Große Versammlung Umnutzung der Paul-Gerhard-Kirche in Bielefeld zur Synagoge

Es war in diesem Herbst das erste mal, dass in Deutschland eine evangelische Kirche zu einer Synagoge umgebaut wurde. Dies war unter anderem deshalb möglich, weil jüdische Gotteshäuser keine geweihten Räume sind. Demnach kann jedes Gebäude zu einer Synagoge werden. Doch was böte sich für eine Umnutzung zur Synagoge mehr an, als zuvor bereits sakral genutzte Räume? Bis zur Eröffnung der Bielefelder Synagoge Beit Tikwa Ende September erforderten die Arbeiten der Architekten und Handwerker jedoch viel Fingerspitzengefühl.

Wie anderen Orts auch, stand die Bielefelder Mariengemeinde nach Zusammenlegen aufgrund rückläufiger Mitgliederzahlen und Finanzmittel 2007 vor dem Verkauf der in ihrem Besitz befindlichen Paul-Gerhard-Kirche. Aber an wen sollte sie verkaufen? Und was sollte aus dem 1957 an der Detmolder Straße erbauten Gotteshaus werden? Ein Beispiel für die Umnutzung einer evangelischen Kirche gab es bereits im Stadtraum: Aus der Ende des 19. Jahrhunderts an der Artur-Ladebeck-Straße erbauten Martinikirche war 2006 das Restaurant „GlückundSeligkeit“ geworden. Den Verkauf der Paul-Gerhard-Kirche an die jüdische Gemeinde im Juli vergangenen Jahres begrüßte der Pfarrer der evangelischen Mariengemeinde ausdrücklich, wenngleich das Gotteshaus von Gemeindemitgliedern in den drei vorangegangenen Monaten besetzt worden war. Auf diesem Wege war es jedoch möglich, in der Kontinuität einer sakralen Nutzung zu bleiben. Aus fast jedem Gebäude kann man nämlich eine Synagoge machen, wenn dieses gewisse Anforderungen erfüllt. Im Gegensatz zu einer katholischen oder orthodoxen Kirche sind Synagogen ebenso wie evangelische Kirchen keine geweihten Räume. Der formelle Weg zur Umnutzung war damit frei und die jüdische Kultusgemeinde hat nach nicht einmal einjähriger Bauzeit mit der Beit Tikwa Synagoge, was soviel wie „Haus der Hoffnung“ heißt, seit Ende September einen angemessenen Versammlungsort auch für größere Veranstaltungen der seit dem Zuzug von Russlanddeutschen jüdischen Glaubens stark angewachsenen Gemeinde.

 

Eckig gegen rund

 

Mit der sensiblen Aufgabe der Umnutzung der Paul-Gerhard-Kirche beauftragte die jüdische Kultusgemeinde 2007 den Architekt Klaus Beck und den Künstler Matthias Hauke. Die Statik und Bauleitung lag in Händen der Ingenieurgesellschaft Laskowski. Die wesentliche Aufgabe der Planung bestand zunächst darin, alle eckigen Formen in Anlehnung an die Torarollen durch runde Formen zu ersetzen. Dies betraf außen sowohl die Kirchturmspitze als auch die spitz zulaufenden Dächer über dem Eingang sowie die Spitzgaube im Dach der einstigen Seitenkapelle. „Wir mussten die runden Formen dreidimensional am Rechner nach den Vorgaben des Statikers in CAD planen und dann die Details mit ihm zusammen festlegen“, erinnert sich Zimmermeister Hans-Peter Vorderwisch von der Zimmerei Holzbau Vorderwisch.

