Neubau einer Hyperschale aus Beton für das Perlmutter-Erlebnismuseum in Adorf
Die Entscheidung für eine so moderne Architektursprache in einer Kleinstadt wie Adorf war mutig. Ein Mut, der durch viel positives Feedback zum neuen Perlmutter-Erlebnismuseum nach Plänen des Büros Schulz und Schulz Architekten belohnt wird.
Hätten Sie gewusst, dass die Perlenfischerei und die Perlmuttindustrie jemals in Deutschland, noch dazu im Mittelgebirge, eine größere Rolle gespielt haben? Dank reichhaltiger Vorkommen von Perlmuscheln in der Elster war im Vogtland und insbesondere in der kleinen Stadt Adorf die Perlmutter-Warenfabrikation Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig gewachsen. Mit dem Ersten Weltkrieg sowie sich ändernder Moden endete diese Ära Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Stadt Adorf aber möchte diesen Schatz ihrer Stadtgeschichte bewahren und im neuen Perlmutter-Erlebnismuseum zeigen. Besonders spannend ist die architektonische und bauliche Umsetzung des Neubaus in Anmutung einer benetzten Schalenmuschel.
Die Architektur
Die Idee, die Perlmuttindustrie in Adorf zu zeigen, ist an sich nicht neu. So gab es bereits zwei kleinere Räume im Adorfer Heimatmuseum im sogenannten Freiberger Tor, einem historischen Torbau neben dem jetzigen Museumsneubau. Um den heutigen Ansprüchen an ein Museum, insbesondere mit der Idee der Erlebnispädagogik, gerecht zu werden, sollte es einen Erweiterungsbau geben. Es bot sich an, hierfür eine brachliegende Grundstücksfläche neben dem Torbau sowie ein seit Jahren leerstehendes Fachwerkgebäude daneben zu nutzen.
Das Regenwasser vom Dach des Museums fließt über die Fassade in eine Rinne und von hier in den Brunnen
Foto: Albrecht Voss
2020 wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, aus dem das Leipziger Architekturbüro Schulz und Schulz als Sieger hervorging. Das Baugrundstück war mit einer Fläche von 20 x 20 m „eingeklemmt“ zwischen die beiden Bestandsbauten, nicht groß und doch weiß sich der Neubau mit seiner markanten Betonschale zu behaupten. Die skulpturale Form, der Sichtbeton und die Tatsache, dass an dieser Schale kontinuierlich Wasser herunterläuft, sorgen für Aufmerksamkeit. Im Neubau befinden sich der Eingangsbereich mit Infopoint und Kasse sowie die Erschließung in die oberen Geschosse. Zudem ist hier noch ein Stück der alten Stadtmauer zu sehen, die in den Bau integriert und in einem dreigeschossigen Patio durch ein Oberlicht sehr schön in Szene gesetzt wird. In den Räumen der beiden Obergeschosse gibt es einen Raum für Sonderausstellungen sowie einen Raum für die Museumspädagogik.
Der Rundlauf für die Besucherinnen und Besucher des Museums gibt vor, sich zunächst in das oberste Geschoss zu begeben und die Ausstellung, die in dem angrenzenden Fachwerkbau untergebracht ist, von oben nach unten zu durchlaufen. Bei den Obergeschossen des Neubaus handelt es sich um die Zwischengeschosse 2 und 4. Im Fachwerkbau sind die Ausstellungsebenen 1, 3 und 5 zu finden. Im Erdgeschoss des Fachwerkbaus befinden sich die Garderobe, Sanitärräume sowie ein Souvenirshop, der auch über den Kassenbereich zugänglich ist.
