Einfamilienhaus aus recycelten Baustoffen in Hannover

Ein Haus, das zum überwiegenden Teil aus recycelten Baustoffen besteht? Doch, so etwas gibt es. Ein solches Experimentalhaus entstand im vergangenen Jahr nach Plänen des Architekturbüros Cityförster als Prototyp in Hannover.

Den gebauten Bestand als Ressource anzusehen, ist nicht neu. In vergangenen Jahrhunderten sahen Handwerker die vorhandene Bausubstanz als Baustofflieferant. Zahlreiche Spolien im Mauerwerk historischer Gebäude zeugen davon, Hölzer aus ehemaligem Fachwerk und Dachstuhl wurden gerne wiederverwendet. Aus den Steinen von nicht mehr erforderlichen Stadtmauern oder Burgen, aus Abriss und Ruinen entstanden ganze Häuserzeilen. Und selbst in jüngerer Zeit baute man im Ruhrgebiet das Stahlfachwerk ganzer Industriehallen auseinander, um es in Amerika wieder zusammenzubauen. Doch was das Büro Cityförster gemeinsam mit ihrem Bauherrn, dem Wohnungs- und Bauunternehmen Gundlach Bau und Immobilien in Hannover realisierte, ist in seiner Konsequenz neu und ein Experiment. Cityförster und Gundlach haben in Hannover gezeigt, dass man ein modernes Einfamilienhaus zum überwiegenden Teil aus recycelten Baustoffen errichten kann.

Zu mehr als der Hälfte aus Recyclingmaterial gebaut

Viele der gebrauchten Materialien stammen aus laufenden Projekten der Firma Gundlach. Doch nicht alles konnte aus Recyclingmaterial gebaut werden. Bei Dichtungen und Wasserleitungen etwa ließen die deutschen Normen dies nicht zu. Konstruktiv besteht das Haus aus leimfreien Massivholzelementen („Nur-Holz“), deren Montage wir in der zur Marke bauhandwerk gehörenden Zeitschrift dach+holzbau genauer unter die Lupe nehmen. Aber bei mehr als der Hälfte der verbauten Materialien handelt es sich um wiederverwendete Baustoffe. „Dies führte zu sehr vielen besonderen Details“, sagt Architekt Nils Nolting vom Büro Cityförster.

Die Nutzung alter Baumaterialien fängt schon bei den Fundamenten an: Diese bestehen aus in Niedersachsen speziell für das Recyclinghaus zugelassenem Recyclingbeton. Unter der ebenfalls aus Recyclingbeton bestehenden Bodenplatte befindet sich eine Dämmschicht aus Schaumglasschotter.

Materialernte für die Fassade

Am deutlichsten ist das Recyclingkonzept an der Fassade zu sehen. Angefangen beim Profilbauglas, das aus einer alten Lackiererei kommt, über das Holz, das von den Saunabänken eines nahen Sportclubs stammt, bis hin zu den Faserzementplatten. Sie stammen aus dem ehemaligen evangelischen „Haus der Jugend“ in Hannover-Linden. „Ein absoluter Glücksfall“, sagt Corinna Stubendorff, die bei Gundlach Bau und Immobilien für die technische Bestandsentwicklung zuständig ist. „Die waren erst 2007 verbaut worden, sind also schadstofffrei.“ Tiefschwarz neu beschichtet montierten die Handwerker die Faserzementplatten an einer Holzunterkonstruktion, während sie für die Montage der Elemente aus Profilbauglas eine Unterkonstruktion aus feuerverzinktem Stahl verwendeten.

Energetisch ertüchtigte Altfenster

Auch die Aluminiumfenster haben ihre eigene Geschichte. Sie stammen ebenfalls aus dem ehemaligen „Haus der Jugend“, das zum Wohnhaus umgebaut wurde. Zum Zeitpunkt, als die Fenster zur Verfügung standen, musste die Planung an ihre Größe angepasst werden. „Ein Haus aus Recyclingmaterialien zu bauen erfordert einen sehr viel höheren Planungsaufwand“, erklärt Corinna Stubendorff. „Man braucht immer wieder neue Ideen, weil die Planung an das Material angepasst werden muss, das zu bekommen ist.“ Vor dem Einbau der Fenster wurden die alten Aluminiumrahmen mit einer 3-Scheiben-Isolierverglasung energetisch ertüchtigt.

