Komplettiert Umbau des Nord- und Westflügels der Moritzburg in Halle/Saale

Die Moritzburg in Halle an der Saale wurde bereits vor mehr als 100 Jahren zum Museum: Damals ergänzte man die Ruine der spätmittelalterlichen Burganlage durch neue Bauteile im Süd- und Ostflügel und eröffnete dort 1904 das „Kunstgewerbemuseum“. Im vergangenen Jahr vollendete das spanische Büro Nieto Sobejano Arquitectos den langen Umnutzungsprozess durch den Einbau einer expressionistischen Dachkonstruktion, die dem „Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt“ durch die Reaktivierung des Nord- und Westflügels 2100 m2 zusätzliche Ausstellungsfläche beschert.

Die Moritzburg wurde 1484 bis 1503 im Auftrag des Erzbischofs Ernst von Sachsen errichtet. Die vierflügelige Burg wird an den Ecken von Rundtürmen gefasst. Im Innenhof finden sich vor allem an den Fensterfassungen in erster Linie gotische Architekturelemente, während die wehrhaften Außenmauern schon Merkmale der aufkeimenden Renaissance zeigen. Im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) brannten zunächst West- und Nordflügel aus. Wenige Jahre später sprengten schwedische Truppen auch noch den Eckturm im Südwesten, so dass die einst stolze Moritzburg nur noch eine Ruine war. Gänzlich aufgegeben wurde das über der Stadt thronende Bruchsteingemäuer jedoch nicht: So ergänzte man im Barock auf der Ostseite ein Lazarett. Schließlich wollte Karl-Friedrich Schinkel 1829 sogar Teile der Burg zu einer Universität umbauen, was sich jedoch nicht verwirklichen ließ. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde in den mittlerweile akut einsturzgefährdeten Nordflügel eine Turnhalle für die Universität eingefügt und auf der Ost- und Südseite ein historisierender Wehrgang errichtet. Zudem rekonstruierten die Hallenser auf der Südseite anstelle eines maroden Wirtschaftsgebäudes das 1882 in der Stadt abgerissene „Talamt“, fügten die erhaltenen Innenausstattung in den Neubau ein und eröffneten dort 1904 das „Kunstgewerbemuseum“. Die gotischen Gewölbe des nur noch als Ruine erhalten gebliebenen Westflügels dienten in den kommenden Jahrzehnten als Lageraum des Museums und konnten nach dem Zweiten Weltkrieg als „größtes Souterrain-Museum der DDR“ sogar in den Museumsbetrieb integriert werden. Bis 1989 bot der charmante architektonische Flickenteppich der Moritzburg neben dem Museum und der Sporthalle im Nordflügel zahlreichen kulturellen Aktivitäten eine Heimat und verfügte darüber hinaus sogar über einen exklusiven Weinkeller. Nach der Wende verschwand die Kleinkultur nach und nach aus der Moritzburg, und auch die nach westlichen Maßstäben veraltete Turnhalle wurde nun nicht mehr genutzt. Das Museum hingegen, das mittlerweile den Status des Landesmuseums von Sachsen-Anhalt hatte, drohte aus allen Nähten zu platzen: Lediglich eine Fläche von 970 m2 für Dauerausstellungen und 600 m2 für Sonderausstellungen standen den Kuratoren zur Verfügung, so dass so manche Sonderausstellung gar in der alten Turnhalle präsentiert werden musste.


