Recruiting und Social Media: Schülerfirma BrandLab hilft Handwerksbetrieben
Die Schülerfirma BrandLab aus Gütersloh bietet Handwerksbetrieben Unterstützung bei der Suche nach Fachkräften an. Über Social Media sollen sich Firmen authentisch präsentieren. Zu den ersten Auftraggebern gehört die Fenster- und Türenmanufaktur Martinschledde in Rietberg.
„Versuche mal, ein Fenster per ChatGPT zu bauen“, sagt Linus Martinschledde in die Kamera und schaut dabei durch einen weißen Holz-Fensterrahmen. Cut. Nächste Szene: Azubi Romeo Senol dreht Schrauben in sein Gesellenstück, eine Zimmertür. Die Kamera filmt ihn, schwenkt dann hinüber zu Linus: „Genau deswegen ist Handwerk nicht einfach irgendein Job. Du erschaffst echte Dinge. Mit deinen Händen. Mit Köpfchen“, spricht er ins Mikro.
Konzentriert beim Dreh: Linus Martinschledde spricht über die Fenster-und-Türen-Manufaktur seiner Eltern. Jan Christian Ostertag von der Schülerfirma BrandLab filmt ihn für den Instagram-Kanal des Betriebs in Rietberg
Foto: Michaela Podschun
Bei der Fensterbaufirma Martinschledde in Rietberg ist Drehtag. Mehrere Videos (Reels) für das Instagram-Profil des Betriebs werden aufgenommen. Hinter der Kamera steht der 15-jährige Schüler Jan Christian Ostertag. Er gehört zur Schülerfirma BrandLab, die sich am Evangelisch Stiftischen Gymnasium (ESG) in Gütersloh gegründet hat. BrandLab bietet Handwerksbetrieben Unterstützung bei der Suche nach Fachkräften, speziell Azubis, über Social Media an.
Klassische Job-Anzeigen funktionieren nicht mehr
Der familiengeführte Handwerksbetrieb von Verena und Udo Martinschledde gehört zu den ersten Auftraggebern des Schüler-Start-ups und sucht Auszubildende. Sohn Linus unterstützt seine Eltern bei den Videoaufnahmen. „Wir haben den Anspruch, jedes Jahr neue Lehrlinge einzustellen. Aber das wird zusehends schwerer“, sagt Verena Martinschledde. Klassische Job-Anzeigen in lokalen Zeitungen hätten wenig Erfolg. „Wir haben uns auch an die Kreishandwerkerschaft und heimische Schulen gewandt. Aber darüber kam wenig Resonanz“, schildert die Firmen-Chefin. Eine Freundin machte sie auf die Schülerfirma des Gütersloher Gymnasiums aufmerksam und sie nahm spontan Kontakt mit den Jugendlichen auf.
Videos drehen, Social-Media-Posts schreiben, Website pflegen: BrandLab bietet ein komplettes Konzept an. „Viele Firmen sind online nicht sichtbar und erreichen ihre Zielgruppe nicht. Wir wissen jedoch, auf welchen Plattformen die jungen Leute sind, weil wir ja selbst zur Zielgruppe gehören“, sagt Jan Christian Ostertag. Das sei ein wichtiger Pluspunkt beim Recruiting.
Business-Plan entwickeln und Kundenaquise starten
BrandLab hat sich vor einem Jahr am Gütersloher Gymnasium gegründet. Dort gehört es zum Unterrichtskonzept, dass die Schüler im Fach „Wirtschaft, Medien und Kultur“ (WMK) Start-ups gründen. „2016 ist dieses Modell aus dem früheren Werkunterricht heraus entstanden. Die Jugendlichen lernen, Ideen zu entwickeln, einen Business-Plan aufzustellen und dann auch in die Kundenakquise zu gehen“, erklärt Lehrer Johannes Leiskau, der die Start-up-Gründungen gemeinsam mit Lehrerin Tanja Milse betreut.
Die acht Schülerinnen und Schüler, die bei BrandLab mitmachen, seien sehr ambitioniert. Er freut sich sehr über die ersten Aufträge seiner Schützlinge. Zunächst ging ein Elternschreiben herum, das einige Kunden-Kontakte brachte. Aber die Jugendlichen greifen auch selbst zum Telefon, um sich bei Handwerkerinnen und Handwerkern bekannt zu machen.
Individuelle Social-Media-Strategie entwickeln
Sie machen bei BrandLab mit: Antonius Alexis Edgar Meyer zu Schwabedissen, Maarten Wörmer, Jannis Hoeppke (hintere Reihe von links) sowie Bendt Lepel, Rozerin Bicen, Nisha Assyria Günduz, Jan Christian Ostertag und Ben Müller-Nordmann (vordere Reihe von links).
Foto: BrandLab
Jan Christian Ostertag, Ben Müller-Nordmann, Antonius Alexis Edgar Meyer zu Schwabedissen, Maarten Wörmer, Jannis Hoeppke, Bendt Lepel, Rozerin Bicen und Nisha Assyria Günduz bilden ein Team. Ihr Angebot ist umfassend. „Wir nehmen mit den Firmen Kontakt auf, lernen sie kennen und sprechen Social-Media-Strategien mit ihnen ab. Wir posten auf Instagram, TikTok und schauen auch, auf welchen Plattformen sich die Zielgruppe des Betriebs bewegt“, erläutert Jan Christian Ostertag. Facebook sei mittlerweile eher was für Ältere, von daher konzentriert sich die Schülerfirma auf andere Online-Plattformen.
