FundstückUmbau des Süd- und Westflügels im Kloster Eppinghoven

Beim Umbau des West- und des Südflügels des zum Teil bis ins 13. Jahrhundert zurückreichenden Zisterzienserinnenklosters Eppinghoven machten die Handwerker, Denkmalpfleger und Mitarbeiter des mit der Planung beauftragten Büros Bernhard Bramlage Architekten eine derartig wichtige Entdeckung, dass diese den gesamten Entwurf und Bauantrag umwarf: sie fanden große Teile der verloren geglaubten Klosterkirche hinter einer Ziegelverblendschale und altem Putz wieder.

Die Klöster der Zisterzienser erkennt man leicht an der asketisch strengen Architektur und dem für damalige Verhältnisse vergleichsweise schmuck­los-schlichten Erschei­­nungsbild. Auch finden sich in den Klöstern in der Regel keine Wandbilder, Statuen oder aufwendige Verzierungen. Die Kirchen sind meist auf ein gestalterisches Minimum reduziert. Oft wurde sogar auf Türme verzichtet. Es findet sich dann nur ein Dachreiter zur Aufnahme einer kleinen Glocke auf dem First des Kirchenschiffs.

In Deutschland war es das 1123 erbaute Kloster Kamp, das als erstes den Regeln der Zisterzienser folgte. Dieses gründete 1214 die ersten beiden Frauenklöster des Zisterzienserordens am Nieder-rhein in Saar bei Mühlheim und Mariensaal in Kaarst, das wenige Jahre später nach Eppinghoven bei Neuss verlegt wurde. Die Gebäude des Klosters müssten demnach aus dem zweiten Drittel des 13. Jahrhunderts stammen. Exakte Daten hierzu gibt es nicht. Nur die Umsiedelung des neu gegründeten Frauenkonvents nach Eppinghoven ist für die Zeit zwischen 1231 und 1237 quellenkundlich belegt. Was die baugeschichtlichen Quellen anbelangt, geht es erst im 15. Jahrhundert weiter, als das Kloster aufgrund seines Verfalls restauriert und erweitert wurde. Es erhielt nun ein Kreuzganggeviert, was die Öffnung von Gebäudeteilen im unteren Bereich zur Folge hatte. Man kann also durchaus von einer ersten Neugestaltung der Gesamtanlage sprechen. Eine zweite grundlegende Neugestaltung erfuhr das Kloster im 17. und 18. Jahrhundert, also im Barock. Wesentliches Anliegen dieser Bautätigkeit war es ganz offensichtlich – neben der Erweiterung und Erneuerung der Gebäude – das äußere Erscheinungsbild des schlichten Klosters aufzuwerten. Hierfür spricht zum Beispiel der Einbau des schmucken Torhauses in den Südflügel.

 

Das Ende des

klösterlichen Lebens

 

Mit der Säkularisierung (1803) wurden viele Klöster aufgelöst und anschließend landwirtschaftlich (als Domäne) oder anderweitig privat genutzt. Man kann von Glück sagen, wenn im Zuge dieser Veränderungen die Kirche stehen gelassen wurde. Dem Zisterzienserinnenkloster in Eppinghoven blieb dieses Schicksal damals leider nicht erspart. Doch ein Teil der Kirche hat bis vor kurzem unentdeckt in Gestalt des Südflügels überlebt. Aber hierzu mehr im Bauablauf, während dem diese Entdeckungen zutage traten. Das Kloster selbst wurde in der Folgezeit zu einer landwirtschaftlich genutzten, bewohnten Hofanlage. Im Rahmen dieser ersten Umnutzung hatte man die Außenwände mehrerer Klostergebäude innen und außen mit Ziegelverblendmauerwerk und Putz verkleidet. In diesem Zustand befand sich das so genannte „Haus Eppinghoven“, als es 2001 in die Denkmalliste der Stadt Neuss eingetragen wurde.

