Geputztes Quaderkleid
Wiederaufbau von Schloss Herrenhausen in Hannover

Während die Berliner in ihrer Schlossbauhütte noch eifrig den Fassadenschmuck modellieren (wie in bauhandwerk 12.2012 ab Seite 10 zu lesen), ist man in Hannover mit dem Wiederaufbau von Schloss Herrenhausen schon fertig: Nach gerade mal eineinhalb Jahren Bauzeit konnte der Neubau Mitte Januar eröffnet werden.

Schloss Herrenhausen in Hannover – einst Sommerresidenz der Welfen – war vor 300 Jahren ein Zentrum des internationalen Hochadels. Mitte Oktober 1943 zerstörten britische Bomben im Zweiten Weltkrieg das aus verkleidetem Fachwerk erbaute Schloss. Übrig blieben nur die Grotte, die Kaskade und die Freitreppe. 70 Jahre danach wirkt es nun so, als wäre nichts geschehen, denn der Wissenschaftsförderer Volkswagenstiftung hat das Schloss als Bauherr für rund 21 Millionen Euro neu errichten lassen.

Ende 2009 wurde ein Architektenwettbewerb ausgelobt, der im Ergebnis die Rekonstruktion der Schlosshülle mit modernem Innenleben forderte. Als Vorlage diente die klassizistische Umgestaltung, die Hofbaumeister Georg Ludwig Friedrich Laves in den Jahren von 1819 bis 1821 dem Gebäude verpasste. Als Sieger ging aus diesem Wettbewerb im März 2010 das Hamburger Büro JK – Jastrzembski Kotulla Architekten hervor. Im September 2010 wurde die Baustelle eingerichtet, im Juni 2011 folgte die Grundsteinlegung, im November 2012 wurde dann ein Pachtvertrag für das Tagungszentrum Schloss Herrenhausen zwischen der IVA KG und der Hochtief Solutions AG unterschrieben, und am 18. Januar 2013 fand die Eröffnung statt.

Außen historisch und innen modern

Der Wiederaufbau folgt nur in seiner äußeren Form dem historischen Vorbild. Innen ist ein modernes Tagungszentrum entstanden. „Das harmonische Zusammenspiel von Historie und moderner Architektur ist auch im Innern der Schwerpunkt des Entwurfs. Die neuen Räume im Haupttrakt des Schlosses sind so angeordnet, dass die historischen Raumfluchten – die Enfilade – zitiert werden. Das Obergeschoss ist geprägt durch den großen Festsaal, der an historischer Stelle im Zentrum des Schlosses liegt und über die große Freitreppe mit dem Ehrenhof verbunden ist. In das neu interpretierte Rasenparterre im Ehrenhof werden zwei Lichthöfe integriert, die das Auditorium und das Foyer im Untergeschoss umfassen. Der neue Hörsaal erhält durch diese Beziehung zu den beiden Innenhöfen und seine ‚leichte’ Architektursprache eine helle, moderne Atmosphäre. Gleichzeitig werden über die Innenhöfe Blickbeziehungen zum Schlossbaukörper geschaffen“, so die Architekten. Innen ist also nichts mehr zu finden vom einstigen Stuck und den Stofftapeten. Stattdessen gibt es Möbel und Oberflächen aus heller Eiche, die Böden bestehen aus Jura-Kalkstein, die Wände aus weißem Putz.

Quaderstruktur für den Putz 

Die Außenwände sind zweischalig massiv aufgebaut: Beginnend beim unterirdischen Auditorium und Foyer schalten die Rohbauer die Innenschale aus Stahlbeton. Davor mauerten die Handwerker eine Vorsatzschale aus Kalksandstein, welche die ideale Grundlage für die Arbeiten der Putzer und Stuckateure bildete. Zwischen der Innen- und Außenschale fand die Wärmedämmung Platz. Für die Wiederherstellung des historischen Äußeren bestand die Hauptaufgabe für die Stuckateure in der Ausführung der Quaderstruktur im Putz. Die erste, etwa 3 cm dicke Putzschicht brachte Stuckateurmeister Christian Wilke mit seinen Mitarbeitern von der Firma Fuchs + Girke zwar noch mit der Putzmaschine auf, doch danach war alles Handarbeit: Viele hundert Meter Fugen zogen die Stuckateure mit einer Schablone aus Draht in den frischen Putz. „Die haben wir uns selbst gebaut“, sagt Stuckateurmeister Wilke. Die Stuckateure verwendeten hier also eine Technik, mit der schon Laves seine Handwerker beauftragt hatte. Mit selbst gebauten Lehren zogen die Stuckateure abschließend auch die Gesimse und setzten unter das große Traufgesims die Quader für den Zahnfries.

Auf der Suche nach der „richtigen“ Farbe 

Ein wesentlicher Faktor für das historische Erscheinungsbild war auch die Wahl der „richtigen“ Farbe. Tatsächlich hat das Schloss in seiner Geschichte zweimal die Farbe gewechselt. Als Laves dem Bau seine klassizistische Prägung gab, sollte die Fassade wie Naturstein aussehen, obwohl sie eigentlich nur verputztes Fachwerk war. Den Anstrich stimmte Laves auf den Sandsteinsockel ab. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Fassade umgestrichen, wie aus einer historischen Malerrechnung hervorgeht. Die Außenwände erhielten eine beige Grundfarbe, Fenster und Türen wurden weiß eingefasst. „Den Haupteingang strich man grün, um eine Art Patina vorzutäuschen“, sagt Bernd Adam, Historiker und Mitglied des Expertengremiums. Den historischen Farbton zu treffen, war nicht ganz so einfach, denn aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts liegen naturgemäß keine Farbfotos vor. So bliebt den Historikern nur der Weg, vorhandene Schwarzweißfotos zu analysieren und von den Helligkeitswerten auf die Farbe zu schließen. Türen und Fenster sollten farblich nicht hervorgehoben werden. „Der Farbton wird die Struktur der Fassade auch so zur Geltung bringen, wie es Laves einst vorgesehen hat“, ist sich Adam sicher. Letztendlich orientiert sich die Farbe wieder an den Sandsteinquadern am Sockel. Diese Farbe kommt dem klassizistischen Vorbild am nächsten.

Aufs Detail kommt es an 

Um das historische Erscheinungsbild zu vervollständigen, bedurfte es neben der richtigen Farbe und Struktur auch einiger Details, wie Gesimse, Gewände und zahlreiche Säulen für eine Balustrade, die im ersten Stock um die beiden Seitenflügel läuft. „Die wiegen zusammen etwa 80 Tonnen und wir haben sie mehrfach mit der Hand bewegt“, erinnert sich der Beton- und Terrazzomeister Michael Rehfeldt. Die Mitarbeiter seiner Firma haben alle Teile der Balustrade – Säulen beziehungsweise Baluster, Ober- und Untergurt, Handlauf und Postamente – nach historischen Fotos aus Beton gegossen und aufgestellt. Hier kommt es noch einmal ganz besonders aufs Detail an: „Mal sind es drei in einem Abschnitt, mal vier, das muss stimmen“, sagt Michael Rehfeld. Für die Ausrichtung gilt das gleiche: „Jeder würde sehen, wenn am Ende ein Bogen drin ist,“ meint Bauleiter Friedrich Schulze. Ursprünglich bestanden die Säulen aus Holz, was jedoch aufgrund der Witterungsverhältnisse nicht sehr lange halten würde. Mit solchen Details konnte das historische Erscheinungsbild des Schlosses Herrenhausen äußerlich wieder hergestellt werden.

Autor

Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

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