussetzungen für nachhaltiges Bauen. Oder wie Lukas Schermann es formulierte: Serielles Bauen sei kein Ersatz für den bestehenden „Blumenstrauß“ an Bauweisen, sondern eine notwendige Erweiterung. 

Autorin

Michaela Podschun ist Redakteurin der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

 

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