Nachdem das spitze Kirchturmdach demontiert war, wäre ein Aufbau des runden Turmdachs vor Ort für die Mitarbeiter der Zimmerei zu aufwendig gewesen. Daher fertigten die Zimmerleute das tonnenförmige Turmdach in Gütersloh in der Werkstatt in zwei Teilen vor. Hierzu sägten sie die gebogenen Sparren aus 52 mm dicken Kerto-Q-Platten aus und fügten diese mit waagerechten Holzzangen zum Dachstuhl zusammen. „Die Stirnseiten des Tonnendachs sollten zuerst gemauert werden, was aber viel zu lange gedauert hätte. Wir haben sie daher mit OSB-Platten beplankt“, erzählt Hans-Peter Vorderwisch. Auf die Sparren nagelten die Zimmerleute eine Brettschalung und verlegten darauf eine diffusionsoffene Bitumenbahn. Das so in zwei Teilen vorgefertigte Dach wurde per LKW nachts von Gütersloh nach Bielefeld auf die Baustelle transportiert. „Mit einer Überbreite von 4,20 m mussten wir nachts fahren. Die Höhe von 4,50 m war nach Absprache mit den Stadtwerken durch die Hochspannungsleitung der Straßenbahn vorgegeben, die in der Detmolder Straße an der Synagoge vorbeifährt“, sagt Zimmermeister Vorderwisch. Am nächsten Tag war das neue Turmdach mit dem Mobilkran in nur 45 Minuten montiert. Alle weiteren runden Dachformen wurden von den Zimmerleuten nach dem gleichen Prinzip aufgebaut – bis auf das runde Dachtragwerk über dem neuen Eingang, das die Handwerker aus gebogenen Brettschichtholzträgern bauten.

 

Licht ins Dunkel

 

„Von einer Galerie aus konnte man ursprünglich in die ehemalige Seitenkapelle blicken. Wegen der dunklen Holzdecke und der kleinen Fenster war es dort jedoch ziemlich duster“, erinnert sich der bauleitende Ingenieur Detlef Laskowski. Da es neben dem Austausch der eckigen gegen runde Formen für die Planer im Inneren vor allem darum ging, das Gebäude heller zu machen, vergrößerten die Handwerker die Fensteröffnungen der ehemaligen Seitenkapelle, verlegten einen hellen Terrazzofußboden und ersetzten die Holzdecke gegen eine mehrfach gebogene abgehängte Gipskartondecke. „Die Decke ist so geformt, als sähe man in den umgedrehten Rumpf eines Schiffes hinein“, erläutert Detlef Laskowski die Form. Über dem Toraschrein geht die Decke in einen tonnenförmig gewölbten, dunkelblau gestrichenen Sternenhimmel über. Bei den „Sternen“ handelt es sich um die Endpunkte von Lichtleitfasern, für welche die Handwerker kleine Löcher in die Gipskartonplatten bohrten. Beim Sternenhimmel geht es mehr um die Atmosphäre als um die künstliche Beleuchtung des kleinen Betraums. Effektvoll beleuchtet wird dieser durch Leuchtstoffröhren, die sich als Lichtsäulen in der Gipskarton-Vorsatzschale befinden. Hierfür ließen die Mitarbeiter der Firma Jäger Ausbau zwischen den Stößen der Gipskartonplatten jeweils einen 6 cm breiten Spalt frei. Die Trockenbauer waren es auch, die den oberen Wandabschnitt über der Galerie mit einer 5 m hohen Leichtbauwand schlossen, in der sich zum kleinen Betraum hin ein Lichtband befindet. Dieses gestaltete der Künstler Matthias Hauke mit bunten Glasstücken der ehemaligen Kirchenfenster und setzte in das Rundfenster der gegenüberliegenden Stirnwand eine neue Scheibe mit einem in Spachteltechnik gestalteten Davidstern ein.

 

Anspruchsvolle Trockenbautechnik

 

