Sanierung der kontaminierten Fenster vom Poppelsdorfer Schloss in Bonn

Das Poppelsdorfer Schloss in Bonn wurde zwischen 1715 und 1740 erbaut und schon 1818 zum Eigentum der Universität Bonn. Nach dem Wiederaufbau bis 1959 findet jetzt eine umfangreiche Sanierung der gesamten Gebäudehülle statt. Diese betrifft auch die kontaminierten Fenster.

Die Firma Kramp & Kramp – Spezialist für Altbauten, Restaurierung und Denkmalpflege – hat den Auftrag für die Fenster- und Türensanierung erhalten. Dieser umfasst etwa 450 Stück Fenster- und Türelemente mit rund 1400 Flügeln und Oberlichtern sowie 8300 Sprossenfelder mit Verglasungen. Für die gesamte Sanierungszeit sind nur 18 Monate vorgesehen – eine Herausforderung, ebenso wie die umfangreiche Schadstoffsanierung, die erforderlich ist, da der Leinölkitt Asbest und die Fensterfarben Blei und PCB enthalten.  

Arbeitsablaufbeschreibung und Gefährdungsbeurteilung

Aufgrund des straffen Zeitplans wird das Objekt in 16 Einzel-Bauabschnitten bearbeitet, die bis zur letzten Arbeitsausführung auf den Tag genau durchgetaktet sind. Im Vorfeld musste eine ausführliche Arbeitsablaufbeschreibung und eine Gefährdungsbeurteilung für die Schadstoffsanierung erstellt werden, um die Gesundheit der Mitarbeiter während der Ausführung der Arbeiten nicht zu gefährden.

Die Technischen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS) und die Bautechnischen Verfahren (BT) müssen bei einer solchen Sanierung zwingend beachtet werden.

Zur Anwendung kommen hier:

 

TRGS 519  Tätigkeiten mit Asbest und asbesthaltigen Materialien bei Abbruch- und Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten,

TRGS 505  Tätigkeiten mit Blei,

  TRGS 905  Tätigkeiten mit krebserzeugenden, erbgutverändernden oder  fortpflanzungsgefährdenden Stoffen,

TRGS 524  Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten in kontaminierten Bereichen,

BT 42  Ausbau von asbesthaltigem Kitt im Glasfalz durch Aushauen und Schneiden mit und ohne Erwärmung,  

BT 30  Bohren von Bohrlöchern in Wände und Decken mit asbesthaltiger Bekleidung.

 

Für diese Tätigkeiten bedarf es speziell ausgebildeter Mitarbeiter, die die entsprechenden Lehrgänge zum Erwerb der Sachkunde besuchen und durch Ablegen einer Prüfung erfolgreich beendet haben. 

Die Gefährdungsbeurteilungen für die verschiedenen Bereiche wurden vom Sicherheitsbeauftragten der Firma Kramp & Kramp und der externen Fachkraft für Arbeitssicherheit ausgearbeitet, da diese grundsätzlich vom Arbeitgeber zu erstellen sind. Er ist verpflichtet für die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten am Arbeitsplatz zu sorgen. Allerdings kann er sich dem Sachverstand von Experten bedienen.

Unterweisung und Voruntersuchung der Mitarbeiter

Bevor die Arbeiten auf der Baustelle beginnen, wird das Baustellenteam vom Sicherheitsbeauftragten ausführlich unterwiesen und es werden alle Gefahren über mögliche Kontaminierungen aufgezeigt. Die Handlungsanweisungen hierzu werden aufgelistet, durchgesprochen und gegengezeichnet. Außerdem untersucht der Betriebsarzt die Mitarbeiter im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen. In diesem Fall werden folgende Vorsorgeuntersuchungen durchgeführt:

 

G1.2  Arbeiten mit asbestfaserhaltigem Staub,

G2  Arbeiten mit Blei oder seinen Verbindungen,

G26.1  Lungenfunktionstest und

G27 / G29  Bluttest (Suche nach Isocyante und Xylol/Toluol).

Insbesondere das Thema der Kontaminierung von Arbeitsbereichen, mit unterschiedlichen Schadstoffen, bekommt einen immer höheren Stellenwert.

Dem Arbeitsschutz kommt eine immer größere Bedeutung zu, so dass das Augenmerk verstärkt auf der Gesundheitserhaltung der Mitarbeiter liegt. Die Zeiten, in denen Arbeitnehmer ohne Schutzausrüstung in Gefahrenzonen arbeiten mussten, sind – zum Glück – in den meisten Unternehmen Geschichte.  

