Perle am Ostseestrand Rekonstruktion der Villa „Großfürstin Marie – Perle“ in Heiligendamm

Beim Wiederaufbau der ursprünglich im 19. Jahrhundert an der mecklenburgischen Ostseeküste von Heiligendamm erbauten Villa „Großfürstin Marie – Perle“ verwendeten die Maurer und Stuckateure traditionelle Baustoffe wie Ziegel und mineralischen Putz und Stuck.

Die Perlenkette in Heiligendamm, ein Ensemble aus sieben Strandvillen mit spektakulärem Meerblick, zählte einst zu den prachtvollsten architektonischen Schmuckstücken an der mecklenburgischen Ostseeküste – und sie soll es wieder werden. Die Entwicklungs-Compagnie Heiligendamm (ECH) hat es sich zum Ziel gesetzt, die historischen Bauten nach und nach wieder aufzubauen.

Wiederaufbau der Villa  „Großfürstin Marie – Perle“

Die auch als Loggierhäuser bezeichnenten Sommerresidenzen entstanden von 1854 bis 1861 für den europäischen Hochadel. In der Folgezeit erlebten sie eine wechselvolle Geschichte: Sturmhochwasser, Soldatenunterkünfte im Zweiten Weltkrieg bis zum Umbau in der DDR. Bei der Bestandsaufnahme 1997 stand fest: Einige Gebäude wiesen von ihrer architektonischen Ursprünglichkeit nichts mehr auf und hatten irreparable Schäden am jeweiligen Dachstuhl, in den Wasser eingedrungen war. Auch die 1854 erbaute Villa „Großfürstin Marie – Perle“, die 1874 für die Zarenhochzeit erweitert auch zum größten der Loggierhäuser wurde, musste 2007 aufgrund maroder Bausubstanz abgerissen werden. Die ECH beschloss, alle Villen nach den historischen Architekturvorbildern wieder zu errichten beziehungsweise zu sanieren und begann 2010 mit der Villa „Großfürstin Marie – Perle“ als ihr erstes Projekt.

Ziel war es, die kulturhistorische Bausubstanz nach dem Erscheinungsbild von 1920 wieder herzustellen – eine Hochzeit der Bäderarchitektur. Dafür mussten Anforderungen des Ensembledenkmalschutzes erfüllt werden: dunkle Dacheindeckung, entsprechende Farb- und Fensterkonzepte, detailgetreue und hochwertige Stuckarbeiten.

Zur Rekonstruktion entschied sich Architekt Klaus Klingler von der ECH für ein System aus Poroton-Ziegeln und aus den zum System gehörenden Ergänzungsprodukten – sowohl für die Außen- als auch für die Innenwände. Heute befinden sich in der 2012 im klassizistischen Stil fertiggestellten Villa auf drei Etagen acht Eigentumswohnungen – allesamt mit Blick auf die Ostsee.

Mit Ziegeln wieder massiv erbaut

Beim Ausheben der Baugrube stellte zum einen das Schichtenwasser, also das Ableiten von Wasseradern, besondere Herausforderungen an die Wasserhaltung. Zum anderen mussten die Außenwände gegen Abrutschen gesichert werden. Hierfür verwendete man einen so genannten Essener Verbau: Vertikal eingebrachte Stahlträger, rückverankert im Erdreich und mit Holzbohlen abgeschalt. Darin betonierten die Rohbauer den Keller als druckwasserdichte Weiße Wanne – aber nicht, wie man meinen könnte, um dem Meerwasser, sondern eben um dem vom Land herkommenden Schichtenwasser standzuhalten.

Für die auf der Kellerdecke aufgehenden Außenwände verwendeten die Maurer der August Reiners Bauunternehmung den mit Perlit verfüllte Poroton-S11-P in den Dicken 30 cm und 36,5 cm. Mit der Druckfestigkeitsklasse 10 bietet der Wandbildner sichere statische Eigenschaften für den Geschosswohnungsbau. Durch die geringe Wärmeleitfähigkeit des S11-P von
0,11 W/mK erreicht die Außenwand einen niedrigen U-Wert von 0,28 W/m2K. Ergänzende Ziegelprodukte wie wärmegedämmte U-Schalen und Stürze sowie Deckenrandschalen optimieren Wärmebrücken und schaffen einen einheitlichen Putzgrund für die hochwertige Stuckfassade. Anschlussdetails über Tür- und Fensteröffnungen konnten die Handwerker so monolithisch sicher ausführen. Der von Hand angerührte, mineralische Putz für die Fassade sowie die weiße Silikatfarbe unterstreichen den Qualitätsanspruch an die verwendeten Baustoffe.