Revitalisierung des Nord- und Westflügels


Als sich der Stiftung Moritzburg 2001 die Möglichkeit bot, die renommierte Sammlung Hermann Gerlinger an das Museum zu binden, wurde eine Erweiterung der Ausstellungsfläche sowie eine umfassende Modernisierung der Museumstechnik unausweichlich. Ein Neubau kam jedoch nicht infrage, so dass sich der Bauherr zur Erweiterung des Museums für den Um- und Ausbau des Nord- und Westflügels entschied. Die formale Lösung dieser Bauaufgabe sollte in einem internationalen Wettbewerb gefunden werden, der Ende 2003 ausgeschrieben wurde. Aus über 300 Bewerbungen wählte die Jury den Entwurf des spanischen Architekten-ehepaars Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano aus, der die beiden Bauteile durch ein expressionistisches L-förmiges Dach weithin sichtbar zu einer Einheit zusammenfasst. Die Innenräume wurden dabei in ihrer Weitläufigkeit, die vor allem die Ruine des Westflügels jahrhundertelang prägte, erhalten: Anstatt die riesigen Flächen mit neuen Innenwänden zu zonieren, hängten die Architekten in beiden Gebäudeteilen eine schlichte Ausstellungs-Box von der Stahlfachwerkkonstruktion des neuen Daches ab, die jeweils über eine neue Galerie erschlossen wird. So musste dem alten Gemäuer durch den unumgänglichen Einbau eines Erschließungstreppenhauses mit Fahrstuhl an der Nahtstelle zwischen Nord- und Westflügel lediglich ein einziger ernsthafter Eingriff zugefügt werden. Sämtliche neuen Bauteile sind in den Innenräumen durch weiße Oberflächen auf den ersten Blick zu erkennen. Das originale, bis zu 4 m dicke Schalenmauerwerk des Westflügels blieb jedoch in seiner schroffen Oberfläche erhalten; die im 19. Jahrhundert hinzugefügten Wände aus Mischmauerwerk erhielten einen Schlämmputz. Während das neue Dach die Innenräume der beiden Burgflügel wie ein aufgelegter Papierstreifen ohne große Geste abdeckt, gibt es sich nach außen deutlich selbstbewusster: Aus der mit walzblankem Aluminium bekleideten Dachfläche erheben sich vier kubistische Aufbauten, die durch Oberlichter das innere der beiden Boxen wie auch die großen Burgräume belichten. Das wogende Dach ist dabei durch die mutige Materialwahl nicht nur zum weithin sichtbaren Markenzeichen des Museums geworden, sondern nimmt durch seine unregelmäßige Gestalt gleichzeitig auch Bezug auf die in verschiedenen Jahrhunderten entstandenen Bestandteile der heutigen Burganlage mit ihrer ebenfalls heterogenen Dachfläche. Das schimmernde Aluminium charakterisiert auch die beiden anderen neuen Bauteile: Den hofseitigen Haupteingang im Nordflügel (siehe Bild oben) sowie den modernen Treppenturm, der die Moritzburg anstelle des gesprengten Südwestturms in moderner Formensprache komplettiert. Auf der Hofseite wird die Kombination von altem Bruchstein und neuem Aluminium durch ein Fensterband ergänzt, das über die Galerie den Blick auf die alten Mauerstümpfe ermöglicht. Damit gibt sich die Museumserweiterung eindeutig als Architektur des 21. Jahrhunderts zu erkennen und fügt der Collage aus verschiedenen Stilepochen ein neues Kapitel hinzu. Die moderne Erweiterung wurde der alten Bausubstanz aber keineswegs aufgezwungen: An vielen kleinen Details, wie beispielsweise der Positionierung der neuen Fenster, der in den Brüstungen, im Fußboden und unterhalb der Galerie versteckten Museumstechnik oder der konsequenten Fugen zwischen Alt und Neu, wird der große Respekt der Planer vor dem 500 Jahre alten Bestand deutlich.

Statik


Der Entwurf von Nieto Sobejano erhielt den Zuschlag jedoch nicht nur aus gestalterischen Gründen, sondern auch aufgrund des dahinter stehenden statischen Konzeptes: Das neue Dach trägt seine Lasten ausschließlich in die 2,5 bis 4 m dicken Außenwände der Burg ab. Dadurch war zum einen der Verzicht auf Innenwände oder Stützen und damit die Erhaltung des großartigen Raumeindrucks im Westflügel möglich. Außerdem mussten die alten Gewölbe in den unteren Geschossen keine neuen Lasten aufnehmen, was angesichts der dort bereits im 19. Jahrhundert montierten Verstärkungen auch ratsam erschien. Da das Dachtragwerk eine Breite von immerhin 15 m stützenfrei überspannt, stellte die Berechnung der Konstruktion für den Statiker eine große Herausforderung dar. Das Ergebnis ist ein Gesamtkunstwerk, bei dem kein Träger dem anderen gleicht und das 350 Tonnen wiegt.


