Teil 1: Quo vadis Trockenbau?

Trockenbaumonteure und Stuckateure haben gewerkeübergreifende Aufgabenfelder. Beide Innenausbauberufe erfordern handwerkliches Geschick und filigranes Arbeiten. Doch nur Wenige entscheiden sich für eine Lehre im Trockenbau – dabei handelt es sich um ein sehr interessantes und anspruchsvolles Berufsbild.

Die Flaute in der Baubranche ist beendet Die gute Konjunktur verbessert die bauwirtschaftliche Situation. Im Hoch-, Tief- und Innenausbau sind Fachkräfte gefragt wie nie zuvor. Besonders das Ausbauhandwerk verleiht jedem Bauprojekt den letzten Schliff. Dennoch sind Ausbildungsplätze im Trockenbau kaum vorhanden und auch das Berufsbild ist wenig bekannt. Dabei bestehen nach einer Lehre in beiden Berufen – Trockenbaumonteur und Stuckateur – gute berufliche Aufstiegsmöglichkeiten.


Weniger Ausbildungsverträge zum Trockenbaumonteur abgeschlossen

So schlossen für das Jahr 2010 insgesamt nur 309 Trockenbaumonteure (davon 6 weiblich) Neuverträge ab. Alfred Bircks, erster Vorsitzender des Vorstands vom BIG (Bundesverband in den Gewerken Trockenbau und Ausbau e.V. mit Sitz in Berlin), betrachtet die Situation im Trockenbau sehr kritisch und wirft einen Blick nach Österreich. „Die Lehrlinge im Nachbarland machen beispielsweise mit selbst gedrehten Videos auf das Berufsbild aufmerksam. Außerdem besuchen sie Schulen, um die Schulabgänger für eine Ausbildung im Trockenbau zu gewinnen.“ Eine Chance böte seiner Ansicht nach auch das Internet als Medium zur Publizierung. „Mit Blick auf den gegenwärtigen Arbeitsmarkt sind etwa 20 000 Lehrstellen unbesetzt. Demgegenüber stehen 80 000 nicht ausbildungsfähige Schüler, wovon 25 Prozent, die die Schule ohne Schulabschluss verlassen“, erkennt Bircks die fatale Lage. Ein Großteil der Trockenbaumonteure erlernt diesen Beruf nach Abschluss der Hauptschule. Das durchschnittliche Eintrittsalter beträgt 17 Jahre und älter. Ähnlich dramatisch sieht es Hans Demmelhuber vom Unternehmen Baierl + Demmelhuber Innenausbau GmbH. Nach seiner Ansicht bestehe durchaus ein Bedarf an Fachkräften von etwa 3500 bis 4000 pro Jahr. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Nur ein Zehntel werde ausgebildet.

 

Die Entwicklung des Berufsbildes von 1993 bis heute

Genaue Daten für den Trockenbaumonteur schlüsselt das Bundesinstitut für Berufsausbildung (BIBB) auf: 1993 waren es 198 Neuabschlüsse, die sich bis zum Jahr 1999 fast verdreifachten (564). Darunter waren neun Frauen (1995 bis 1999). Im neuen Jahrtausend sank die Zahl von Neuabschlüssen. Auch der nichtdeutsche Anteil ist sehr niedrig – lediglich neun Lehrlinge waren es von 2007 bis 2009 pro Jahrgang (Quelle: BIBB).

Noch ist der Trockenbaumonteur eine Männerdomäne (von 2007 bis 2009 waren es drei weibliche Auszubildende). „Pro Ausbildungsjahr sind es durchschnittlich zwei Frauen, die sich für diesen Beruf entscheiden“, schildert Dipl.-Ing. Emke Emken, Leiter des Bau-ABC Rostrup, den momentanen Zustand und betrachtet es als ideal, wenn sich mehr Frauen dafür begeistern könnten, da sie ein hohes handwerkliches Geschick und eine Affinität zur Gestaltung mitbringen. Bircks wirft hier ein: „Im BIG Bundesverband haben wir die ersten zwei bayerischen Trockenbau-Gesellinnen. Jedoch werden etwa 9 Prozent unserer Mitgliedsbetriebe von Frauen geleitet.“

 