Die neue Leichtbauwand trennt den kleinen Betraum von der großen Synagoge. Auch in dieser entfernten die Handwerker die sichtbare Holzverschalung der Unterdecke und ersetzten sie durch einer Gipskartondecke. Den zwischen der neuen Trockenbaudecke und der ehemaligen Pfettenlage verbleibenden, 20 cm hohen Hohlraum füllten die Handwerker mit Zellulosedämmstoff aus. Trotzdem ragten die alten Stahlbetonbinder noch gut einen halben Meter aus der Gipskartondecke heraus. „Da es darum ging, eckige Formen durch runde zu ersetzen, galt dies auch für die geraden Stahlbetonbinder“, so Detlef Laskowski. Daher bekleideten die Mitarbeiter der Firma Jäger Ausbau auch die Binder mit einer gebogenen Gipskartonschale, die im Scheitelpunkt einen Abstand von 3 bis 4 cm hat. Dieser erhöht sich zu den Auflagerpunkten der Binder auf über 1,50 m, so dass eine Bogenwirkung entsteht. Dies ermöglichte es den Trockenbauern auch, in den Gipskartonzwickel zwischen Binder und Außenwand Löcher mit einem Durchmesser von 70 cm hinein zu schneiden. Den Synagogenraum verkleideten die Handwerker komplett mit einer Gipskarton-Vorsatzschale. Dahinter verbergen sich zum einen die aus akustischen Gründen verlegte Mineralwolle und zum anderen die haustechnische Installation für die Heizung, die Elektrik und die Sicherheitstechnik. „So brauchten wir für die Technik keine Schlitze in den alten Ortbeton zu schlagen und konnten darüber hinaus die vielen Risse im Beton und Mauerwerk verbergen, was sich im nachhinein als sehr sinnvoll herausgestellt hat“, erzählt Detlef Laskowski.

  

Tischler und Maler arbeiten Hand in Hand

„Zuerst wollte man die hebräischen Schriftzeichen in der Synagoge auf die Gipskartonplatten kleben. Das funktionierte jedoch nicht richtig“, erinnert sich Detlef Laskowski. Daher schnitt der Tischler die Schriftzeichen aus einer Baufurnierplatte aus und klebte diese auf zwei weitere Platten auf.

Diese Platten montierte der Tischler anschließend gemeinsam mit dem Maler an den beiden Wandabschnitten, an denen die Trockenbauer bereits eine Lage der ansonsten doppelt mit Gipskarton beplankten Vorsatzschale im Format der neuen Schriftplatten freigelassen hatten. Die Schriftplatten wurden anschließend beigespachtelt und danach im Farbton der übrigen Raumschale weiß gestrichen. Die erhabenen Schriftzeichen über dem Haupteingang und dem Durchgang zum kleinen Betraum zog der Maler darüber hinaus sorgfältig mit dunkelblauer Farbe nach.

 Fazit

 

Da die Synagoge annähernd den Dämmstandard eines Niedrigenergiehauses erreichen sollte, war es auch Aufgabe der Maler, auf das alte Ziegelmauerwerk ein Wärmedämmverbundsystem aufzubringen. Dieses strichen sie anschließend in dem Farbton „saharabeige“. Die Wandabschnitte, an denen die tonnenförmig gewölbten Dächer in die Fassade übergehen, bekleideten die Metallbauer inklusive der Dächer mit einer Aluminiumfassade in Stehfalzdeckung. Dadurch hat sich das ehemalige Kirchengebäude stark verändert: Die einst spitzen Formen sind außen wie innen allesamt runden Formen gewichen. Die neue Funktion wird vor allem durch die mit hebräischen Schriftzeichen bemalten, abends beleuchteten Turmfenster nach außen transportiert. Im Turm befindet sich auch ein Fahrstuhl, der im Zusammenspiel mit den Rampen eine behindertengerechte Erschließung der Synagoge erlaubt. Die alten Sackgassengalerien wurden in diesem Zusammenhang abgebrochen und durch eine neue umlaufende Galerie aus Stahl mit einem 8 cm dicken Eichendielenbelag ersetzt. Die Haupterschließung der Galerie erfolgt über eine Treppe aus dem großen Synagogenraum. Von der Galerie gelangt man sowohl zum Turm mit Treppenhaus und Aufzug als auch zur alten Wendeltreppe an der Orgelempore (zweiter Rettungsweg).

Im Gebäude befindet sich nicht nur ein großer und ein kleiner Betraum, sondern auch Büros, Unterrichtsräume und eine große Küche. „Die Räume der Synagoge sind deutlich heller als die einer christlichen Kirche“, meint Detlef Laskowski. Die Stelle des ehemaligen Altars nimmt nun natürlich ein Toraschrein ein, den evangelische, katholische und freikirchliche Christen gemeinsam spendeten. An das ehemalige Kirchengebäude erinnern Zitate wie die sieben durch neue Motive aus der Genesis ersetzten Rundfenster um den Schrein, die Orgel auf der Empore und die Reste vom Treppenhaus mit dem typischen Charme der 1950er Jahre.

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