Größte Fassadenmalerei der Welt In Berlin-Friedrichsfelde befindet sich seit August das größte bewohnte Wandbild der Welt

Ein 22 000 m2 großes Gemälde wird sicher seinen Weg ins Guinnessbuch finden. Als „Leinwand“ diente die Fassade eines WBS 70/11 Plattenbaus der Wohnungsbaugenossenschaft Solidarität in Berlin-Friedrichsfelde. Im August beendeten die Künstler der Dekorative City ihre Arbeiten am größten bewohnten Wandbild der Welt.

Trompe-l’œil  ist französisch und heißt so viel wie „täusche das Auge“. Gemeint ist damit illusionistische Malerei, die mit Mitteln der Perspektive und dreidimensionaler Darstellung Räumlichkeit vortäuscht. In der farbigen Gestaltung von Architektur hat dies eine lange Tradition, denn schon in der Antike tauchte das Trompe-l’œil auf. Hierzulande finden sich nennenswerte Beispiele ab der Renaissance. Zudem war die Fassadenmalerei ab dieser Zeit auch eine kostengünstige Alternative zur meist teureren Kunst der Steinbildhauer.

Illusionistische Malerei in Zeiten der Moderne

Nach einer durch die Moderne bedingten Abstinenz vom Zierrat allgemein, erfreute sich das Trompe-l’œil nach dem Zweiten Weltkrieg auch in der großflächigen Fassadengestaltung wieder zunehmender Beliebtheit. In Berlin entstanden schon ab den 1960er Jahren einige Hundert dieser Kunstwerke. Zu den bekannteren gehören der 1964 am Alexanderplatz entstandene 7 x 125 m große Bildfries am Haus des Lehrers von Walter Womackas und Ben Wagins „Weltbaum – Grün ist Leben“ von 1975. Viele der Fassadenbilder dieser Zeit sind inzwischen allerdings wieder verschwunden, weil ihre durchschnittliche Lebensdauer nur etwa 15 bis 20 Jahre beträgt.

Citécréation und Dekorative City

Dass auch die illusionistische Wandmalerei in der Architektur heute wieder „salonfähig“ ist, liegt an Vorreitern der modernen Fassadenmalerei wie Womacka und Wagin. Heutzutage ist das Trompe-l’œil an der Fassade vor allem mit einem Namen verknüpft: der vor 35 Jahren in Lyon gegründeten Malergruppe Citécréation, deren Mitarbeiter europaweit über 600 monumentale Wandgemälde vorzuweisen haben. Zu ihr gehört auch die vor drei Jahren als Ableger in Berlin gegründete Dekorative City, deren jüngstes Projekt, die im August dieses Jahres abgeschlossene Malerei auf der Fassade eines WBS 70/11 Plattenbaus für die Wohnungsbaugenossenschaft Solidarität in Berlin-Friedrichsfelde, mit einer Fläche von 22 000 m2 das größte bewohnte Wandbild der Welt ist – und es wird schwierig sein, diesen Rekord zu brechen.

Ein solcher Weltrekord bringt natürlich weitere Superlative während der Ausführung der Malerarbeiten mit sich. So malte das Team aus 13 Künstlern in drei Jahren allein 140 Vögel und 87 Fenster auf die Fassadenflächen. Mit einem Verbrauch von 345 Pinseln und 166 Farbwalzen war die Ausführung der immerhin bis zu 30 m hohen Malerei eine echte Materialschlacht. Wie kamen aber nun die fast 14  000 Liter Farbe tatsächlich an die Wand?

