„Es ist schön geworden“ - Interview mit Dietmar Feistel von DMAA über die Idee, ein Haus in der Landschaft verschwinden zu lassen (Casa Invisibile)

„Casa Invisibile“ ist eine flexible Wohnbox, gefertigt aus einem Holztragwerk. Die hölzerne Elementbauweise soll eine vollständige Rückbaubarkeit garantieren und einen minimalen ökologischen Fußabdruck hinterlassen. Mit Dietmar Feistel von DMAA sprachen wir über Wohnkonzepte und die Idee, ein Haus in der Landschaft verschwinden zu lassen. 

Interview: Rüdiger Sinn

Herr Feistel, Tiny Houses liegen im Trend, was war Ihre Motivation, ein solches Haus zu planen?

Feistel: Da wir von Delugan Meissl Associated Architects auch sozialen Wohnbau machen, kam bei uns die Frage auf, wie weit man ein Haus reduzieren und gleichzeitig eine gute Wohnqualität erhalten kann. Es geht also nicht darum, das kleinste Haus der Welt zu bauen, sondern eigentlich mehr um die Frage, wie weit kann  reduziert werden, ohne  Qualität einzubüßen.  

Was ist denn genau gut, was muss ein Haus aus Ihrer Sicht haben und auf was könnte man verzichten?

Es gibt andere Kriterien, als die reine Fläche.Eine bestimmte Quadratmeter-Anzahl bedeutet nicht automatisch Qualität. Es geht auch um Raumproportionen, um die Aufteilung: Wie nutze ich welchen Bereich? Es geht auch um den Außenbezug, also Fensteröffnungenund schließlich um die Atmosphäre, welche Materialien setze ich ein.

Und Sie haben ein Holzhaus gebaut …

Die Frage nach dem was notwendig ist, die wurde auch schon in die Konstruktion einbezogen, also wie, mit welchem Werkstoff, baue ich das Haus. Mit Brettsperrholz haben wir einen optimalen Werkstoff gefunden. Die Vorteile sind eine gute Tragfähigkeit, eine gute Dämmwirkung und neben dem ordentlichen Schallschutz auch die schöne Oberfläche. Das Baumaterial ist gleichzeitig auch die Wandoberfläche und die Deckenoberfläche, man muss gar nichts mehr dazu geben.

45 m2 Fläche bedeutet auch Verzicht, auf was wurde denn nun konkret verzichtet, auf das großzügige Bad?

Bäder, Stauraum, da sind wir sehr stark ins Detail gegangen – also, wie  gut kann eine Dusche sein, wie viel Badfläche braucht man, um sich immer noch bewegen zu können? Das waren wirklich Planungsaufgaben, die wir in mühevoller Kleinarbeit weiterentwickelt und optimiert haben, bis wir dann zu einem entsprechenden Ergebnis gekommen sind.

Die Casa Invisibile ist ein Prototyp. Was nehmen Sie aus diesem Haus für Erfahrungen mit in den weiteren Planungsprozess?

Wir haben nun einen Produzenten gewonnen, der die Häuser in Serie produzieren wird. Vorab sind wir nochmal auf alle Details eingegangen, haben aber eigentlich sehr wenig verändert. Das Einzige ist, dass wir eine Wärmedämmung aus Holzfaserplatten von außen vorsehen. Bislang war das ganze Haus ungedämmt, das hat für unsere  Ansprüche genügt.

Das Haus verschwindet durch die verspiegelte Fassade geradezu in der Landschaft. Ein extrem kleines Haus sollte also auch noch unsichtbar gemacht werden, oder?

Dieses Gebäude, das vom Ort her unabhängig sein sollte, sollte überall positioniert werden können. das ist eben Teil des Konzepts der Mobilität. Wir haben gesagt, ein Gebäude, das eigentlich überall stehen könnte, sollte eigentlich unsichtbar sein. Wenn ich es in eine schöne Naturlandschaft hineinstelle, dann wäre es eigentlich störend, wenn das Gebäude zum Beispiel eine besonders auffallende Farbe hätte. Und deshalb war es uns ein Anliegen, dass das Gebäude auf Grund seiner Nicht-Ortsbezogenheit, von der Materialität so gebaut wird, dass das Gebäude möglichst optisch verschwindet.

