Wie die Stampflehmwände im Freilichtmuseum Hellerlecht entstanden
Es ist erstaunlich: Auch nach mehreren Stunden Tagung mit mehr als 60 Zuhörenden ist die Atmosphäre im Auditorium noch frisch, sodass die Gäste nicht das Bedürfnis haben, nach kurzer Zeit schon die Fenster zu öffnen. Die Conluto-Architektur-Tagung zum Thema Lehmbau fand passenderweise im neuen Eingangsgebäude des Freilichtmuseums Hellerlecht in Detmold statt. Conluto lieferte den Lehm für die tragenden Stampflehmwände.
Das neue Eingangs- und Ausstellungsbereich hat eine eingeschossige Bauweise. Entworfen wurde es von ACMS Architekten aus Wuppertal. Der Neubau ist in drei Baukörper gegliedert und in die Hanglage am Eingang des Museums integriert. Er umfasst Eingang und Foyer, Ausstellungsbereiche, Bistro sowie Workshop- und Bildungsräume.
Architekt Simon Waigand zeigte den Zuhörerinnen und Zuhörern Details an der Stampflehmwand im Freilichtmuseum. Der Eingangsbereich wurde offen gehalten, um den Blick auf die Wände zu ermöglichen
Foto: Michaela Podschun
Architekt Simon Waigand vom Wuppertaler Architektenbüro berichtete von der Errichtung der Lehmwände. Diese sind insgesamt rund 140 m lang, bis zu 9 m hoch und 60 cm dick. Sie tragen unter anderem die Dachkonstruktion und dienen gleichzeitig der Aussteifung. Für das Dachtragwerk wurden Vollholzlamellenträger mit Spannweiten von bis zu 13 m verwendet, die teilweise leim- und stahlfrei verbunden sind. Gedämmt wurde außerdem mit gepressten Strohballen.
Trägerschalungen mit Stampflehm befüllt
Der tragende Stampflehmbau wurde in Ortbauweise ausgeführt. Für die Herstellung der Stampflehmwände wurden Trägerschalungen mit einem Schüttsilo lagenweise mit Stampflehm befüllt. Die Schütthöhe betrug jeweils 13 bis 15 cm. Anschließend wurde das Material mit Rüttelplatten auf eine Schichtdicke von 7 bis 8 cm verdichtet. Während der mehrmonatigen Trocknungsphase wurden die Stampflehmwände durch ein Holzkorsett gesichert. Bei den Wänden, die höher als 3,50 m werden sollten, setzte man die Schüttung nach 6 bis 8 Wochen fort. Außerdem wurden Stampflehmfertigteile genutzt, die nach dem Trocknen auf der Baustelle mit einem Kran versetzt wurden. Danach wurden die Fugen nachretuschiert. Bei genauem Hinschauen lassen sich die einzelnen Teile aber noch erkennen. Auch bei den vor Ort gestampften Wänden bleibt der Herstellungsprozess sichtbar: Die einzelnen verdichteten Lehmschichten zeichnen sich deutlich ab.
Lehmwände kommen ohne Armierung aus
Der Lehm kommt ohne Armierung aus. Am oberen Abschluss der tragenden Wände wurden allerdings Stahlbetonrähme eingebaut, über die die Lasten der Dachkonstruktion möglichst zentrisch in die Lehmwände eingeleitet werden. Für das Projekt wurden laut Hersteller rund 1.400 Tonnen Lehm verarbeitet, der aus der Region kommt. Als ausführendes Lehmbauunternehmen war Lehm Ton Erde Baukunst GmbH aus Schlins in Österreich im Einsatz.
„Das Projekt sollte höchsten Nachhaltigkeitsansprüchen gerecht werden“, blickt Architekt Simon Waigand zurück. Eingesetzt wurden daher Stampflehm, Holz, Stroh und CO₂-reduzierter Beton. „Die ersten Gespräche zum Stampflehm haben wir vor sechs Jahren mit Conluto geführt, um zu klären, ob solche hohen tragenden Wände möglich sind. Für uns war es das erste Lehm-Projekt. Uns war daher klar, dass wir dazu Experten brauchen.“
Nur der Wandsockel wurde mit Trasskalk behandelt
Der Sockel erhielt eine Stabilisierung durch Trasskalk
Foto: Michaela Podschun
Von Frühjahr bis in den Herbst hinein (sechs Monate) wurden die Lehmwände gebaut, danach trockneten sie im Holzkorsett bis zum nächsten Frühjahr. Der Stampflehm wurde nicht nachbehandelt, sondern nur grob abgebürstet. Lediglich die Sockelschicht wurde mit Trasskalk stabilisiert, um Beschädigungen durch Reinigungsmaschinen zu vermeiden. Die Ecken der Wände wurden nicht stabilisiert. „Natürlich können dort im Laufe der Zeit Stücke abbrechen. Aber dies lässt sich wieder beheben“, so Simon Waigand. Der Stampflehm soll so natürlich wie möglich belassen werden.
Weil es sich um tragende und aussteifende Wände eines öffentlichen Gebäudes handelt, musste die Konstruktion auch brandschutztechnisch nachgewiesen werden. Dafür wurden Brandversuche bei der MFPA Leipzig, der Gesellschaft für Materialforschung und Prüfungsanstalt für das Bauwesen, durchgeführt. Dabei erreichte die Konstruktion einen Feuerwiderstand von mehr als 90 Minuten (REI 90). Für Simon Waigand war besonders bemerkenswert, dass sich die Stampflehmwand unmittelbar nach dem Brandversuch auf der nicht beflammten Seite anfassen ließ.
Akustikprüfungen in Detmold
Prof. Susanne Schwickert von der Technischen Hochschule OWL stellte Ergebnisse der Begleitforschung ECOsights vor. Ein Schwerpunkt lag auf den akustischen Eigenschaften von Lehmbaustoffen. Dazu wurden in einem sechs Wochen lang eingerichteten Prüflabor in der Musikschule Detmold Nachhallmessungen an einer Lehmbauplatte mit unterschiedlichen Trocknungsgraden durchgeführt. Die Ergebnisse zeigten, dass der Schallabsorptionsgrad mit zunehmender Trocknung und Porenbildung anstieg. Im Vergleich mit Betonwänden zeigte sich bei den Messungen ein 25 Prozent höherer Absorptionsgrad.
In den weiteren Vorträgen ging es noch um den Umbau einer alten Mühle mit Lehmwänden und Lehmboden, über Gebäudekühlung mit Lehmbaustoffen und über die Zukunft des Holz-Lehm-Hybridbaus.
Autorin
Michaela Podschun ist Redakteurin der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.
