Historische Konstruktionen verstehen statt „kaputt rechnen“
20.03.2026 |Rund 100 Denkmalbesitzer, Restauratoren und Planer tauschten sich beim 29. Denkmalschutzinformationstag von Dengel Bau in Kloster Schöntal über Tragwerksanalyse und Restaurierung historischer Bauwerke aus.
Gastgeber Georg Dengel begrüßt die Gäste auf dem 29. Denkmalschutzinformationstag im Kloster Schöntal
Foto: Dengel-Bau
„Wir sind stolz auf Kloster Schöntal und unser historisches Rathaus – und gleichzeitig froh, dass sie uns nicht gehören.“ Mit einem Augenzwinkern eröffnete Bürgermeister Joachim Scholz den 29. Denkmalschutzinformationstag der Dengel Bau GmbH im Kloster Schöntal.
Rund 100 Denkmalbesitzerinnen, Vertreter der Denkmalbehörden, Architektinnen, Planer sowie Handwerkerinnen und Handwerker kamen im Kloster Schöntal am 6. März zusammen, um sich über aktuelle Fragen der Denkmalpflege und Restaurierung auszutauschen. Gastgeber Georg Dengel und sein Team organisieren die Veranstaltung seit vielen Jahren als Plattform für den direkten Dialog.
Tragwerksplanung im historischen Bestand
Den fachlichen Auftakt gestaltete Uli Thümmler vom Ingenieurbüro für historische Baukonstruktionen. Mit der provokanten Aussage „Natürlich können Tragwerksplaner alles kaputt rechnen“ griff er eine verbreitete Sorge vieler Denkmalbesitzer auf. Thümmler widersprach diesem Vorurteil deutlich. Aussagen wie „Das Gebäude dürfte eigentlich gar nicht mehr stehen“ akzeptiere er nicht. „Es steht ja noch“, stellte er fest. Wenn sich die Tragfähigkeit rechnerisch nicht vollständig erklären lasse, bedeute das noch lange nicht, dass eine historische Konstruktion versage.
Bauaufnahme: Die ursprüngliche Konstruktion verstehen
Die Tragwerksplanung beginnt deshalb mit einer präzisen Bauaufnahme. Ziel ist es, die ursprüngliche Konstruktion zu erkennen und zu verstehen, wie die Erbauer die Lastabtragung gedacht haben. Neben klassischen Vermessungsmethoden kommen heute zunehmend 3-D-Laserscans zum Einsatz. Sie ermöglichen einen digitalen Zwilling des Gebäudes und liefern hochpräzise Daten zu Geometrie und Verformungen. So lässt sich nachvollziehen, wie Kräfte im Tragwerk wirken. In einem Beispiel machte erst der 3-D-Scan eine leichte Neigung einer Außenwand sichtbar, die die Lastverteilung im Dachstuhl beeinflusste und so die Ursache der Schäden erklärte.
Hightech – und doch bleibt vieles Handarbeit
Trotz moderner Messtechnik bleibt die Untersuchung historischer Konstruktionen handwerkliche Arbeit. Tragwerksplaner prüfen Bauteile weiterhin mit einfachen Werkzeugen wie Spachtel, Hammer und Taschenlampe. Endoskope ermöglichen Einblicke in Hohlräume, Drohnen erleichtern die Untersuchung von Dachkonstruktionen. Erst wenn Konstruktion, Materialzustand und spätere Eingriffe verstanden sind, beginnt die Planung der Sanierung.
Zwei Tonnen Naturstein: Hauben werden in der Werkstatt restauriert
Steinmetz- und Steinbildhauermeister Thilo Schlick von Dengel Bau stellte Restaurierungsprojekte aus dem vergangenen Jahr vor. Besonders eindrucksvoll war die Sanierung zweier Wachhäuschen am Deutschordensschloss in Bad Mergentheim. Witterung und ein Lkw-Unfall hatten die Natursteinkonstruktion beschädigt. Mitarbeiter von Dengel Bau hoben die rund zwei Tonnen schwere Steinhauben mit einer speziell konstruierten Holzkonstruktion ab und transportierten sie zur Restaurierung in die Werkstatt.
Ein Kran hebt die zwei Tonnen schweren Hauben der Wachhäuschen des Deutschordensschlosses in Bad Mergentheim zur Sanierung ab
Foto: Dengel-Bau
Dort reinigten sie die Steine, ersetzten korrodierte Eisenklammern und erneuerten Fugen. Einen beschädigten Stein fertigten die Steinbildhauer nach einem Modell neu an. Anschließend setzten die Handwerker die Haube mit einem Kran wieder auf und verfugten sie mit traditionellem Trasskalkmörtel.
Bleiverguss nach historischem Vorbild
Ein Großprojekt war die Sanierung der evangelischen Stadtkirche in Schönau im Odenwald – des letzten erhaltenen Gebäudes eines Zisterzienserklosters, das bis 1400 Hauskloster und bevorzugte Grablege der Pfalzgrafen bei Rhein war. Die Restauratoren räumten rund 97 Prozent der Mauerwerksfugen aus und verfugten sie neu. Beschädigte Steine ersetzten oder ergänzten sie. Besondere Aufmerksamkeit galt der Verankerung der Abdeckplatten am Giebel. Wie bei der historischen Bauweise vergossen die Handwerker die Eisenklammern mit flüssigem Blei. Diese Technik gilt als besonders langlebig, verlangt jedoch große Erfahrung und Sorgfalt. Die Mitarbeiter erhitzten das Blei direkt auf dem Gerüst und gossen es anschließend in die vorbereiteten Fugen.
Weitere Projekte reichten von der Sanierung einer Gartenmauer im Kloster Schöntal bis zur Restaurierung von Natursteinbauteilen im Ludwigsburger Favoritenpark und im Residenzschloss Ludwigsburg.
Historische Wege von Schöntal nach Mailand
Einen historischen Blick auf das Kloster bot der Vortrag von Gästeführer Daniel Werthwein. Er folgte zu Fuß einer Route, die zwei Mönche im Jahr 1631 während des Dreißigjährigen Krieges auf ihrer Flucht von Schöntal nach Mailand zurückgelegt hatten. Die 38-tägige Wanderung führte über historische Wege durch Süddeutschland, die Schweiz und Norditalien. Werthwein ließ das Publikum Lust und Frust seines Weges miterleben.
Austausch zwischen Praxis und Fachwelt
Neben den Vorträgen nutzten viele Teilnehmer die Gelegenheit zum fachlichen Austausch. In den Pausen und bei der abschließenden Vesper im „Abt-Knittel-Keller“. „Wenn Denkmalbesitzer, Handwerk, Planer und Behörden miteinander ins Gespräch kommen, entstehen oft Lösungen, die keiner allein gefunden hätte“, fasst Gastgeber Georg Dengel diesen Veranstaltungsteil zusammen.
