Umbau und Erweiterung eines Bauernhauses in Gundelsheim zur Bücherei

Einer kleinen Gemeinde in Franken ist es gelungen, die für den Ortskern wichtige Bausubstanz einer ehemaligen Hofstelle nicht einfach nur zu erhalten, sondern diese in hochwertiger architektonischer Qualität zu erweitern und zu einem zentralen Treffpunkt als Bücherei für alle umzunutzen.

Die 3600 Einwohner große Gemeinde Gundelsheim in Oberfranken ist darum bemüht, den historischen Ortskern ganzheitlich und mit hohem architektonischen Anspruch neu zu gestalten. Eine wichtige Rolle spielt dabei die neue Bücherei, deren Funktion sich nicht allein auf die Ausgabe von Medien beschränken soll. Sie ist auch Treffpunkt und Zentrum der Gemeinde, ein Ort für Veranstaltungen, Weiterbildung, Begegnung und Integration.

2016 gewann das Büro Schlicht Lamprecht Architekten aus Schweinfurt den Ideen- und Realisierungswettbewerb für die Umnutzung eines ehemaligen Wohnhauses mit Stallgebäude mit einem nach außen einfachen, im Inneren vielseitigen Gestaltungskonzept. Im Herbst 2020 wurde die Bücherei eröffnet – leider bisher nur unter Coronabedingungen.

Die Haus-im-Haus-Idee 

Beim Bestandsbau handelte es sich um eine Hofstelle mit einem giebelständig zur Straße stehenden Wohnhaus und einem daran anschließenden Stall. Die mit etwas Abstand neben dem Stall stehende Scheune war bereits 2003 abgerissen worden. Die Idee der Architekten bestand nun darin, das Stallgebäude mit einem größeren Baukörper, der nach außen als Doppelscheune in Erscheinung tritt, zu überbauen und so in den Entwurf zu integrieren. Die „Scheune“ wurde daher nach dem Haus-im-Haus-Prinzip über das Stallgebäude gestülpt. „Entstanden ist das Haus-im-Haus-Konzept, aber eigentlich bereits bei der Umnutzung des ehemaligen Wohnhauses“, erzählt hierzu Architekt Christoph Lamprecht. „Wir haben ja bereits in der Wettbewerbsphase mit dem Tragwerksplanungsbüro Tragraum zusammengearbeitet und die Idee entwickelt, das stark entkernte Wohnhaus durch eine eingestellte Tragkonstruktion aus Stahl auszusteifen.“ Und Bauingenieur Michael Putz aus eben dem Tragraum-Büro ergänzt: „Der Bestand musste ausgesteift, gleichzeitig sollte der Raum so weit wie möglich geöffnet werden. Um die Konstruktion möglichst schlank zu halten, entschieden wir uns an dieser Stelle für Stahlrahmen, die dann mit Holz flächig überdeckt wurden.“ Die Stahlrahmen wurden dabei an den Längsseiten am neuen Ringbalken beziehungsweise einem darauf liegenden Aussteifungsbalken mit Zugbändern und Gewindestangen abgespannt. In diesem eingestellten Haus ist nun die Kinderbuchabteilung der Bücherei untergebracht.

In den gänzlich neuen Teil der Scheune, in dem sich nun der Haupteingang mit Ausleihe und Garderoben befindet, wurde ebenfalls ein Haus in das Haus gestellt, in dem in erster Linie Nebenräume wie Toiletten und Garderoben untergebracht sind. Durch die nun geschaffene L-Form entsteht ein angenehm proportionierter Vorbereich, über den die Besucher von der Straße kommend die Bücherei betreten.

Adäquate Innendämmung 

Das ortsbildprägende äußere Erscheinungsbild des Wohnhauses wurde erhalten beziehungsweise wiederhergestellt. Die innere Struktur ließ sich allerdings auf Grund ihrer Kleinteiligkeit nicht sinnvoll für die Bücherei nutzen, weshalb nur die Umfassungswände sowie der straßenseitige Giebel stehen bleiben konnten. Obwohl das Wohnhaus nicht unter Denkmalschutz steht, war von Anfang an klar, dass die Fassade des Hauses in seiner bestehenden Form erhalten bleiben sollte. Dementsprechend wählten die Architekten für einen Großteil der Wände in Abstimmung mit dem Bauphysiker Dr. Wilfried Krah einen mineralischen Dämmputz. Eine besondere Situation aber ergab sich dort, wo das in den Altbau eingestellte Kinderhaus Bestandteil des Außenwandaufbaus wurde. Jeweils eine Längs- und eine Stirnseite sind hier in den bestehenden Wandaufbau eingebunden. „Wir hatten hier eine sehr spezielle Situation, zumal in der alten Außenwand noch mit Restfeuchte gerechnet werden musste“, erläutert der Bauphysiker. „Wir brauchten also eine innenliegende, feuchteunempfindliche Dämmung, die wie eine Dampfsperre wirkt, so dass gewährleistet ist, dass die Regalrückwände, die ja hier direkt anschließen, trocken bleiben.“ Gewählt wurde daher an den betreffenden Wänden eine nur 6 bis 8 cm dicke Schaumglasdämmung (Foamglas). Eine Großeschmidt-Wandheizung fungiert zudem als thermische Horizontalsperre und sorgt dafür, dass die Wand vollständig trocknet und keine weitere Feuchte aufsteigt.

