Nachts in der Bahnhofspassage in Potsdam

Fußgänger gehen hier Tag und Nacht durch. Aber nur Nachts arbeiten die Fliesenleger in den Potsdamer Bahnhofspassagen. Von April bis Oktober dieses Jahres haben sie dort den Boden komplett erneuert. Dafür benutzten sie großformatige Fliesen. Feld für Feld arbeiteten sie sich voran.

Wenn die Geschäfte in den Potsdamer Bahnhofspassagen um 20 Uhr schließen, beginnt die Arbeit der Fliesenleger. In den Gängen ist dann noch lange nicht Ruhe eingekehrt: Reisende gehen zu ihren Zügen, ein McDonalds hat die ganze Nacht geöffnet, das Kino in der Passage zeigt Nachtvorstellungen. Aber: „Der Pub­likumsverkehr ist kein Problem für uns, wir wissen damit umzugehen“, sagt Volker Schwenk, Inhaber von Schwenk-Fliesen. Er und seine Söhne Tom und Marc Schwenk von Mega Tile Solutions leiten die Sanierung des Fußbbodens der Bahnhofspassagen in Potsdam. Für Mega Tiles Solutions, die Firma von Tom und Marc Schwenk, ist es das erste Großprojekt. Der gesamte Boden der Bahnhofspassagen wird ausgetauscht und durch großformatige Keramikfliesen ersetzt.

Von Eppstein bei Frankfurt am Main fährt Volker Schwenk seit April jeden Montag nach Potsdam. Nach einem gemeinsamen Abendessen mit seinen Söhnen beginnt die Arbeit in den Bahnhofspassagen. „Der Montag ist immer der härteste Tag“, sagt Fliesenlegermeister Schwenk. Er hat ein kleines Häuschen in Babelsberg gemietet, dort wohnt er mit seinen Söhnen für die Dauer der Bauarbeiten. Seit über zehn Jahren arbeitet die Firma Schwenk Fliesen mit großformatigen Keramik-Fliesen und kennt sich damit aus.

Drei Felder pro Nacht

Die Arbeit beginnt, wenn die Geschäfte zu sind. Gearbeitet wird parallel auf drei Feldern, jedes Feld ist etwa 64 m² groß. Auf dem ersten Feld schleifen und schneiden die Handwerker der Firma San-Check die alten Betonwerksteine ab. Auf die abgeschliffene Oberfläche kommen später die Großformatfliesen. Doch zuerst wird der abgeschliffene Boden mit der Spachtelmasse „Sopro FS 15 plus“ nivelliert. Das passiert parallel im zweiten Feld. Im dritten Feld werden schon die Großformatfliesen mit dem Kleber „MG-Flex schnell“ verlegt. Es gibt kaum eine Fliese, die nicht vorher bearbeitet werden muss. „Ich kaufe oft das größte Fliesenformat ein, weil sich daraus alle Größen schneiden lassen“, sagt Volker Schwenk. In einen Lagerraum unterhalb der Passagen werden die Fliesen in großen Holzkisten angeliefert. Dort steht auch ein eigens angefertigter Schneidetisch auf Rollen. Mit einem Vakuum-Kran heben die Handwerker die Fliesen auf den Tisch und schneiden sie auf die gewünschte Größe. Dann stellen sie die Fliesen auf einen Rollwagen und fahren sie mit dem Fahrstuhl direkt in die Passagen.

Vier Mitarbeiter heben eine Fliese

Eine Fliese wiegt knapp 40 kg, dazu kommen 5 kg
Mörtel und 20 kg schwere Aluminiumschienen. Per Hand lassen sich die Fliesen nicht verlegen, dazu sind sie zu schwer. Die Fliesenleger befestigen stattdessen Alu-Schienen mit Vakuumsaugnäpfen auf der Platte. Mit Pumpgriffen sorgen sie dafür, dass die Luft zwischen Saugnäpfen und Fliese entweicht.

Dann zieht ein Mitarbeiter auf der anderen Seite den Dünnbettmörtel „MG Flex Schnell C2 FT S2“ von
Sopro auf. Ein zweiter Mitarbeiter zieht den gleichen Mörtel auf dem Boden auf. Gearbeitet wird im sogenannten „Buttering-Floating“-Verfahren. Vier Mit­arbeiter heben die Fliese mithilfe der Schienen ins vorbereitete Mörtelbett. Sobald die Platte liegt, ziehen sie an den Pumpgriffen und lösen die Schienen wieder ab.

Um die Fliesen eben und plan zu verlegen, benutzen die Handwerker ein Nivelliersystem, das „Karl Dahm Leveling“. „Das System sorgt für das Feintuning unter etwa 1 mm, die Stegbreite sorgt schon für die gleichmäßige Fuge“, erklärt Volker Schwenk. Zuerst schieben die Handwerker Abstandshalter aus Plastik unter die angrenzenden Fliesen. Liegt die Fliese im Mörtelbett, schrauben sie Zughauben aus Plastik auf. Mit wenigen Umdrehungen wird die Fliese auf das gewünschte Niveau angehoben. Größere Höhendifferenzen kann das Levelling aber nicht kompensieren, weil dann die Fliese reißen würde.

Drei Stunden nach dem Verlegen sind die Fliesen schon begehbar und verfugbar. Die Fliesen halten auch großen Belastungen Stand, meint Volker Schwenk: „Einmal sind wir mit 47 Paletten Fließestrich über die Fliesen gefahren, eine Nacht nach der Verlegung. Es gab kein Knacken und Knirschen, und erst recht keine Risse.“

Verlege-Roboter für schwere Fliesen

Wenn die Fliesenleger viele gleich große Fliesen hintereinander verlegen, oder mit besonders schweren Fliesen arbeiten, kommt ein fahrbarer „Verlegerobot“ zum Einsatz. Auf der Treppe und unter dem Geländer konnten die Handwerker die Fliesen per Hand schlecht verlegen. Deswegen haben sie dafür den „Robot“ eingesetzt.

Nachdem die Bauarbeiten der Nacht abgeschlossen sind, verlassen ab 6.30 Uhr die Handwerker die Baustelle. Um 8 Uhr öffnen die Geschäfte in der Passage. Dann gehen Passanten über den neu gefliesten Boden, ohne etwas von den Bauarbeiten in der Nacht zu merken. So arbeiten sich die Handwerker Stück für Stück voran, insgesamt 100 Felder müssen sie renovieren, jede Nacht wird ein Feld fertig. Angepeilt war Ende Oktober 2016 für die Fertigstellung. „Für uns ist das ein Pilotprojekt“, sagt Volker Schwenk, „mit Großformatfliesen kennen wir uns schon sehr gut aus. Aber die Sanierung über Nacht im laufenden Betrieb, das ist für uns eine neue Erfahrung.“

Autor

Stephan Thomas ist Volontär in der Redaktion der Zeitschriften dach+holzbau und bauhandwerk.

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