Für die Wohnungstrennwände riet Margitta Zielecke, Key-Account-Managerin bei Wienerberger, zum Einbau spezieller Poroton-Schallschutzziegel, die mit ihrer hohen Rohdichte sehr gute Schallschutzwerte bieten: „Gerade bei einem Gebäude dieser Güteklasse erwarten die Wohnungsbesitzer Ruhe in den eigenen vier Wänden. Schallschutzziegel harmonieren außerdem bauphysikalisch bestens mit den Ziegeln für die Außenwand.“ Die so erbauten Innenwände verputzten die Handwerker klassisch mit Gips. Im Keller kam wegen der Feuchte regulierenden Eigenschaften ein Kalziumsilikatputz zum Einsatz. Beton verwendete man in der Villa Perle nur für die Weiße Wanne des Kellers, die Decken, die Treppenhäuser und für die Aufzugsschächte sowie als tragende Konstruktion für das Dach. Auf diese ließ der Architekt ein hinterlüftetes Sparrendach setzen, das die Spengler mit anthrazitfarbenem Zinkblech verkleideten.

Historische Pracht neu mit Stuck entfacht

Entsprechend dem historischen Vorbild erhielt die Villa verzierte und verspielte Balkone und Loggien, Veranden, Freisitze, eine begehbare Dachterrasse mit Turm, Fassadenschmuckwerke und umlaufende Gesimse sowie horizontale Bänderungen und Fensterfaschen.

Aufwendig war die Anfertigung des Fassadenschmucks und der Stuckaturen, denn alle Profile und Ornamente wurden vor Ort gefertig. Es gibt also keine Fertigteile. Bei der Anfertigung des Fassadenschmucks zeigte sich, dass durch die dicken Außenstege des S11 gerade die traditionellen Mörtelmischungen und Techniken mit dem modernen Baustoff Poroton eine sehr gute und leicht beherrschbare Kombination bilden. Zunächst brachten die Handwerker eine Leichtputzschicht mit eingebettetem Armierungsgewebe und darauf eine härtere Schicht aus industriell gefertigtem Werktrockenmörtel auf. „Die Lösung besteht darin, für die zu putzenden Bereiche über den Antrag einer weichen Pufferzone aus Leichtputz und der darauf folgenden Einbettung eines Armierungsgewebes in eine härtere Mörtelschicht einen Putz zu schaffen, der zwar die alte Putzregel ,innen hart, außen weich´ auf den Kopf stellt, aber geeignet ist, den Putzgrund Poroton für den nachträglichen Auftrag einer klassisch geriebenen Feinputzschicht zu neutralisieren. Über diese Art des Putzens werden die Spannungen aus dem Untergrund wieder über eine Vielzahl von kleinen bauunschädlichen Rissen abgeleitet“, erläutert Stuckateurmeister Sebastian Rost, der mit seinem Team für die nachfolgenden Stuckarbeiten an der Villa Perle verantwortlich war. Sein Meisterbetrieb ist in den Bereichen Stuck, Putz und Restaurierung besonders qualifiziert.

Mit der Gesimsziehmörtelmischung konnten kleinere Gesimse und Verzierungen mit geringen Ausladungen unter 5 cm ausgeführt werden. Für größere Aufbaudicken griffen Sebastian Rost und seine Mitarbeiter auf eine Technik des 19. Jahrhunderts zurück: Über Rabitzkonstruktionen – vor Ort hergestellte Drahtkörbe, die mechanisch mit den Ziegeln verbunden werden – konnten die teils weit ausladenden Profile unter Verwendung klassischer Mörtelmischungen mit der Schablone gezogen werden. Zudem kamen Schablonen für Stuckprofile beim Innenausbau zum Einsatz. Auch hier trugen die Stuckteure unter den Decken den Stuckgips von Hand an und zogen ihn mit der Schablone zum Profil.

Aber nicht nur Profile mussten von den Stuckateuren handwerklich hergestellt werden. Zudem modellierten sie mit einem auf das Putzsystem abgestimmten Fertigmörtel nach Handskizzen kunstvolle Stuckaturen als Fassadenschmuck.

Die gestalterische Rekonstruktion blieb in ihrer hohen Qualität bis ins Detail jedoch nicht beim Stuck stehen. Auch die schmiedeeisernen Balkone wurden anhand historischer Fotografien modelliert und anschließend im Eisengussverfahren hergestellt. Es gibt nur noch wenige Schmiedebetriebe in Deutschland, die diese Handwerkskunst beherrschen.

„Mit der Villa Perle ist das erste Schmuckstück dieses einzigartigen Gebäudeensembles wiedererstanden. Was wir hier an Aufwand betrieben haben, um möglichst nahe am Original zu sein, ist außergewöhnlich,“ meint Architekt Klaus Klingler.

Autoren

Wolfgang Deil ist gelernter Journalist, sammelte PR-Erfahrungen in der keramischen Industrie und ist heute als freier Redakteur und PR-Berater im Baubereich tätig.

Clemens Kuhlemann ist Geschäftsführer der Deutschen
Poroton mit den Mitgliedern Wienerberger GmbH und Schlagmann Poroton GmbH & Co. KG.

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