Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Denkmalschutz ist noch lange kein Garant für den Erhalt baukulturell bedeutsamer Gebäude. Es gibt immer wieder dem Denkmalschutz übergeordnete Interessen. Ein Instrument zum Aushebeln des Denkmalschutzes ist die Verkehrsplanung. Stehen denkmalgeschützte Bauten den gestiegenen oder wie auch immer veränderten Ansprüchen von Verkehrswegen wie Straßen, Schienen oder Kanälen im Weg, so können diese den übergeordneten Interessen zum Opfer fallen. Im Zuge der Wiedervereinigung wurde beispielsweise als ein übergeordnetes Ziel der Verkehrsplanung die Verbesserung der Ost-West-Verbindungen beschlossen – auch der Wasserwege. Also verbreiterte man die Kanäle, damit auch zwei größere Schiffe bequem aneinander vorbeifahren können, was in vielen Kanälen aber so gut wie nie vorkommt. Der Kanalverbreiterung fielen viele – auf manchen Streckenabschnitten sogar alle – unter Denkmalschutz gestellten Wasserbauten, wie Brücken oder Stauanlagen, zum Opfer. Sie waren schlicht und einfach zu klein oder zu kurz und wurden abgerissen.

Auch in Stuttgart verschwindet derzeit ein denkmalgeschützter Verkehrsbau: der nach Plänen des Architekten Paul Bonatz 1922 (erster Bauabschnitt) und 1927 (zweiter Bauabschnitt) fertig gestellte Kopfbahnhof. Er soll – wie wohl jeder weiß – dem neuen unterirdischen Bahnhof weichen. Wie auf Seite 4 in dieser Ausgabe der bauhandwerk zu lesen, sollen die Abrissarbeiten am Südflügel bereits in Kürze abgeschlossen sein. Dabei ist gerade dieser Gebäudeabschnitt voller baukulturell bedeutsamer Räume, Bauteile und gestalterischer Details.

Es sieht ganz so aus, als mache sich hierzulande wieder eine Abrissmentalität breit, wie man sie schon längst überwunden glaubte. So sollen auch in Bautzen demnächst einige Baudenkmäler abgerissen werden. Dort wird am Rande der Altstadt gleich ein ganzes Quartier verschwinden – inklusive fünf denkmalgeschütz­er Gebäude (darunter eine Posthalterei aus der Mitte des 18. Jahrhunderts). Auch in Zittau soll ein ganzes Karree weichen, und auch auf diesem befinden sich dreizehn Häuser, die als Teil der historischen Altstadt Ensembleschutz genießen. Selbst vorm Weltkulturerbe mach die Abrisslust nicht halt: In Bamberg ist an der Stadtmauer auf einer Fläche von rund 10 000 m2 eine neue Einkaufswelt geplant, und dafür muss Einiges, das noch aus der Renaissance stammt, verschwinden.

Kann man da noch positiv denken? Wir sollten retten, was noch zu retten ist. Welche Arbeiten erforderlich sind, um ein historisches Gebäude dauerhaft vor dem Verfall zu bewahren, damit beschäftigen wir uns ausführlich in der Rubrik Sanieren + Restaurieren ab Seite 46 in dieser Ausgabe der bauhandwerk.

 

Viel Erfolg bei der Arbeit wünscht Ihnen

Denkmalschutz ist noch lange kein Garant für den Erhalt baukulturell bedeutsamer Gebäude

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