 

Überraschungen

und Entdeckungen

 

Der vom 13. bis ins 16. Jahrhundert hinein erbaute Nordflügel des ehemaligen Klosters ist noch heute eine Scheune. Als Hofanlage wurden die Gebäude sogar noch bis ins Jahr 2007 genutzt. Da hatte der Düsseldorfer Architekt Bernhard Bramlage den im Wesentlichen Ende des 17. Jahrhunderts aus Ziegeln erbauten Ostflügel allerdings bereits für einen privaten Bauherrn zum Wohnhaus umgebaut. Nun sollten der Süd- und der Westflügel folgen.

Anstelle des ursprünglichen Westflügels hatte man in den 1930er Jahren einen eingeschossigen Wirtschaftsbau aus Ziegeln errichtet. Obwohl ebenfalls backsteinsichtig, ließ der Südflügel dagegen ein älteres Baujahr erahnen. Er musste zu den mit Ziegeln verblendeten Bauten, vermutlich aus der Entstehungszeit des Klosters, gehören. Dabei hatte man auch ihn im 19. und 20. Jahrhundert gründlich umgebaut: „Der Südflügel war von einer Zwischendecke unterteilt. Es gab im Obergeschoss eine Knechtwohnung. Im Erdgeschoss befanden sich neben dem Büro des Landwirts Kühlräume und sogar ein Schweinestall und Schlachtraum“, erinnert sich der Architekt Bernhard Bramlage. Daher entfernten die Handwerker im Gebäude alle Einbauten, die Zwischendecke und die Trockenbauwände sowie außen das Ziegelmauerwerk. Darunter steckte in der Tat eines der im 13. Jahrhundert aus Tuffstein errichteten Gebäude des Klosters. Das Rheinische Amt für Denkmalpflege (RAD) führte daraufhin zusammen mit dem Architekturbüro eine Bestandsuntersuchung durch. Das ermittelte Alter des Gebäudes war nicht die eigentliche Überraschung, auf welche die Bauforscher stießen. Das zentrale Ergebnis der Untersuchungen war nämlich, dass es sich bei den Außenwänden des Südflügels offensichtlich um einen Teil der Klosterkirche handelt. Auf Basis dieser Ergebnisse empfahl der Architekt dem Bauherrn, seine ursprüngliche Planung aufzugeben und ein alternatives Konzept zu verfolgen: „Die zunächst für den Südflügel geplante Nutzung haben wir in den Westflügel verlegt. Den Südflügel wollten wir von Einbauten freihalten, um möglichst viel vom historischen Bestand zeigen zu können. Der Bauherr hat dies akzeptiert, was für uns einen neuen Entwurf und Bauantrag in Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt nach sich zog“, so Bernhard Bramlage.

Nach Abschluss der Rückbauarbeiten traten an den Längswänden die Spuren und der Innenaufriss aus der Zeit der Kirchennutzung dieses Teils des Klosters deutlich zu Tage. Im Zuge der Freilegung entdeckte man auch die alten gotischen Fensterbögen wieder, die ehemals Teil des Kreuzgangs gewesen waren. Da sie zum Teil nur noch in Ansätzen vorhanden waren, ergänzten die Maurer sie mit Tuffsteinen und Ziegeln. Hierzu bauten sie eine klassische Maurerlehre aus Holz, die ihnen dabei half, die spitz zulaufenden Fensterbögen aufzumauern. In die Fensteröffnungen setzte der Schreiner anschließend die in der Werkstatt aus Holz gefertigten Spitzbogenfenster ein, während der Obergaden kleinere Rundbogenfenster erhielt.

„Während der Bauarbeiten haben wir auch Bestattungsreste gefunden, die dokumentiert und an Ort und Stelle belassen wurden“, erzählt der Architekt. Konsequent wird der gesamte Saal heute ohne jegliche Einbauten gezeigt. Die Wandoberflächen wurden nach einer Mörtelanalyse in Abstimmung mit dem Denkmalamt nur mit Muschelkalk geschlämmt, der bei der Firma tubag analysiert und angemischt wurde.

