Haus des Wissens
Modernisierung der Leipziger Stadtbibliothek

Den erst seit 1991 als Bibliothek genutzten Bau am Leipziger Wilhelm-Leuschner-Platz hatte Hugo Licht 1897 ursprünglich als Museum erbaut. Nun wurde nach umfangreicher Modernisierung aus dem denkmalgeschützten Gebäude nach Plänen des Büros kister scheithauer gross (ksg) eine moderne Stadtbibliothek.

Das Gebäude der Leipziger Stadtbibliothek war eigentlich nie als solches gedacht: Der örtliche Stadtbaurat Hugo Licht erbaute es von 1894 bis 1897 als Museum für Kunsthandwerk. Doch schon 1927 verlor das so genannte Alte Grassimuseum seine ursprüngliche Funktion. Im Zweiten Weltkrieg durch Bomben 1943 stark beschädigt, diente der nur unzureichend reparierte Altbau am Wilhelm-Leuschner-Platz noch bis 1990 als Büro. Erst nach der Wende wurde aus dem „Licht-Bau“ eine Bibliothek, die ein Provisorium blieb.

Als Hauptstelle der Städtischen Leipziger Bibliotheken muss das Gebäude heute jedoch vielfältige Anforderungen erfüllen. Entsprechend intensiv wird es genutzt. Brisant wurde die Situation, als der Bibliothek 2006 aufgrund der maroden Bausubstanz die Schließung drohte. Zwei Jahre später entschloss sich der Stadtrat zu einer grundle-     genden

Sanierung und Modernisierung und beauftragte das Büro kister scheithauer gross architekten und stadtplaner GmbH mit der Planung. Neben einer brandschutz- und sicherheitstechnischen Ertüchtigung sollte das Gebäude darüber hinaus von innen und außen saniert werden. „Mit der Akquise von Drittmitteln und durch das Konjunkturprogramm II ist es gelungen, den Bauablauf zu verkürzen und das Gebäude vollständig zu räumen“, erinnert sich der Leipziger Kulturbürgermeister Michael Faber.

Instandsetzung und Reinigung der Fassaden 

Zunächst musste die repräsentative Natursteinfassade auf der Nordseite gereinigt und der Putz auf dem Backsteinmauerwerk des Rundbaus im Innenhof des U-förmigen Gebäudes erneuert werden. Hierzu entfernten die Handwerker den Altputz am Rundbau und reinigten das darunter liegende Backsteinmauerwerk im Softstrahlverfahren, um Putzreste und Schmutz zu entfernen. Danach trugen sie den neuen Wärmedämmputz in mehreren Lagen auf. Die Klinkerfassade der Seitenflügel war in einem noch vergleichsweise guten Zustand. Sie wurde lediglich abgebürstet, Fugen erneuert und abschließend imprägniert.

Rückbau und Überraschungen 

Die wesentlichen Sanierungsarbeiten fanden im Gebäude statt. Vor allem durch die Büronutzung waren die historischen Oberflächen im Gebäude verdeckt und die einst großen Räume in viele kleine aufgeteilt. Für die Handwerker galt es daher im ersten Arbeitsschritt, durch umfangreiche Rückbauarbeiten die historische Struktur in den Geschossen wieder frei zu legen. Hierzu mussten sie vor allem die vielen abgehängten Decken entfernen. „Überaus spannend war das Projekt im Abriss, als sich unerwartete historische Strukturen zeigten – konstruktive aber auch dekorative – wie die historische Ausmalung von Kappendecken“, sagt Professor Johannes Kister. „Es galt, die Spuren des Architekten Hugo Licht zu berücksichtigen und die Innenräume des früheren Museums mit dem modernen Bibliotheksbetrieb zu vereinen. Glücklicherweise dienen beide Nutzungen, sowohl die ehemalige als Museum als auch die neue als Bibliothek, der Kommunikation von Menschen. Ein Aspekt, der die Transformation ungemein erleichterte und insbesondere im Eingang und der Treppenhalle nun gut erlebbar ist.“

Feuchte und Salz im Mauerwerk 

Nachdem die Handwerker alle hinzugekommenen Einbauten abgerissen hatten, entfernten sie auch den alten, schadhaften Innenputz. Dort, wo sich Feuchteschäden am Mauerwerk zeigten, musste anschließend sandgestrahlt werden. Da diese Mauerabschnitte auch mit Salz belastet waren, trugen die Handwerker einen Salzspeicherputz auf. Alle nicht mit Feuchte oder Salz belasteten Wandabschnitte erhielten entweder einen neuen, zweilagigen Innenputz mit anschließendem Dispersionsanstrich oder nur einen weißen Dispersionsanstrich.