Spezialisierung auf Gebäudeschadstoffe 

Die Firma Kramp & Kramp hat sich bei der Restaurierung auf Gebäudeschadstoffe spezialisiert. Die Ausführung dieser besonders sensiblen Arbeiten übernehmen entsprechend ausgebildete Mitarbeiter, denen spezielle technische Ausrüstung, bis hin zu einem Dekontaminierungsmobil als Dreikammersystem mit Schwarz-Weiß Bereichen, zur Verfügung steht. Die Mitarbeiter tragen während der Tätigkeit auf der Baustelle Schutzanzüge mit Kapuze SMS Kategorie 3 und Halbmasken mit Gas- und Partikelfilter beziehungsweise Atemschutzhauben mit Gebläsefiltersystemen. Der Eigenschutz hat in diesem Bereich die höchste Priorität. 

Schutz bei der Sanierung schadstoffbelasteter Fenster 

Durch die hohe Schadstoffbelastung wird im ersten Arbeitsschritt von innen pro Fenster eine Folienschutzkabine mit luftdichten Anschlüssen in die Räume gebaut. Bei der Sanierung sorgen Unterdruckhaltegeräte für einen vorgeschriebenen Unterdruck und Luftwechsel in den Arbeitsbereichen. Anschließend werden Interimsverschlüsse, teils mit Fensteröffnungen für Fluchtwege, Belichtungen und Belüftungen, montiert. Erst dann werden sämtliche Arbeiten von der Außenseite, vom Gerüst, ausgeführt. Alle beweglichen Bauteile werden anschließend in die Fachwerkstatt der Firma Kramp & Kramp transportiert.

Im nächsten Schritt werden die nachkriegszeitlichen Float-Glasscheiben demontiert, entsorgt und gegen 3 mm dickes Weißglas ersetzt. Die Schadstoffsanierung findet in einem Schwarzbereich statt. Mit Schutzanzügen und Masken sind die Mitarbeiter zu jederzeit gegen eine eventuelle Schadstoffbelastung geschützt.

Die Beschichtung der Elemente wird substanzschonend, unter Einhaltung der TRGS, bis auf einen tragfähigen Untergrund entfernt.

Die Entlackung in der Fachwerkstatt verfügt über ein geschlossenes Abwassersystem. Das kontaminierte Abwasser wird mehrfach gereinigt, bis alle Schadstoffe aus dem Wasser entfernt sind und das gereinigte Wasser dem Kreislauf wieder zugeführt wird. Vierteljährlich wird das gereinigte Wasser durch das zuständige Umweltamt getestet, um die Einhaltung der Grenzwerte sicherzustellen. Anfallende Schlämme werden in verschlossenen Spezialbehältern von einem Entsorgungsunternehmen abgeholt und fachgerecht entsorgt.

Anschließend werden die Elemente geschliffen, tischlermäßig überarbeitet und ergänzt. Holzreparaturen wie Wetterschenkel oder Schlagleisten werden mit feinjährigen Lärchenholz ausgetauscht. Absauganlagen in der Tischlerwerkstatt und asbestzugelassene H-Staubsauger schützen die Mitarbeiter vor Holzstäuben.  

Schutz vor alveolengängigem A-Staub 

Die schädlichste Staubart ist der alveolengängige A-Staub. Da die Partikel kleiner als vier Mikrometer sind, werden sogar die Lungenbläschen (Alveolen) erreicht. Dort setzt sich der Staub dauerhaft fest, weil die Lunge keine Selbstreinigungs-Mechanismen hat. Für Stäube unterschiedlicher Partikelgröße gelten in Deutschland Grenzwerte. Gerade die schädlichen A-Stäube werden mit 1,25 mg/m3 Raumluft sehr streng reglementiert. Den Mitarbeitern stehen bei allen gefährdeten Arbeitsschritten Schutzmasken mit wechselbaren Filtern zur Verfügung. In regelmäßigen Unterweisungen werden die Beschäftigten durch den Sicherheitsbeauftragten sensibilisiert, die Masken zu tragen und auf funktionsfähige Filter zu achten. Für den Gesundheitsschutz werden die Mitarbeiter vom Betriebsarzt nach den Vorgaben der G44 Hartholzstäube zudem regelmäßig untersucht.  

Wiederherstellung der Beweglichkeit 

Zusätzlich werden die Oberlichtöffner, die eine besondere Öffnungsmechanik haben, wieder instandgesetzt und repariert, so dass diese funktionstüchtig für die Nachwelt erhalten bleiben. Die Dreh-Kurbelbeschläge, die jeder Flügel hat, wurden jahrzehntelang nicht gewartet und gepflegt. Somit müssen die Gehäuse alle geöffnet, feingestrahlt und gereinigt, ergänzt und instandgesetzt sowie neu gefettet werden. Danach werden die Beschläge wieder in einem Silberlack lackiert.

Die energetische Ertüchtigung der Fenster- und Türelemente ist im Auftrag nicht vorgesehen.

 

Autor

Guido Kramp ist Geschäftsführer der Firma Kramp & Kramp in Lemgo. Er ist Tischlermeister, geprüfter Restaurator im Tischlerhandwerk und Sachverständiger im Holz- und Bautenschutz. Sein Unternehmen hat sich auf die Restaurierung und Sanierung von Denkmälern spezialisiert.

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