Die Form der Betonschale
Der Polier der Baufirma hatte im Vorfeld mit einem Modell aus Holz und mit Hilfe von Fäden, Anzahl und Position der Schalbretter ermittelt
Foto: Schulz und Schulz Architekten
Die Idee der Schalmuschel wurde durch eine Betonschale realisiert, die als Sichtbetonfassade über die tragende Konstruktion „gestülpt“ wurde. Besonders markant ist dabei der Teil der Fassade, der sich über dem Eingang als Ausschnitt einer Hyparschale herausschiebt. Bei einer Hyparschale handelt es sich um eine zweifach gekrümmte Fläche, deren Planung und Ausführung immer sehr aufwändig sind. In diesem Fall klappt sich die Betonschale quasi heraus und hängt frei über dem Eingang. Dazu erklärt Tragwerksplaner Jens Mayer-Wycisk vom Büro Mathes Beratende Ingenieure: „Wir haben hier eine ,Überdachung‘ des Eingangsbereiches gebaut, indem die Geschossdecken bis über den späteren Gehweg herausgezogen und an der Hyparschale angeschlossen wurden. Die Hyparschale wiederum spannt zwischen der auskragenden Wandscheibe links und der Gebäudetrennwand zum Freiberger Tor rechts, wo jeweils die Auflagerlasten eingeleitet werden.“
Was sich rechnerisch also planen und konstruieren lässt, muss auch auf der Baustelle umgesetzt werden können. An dieser Stelle kam dem Projekt die Erfahrung und das Engagement des Bauunternehmens sp-Bau GmbH, insbesondere in Person ihres Poliers André Schürer zu Gute, der sich von Anfang an als motivierter und mitdenkender Handwerker in das Projekt eingebracht hat. „Schon bei der Sauberkeitsschicht wussten wir: Der kann das!“, begeistert sich Architekt Professor Ansgar Schulz. „Gleich zur ersten Baubesprechung brachte der Polier ein Holzmodell mit, um zu zeigen, wie er die Schalung für die Betonschale aufbauen möchte. Mit Fäden konnte er so die idealen Längen der Schalelemente ermitteln.“
Während man zunächst davon ausging, die Schalung nur mit Brettern ausführen zu können, wurde dann bei der Tragkonstruktion doch mit einer Standard-Rahmenschalung gearbeitet. Allerdings durften die einzelnen Elemente nicht zu lang sein. Mit vielen, nur 62 cm langen Scheiben, die mit Schraubzwingen fixiert wurden, war die Schalung in die gewünschte Form gezwängt worden. „Während anderswo solche Formen nur mit teurer Sonderschalung realisiert werden können, wurde die Herausforderung hier mit viel Kniff, vogtländischem Witz und sehr großer Fachkompetenz deutlich kostengünstiger umgesetzt“, freut sich Tragwerksplaner Mayer-Wycisk. Für die Schalung des Sichtbetons wurden aufgrund der gewünschten Optik Bretter eingesetzt.
Wetterschalung und Wasserkreislauf
Nun war allerdings nicht allein die Form zu bewältigen, denn es ist grundsätzlich nicht so einfach, eine Außenhaut in Sichtbeton auszuführen. Die tragende Außenwand besteht aus dem 25 cm dicken Stahlbeton-Rohbau, 20 cm druckfester XPS-Dämmung und der beschriebenen ebenfalls 25 cm dicken Sichtbetonschale, die, wie erwähnt, übergestülpt und nur an wenigen Stellen am Rohbau befestigt wurde. Die Wetterschale ist natürlich der Witterung und vor allem Temperaturschwankungen ausgesetzt und muss entsprechend verschieblich sein, um sich zu dehnen und schrumpfen zu können, ohne Risse zu bekommen. „Die Vorsatzschale ist statisch bestimmt am Rohbau befestigt, so dass sich temperaturbedingte Verformungen und Schwindverkürzungen zwängungsfrei einstellen können“, so der Statiker. „Konkret erfolgt die Auflagerung der Ortbetonfassade über im Rohbau einbetonierte Konsolen aus Edelstahl. Die Gegenstücke der Konsolen wurden dann in der Ortbetonfassade eingelassen und zwischen den Stahlteilen Hochleistungsgleitlager verbaut.“
Nach so vielen Jahren des Leerstandes musste das Fachwerk im Gebäude saniert und teilweise ergänzt werden
Foto: Schulz und Schulz Architekten
Dass diese Schale im Prinzip unentwegt dem Wasser ausgesetzt ist, stellte hingegen kein größeres Problem dar. Ein Thema ist es allerdings schon insofern, als dass der Beton in entsprechender Qualität hinsichtlich seiner Dauerhaftigkeit und Robustheit dicht und frostsicher hergestellt werden musste und alle Arbeitsfugen zwischen den Betonierabschnitten mit Fugen- und Quellbändern abgedichtet sein müssen. Durch die enge und maschenartige Bewehrung des WU-Betons ist die zulässige Rissweite so gering, dass kein wesentlicher Wassereintritt zu erwarten ist. Unter Umständen kann eine dauerhafte Bewässerung sogar durch ein Versintern kleinerer Risse eine positive Wirkung haben.
