Jugendstil enthüllt

Im Treppenhaus des Jugendstilgebäudes der Fakultät Musik der UdK Berlin entdeckte man unter vielen weißen Farbschichten Jugendstilmalereien. Diese mussten von den Restauratoren Frank Senktivany und Konrad Dehler aus Nauen nicht nur freigelegt, sondern auch stilecht ergänzt werden.

Mitten in Berlin, unweit vom Ernst-Reuter-Platz und umgeben von den modernen Neubauten der Technischen Universität und der Universität der Künste (UdK) findet man ein Jugendstil-Gebäude im neoromanischen Stil. Das markante rote Sandstein-Gebäude ist schon von Weitem wegen seines charakte­ristischen Turms zu erkennen, das ihm auch den Namen „Burg“ eingebracht hat. Genutzt wird das Haus in der Hardenbergstraße 41 von der Fakultät Musik der Universität der Künste mit dem Institut für Kirchenmusik und dem Staats- und Domchor Berlin.

Unerwarteter Fund im Treppenhaus

Das denkmalgeschützte Gebäude entstand in den Jahren 1902/1903 nach Plänen der Architekten A. Adams und P. Mebes. Es wurde während des 2. Weltkrieges beschädigt und konnte damals aus Kostengründen nur einfach instandgesetzt werden. Die filigranen Wandmalereien im Treppenhaus wurden mit weißer Farbe überstrichen. Da das Gebäude jahrelang nicht modernisiert wurde, sollte es 2012 einen neuen Anstrich erhalten. Dabei entdeckte man im ersten Obergeschoss unter einer dicken Farbschicht Wandmalereien und Ornamente. Nach diesem unerwarteten Fund wurde noch im selben Jahr eine restauratorische Untersuchung des Eingangsbereiches und Treppenhauses durchgeführt, um die ursprüngliche Farbgestaltung an den Decken und Wänden herauszufinden. Bei der Abtreppung der einzelnen Farbschichten (Farbstratigrafie) konnte man die zeitliche Abfolge der einzelnen Farbfassungen und sogar die erste Farbfassung im Inneren aus dem Jahr 1903 ermitteln. Außerdem lag ein historisches Schwarz-Weiß-Foto aus dem Jahr 1903 vor.

Retuschen der Originalmalerei

Die Arbeiten begannen mit einer Studie alter Unterlagen der Universität. Zuerst wurden die Malereien am Kreuztonnengewölbe freigelegt und gesäubert. In einigen Bereichen waren die Malereien noch so gut erhalten, dass nach der Säuberung nur einzelne Teile retuschiert werden mussten. Die große Herausforderung bestand darin, die ursprüngliche Farbgebung exakt zu treffen, so dass die Retuschen für den Betrach­ter nicht erkennbar sind. Als Ausgangsstoff nutzten die Restauratoren Senktivany und Dehler Farbtöne aus dem Diescolith-Sortiment, dem Silikat- und Kalkfarbensortiment der Firma Diessner, die sie perfekt an das vorgefundene Original anglichen. Um den Charakter der rekonstruierten Deckenmalereien an das Alter des Gebäudes anzupassen, überzogen sie diese Flächen mit einer feinen Patinalasur, die einen natürlichen Alterungseffekt imitiert.

Anpassung der Wand­flächen und Türbögen

Die ausführende Firma Senk­tivany & Dehler aus Nauen (www.senktivany-und-dehler.com), spezialisiert auf Baudenkmalpflege, passte die Wandflächen und Türbögen stilgerecht und analog zur Deckenfassung an. Um die Naturverbundenheit des damaligen Bauherrn nachzuempfinden, wurden aufwendig changierende Wandflächen angelegt. Zusammen mit der Diessner Produkttechnik entwickelte Senktivany & Dehler eine spezielle Form der Sprenkeltechnik, die den hohen Ansprüchen gerecht wurde. Die Deckenflächen und Türbögen versah der Malerbetrieb mit typischen Jugendstil-Elementen wie Blumen und anderen Motiven aus Fauna und Flora. Die Gestaltungselemente nahm er an Hand von Pausen ab und fertigte Skizzen für die Malereien an. Die dominierenden Farbtöne sind Grün, Lapislazuli, Ocker, ein helles Grau sowie ein bräunlicher Sandsteinton.

Nun ist das Treppenhaus kaum wiederzuerkennen: Aus einem schlichten Treppenaufgang in Weiß ist eine farbenprächtige, repräsentative Jugendstil-Perle entstanden. Jetzt erst kann man nachempfinden, wie schön das Treppenhaus einst war.

Autor

André Protze ist Leiter Produktmanagement / Produkttechnik bei der Firma Diessner in Berlin.

Zusammen mit dem Farbhersteller entwickelten die Restauratoren eine spezielle Form der Sprenkeltechnik

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