Frauen und Migration im Handwerk

Bei der Baufirma Passgang-Bau in der Gemeinde Langenberg (Kreis Gütersloh) haben die erste Frau und der erste Flüchtling im August 2020 eine Lehre zur Maurerin und zum Maurer begonnen. Alexandra Bohmeier und Yaya Niare fühlen sich im Familienbetrieb sehr wohl. Die doppelte Premiere ist geglückt.

Das Wort „Flüchtling“ passt eigentlich gar nicht mehr. Yaya Niare ist angekommen. Angekommen in einem für ihn fremden Land. Der 23-jährige fühlt sich heimisch. Er wohnt in Langenberg im Kreis Gütersloh, spielt im heimischen Verein Fußball und geht in seiner Ausbildung zum Maurer auf. Ende 2015 kam er allein aus Mali über die Türkei nach Deutschland. Seine Familie – Vater, Mutter und fünf Geschwister – blieben dort. Über WhatsApp bleibt er in Kontakt mit ihnen. In der Türkei hielt er sich mit Gelegenheits-Jobs über Wasser. „Gewohnt habe ich in einem Appartement mit sieben anderen Männern“, blickt er zurück. Die Situation für Migranten in der Türkei könne man nicht mit Deutschland vergleichen.

Flüchtlingssozialberaterin engagierte sich

„Wir haben großen Respekt. Yaya hat so viel geschafft“, sagen Renate Paßgang und ihr Mann Heinz-Dieter. Über eine Freundin erfuhr die Chefin 2017, dass der junge Mann eine Praktikumsstelle sucht. Der erste Eindruck war positiv und der Betrieb wollte Yaya gerne als Azubi übernehmen. Das war aber gar nicht so einfach. Das Verfahren bei der Ausländerbehörde dauerte viele Monate.

Jaqueline Moll, die als Awo-Flüchtlingssozialberaterin in der Gemeinde arbeitet, hat Yaya geholfen, die Ausbildung anzutreten. Das Problem war, dass der junge Mann keine Personaldokumente hatte – die sind jedoch für eine Arbeitserlaubnis wichtig. „Es hat fast ein Jahr gedauert, bis Yaya die Nachweise hatte“, erinnert sich Jaqueline Moll. Sie stand in ständigem Austausch mit der Ausländerbehörde. Yaya wandte sich an seine Familie, an die Botschaft von Mali und auch an Vertrauensanwälte in seinem Land. Schließlich schaffte es seine Familie und organisierte die nötigen Dokumente. Damit erhielt er die Ausbildungs-Duldung, die bis zum Ende seiner dreijährigen Lehrzeit gilt. „Im Anschluss kann Yaya eine Aufenthaltserlaubnis für zwei Jahre beantragen. Und danach ergibt sich die Möglichkeit einer Niederlassungs-Erlaubnis“, erklärt Jaqueline Moll. Sie lobt den mutigen jungen Mann, der wirklich aktiv dabei geholfen hat, in Deutschland bleiben zu können.

Als Maurer in Mali arbeiten

„Er hat wirklich Biss. Er hat sich um viele Dinge gekümmert, weil er unbedingt hier bei uns eine Lehre anfangen wollte“, betont Jan Paßgang, der vor einiger Zeit in den elterlichen Betrieb eingestiegen ist. „Ich möchte hier lernen und dann als Maurer in Mali arbeiten“, schmiedet Yaya Zukunftspläne. Denn irgendwann möchte er wieder zurück zu seiner Familie.  In der Abendschule machte er seinen Hauptschulabschluss. „In der Berufsschule hat er sehr gut Noten“, so Renate Passgang. Auch im Handwerksbildungszentrum Bielefeld-Brackwede sei er freundlich aufgenommen worden. Frühzeitig habe er sich auch bei ihr gemeldet und gesagt, dass er noch Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache habe. Da sich in Langenberg ein Kreis Ehrenamtlicher um anerkannte Flüchtlinge kümmert und ihnen bei der Integration hilft, wurden Nachhilfe-Stunden organisiert. Gerade während der Corona-Pandemie war das sehr wichtig. „Wir hatten Online-Unterricht. Und da habe ich zu wenig verstanden“, sagt Yaya.

Betrieb macht ihm Job-Angebot

In einer kleinen Gemeinde gelingt Integration doch besser, meint Renate Paßgang. Es sei leichter, Fuß zu fassen. „Einer unserer Mitarbeiter spielt auch Fußball im Verein. Dadurch entstand auch ein privater Kontakt. Wir hoffen sehr, dass Yaya bleiben kann“, macht ihm die Firmen-Chefin bereits ein Angebot. Er passe einfach ins Team und sei sehr wissbegierig. Blöde Sprüche gebe es nicht im Unternehmen.  Es sei spannend, mit einer fremden Kultur umzugehen. Der Ton auf der Baustelle sei zwar rauer, ausgegrenzt werde aber niemand.

Toughe Maurerin

Diese Erfahrung hat auch Alexandra Bohmeier gemacht. Die 18-jährige hat sich bewusst für den eher frauenuntypischen Beruf entschieden. „Es ist toll, mit den eigenen Händen etwas zu schaffen“, berichtet sie. Auch sie machte zunächst ein Praktikum bei Passgang-Bau und blieb. Die Themen in der Berufsschule findet sie spannend. Materialkunde und Mathe gehören unter anderem zum Lehrplan. Da ihre Familie auch eine Baufirma hat, weiß Alexandra schon, welche beruflichen Schritte folgen. Sie möchte gerne mit in den elterlichen Betrieb einsteigen. Renate Paßgang traut ihr das zu: „Alex ist tough. Die lässt sich nicht die Wurst vom Brot nehmen.“

Über Nachwuchsprobleme kann das Bauunternehmen also nicht klagen. Die Azubiplätze sind immer besetzt. Passgang-Bau hat derzeit 28 Mitarbeiter. Der Familienbetrieb wurde vor 120 Jahren gegründet. Renate und Heinz-Dieter Paßgang führen ihn bereits in der vierten Generation. Vor vier Jahren ging es mit Sohn Jan in die fünfte Generation. Er absolvierte ebenso eine Maurerlehre, es folgten die Meisterprüfung und ein Studium zum Bachelor of  Engineering. Der Betrieb bietet vom Grundstückskauf bis zur Schlüsselübergang alles aus einer Hand an.

passgang-bau.de

Autorin

Michaela Podschun ist Redakteurin der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

Migration im Handwerk

Zum Jahresende 2020 waren 11,4 Millionen Ausländer im Ausländerzentralregister (AZR) registriert. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) stieg ihre Zahl um rund 204 000 beziehungsweise 1,8 Prozent. Während in den zehn Jahren von 2008 bis 2018 die Gesamtzahl der jährlich neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge um 14,1 Prozent von 607 600 auf 521 900 zurückging, verdoppelte sich annähernd die Zahl der ausländischen Berufsanfänger auf 61 000.

Frauen im Handwerk

Lange galt das Handwerk in weiten Teilen als Männerdomäne. Heute kommt es laut Deutschem Handwerkskammertag bei den Azubis immerhin auf einen Frauenanteil von 18,3 Prozent. Sieht man genauer hin, sind es aber vor allem handwerkliche Berufe aus dem kreativen Bereich, die von Frauen ergriffen werden – zum Beispiel Gold- und Silberschmiedin (76,6 Prozent). In den gewerblich-technischen Berufen sieht das Bild deutlich anders aus. Bei Maurern und Betonbauern liegt der Frauenanteil derzeit bei nur 1,1 Prozent.

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