Die Ausbildungssituation im Trockenbau

Die Ausbildungsdauer des Trockenbaumonteurs ist auf 36 Monate festgelegt. Diese kann mit einer höheren Schulbildung um ein Jahr – also auf 24 Monate – verkürzt werden. Demmelhuber ergänzt: „Es gibt zwei Möglichkeiten der Ausbildung. In der Bauwirtschaft sind die Lehrlinge 66 Wochen von drei Ausbildungsjahren nicht im Betrieb. Bedingt durch Urlaub ergibt sich eine Vorortausbildung von nur einem Drittel. Demzufolge gestaltet sich die Ausbildung sehr schwierig. In der Holzwirtschaft können (mit einem Nachweis) beispielsweise die Lehrlinge nur 32 Wochen in der Berufsschule und die restliche Zeit im Betrieb sein. So gesehen würden die Trockenbaulehrlinge viel mehr an Praxis erlernen.“ Auch Carlos Perdigao, Projektleiter Innenausbau vom Unternehmen Kaefer Construction, das seine Auszubildenden zentralisiert ausbildet, erkennt bei der Ausbildung sehr große Schwachstellen. Seiner Meinung nach müssten Inhalte und Praktiken der „Wirklichkeit und den Anforderungen auf den Baustellen“ angepasst werden. Emken verweist auf die Vielfalt dieses Berufsbildes: „Ein großer Anteil Bauphysik, unterschiedliche Baustoffe, aber auch Wind- und Luftdichtheit sowie eine gute Kenntnis im Wärme-, Kälte-, Schall-, Brand- und Strahlenschutz sind die Aufgabengebiete eines Trockenbaumonteurs, der in der Praxis die Architektenvorschläge realisiert.“

 

Abwechslungsreiches und unerschöpfliches Arbeitsfeld

Insofern ist es die Freude an der Gestaltung, die Schwung in den beruflichen Alltag bringt. „Arbeiten, wie das Verbauen von Leichtbauwänden, Türen oder auch die Installation von Unterdecken in Konferenz- oder anderen Innenräumen gehören zum Aufgabengebiet“, konkretisiert es Perdigao. Aber auch körperliche Fitness, ausgezeichnete Kenntnisse in Mathematik und ein hohes Interesse für Materialkunde und unterschiedliche Werkstoffe benötigt der Lehrling, der dann mit viel Fingerspitzengefühl nach den Vorgaben von technischen Zeichnungen und Verlegeplänen die Gipskartonplatten oder vorgefertigten Bauteile sowie Bauelemente montiert.

 

Der vielseitige Handwerksberuf des Stuckateurs

Der Stuckateur als anerkannter Ausbildungsberuf wird nach der Handwerksverordnung geregelt – diese besteht seit 2.6.1999. Er ist sowohl bei Aufgaben im Neubau beteiligt und deckt auch die Sanierung, Modernisierung und Instandsetzung ab, die den Wohnungsbau, öffentlichen Bau oder Gewerbe- und Industriebau betreffen. 2010 haben sich für eine Lehre im Stuckateur-Handwerk, das auch gewerkeübergreifend den Trockenbau beinhaltet, 690 Auszubildende (davon 18 weiblich) entschlossen (Quelle: BIBB). Die dreijährige Ausbildungszeit kann aufgrund höherer Schulbildung auf 24 Monate verkürzt werden. Die berufliche Ausbildung besteht aus einem einjährigen Berufsschulbesuch. Das zweite Jahr sieht die praktische Ausbildung vor. Das letzte gilt als Vorbereitung zur Prüfung zum Stuckateurgesellen. Stuckateur- und Trockenbaumeister sowie Anwendungstechniker Bernd Schindler von Vogl Deckensysteme GmbH kennt beide Seiten dieser interessanten Innenausbauberufe und weiß, dass die Fachkräfte bei all ihren vielfältigen Aufgabengebieten im Hochbau, wie Trockenbau, Innenputz, Außenputz, Beschichtungen, Vollwärmeschutz oder Stuck, auf zeitsparende und verarbeitungsfreundliche Materialien setzen. Der Stuckateur arbeitet entweder selbstständig oder mit anderen Gewerken zusammen. „Sie verputzen Wandflächen, gestalten unterschiedliche Putzoberflächen, führen Stucktechniken und Estriche aus, bringen Gipswandbauplatten oder diverse Dämmstoffe an und decken auch den Wärme-, Kälte-, Schall- und Brandschutz ab“, so der Stuckateurmeister. Dennoch gibt es einen kleinen Unterschied zum Trockenbaumonteur. Dieser wird dem Bereich Industrie und Handel aufgrund einer EU-Bestimmung zugeordnet. „In der Lehre werden diesem nur die Grundlagen des Stuckateurs vermittelt. Der Stuckateur ist ein reiner Handwerksberuf, der den Trockenbau mit enthält“, so Schindler. Auch in diesem Handwerksberuf hat ein Großteil der Lehrlinge einen Hauptschulabschluss. Das Eintrittsalter liegt zwischen 16 und 17 Jahren.

Bei beiden Berufen orientieren sich die Verdienstmöglichkeiten nach den branchenüblichen Löhnen im Baugewerbe. Informationen erhält man von den jeweiligen Verbänden wie BIG oder Stuckateurverband.


Fortsetzung mit Teil 2 in bauhandwerk 11/2011.

„Mit Blick auf den gegenwärtigen Arbeitsmarkt sind etwa 20 000 Lehrstellen unbesetzt“

Ausbildungsstatistik und Bundeslandverteilung

Hier finden Sie eine Ausbildungsstatistik zum Trockenbaumonteur und eine Tabelle mit der Bundeslandverteilung der Trockenbaumonteur-Auszubildenden sowie die Aufschlüsselung des BIBB anhand des Stuckateurhandwerks und eine Tabelle mit der Bundeslandverteilung der Stuckateur-Auszubildenden.

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