Wohnbestand in Siegen wird zur Klimaschutzsiedlung

Bezahlbar, barrierefrei, klimafreundlich und mit hohem Wohnwert – die Wohnstättengenossenschaft Siegen zeigt mit ihrer Klimaschutzsiedlung an der Charlottenstraße, dass bei der Sanierung von Mietwohnungen hochwertige Ausführung und soziale und ökologische Aspekte kein Widerspruch sein müssen.

Als Folge der ständig steigenden Energiepreise entwickeln sich besonders für die Bewohner von Altbauten die Nebenkosten zu einer zweiten Miete – insbesondere die Kosten für Heizung und Warmwasser. Trotzdem hält sich die Freude der Mieter oft in Grenzen, wenn sie von geplanten Sanierungen in ihrem Quartier erfahren, denn häufig sind solche Maßnahmen mit saftigen Mieterhöhungen verbunden. In vielen Städten führen so genannte „Luxussanierungen“ dazu, dass einkommensschwächere Menschen verdrängt werden.

Klimaschutz rechnet sich

Der Umbau der Häuser an der Charlottenstraße 31-51 sowie 36-38 in Siegen zur Klimaschutzsiedlung war keine Luxussanierung dieser Art. Obwohl die Ausstattung der Wohnungen und Gebäude jetzt nicht nur dem aktuellen Stand der Technik entspricht, sondern im Hinblick auf Wohnkomfort und Ästhetik deutlich hinzugewonnen hat. „Mit der klimaschutzgerechten Sanierung dieser Wohnanlage wollen wir unseren Teil zur erfolgreichen Energiewende beitragen“, betonte Hans-Georg Haut, Geschäftsführer der Wohnstättengenossenschaft Siegen eG (WGS) bei der feierlichen Einweihung des Projekts Ende Mai. Dabei lohne sich diese Art der Sanierung auch aus ökonomischen Gründen für die Mieter, denn jede Kilowattstunde Energie, die man nicht einkaufen brauche, müsse man den Bewohnern auch nicht in Rechnung stellen. Die WGS hat bereits Erfahrungen mit ähnlichen Projekten an der Wetzlarer Straße und an der Frankfurter Straße gesammelt. Haut beklagte allerdings die hohen bürokratischen Hürden, die es nahezu unmöglich machten, Mietern den mit Photovoltaik selbst erzeugten Strom zu verkaufen. Hier sei es an der Politik, endlich dafür zu sorgen, dass Mieter nicht länger schlechtergestellt würden als Eigenheimbesitzer, sagte er in Anwesenheit von NRW-Klimaschutzminister Johannes Remmel.

Acht zusätzliche Wohnungen

Ein Teil der jetzt sanierten Siedlung, die zentrumsnah in einer ruhigen Sackgasse liegt, wurde 1910 erbaut, ein weiterer Abschnitt entstand 1936. Der mittlere Teil der südlichen Zeile wurde während des Zweiten Weltkriegs zerstört und viergeschossig wieder auf­gebaut, die anderen Gebäude sind dreigeschossig. Insgesamt umfasste die Sanierung 80 Wohnungen mit rund 4300 m2 Wohnfläche, die über eine Zentral­heizung und über Gasetagenheizungen beheizt wurden. Bei der Sanierung entstand im viergeschossigen Teil durch den Ausbau des Dachgeschosses ein
fünftes Wohngeschoss mit acht zusätzlichen, alters­gerechten Wohnungen mit einer Gesamtfläche von 550 m2.

Einen Teil der Planungen, die Ende 2011 mit der Zuerkennung des Status „Klimaschutzsiedlung“ konkret wurden, leistete die WGS mit eigenen Ressourcen. Mit der architektonischen Planung sowie der Ausführungsplanung und der Ausschreibung war die „Architektei“ Köln befasst. Außerdem wurde das Vorhaben in enger Zusammenarbeit mit der EnergieAgentur.NRW sowie der Ecofys GmbH, einer Beratungsagentur für erneuerbare Energien, umgesetzt.