Entkernung der Burgruine


In der Ausschreibung des Wettbewerbs war gefordert worden, Vorschläge für die künftige Nutzung der baugeschichtlich erhaltenswerten Turnhalle im Nordflügel zu machen. „Wir haben uns vor Ort umgesehen und schnell gemerkt, dass sämtliche nicht originalen Einbauten einem konsequenten Entwurf im Wege standen“, erinnert sich Sebastian Sasse, der für die Umsetzung des Entwurfes verantwortliche Projektarchitekt des Büros Nieto Sobejano Arquitectos. „Deshalb haben wir uns entschieden, mit unserem Vorschlag für einen Rückbau der Turnhalle zu plädieren.“ Eine mutige Entscheidung, der jedoch letztlich auch die Denkmalpflege zustimmte. So entfernten die Handwerker vor Beginn der eigentlichen Umbauarbeiten zuerst einmal die Turnhalle und alle weiteren Einbauten aus den Gewölbekellern. Hierfür waren jedoch umfangreiche Sicherungsarbeiten an der hofseitigen Wand des Nordflügels nötig, die vor dem Abbau der Turnhalle mit einem Gerüst abgestützt werden musste.


Erschließungskern und neue Betondecken


Zur Erschließung des Gebäudes musste ein modernes Treppenhaus mit Aufzug in die Burg integriert werden. Hierzu war es nötig, die Gewölbedecke des Untergeschosses auf einer Fläche von 3 x 6 m zu durchstoßen, was einer der massivsten Eingriffe in die Originalsubstanz der Moritzburg war. Um das Gewölbe an dieser Stelle abzufangen, bauten die Handwerker rund um den geplanten Durchbruch stabilisierende Stahlstützen ein, die wie Streichhölzer aus dem Mauerwerk herausragten. Danach konnte das Gewölbe behutsam durchbrochen und der Treppenhausschacht betoniert werden. Nach dem Ausschalen der neuen, stabilisierenden Betonkonstruktion entfernten die Handwerker die provisorischen Stahlstützen wieder.

Weiterhin war es im Nordflügel wie im Westflügel nötig, je eine neue Betondecke einzubauen: Im Erdgeschoss beider Bauteile wurde dazu der alte Holzfußboden ausgebaut und die neuen Decken über Konsolen mit Abstand auf die originalen Gewölbe aufgesetzt. Abschließend erhielten diese neuen Decken einen Belag aus Industrie-Terrazzo.

Einbau der Galerien


Um die Galerien zur Erschließung der neuen Ausstellungs-Boxen in den Außenmauern des Nord- und Westflügels verankern zu können, setzten die Handwerker in einem zuvor exakt festgelegten Raster Kernbohrungen mit einem Durchmesser von jeweils 40 cm, in denen anschließend Stahlträger einbetoniert wurden. Auf diesen Stahlträgern wurden anschließend die Galerien betoniert. Bei der Ausführung der Kernbohrungen merkten die Handwerker allerdings schnell, dass es sich hier keineswegs um das erwartete Massivmauerwerk handelte. „Die Außenwände bestehen aus so genanntem Schalenmauerwerk“, erklärt Bauleiter Karl-Heinz Bosse. „Bei solchen Mauern sind nur die Außenschalen massiv, während der große Zwischenraum mit Bauschutt verfüllt wurde. Diese Verfüllung ist natürlich bei weitem nicht so tragfähig wie das massive Mauerwerk und wurde häufig auch nur halbherzig verdichtet, so dass es oft viele Hohlräume gibt.“ Da die Architekten jedoch schon beim Aufmaß festgestellt hatten, dass sich die Wände nach außen wölbten, schien es angesichts des 350 Tonnen schweren Dachtragwerks ratsam, die alten Mauern zu ertüchtigen. Dazu sollten zwischen den Fenster durch seitliche Bohrungen in die Laibungen Maueranker eingebracht werden, was sich zunächst als schwierig darstellte: Erst versickerte nämlich das Bohrwasser in den Hohlräumen des Schalenmauerwerks und dann die Injektionsmasse. Daraufhin brachte eine Spezialfirma 1900 Strumpf-Injektionen ein: Dabei wurde nach einer zweistufigen Trockenbohrung ein Gewebestrumpf um die Gewindestange gelegt, der dem Injektionsbeton zwar die Ausdehung ermöglicht, ihn aber nicht mit dem Mauerwerk in Kontakt bringt. „Wir wollten einfach nicht riskieren, dass das Salz im Beton mit dem Gips im Mauerwerk reagiert, was möglicherweise zu Aufsprengungen in den alten Wänden hätte führen können“, erklärt der Bauleiter. Insgesamt wurden in der Moritzburg auf diese Weise rund zwei Kilometer Maueranker eingebracht.