Wie hat sich die Raumaufteilung und der Aufbau der Konstruktion gestaltet? War das ein Prozess zusammen mit dem Holzbauer und anderen Handwerkern und Ihnen als Planer oder wie sind Sie vorgegangen?

Die grundsätzliche Raumaufteilung kam von uns, was dann gemeinsam überlegt wurde, war der Transport. Die Dimension des Grundrisses, die wir jetzt haben, passt in Österreich immer noch auf einen Tieflader, der auf normalen Straßen ohne Begleitfahrzeug fahren kann. Das sind  14,50 m Länge x 3,50 m in der Breite. Und natürlich war dann die Zusammenarbeit mit der Holzbaufirma ganz zentral, wie führe ich die Leitung in den Wänden, wie mache ich den Anschluss ans Dach usw. – das war dann schon eine sehr intensive Zusammenarbeit. 

Kann man etwas über den zukünftigen Preis sagen?

Wir haben inzwischen drei Größen, small, medium, large – die Prototypenvariante war large. Diese große Variante wird momentan mit etwa 120 000 Euro berechnet.

Welche Erfahrungen haben Sie mit den Fassadentafeln von Alucobond gemacht?

Das Material hat  den großen Vorteil, dass es im Sommer die Hitze vom Haus abhält. Es ist wie eine Aluminiumfolie, die die Hitze reflektiert. Das heißt, es ist im Haus drin erstaunlich kühl, ohne dass es eine Wärmedämmung gibt.

Ein Aspekt, den man nicht verschweigen darf ist der Vogelflug, denn die Vögel können das Gebäude natürlich nicht sehen. Wir haben uns deshalb entschlossen, bei der Serienproduktion eine Folie der Firma 3M aufzubringen, die so funktioniert, dass Vögel das Gebäude sehen können. Die Folie wird direkt auf die Aluminumverbundplatte aufgebracht und ist für das menschliche Auge nicht sichtbar, für Vögel aber schon. Grade wenn man in der Natur solche Häuser aufstellt, wäre es natürlich fatal, wenn die Vögel darunter leiden würden.

Und wie ging die Verarbeitung der Platten?

Die sind von jedem Handwerker gut verarbeitbar, der große Vorteil ist, dass die Platten extrem plan sind. Im Gegensatz zu Blechen, die sich je nach Temperatur ausdehnen und wölben, ist dieses Material absolut ebenflächig und damit kommt auch die Spiegelwirkung optimal zur Geltung.

Wie verhielt es sich mit der Montage der Fassade, wie sind sie vorgegangen?

Die ursprüngliche Idee war, dass das Haus fix fertig ist und dann mit dem Kran hinuntergehoben wird auf das Fundament und  quasi da steht, ohne dass noch jemand etwas montieren muss. Wir haben uns aber gemeinsam mit dem Handwerker entschieden, das nicht so zu machen. Er hatte Angst, dass beim Transport oder beim Herunterheben die Spiegelfassade beschädigt werden könnte.

Deshalb haben wir das Haus, inklusive UK vorgefertigt und dann die Platten vor Ort montiert, was  schnell ging. Das war innerhalb eines Tages erledigt.

Was sagen eigentlich andere Architekturkollegen zu Ihrem Bauwerk? Bekommen Sie Rückmeldungen?

Alle, die uns besucht haben und die Gebäude – es gibt zwei Prototypen, die in Sichtweite voneinander stehen – vor Ort gesehen haben, waren begeistert. Die ganze Wirkung erschließt sich einem erst, wenn man die Häuser in Natura sieht. Es ist absolut erstaunlich, wie die Häuser wirklich in der Landschaft verschwinden, das kommt auf den Fotos gar nicht so richtig rüber.

Sie schwärmen, also für Sie hat sich das Projekt auch richtig gelohnt, weil es Spaß gemacht hat …?

Absolut, das hat mit der Thematik zu tun, also mit der Suche nach Minimallösungen, die aber trotzdem eine hohe Qualität haben. Der große Ansporn war: Wie weit kann man gehen? Es soll viel mehr als ein Wochenendhaus sein. Das Wohnen in so einem Haus inmitten der Landschaft, das macht richtig Sehnsucht. Es ist schön geworden!

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