Von Grund auf ertüchtigt

Um die Zielvorgabe zu ereichen – den 3-Liter-Standard – wurden die etwa 30 cm dicken Außenmauern, die zum größten Teil aus Bimsstein bestehen, mit einer 16 cm dicken Schicht Polystyrol gedämmt. Vorher entfernte man jedoch die noch relativ jungen vorgestellten Balkone, um das WDVS lückenlos ausführen zu können und um Wärmebrücken zu vermeiden. „Das hat die Baukosten nicht gerade kleiner werden lassen, aber für die Qualität des Ergebnisses war diese Maßnahme unerlässlich“, berichtet Hans-Georg Haut. Genauso wie die Ertüchtigung der Fundamente, die mit bis zu 6 m tiefen Pfählen verstärkt wurden, um späteren Rissen in der Dämmung vorzubeugen. „Das war eine ingenieurmäßige Meisterleistung“, meint Peter Karsten, Geschäftsführer der Architektei, schließlich habe man gut 70 Prozent der Fundamente unterfangen müssen, um dem auf instabilem Untergrund stehenden Gebäude die nötige statische Festigkeit für eine Aufstockung zu verschaffen. Außerdem dichteten die Handwerker die Kellerwände auf Teilflächen mit Absperrputz ab und dämmten die Kellerdecken. Bevor die Handwerker das WDVS anbrachten, mussten sie zunächst dutzende Meter Lisenen abschlagen, mit denen die Fenster eingefasst waren, um den Dämmstoff in gleichmäßiger Dicke aufbringen zu können. In die Außendämmung wurden durchgängige Brandriegel aus Mineralwolle eingearbeitet. Den Abschluss bildet ein mineralischer Putz, gestrichen mit einer ebenfalls mineralischen Farbe.

Aufgestockt

Da das Dach des mittleren Gebäudes ohnehin marode war, wurde es vollständig abgetragen und ein neues Satteldach mit einer 24 cm dicken Mineralwolledämmung aufgesetzt und als vollwertiges Wohngeschoss in Trockenbauweise ausgebaut. Dabei entstanden acht zusätzliche, altengerechte Wohnungen. Sie werden einerseits über die Treppenhäuser und darüber hinaus völlig barrierefrei über die vorgestellten Aufzüge und Laubengänge erschlossen. Die verglasten Lifte schließen die anderen Etagen jeweils über die Zwischenpodeste des Treppenhauses an, so dass die Bewohner nur wenige Stufen überwinden müssen, um zu ihrer Wohnung zu gelangen.

Regenerative Energien

Neben einer guten Wärmedämmung sorgen regenerative Energien und moderne Gebäudetechnik dafür, dass nach der Sanierung gut 70 Prozent Energie eingespart werden. So verzichtete man aus energetischen Gründen bei den 3-fach-verglasten Fenstern auf Rollläden und installierte innen einen textilen Sonnen- und Sichtschutz. Außerdem wurden alle Wohnun­gen, die während der dreijährigen Sanierungsarbeiten durchgängig bewohnt waren, mit dezentralen Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung ausgestattet. Darüber hinaus stellte man die Beleuchtung auf LED-Technik um. Mit Heizenergie versorgt werden die Wohnungen jetzt über drei Sole-Wasser-Wärmepumpen, die über 23 Tiefbohrungen Wärme aus dem Untergrund fördern. Das in der Siedlung benötigte warme Wasser erzeugt ein modernes Blockheizkraftwerk, das gleichzeitig Strom für den Betrieb der Wärmepumpen, der Lüftungsanlage, der Aufzüge und der allgemeinen Beleuchtung produziert. Kann der Strom nicht sofort genutzt werden, wird er in einen Speicher geleitet. Erst wenn dieser voll ist, wird der Rest ins Netz gespeist. Das gilt auch für den Ertrag der insgesamt 62 kWp großen Photovoltaik-Anlage.

Autor

Thomas Schwarzmann ist Redakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

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