Die Leinwand: Vorbereitende Arbeiten

„In Berlin-Friedrichsfelde handelte es sich um die reine WBS-70-Platte – also um das Original“, meint Jörg Hoppe, Geschäftsführer der mit den vorbereitenden Malerarbeiten beauftragten Berliner BIG.B Bau und Instandsetzung. „Von den Künstlern gab es eine grobe Vorrasterung der Farbflächen“, so Hoppe weiter. Nachdem seine Mitarbeiter die Plattenoberflächen vom Gerüst aus im Heißstrahlhochdruckverfahren ge­reinigt hatten, brachten sie die Farben auf die in­ ­Segmente aufgeteilten Fassadenflächen im Nespri-tec-Spritzverfahren auf. „Das ist ein nebelarmes Sprüh­verfahren, bei dem die Farbe vorgewärmt wird“, erläutert Jörg Hoppe. Genau genommen handelt es sich um ein spezielles Airlessverfahren von Caparol, mit dem die besonders UV-beständige Moresko Silikonharzfarbe des Herstellers mit einer Doppeldüse im Winkel von 30 Grad auf die Fassadenoberfläche aufgebracht werden kann.

Das Fugenbild als Rasternetz

Eine Herausforderung bestand für die anschließenden Arbeiten der Künstler der Dekorative City darin, das Fugenbild der Plattenbaufassade in ihre Entwürfe einzubauen, da es beibehalten werden sollte. „Was erst wie ein Nachteil klingt, entpuppte sich für uns als Vorteil. Durch das Fugenbild hatten wir nämlich schon ein fertiges Raster an der Wand“, meint Steve Rolle von der Berliner Dekorative City. Für die dann folgenden Arbeiten bedienten sich die Künstler der für illusionistische Malereien typischen vier Grundtechniken: Schablonen, Pausen, Freihandmalerei und Rasternetze. Letzteres war in Berlin-Friedrichsfelde, wie gesagt, bereits vorhanden und von den Mitarbeitern der BIG.B Bau und Instandsetzung vorbereitet.

Arbeiten mit Pausen

„Für die vielen Vogelmotive haben wir Pausen verwendet. Das ist eine alte Technik aus dem Maler- und Lackierhandwerk, um einen Entwurf auf die Wand zu übertragen“, erklärt Steve Rolle. Er und seine Kollegen haben die Vögel hierzu am Computer entworfen und auf Folien ausgedruckt. Diese werden mit dem Overheadprojektor auf an die Wand geheftetes Transparentpapier projiziert. Dann fährt man mit dem Perforierrad den Umriss des Motivs nach. „Das Butterbrotpapier nimmt man mit an die Fassade, klebt es dort fest und schlägt in Säckchen abgefülltes Trockenpigment dagegen. Danach zieht man die Pause von der Wand wieder ab. Das Farbpulver bleibt nur an den Stellen an der Wand zurück, an denen das Butterbrotpapier perforiert ist. So hat man schon mal einen Umriss“, sagt Rolle.

Arbeiten mit Schablonen

„Bei den gemalten Simsen waren die Enden entscheidend für deren dreidimensionale Wirkung“, so Steve Rolle. Da diese an beiden Seiten gleich aussehen mussten, verwenden die Künstler hierzu Schablonen. Die Motive werden mit dem Cutter aus Kunststofffolien ausgeschnitten, an die Fassade geklebt und mit der Rolle übermalt. Dieses Hilfsmittel bietet sich vor allem bei wiederkehrenden Motiven an, wie gemaltem Fassadenschmuck oder den vielen Blättern der gemalten Bäume.

Die hohe Kunst der Freihandmalerei

Ausgemalt werden die Umrisse der Pausen und die Farbflächen der Schablonen anschließend von den Künstlern frei Hand mit dem Pinsel und der Rolle. „Da beginnt dann der künstlerische Teil unserer Arbeit“, sagt Rolle. Auch hierbei arbeiteten die Künstler mit der Fassadenfarbe Moresko von Caparol, da es ihnen sehr wichtig war, im gleichen Farbsystem zu bleiben. „Zudem sind die Farben sehr intensiv und langlebig“, meint Steve Rolle. Gefragt nach dem Selbstverständnis ihrer Arbeit sagt Rolle abschließend: „Wir sehen uns nicht nur als Künstler, sondern auch als Handwerker, die Farbe an die Wand bringen.“

Autor

Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

Nach einem Verbrauch von fast 14 000 Litern Farbe, 345 Pinseln und
166 Farbwalzen ist das größte bewohnte Wandbild der Welt fertig

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