„Uns war sehr wichtig – und so haben wir es auch bereits im Wettbewerb kommuniziert – dass an der Betonschale dauerhaft Wasser herunterläuft“, erzählt Architekt Ansgar Schulz. „Und so gibt es hier nun einen kleinen Wasserkreislauf, bei dem das von der Dach- und Fassadenfläche herunterlaufende Regenwasser in einer Rinne aufgefangen wird und in einen darunter stehenden Brunnen beziehungsweise in eine Zisterne fließt.“ Mit einer photovoltaisch betriebenen Pumpe wird es dann wieder in den Kreislauf eingebracht. Diese Technik kann vom Kassentresen aus gesteuert werden.
Der Bau des Brunnens stellte keine besondere Herausforderung dar. Die Form eines sehr schmalen Schachtes, der sich entlang der ansteigenden Straße langsam wie ein Mäuerchen aus dem Boden zu schieben scheint, ist ästhetisch gelungen. Der Außenraum wird so gefasst und architektonisch eingebunden.
Das Ausstellungskonzept
Was ist in einem Perlmuschelmuseum zu sehen? Und wie konnte die Ausstellung in den Bestand integriert werden? Grundsätzlich sollten in der Ausstellung drei Aspekte beleuchtet werden: das Leben der Flussperlmuschel, die Perlenfischerei und die Perlmutterwarenherstellung speziell in Adorf. Dabei stand das Konzept „Erlebnismuseum“ im Fokus. Eintauchen, entdecken, staunen – das ist die Grundidee der immersiven Ausstellung.
Der Rundgang beginnt auf der Ebene 5 mit dem Leben der Flussperlmuschel, das die Besucherinnen und Besucher regelrecht nachempfinden können: durch einen entsprechend bedruckten Bodenbelag, Projektionen an den Wänden, die das Schimmern des Wassers nachbilden und einen zusätzlichen Unterwasser-Sound. In Ebene 3 geht es um die Anfänge der Perlenfischerei. Hierfür bewegt man sich durch eine stilisierte vogtländische Auen- und Waldlandschaft. In der untersten Ausstellungsetage schließlich wird im sogenannten „Blauen Wunder“ gezeigt, was alles aus Perlmutter hergestellt worden ist. Hier gibt es sowohl blaue Trockenbauwände mit kreisförmigen Vitrinen als auch in das Fachwerk gesetzte Vitrinen und eine vor eine der Lehmputzwände gesetzte Stahlkonstruktion mit einer Vielzahl von Bildern, in denen Perlmutter verarbeitet worden ist. In der gesamten Ausstellung wird auf moderne Wissensvermittlung durch Spiel- und Medienstationen gesetzt.
Engagement und Zusammenarbeit
In der obersten Ausstellungsetage taucht man in die Unterwasserwelt der Perlmuschel ein
Foto: Albrecht Voss
Um ein solch modernes Gebäude in einer Kleinstadt wie Adorf zu realisieren, müssen die Bürgerinnen und Bürger mitgenommen werden. Das scheint hier, nicht zuletzt Dank des Engagements des Bürgermeisters, dessen Vision von einem Touristenmagneten das Projekt vorangetrieben hat, recht gut gelungen zu sein. Wenn es auch nach wie vor Gegenstimmen gibt, denen die Optik und/oder der Kostenfaktor nicht gefällt, ist das Museum ein großer Erfolg mit viel positivem Feedback. Die Kosten für die Gemeinde konnten durch diverse Fördergelder reduziert werden. Der Bau des Museums wurde unter anderem durch das Bundesprogramm Nationale Projekte des Städtebaus gefördert, da mit dem Museum auch der Ortskern stark aufgewertet wurde. Und auch für die Ausstellung selbst gab es verschiedene Fördermittel.
Besonders erwähnenswert ist zudem die gute Zusammenarbeit aller Beteiligter. Auch Architekt Schulz betont: „Für mich war eigentlich das Größte zu sehen, wie auf kleinstem Raum mit begrenztem Budget ein so großartiges Projekt entsteht. Und wie viel man erreichen kann, wenn alle mitmachen, mitdenken und am selben Strang ziehen!“
AutorinDipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau tätig.
Baubeteiligte (Auswahl)
Bauherr Stadt Adorf / Vogtland, Bürgermeister Rico Schmidt, www.adorf-vogtland.de
Architektur Schulz und Schulz Architekten,
Leipzig, schulz-und-schulz.com
Ab Leistungsphase 6 Neumann Architekten +
Generalplaner, Plauen, neumannarchitekten.de
Tragwerksplanung Mathes Beratende Ingenieure, Chemnitz, www.ming.de
Bauunternehmen SP-bau, Lengenfeld,
www.sp-bau-gmbh.de