Ertüchtigung der alten Decken 

Aufgrund der brandschutztechnischen Anforderungen mussten die Handwerker sämtliche sichtbaren Stahlflächen der alten Kappendecken mit Putz überdecken (F90). Die aus statischen Gründen neu eingebauten Stahlunterzüge und -stützen erhielten eine Verkleidung, die ebenfalls in F90-Qualität ausgeführt werden musste. Aus akustischen Gründen erforderliche Deckensegel hängten die Handwerker an feinen Drähten zwischen den Unterzügen ab. Klassisch abgehängte Gipskartondecken gibt es nur in den Seminar-, Büro- und Sanitärräumen der Galerie und, aus brandschutztechnischen Gründen, doppelt beplankt in den Fluren.

Oberlichtsaal im zweiten Obergeschoss und Dächer 

Viel Wert wurde in der Planung und Ausführung auf die Gestaltung des Oberlichtsaals im zweiten Obergeschoss gelegt. Durch die aus Profilstahl gebaute Tragkonstruktion der neuen Glasdecke und die darüber als thermisch getrennte Pfosten-Riegelkonstruktion montierte Schrägverglasung gelangt viel Tageslicht in den Raum. Den nicht verglasten Teil der Decke mussten die Handwerker im Oberlichtsaal aus akustischen Gründen mit Lochplatten bekleiden. Eine Fußbodenheizung schafft Platz für Ausstellungen an den Wänden. Für das neue Dach im Westflügel verwendeten die Handwerker eine Mischkonstruktion aus Holz und Stahl: für die Haupttragkonstruktion Profilstahl und für die darauf aufliegende Konstruktion mit Dachlatten und Schalung Holz. Hier wurden auch neue Dachflächenfenster eingebaut und die Dächer mit Mineralwolle gedämmt.

Ein Ort der Wissensvermittlung für alle 

Natürlich bedarf eine moderne Bibliothek einer barrierefreien Erschließung: Der bereits vorhandene Aufzugsschacht wurde mit neuer Technik ausgestattet, und ein neuer Aufzugsschacht aus Stahlbeton kam mit entsprechender Technik hinzu. Die barrierefreie Erschließung erfolgt vom Wilhelm-Leuschner-Platz aus über einen Hublift links neben dem Haupteingang.

Dank der Modernisierung entspricht das denkmalgeschützte Gebäude den heutigen Anforderungen an eine moderne Bibliothek: Selbstverbuchung, Benutzung auch während der Nachtzeiten, sowie Print-on-Demand sind nun möglich. Aus der alten Bibliothek wurde für rund 15 Millionen Euro ein modernes Dienstleistungsgebäude und ein Ort der Wissensvermittlung. Über 8 Millionen Euro der Kosten kamen aus Mitteln des Bund-Länder-Programms Stadtumbau Ost und aus dem Konjunkturpaket II. Erwartet werden etwa eine Millionen Besucher pro Jahr, die im ehemaligen Grassimuseum nun den kompletten Service einer öffentlichen Bibliothek nutzen können.

Autor

Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

Baubeteiligte (Auswahl)

Bauherr Stadt Leipzig 

Architekten kister scheithauer gross architekten und stadtplaner GmbH, Leipzig 

Statik HJW + Partner, Leipzig 

Rohbauarbeiten Baugeschäft Ralf Gallasch, Mark-Schönstädt 

Trockenlegungsarbeiten GTS Gaithainer, Frankenhain 

Entsalzungsarbeiten Bautenschutz Hartung, Leipzig 

Putz- und Dämmarbeiten TOP Steinbau, Niedercrinitz 

Natursteinarbeiten FX Rauch, Leipzig 

Estrichlegerarbeiten KFK Estrichbau, Torgau

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