Terrazzo und preußische Kappendecke 

Während die bestehenden Fundamente im Bestand, sowohl im Wohnhaus als auch im Stall, weitestgehend belassen werden konnten und nur partiell unterfangen werden mussten, wurde der alte Bodenaufbau aus- und eine neue Bodenplatte auf den zuvor für die Lüftungskanäle angelegten Bodenschächten eingebaut. Ein alter Kriechkeller im Wohnhaus, der nicht mehr genutzt werden konnte, war mit zeitweise fließfähigem, selbstverdichtendem Verfüllbaustoff verfüllt worden. Auch die Lüftungskanalschächte wurden mit zementgebundener Ausgleichsschüttung von der für den Terrazzoboden zuständigen Firma aufgefüllt. Der Terrazzoboden selbst wurde allerdings erst ausgeführt, nachdem alle Arbeiten an der Dachinnenseite, also auch die Anbringung der Heraklith-Akustikplatten, ausgeführt waren, um ihn nicht unnötig mit schweren Rollgerüsten zu befahren und vor herabfallenden Teilen zu schützen. Denn die Trockenbauer konnten die Akustikplatten nur mit Hilfe großer, fahrbarer Gerüsttürme unter dem First anbringen. Dazu mussten die Gerüste immer wieder abgebaut, verschoben und wiederaufgebaut werden. „Der zweischichtige Terrazzoboden wurde als Gussterrazzo auf Fußbodenheizung verbaut“, erklärt Daniel Nürnberger von der Terrazzo-Beton GmbH. „Um am Ende einen strapazierfähigen Boden mit optimaler Oberfläche zu erhalten, sind diverse Arbeitsgänge vom Reinigen der Betonbodenoberfläche über Grundieren und Aufbringen einer Haftbrücke bis zum Schleifen, Polieren, Imprägnieren und Versiegeln der Fläche notwendig.“

Auch die Längswände des alten Stalls und vor allen Dingen die dort bestehende Kappendecke konnten ertüchtigt und so erhalten werden. Zunächst hatten die Architekten die Idee, die verputzten Mauersteine der Decke von unten sichtbar zu lassen. Aufgrund der relativ schlechten optischen Qualität der Steine wurde diese wieder verworfen und die Decke von unten verputzt. Von oben erhielt sie eine 10 cm dicke Aufbetondecke. Die Stahlträger wurden von den Handwerkern gesäubert, entrostet und transparent lackiert. In den Bereichen, in denen die Träger durchlaufen, die Decke aber zurückspringt, wurde auf diese ein senkrecht stehender Flachstahl-Steg zur statischen Ertüchtigung aufgeschweißt. Die als Auflager dienenden und jetzt im Innenraum stehenden alten Außenwände des Stalls wurden vom Putz befreit und das alte Ziegelmauerwerk aus Vollsteinen mit seinen sichtbaren Ergänzungen weiß geschlämmt, so dass die alte Mauerwerksstruktur deutlich ablesbar ist. 

Dieser Gebäudeteil wird übrigens als einziger zweigeschossig genutzt, so dass im Erdgeschoss Medien entliehen werden können, während die ertüchtigte Kappendecke nun als Lesegalerie genutzt werden kann.  

Holztragwerk und Thermoholzlamellen 

Während es sich beim Bestandsbau also um einen Mauerwerksbau mit Holzsparrendach und eingestellter Stahlrahmenaussteifung handelt, bilden im Neubau überwiegend aussteifende Holztafelwände, Mittelstützen und das doppelte Sparrendach die tragende Konstruktion. Zur Aussteifung wurden zusätzlich einige Betonwände ergänzt. Diese bilden beispielsweise im neuen Teil der Scheune die Stirnseiten des dort in die Gebäudehülle eingestellten Hauses. In der Zeitschrift dach+holzbau 5.2021 beschäftigen wir uns ausführlich mit der Konstruktion und Montage des Holzbaus.