 

Haus im Haus

 

Mit einer vollkommen anderen Situation waren die Architekten und Handwerker beim Westflügel konfrontiert. Hier mussten die Nutzungen eingefügt werden, die aufgrund der baugeschichtlichen Bedeutung im Südflügel keinen Platz finden konnten. Auch hier entfernten die Handwerker zunächst alle Überreste aus der Zeit der landwirtschaftlichen Nutzung als Wirtschaftsgebäude. Das Ziegelmauerwerk wurde anschließend außen nur abgewaschen, innen jedoch aufgrund der vorangegangenen Nutzung sandgestrahlt. „Das Ziegelmauerwerk war wegen der Viehhaltung so sehr mit Ammoniak und dergleichen belastet, dass es als Oberfläche für einen Putz kaum getaugt hätte – von den Dämmwerten mal ganz abgesehen“, sagt der Architekt. Er entschied sich daher für ein Haus im Haus: Die Innenschale bauten die Handwerker als klassisches Holzfachwerk mit Ziegelausfachung auf. Zwischen der alten Außenwand und der neuen Innenschale wurde Zellulosedämmung eingeblasen. Die Holzbalkendecke vom Beginn des 20. Jahrhunderts konnte erhalten bleiben, wenngleich viele der Balkenköpfe verfault waren und das Holz einer umfassenden zimmermannsmäßigen Reparatur bedurfte. Auf den Holzbalken verlegten die Handwerker eine Brettschalung mit Nut und Feder, die – lediglich mit einem Anstrich versehen – ebenso wie die Balken sichtbar blieben. Um die maroden Balkenköpfe zu entlasten, lagert die alte Holzbalkendecke mit auf der neuen Innenschale auf. „Als Verputz für die Innenschale haben wir uns für Kalk entschieden, da die Handwerker im Gebäude auch früher schon mit Kalkputz gearbeitet hatten“, so Bernhard Bramlage. Der Anstrich erfolgte zum Teil mit Silikatfarbe, zum Teil mit Kaseinfarbe. In die vorhandenen Fensteröffnungen setzte der Schreiner die in der Werkstatt auf diese Maße exakt gefertigten Holzfenster ein. 

Brücke zwischen

sieben Jahrhunderten

 

Der Süd- und der Westflügel des ehemaligen Klosters werden über eine Eingangshalle miteinander verbunden, die sich durch ein rundes Tor in der aus römischem Quadermauerwerk bestehenden Stirnwand der ehemaligen Kirche zum Saal hin öffnet. Hier bauten die Schreiner eine geschlossene Holztreppe ein, die zu einer Empore führt. Von dort aus gelangt man über eine Holzbrücke durch eine rechteckige Öffnung in der Quadermauer oberhalb des Torbogens auf einen Balkon, von dem aus man einen beeindruckenden Ausblick in den Saal und damit in die Geschichte des Klosters hat. Unter der Empore befindet sich ein kleines Kino, das bereits zum Westflügel gehört.

Fazit

 

Der Umbau der beiden Flügel des ehemaligen Zisterzienserinnenklosters, insbesondere aber die Restaurierung des Südflügels, zeigt, dass man die Kirche der Zisterzienserinnen nach der Säkularisierung eben doch nicht ganz abgerissen hatte: Der Seitenflügel der einst zweischiffigen Kirche hat – in Gestalt des Südflügels versteckt – die Zeit überdauert und wurde aufgrund der Rückbauarbeiten wiederentdeckt. Das forderte nicht nur vom Bauherrn, sondern auch vom Architekten eine große Flexibilität: Die Planung und der Entwurf bis hin zum Bauantrag mussten neu aufgestellt werden. Das Resultat kann sich sehen lassen. Die ursprünglich für den Südflügel vorgesehene Nutzung befindet sich nun im sieben Jahrhunderte später errichteten Westflügel. So konnte das ehemalige Seitenschiff der Kirche von Einbauten freibleiben. Der Saal wird heute als Veranstaltungsraum für Konzerte genutzt oder dient der Familie im „Alltagsbetrieb“ als erweiterter Wohnraum.

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