Bei ihrem Besuch vor Ort, wie in Rietberg, drehen die Schüler kurze Videos, um den Arbeitsalltag einzufangen. „Es soll alles authentisch sein. Daher sollten sich die Handwerker auch ruhig in Berufskleidung filmen lassen. Denn künftige Azubis wollen wissen, wie die Jobwelt aussieht“, sagt Ben Müller-Nordmann. Je mehr die Firmeninhaber über sich und ihr Team berichten, desto besser gelinge das Posten und die Leidenschaft fürs Handwerk wird deutlich.
Kurze und knackige Texte
Verena Martinschledde hält den Text auf dem Laptop parat, den sich Sohn Linus schnell einprägt
Foto: Michaela Podschun
Auch die Firmen-Website schauen sich die Jugendlichen an und nehmen Verbesserungen vor. Hier spiele Authentizität ebenso eine wichtige Rolle.Teamfotos, genaue Tätigkeits-Beschreibungen und eine klare Struktur seien das A und O. Die Fenster- und Türen-Manufaktur Martinschledde ist froh, Unterstützung zu bekommen. „Wir pflegen unsere Website, haben auch einen Instagram-Account. Aber es fehlen uns Ideen und Zeit, um regelmäßig Inhalte zu veröffentlichen“, sagt Verena Martinschledde. „Wir sind mit Social Media nicht aufgewachsen“, ergänzt ihr Mann Udo. Er hatte sich auch vor der Kamera ausprobiert, ist aber nun froh, dass Sohn Linus zur Verfügung steht.
Und dieser fühlt sich von Anfang an wohl und findet die Texte richtig klasse: „Kurz und knackig. Auf den Punkt gebracht.“ Es gibt verschiedene Settings. Mal sitzt der 24-Jährige im Büro und betont vor der Kamera, dass es keine langwierigen Bewerbungsprozesse im Betrieb seiner Familie gibt. Mal filmt ihn Jan in der Werkstatt und Linus zeigt verschiedene Werkzeuge. „Wenn Du einen Beruf willst, der Zukunft hat und nicht nur auf dem Bildschirm existiert, dann ist Tischler vielleicht genau dein Ding“, spricht er ins Mikro.
Film-Material schneiden und bei Instagram hochladen
Dann geht es nach draußen und die Kamera schwenkt über den Firmenhof. Linus setzt sich auf eine Bank und lädt alle jungen Leute ein, sich einfach mal zu melden. Jan Ostertag ist zufrieden, nach rund einer Stunde ist alles abgedreht. Material für acht kurze Videos hat er zusammen. Gemeinsam mit den anderen Jugendlichen geht es jetzt ans Schneiden. In regelmäßigen Abständen werden die Reels hochgeladen.
Verena Martinschledde freut sich über die Unterstützung der Schülerfirma und hofft, neue Azubis durch die Instagram-Videos zu finden
Foto: BrandLab
„Die Jugendlichen sind sehr professionell. Kaum zu glauben, dass sie erst 15 Jahre alt sind“, lobt Verena Martinschledde die Gruppe. „Wir haben uns schon beraten lassen und erfahren, dass wir mindestens sechs Monate Instagram bespielen müssen, um ins Recruiting einzusteigen. Das ist richtig viel Arbeit, die wir nun an BrandLab abgeben können.“
BrandLab freut sich über weitere Aufträge, die nicht nur aus Ostwestfalen-Lippe kommen sollen. Entfernungen nehmen die Jugendlichen gerne in Kauf und organisieren sich entsprechend. Das technische Equipment (Kamera, Mikro, Handy) leihen sie von der Film-AG aus. Das Geld, das das BrandLab-Team einnimmt, fließt in die Schule und wird dort für weiteres Equipment genutzt.
Die Schüler bekommen nicht nur Tipps von ihren Lehrerinnen und Lehrern. Im Gymnasium findet die „Höhle der Stifter“ statt. „Verschiedene Experten sind bei uns zu Gast, denen die Schüler ihre Ideen vorstellen und Feedback bekommen“, erläutert Lehrer Johannes Leiskau die Veranstaltung. Es sei wichtig, dass Personen von Außen eine Einschätzung geben. Denn die Start-up-Gründungen sollen so realistisch wie möglich sein und nicht bloß eine Planskizze bleiben.
Manche Gründer bleiben nach dem Abi dran
Und wie lange existiert eine Schülerfirma am ESG? „Manche Start-ups enden, wenn die Schüler Abi machen. Dann ist die Zeit zu knapp, um sich weiterhin um die Firma zu kümmern. Aber es gibt auch Gründer, die nach ihrer Schulzeit dranbleiben“, so der Lehrer. Bei BrandLab kann sich Johannes Leiskau durchaus vorstellen, dass die Idee weiterwächst. „Doch auch wenn ein Start-up an den Nagel gehängt wird, haben unsere Jugendlichen wichtige Erfahrungen gemacht.“
Verena und Udo Martinschledde sind sehr zufrieden und haben ihren Vertrag mit BrandLab verlängert.
Infos auf: https://brandlab-media.de
Die Schüler haben auch einen Instagram-Account unter www.instagram.com/brandlab.media.gt und sind per Mail zu erreichen:
Die Reels laufen hier: www.instagram.com/manufaktur_martinschledde
AutorinMichaela Podschun ist Redakteurin der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.