Die Idee der Architekten war, sowohl die Fassade als auch das Dach der Scheune mit Lamellen aus Thermoholz zu bekleiden. Daher stellte sich bei der Planung die Frage, mit welcher Konstruktion sich die gewünschte Optik am besten umsetzen ließe. „Recht schnell war klar, dass die einfachste Lösung sein würde, das Dach mit Stehfalzblechen aus Edelstahl zu decken, auf das dann wiederum sehr gut Schneefangklemmen befestigt werden konnten“, sagt hierzu Architekt Lamprecht. „Die Bleche bilden die eigentliche Dachhaut und die Lamellen wurden in unterschiedlicher Dichte, wie bei der Fassadenbekleidung, davorgeblendet.“

Im Bereich der Haus-im-Haus-Konstruktion der Eingangsscheune ist die Bekleidung doppelt so eng gelegt wie in den übrigen Flächen, so dass sich die Form des eingestellten Hauses auch von außen ablesen lässt.

Innenausbau in feiner Tischlerarbeit 

Eine weitere Projektbesonderheit ist der hohe Holzanteil auch beim Innenausbau. Im Eingangsbereich versteckt eine Verkleidung aus fichtefurnierter Holzwerkstoffplatte sowohl die Stirnseiten des eingestellten Hauses aus Beton als auch die Trockenbauplatten, mit denen die Sanitärräume umschlossen sind. Auch die Ausleihe, die Garderobe mit Ablagefächern, alle Einbaumöbel der Kinderbuchabteilung, Sitzbänke, Buch- und Spieletröge, die eingebaute Küchenzeile, Türen und Fensterverkleidungen wurden von der Möbelwerkstätte Aumüller nach Plänen der Architekten in gebürstetem Fichtenfurnier angefertigt. „Das war schon sehr ungewöhnlich, dass in einem Objekt so viele Oberflächen in Holz umgesetzt wurden“, erzählt Tischlermeister Bruno Aumüller. Diese strahlen eine warme Atmosphäre aus, ohne rustikal oder gar erdrückend zu wirken. „Im Gegenteil, die Räume sind alle sehr offen und luftig. Dieser Eindruck entsteht auch durch das helle, saubere und geradlinige Fichtenfurnierholz“, so Aumüller. „Diese schlichte Klarheit entsteht durch die astfreie Oberfläche, wie sie nur mit Furnierholz möglich ist.“ Das Furnier wurde abschließend mit Rohholz-Effektlack behandelt, was das Holz schützt, ohne den Lack in Erscheinung treten zu lassen. Nur die frei fahrbaren Bücherregale im Scheunengebäude, die Regale der unteren Stalletage sowie einige Schreibtischplatten wurden mit weißem oder schwarzem HPL beschichtet.

Da es sich bei den meisten Möbeln um Einbaumöbel handelt, konnte nur bedingt in der Werkstatt vorgefertigt werden. „Gerade wenn man im Bestand arbeitet, wird es mit der Vorfertigung schwierig. Beispielsweise das auf Gehrung geschnittene Dach des Kinderhauses konnten wir in der Genauigkeit nur auf der Baustelle einpassen“, bestätigt der Tischler.

Fazit 

Viel Holz kam bei der Umnutzung und Erweiterung der Hofstelle zum Einsatz – aber nicht nur: Mit dem Terrazzoboden, der weiß geschlämmten Wand und auch den Heraklith-Akustikplatten unter der Decke entsteht ein stimmiges Gesamtbild hoher architektonischer Qualität – ganz im Sinne der Gemeinde.

Autorin

Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau tätig.

Baubeteiligte (Auswahl)

Bauherr Gemeinde Gundelsheim, www.gemeinde-gundelsheim.de 

Architektur Schlicht Lamprecht Architekten, Schweinfurt, http://schlichtlamprecht.de

Statik Tragraum Ingenieure PartmbB, Nürnberg, https://tragraum.de 

Bauphysik Dr. Krah und Partner, Partnerschaft von Sachverständigen und beratendem Ingenieur mbB, Gundelsheim, https://krah-partner.de

Schreinerarbeiten Aumüller Möbelwerkstätte, Burgebrach, https://moebelwerkstaetteaumueller.de  

Terrazzoarbeiten Terrazzo-Beton, Hammelburg, www.terrazzo-beton.de 

Trockenbauarbeiten pro akustik Trockenbau, Trunstadt  

Zimmererarbeiten Zimmerei Bauer, Burgkunstadt, www.zimmerei-bauer.com 

 

 

Herstellerindex (Auswahl)

 

Abdichtungsbahn Boden Katja Sprint, Knauf, Iphofen, www.knauf.de

Innendämmung aus Schaumglas Deutsche Foamglas, Stuttgart, www.foamglas.com 

Dachdämmung Saint-Gobain G+H Isover, Düsseldorf, www.isover.de 

Akustikplatten Heraklith, Knauf Insulation, Simbach am Inn, www.heraklith.de

Weitere Informationen zu den Unternehmen
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