Dachkonstruktion


Die einzelnen Stahlträger des Raumfachwerks der Dachkonstruktion fertigte der Metallbaubetrieb in der Werkstatt nach den Plänen des Statikers an. Die Stahlträger wurden zum Teil bereits vormontiert auf die Baustelle geliefert und dann mit dem Kran zum Einbauort gehoben. Vor der Montage des Dachtragwerks hatte der Rohbaubetrieb einen umlaufenden Ringanker auf den Mauerkronen des West- und Nordflügels gegossen, der die Last der schweren Stahlfachwerkkonstruktion gleichmäßig verteilen kann. In diesen Ringanker wurden in regelmäßigem Abstand Stahlkonsolen einbetoniert, an denen die Stahlbauer die ersten Träger der Dachkonstruktion mit Schrauben befestigten. Nach der Fertigstellung des Primärtragwerks folgte eine Lage Trapezbleche als verlorene Schalung, eine Dampfsperre, die Dämmschicht, eine Abdichtung als zweite wasserführende Ebene sowie im Primärtragwerk verankerte Konsolen, die wiederum die Unterkonstruktion der abschließenden Aluverkleidung aufnahmen. Diese Alutafeln wurden vom Metallbaubetrieb in der Werkstatt nach CAD-Plänen auf Maß vorgefertigt und auf der Baustelle nach einem exakten Verlegeplan montiert.

An der Unterseite des Primärtragwerks konstruierten die Stahlbauer im Nord- und im Westflügel je eine Ausstellungs-Box, die wie das Dachtragwerk aus Stahlträgern besteht und anschließend mit Gipskartonplatten beplankt wurde.


Fenster und Haustechnik


Um für die wertvollen Exponate optimale klimatische Bedingungen zu schaffen, aber auch, um in Zukunft renommierte Wanderausstellungen nach Halle locken zu können, mussten die Räume angemessen klimatisiert werden. Gleichzeitig sollte jedoch der Charakter einer Ruine erhalten bleiben. Deshalb entschieden sich die Architekten, die neuen Fenster in den tiefen Laibungen weit nach innen zu versetzen. Vor dem Einbau wurden die Laibungen an der entsprechenden Stelle geschlitzt und ein Heizdraht eingebaut, um Schwitzwasser zu vermeiden. Die Rahmen konnten schließlich mit einer Gummilippe dicht am unebenen Mauerwerk befestigt werden. Die Brüstungen der Fenster verbergen hinter einer Klappe jeweils eine Heizung, die Heizkreisverteiler der Fußbodenheizung sowie einen Feuerlöscher. Die Zu- und Abluftleitungen der Klimaanlage verschwanden hingegen im Fußboden und im Hohlraum unter den Galerien.


Fazit


Durch die mutige Revitalisierung des Nord- und Westflügels präsentiert sich die Moritzburg seit 400 Jahren nun endlich wieder als eine geschlossene Einheit. Dabei wurde dem bis ins Mittelalter zurückreichenden Gebäudeensemble zwar ein modernes architektonisches Kapitel hinzugefügt; der morbide Charme des Verfalls blieb dem Gemäuer aber dennoch erhalten, so dass die Hallenser nach wie vor von ihrer „Ruine“ sprechen können. Nicht zuletzt erhielt das zuvor ständig unter Platzmangel leidende Kunstmuseum des Landes Sachsen Anhalt nun endlich die Räumlichkeiten, die sich die damaligen Verantwortlichen wohl schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewünscht hätten. Die sich bietenden Chancen wurden hier beispielhaft genutzt: Die wertvolle Bausubstanz der ältesten Teile der Burg sind für die kommenden Jahrzehnte gesichert, das Gebäudeensemble wieder komplettiert und das Museum mit großzügigen, mit moderner Technik ausgestatteten, vor allem aber charaktervollen Räumen ausgestattet. Davon hätte die Stiftung Moritzburg vor ein paar Jahren noch nicht einmal zu träumen gewagt.

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