Dämmung aus alten Jutesäcken

Bei der Dämmung hinter der vorgehängten hinterlüfteten handelt es sich um einen Klemmfilz, der aus alten Jutesäcken hergestellt wurde, in denen vormals Kakaobohnen für Ritter-Sport-Schokolade aufbewahrt und angeliefert wurden (HempFlax). Früher musste Ritter-Sport die Säcke nach einmaliger Nutzung entsorgen. Für die Winddichtigkeit und den Wetterschutz sorgt eine schwarze Fassadenbahn (Delta S). Im Bereich der Profilbauglasfassaden verwendeten die Handwerker eine dauerhaft UV-beständige Fassadenbahn (Stamisol Colors).

Oberflächen aus Recyclingmaterial

Die Ziegel, die die Maurer für die nichttragenden Innenwände im Erdgeschoss verwendeten, stammen aus einer abgerissenen Scheune. Wo erforderlich, stellten die Handwerker von den Mauerwerkswänden mit Ankern Verbindungen zu den „Nur-Holz“-Wandelementen her. Auch für Simse und für den Küchenblock verwendeten die Maurer Ziegel aus der abgerissenen Scheune. Zudem gibt es im Erdgeschoss eine Innenwandbekleidung aus einer 20 cm dicken Vorwand aus alten Gipskartonplatten, allerdings nicht als Beplankung montiert, sondern gestapelt verlegt, so dass man den weißen Gips der gebrochenen Platten sieht. Damit die Bruchkanten nicht absanden, strichen die Handwerker sie mit Tiefengrund.

Bei dem im Erdgeschoss über einer Dämmschüttung aus gebundenem Schaumglasgranulat ausgebrachten Bodenbelag handelt es sich um einen Gussterrazzo „Opus Signinum“, bestehend aus Dykerhoff weiss, Metakaolin, Ziegelsplitt, Ulmer weiß zur Aufhellung und einzeln eingestreuten größeren Ziegelsteinfragmenten. Der Ziegelsplitt ist übrigens ein Nebenprodukt aus der Dachziegelherstellung. 

Treppe aus Altbauteilen

Die Wände im Treppenhaus bestehen aus 8,60 m hohen Brettstapelwänden aus im Sägefeinschnitt mit der Gattersäge zugeschnittenen historischen Eichenbalken, die einst für die Stabilität in einem Fachwerkhaus sorgten. Bei den Treppenstufen aus Stahl handelt es sich um ehemalige Fenster-Auflagekonsolen, die wiederum aus dem „Haus der Jugend“ rückgebaut wurden. Die Metallteile für die Unterkonstruktion der Treppe, die Rohre der Handläufe und die Stahlstäbe der Absturzsicherung stammen aus dem Rückbau eines Freizeitheimes (FZH Hannover-Stöcken). 

Baustoff aus dem Messebau

Die nichttragenden Innenwände im Obergeschoss bestehen aus gebrauchten Rahmenwänden aus dem Messebau und wurden als Holzständerkonstruktionen erstellt. „Sonst werden die nach einmaligem Gebrauch verschrottet, hier bekommen sie ein zweites Leben“, sagt Corinna Stubendorff. Solche Platten verwendeten die Handwerker auch für die Verkleidung der Innenwände, für diverse Einbauschränke, für Fensterlaibungen und raumhohe Türen – teilweise noch mit den ehemaligen Aufdrucken darauf. „Der Messebauer, der zum richtigen Zeitpunkt sein Lager verkleinern wollte, war eine ergiebige Materialquelle“, so Architekt Nils Nolting.

Fußbodenbau und Fundstücke

Als Estrich-Ersatz verlegten die Handwerker im Obergeschoss auf den Brettstapeldecken alte Gehwegplatten. Sie dienen der Erhöhung von Speichermasse und Schallschutz und wurden zur Verbesserung des Trittschalls auf einen Filz aus Hanf ausgelegt. Als Bodenbelag verlegten die Handwerker auf den aus dem Messebau stammenden, gebrauchten Verlegespanplatten einen grau-lilafarbenen Teppichboden, der aus Recyclinggarn besteht.

