Vorhang aus Gips

Was würde für die Umgestaltung des Deutschen Filmmuseums besser passen, als Vorhänge? Aber die in Falten fallende Wandbekleidung besteht in Frankfurt am Main keineswegs aus Stoff, sondern aus Gips – aus glasfaserverstärkten LaArt Elementen von Siniat.

25 Jahre nach seiner Gründung wurde das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt am Main für rund 13 Millionen Euro saniert und zum „Zentrum für Filmkultur und Medienkompetenz“ ausgebaut. Währenddessen blieb es rund eineinhalb Jahre geschlossen. Das für die Modernisierung verantwortliche Architekturbüro Blocher Blocher Partners hat die unter Denkmalschutz stehende Villa bis auf die historische Fassade komplett umgebaut. Diese kommt jetzt wieder unverstellt zur Geltung.

Durch die Optimierung von Nutzflächen und Infrastruktur ist die Ausstellungsfläche im Inneren um rund 30 Prozent gewachsen – von 1450 auf 1900 m2. Im Gegensatz zu den einst vielen kleinen Räumen, vermittelt der Bau heute ein völlig neues Raumerlebnis: Die Architektur lässt sich als Raumabfolge erleben, die sich über Dimensionierung, Blickbeziehungen und Oberflächenqualitäten mitteilt. Teilweise neue Deckenkonstruktionen erlauben großzügige Raumlösungen. Die Besucher erwartet nun ein weitläufiges Foyer und auf drei Geschossen Ausstellungsräume, denen weitere Foyers vorgeschaltet sind. Der Grundriss wirkt wie eine monumentale Kamera, die auf die Frankfurter Skyline gerichtet ist.

Vorhang auf, Film ab!

„Das alles dominierende Thema ist natürlich der Film. Darum waren wir bestrebt, Bezüge zur Welt der Filmkunst zu schaffen beziehungsweise Grundprinzipien des Films in Architektur umzusetzen“, erläutert Wolfgang Mairinger, Senior Partner im Büro Blocher Blocher Partners und verantwortlicher Architekt des Projekts Filmmuseum. „So gesehen darf das Vorhangthema als Hommage an die prächtigen Kinopaläste aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts verstanden werden. Kinozauber verströmt aber nicht nur das Museumskino, sondern auch die von dort empor führende, zweifach abgewinkelte Treppe. Deren Stufenfolgen begleiten eben jene gewellten opaken Wandverkleidungen, auf denen farbige Illuminationen die Magie der alten Lichtspieltheater zitieren“, sagt Wolfgang Mairinger.

Die Anforderungen an die Wandbekleidung gingen jedoch über eine attraktive, stimmige Optik hinaus: Sie sollte die Anmutung eines Vorhangs haben, diesen aber nicht naturgetreu abbilden. Das wäre schon wegen der Brandschutzauflagen nicht möglich gewesen. Außerdem wäre ein textiler Wandbehang nicht alltagstauglich (stoßfeste Oberfläche).

Gips-Gardinen aus einem Guss

Die Idee eines fallenden Stoffs musste am Computer eins zu eins gezeichnet und nach diesem Muster eine entsprechende Negativform angefertigt werden. Ein solcher „Vorhang“ ist mit Gipskarton nicht machbar – wegen der kleinen Radien und wegen der natürlich anmutenden Struktur der Wellen. Solche filigranen und fließenden Formen ermöglicht dagegen LaArt: Diese Elemente werden in der individuell erstellten Negativform aus glasfaserverstärktem Gips gefertigt. Bei dieser Laminiertechnik gibt es keine Einschränkungen in Form und Größe. Zugleich sorgt die Glasfaserverstärkung für die geforderte Stabilität. Das Flächengewicht ist mit etwa 7 bis 10 kg/m² außergewöhnlich niedrig. Das erlaubt eine reduzierte Unterkonstruktion und sehr große Elemente: Hier waren sie maximal 140 cm breit und 280 cm hoch, um ein optimales Handling zu gewährleisten. Die Elemente entsprechen der Baustoffklasse A1, nicht brennbar, und sind – im Sinne sicherer Fluchtwege – frei zugänglich. 