„Im Haus gibt es viele Besonderheiten zu entdecken“, sagt Nils Nolting. Und wenn das Recycling bis in die Teppichfasern hineinreicht, ist es nur konsequent, auch so abwegige Materialien wie Kronkorken zu verbauen. Sie stammen von einer Hannoveraner Brauerei und einem Burger-Restaurant und dienen heute als Mosaikfliesen im Gäste-WC und in den Bädern im Obergeschoss. Waschbecken, Badewanne und die Spiegel sind Fundstücke, bei der Waschschale aus Edelstahl handelt es sich um ein ehemaliges Sauna-Aufgussbecken. Die Bodenfliesen in Bädern und WC sind Cradle-to-Cradle-zertifiziert (Mosa). Und bei den beiden raumhohen Innentüren im Erdgeschoss handelt es sich um die beiden Flügel einer ehemaligen Hauseingangstür eines Bauernhofs.

Fazit

Ziel des Experimentalhauses, das vom Institut für Bauforschung begleitet wurde, war die radikale Ressourcenschonung bei Material- und Energieeinsatz durch die konsequente Verwendung von Recyclingbaustoffen. Trotz der sich daraus ergebenden ziemlich heterogenen Materialmischung wurde mit der Dämmung aus alten Jutesäcken in den Außenwänden, Schaumglasschotter und den Schaumglasplatten (Foamglas T3+), die ihrerseits zum überwiegenden Teil aus Altglas hergestellt werden, auf dem Flachdach und am Sockel der KfW-55-Standard erreicht. Gelungen ist dies dank einer Luft-Wasser-Wärmepumpe mit solarthermischer Unterstützung für das warme Wasser und einer kontrollierten Lüftung samt Wärmerückgewinnung. Dafür wurde das Projekt beim Bundespreis Umwelt & Bauen vom Bundesumweltministerium und Bundesumweltamt mit einer Anerkennung in der Kategorie Sonderpreise gewürdigt und jüngst beim Deutschen Fassadenpreis 2020 für vorgehängte hinterlüftete Fassaden mit einem Sonderpreis für Nachhaltigkeit ausgezeichnet.

 

Autor

Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

Baubeteiligte (Auswahl)

Bauherr Gundlach Bau und Immobilien, Hannover, www.gundlach-bau.de

Planung Cityförster architecture + urbanism, Hannover, www.cityfoerster.net

Statik Drewes + Speth, Hannover, www.drewes-speth.de

Bauphysik H2A – v. Heeren Habibi, Hannover, www.h2a-hannover.de

Beton- und Maurerarbeiten Gundlach Bau und Immobilien, Hannover, www.gundlach-bau.de

Zimmererarbeiten Dach & Fachwerk - G. Schneider & J. Depenbrock, Springe, www.dachundfachwerk.de

Fassaden- und Metallbauarbeiten Adolf Schwonberg, Hannover, www.schwonberg.de

Trockenbauarbeiten Kühne Akustik- und Trockenbau, Hannover, http://kuehne-bauten.de

Tischlerarbeiten Tischlerei Hass, Hannover, www.tischlerei-hass.de

 Herstellerindex (Auswahl)

Recyclingbeton GP Papenburg Betonwerke, Hannover, www.gp.ag/beton-nord

Massivholzelemente Rombach Bauholz + Abbund, Oberharmersbach, www.rombach-nurholz.de

Dämmung aus Jutesäcken HempFlax, Nördlingen, www.hempflax.de

Fassadenbahnen Delta, Dörken, Herdecke, www.doerken.de / Stamisol Colors, Serge Ferrari, CH-Eglisau, https://stamisol.com

Perimeter- und Flachdachdämmung aus Schaumglasplatten T3+, Foamglas, Stuttgart,
www.foamglas.com

Teppichboden aus Recyclinggarn Carpet Concept, Bielefeld, www.carpet-concept.de

Bodenfliesen Mosa, NL-Maastricht, www.mosa.com

Weitere Informationen zu den Unternehmen
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