Wirtschaftlichkeit durch „Serienfertigung“

Je mehr Teile in einer Form entstehen können, destoökonomischer: Hier hat eine Negativform ausgereicht. Das Muster wiederholt sich immer nach vier Falten.

Die unterschiedlichen Wandbreiten ergeben sich, indem man entsprechend viele Teile zusammenfügt. In der Höhe variieren die Elemente: Neben den 280 cm hohen Vollelementen gibt es auch niedrigere Bereiche (zum Beispiel an den Treppen). Dafür gießt man die Negativform nur in entsprechender Höhe aus oder blockiert einen Teil der Form. Selbstverständlich lassen sich auch unterschiedlich hohe Teile miteinander verbinden. Insgesamt hat Siniat 64 Elemente produziert. Für deren exakte Anordnung gab es einen detaillierten Verlegeplan.

Befestigung: Die Wand vor der Wand

Für die Trockenbauer lag die größte Herausforderung darin, gemeinsam mit dem Hersteller ein Befestigungssystem zu entwickeln. Die übliche Vorgehensweise mit Nonius-Abhängern ist auf Decken ausgerichtet. Hier galt es jedoch, die Teile an der Wand zu fixieren: „Der Knackpunkt dabei war, dass wir die Teile nicht direkt an der Wand montieren konnten“, erläutert Holger Carlsen von der Art-Bau GmbH. Die „Vorhänge“ sind teilweise von einer Metallfassade eingerahmt, darüber schließt sich ein Wintergarten an.

„Die Metallprofile konnten wir nicht zur Befestigung nutzen, da sie thermisch in Bewegung sind und sich verziehen könnten. Darüber hinaus droht Rissbildung. Deshalb haben wir eine frei stehende Wand vorgeschaltet, die über etwa 25 cm lange Konsolen beziehungsweise Querpfostenprofile mit der eigentlichen Wandkonstruktion verbunden ist,“ so Holger Carlsen. Individuell konzipierte Haken verbinden wiederum die werkseitig integrierten Metallschienen der LaArt Elemente mit der vorgeschalteten Wand.

Abgeflachte Kanten sorgfältig verspachtelt

Lichteffekte durch verschiedenfarbige LEDs, verbunden mit einem Spiel aus Licht und Schatten, setzen die Wandbekleidung auf besondere Weise in Szene. Bei der Ausführung kam es daher maßgeblich darauf an, eine homogene Fläche zu schaffen: weder Stöße noch Ansätze durften erkennbar sein. Streiflicht galt es definitiv zu vermeiden. Da sich abzeichnende Spachtelfugen gerade bei Querfugen ins Auge springen, sind die LaArt-Kanten abgeflacht, damit man die Bewehrungsstreifen exakt darin einlegen kann.

Die Oberflächen der Elemente sind bereits werkseitig außerordentlich glatt. Nur die Stoßfugen muss man von Hand verspachteln. Da diese hier aber in beziehungsweise auf Rundungen liegen, erforderte das Spachteln und Schleifen dennoch höchste Sorgfalt: „Das liegt daran, dass man im Gegensatz zu ebenen Flächen nicht mit Maschinen arbeiten kann – und wenn, dann nur mit ganz kleinen. Dadurch ist das Schleifen weitgehend Handarbeit“, sagt Holger Carlsen. Das Finish bildet eine streiflichtfreie Farbe, die besonders stark pigmentiert ist. „Entscheidend ist, dass bei der Ausführung sehr sauber vorgegangen wird, um den Faltenwurf möglichst perfekt darzustellen“, so Architekt Wolfgang Mairinger. Holger Carlsen meint: „Das Projekt war sehr anspruchsvoll. Mit dem Resultat sind wir sehr zufrieden. Das hat Spaß gemacht.“

Autor

Werner Huber ist Leiter Technischer Service bei der Siniat GmbH in Oberursel.

Der Vorhang wurde aus glasfaserverstärktem Gips hergestellt

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