Erweiterung der Bestandsbauten in Dießen am Ammersee zum Carl-Orff-Museum (COMU)
Das Büro meck architekten aus München hat mit der Erweiterung des Carl-Orff-Museums (COMU) in Dießen am Ammersee das Grundkonzept des Elementaren des weltbekannten Musikers Carl Orff aufgegriffen und baulich für rund 11 Millionen Euro brutto umgesetzt.
Es gibt wohl kaum jemanden in Deutschland, der nicht in der Schule Bekanntschaft mit Carl Orff beziehungsweise mit seinem Schulwerk und der dahinterstehenden Musikpädagogik gemacht hat. „Das Schulwerk will durch seine primitive Art das Kind dazu bringen, aus sich heraus zu spielen. Es will Fantasie erwecken“, sagte der 1895 geborene Komponist in einem Interview im Bayerischen Rundfunk aus den 1960er Jahren. Für ihn ging es dabei nicht allein um die Musik selbst. Nach seiner Auffassung sei dieses Aus-sich-heraus-Spielen charakterbildend und gehöre zum Menschsein dazu. „Das Elementare bleibt eine Grundlage, die zeitlos ist und in aller Welt Verständnis findet.“ Tatsächlich wurde sein Schulwerk in etliche Sprachen übersetzt.
„Diese Suche nach dem Elementaren haben wir auch in dem Bestandsbau gesehen, wie ihn Orff seinerzeit zusammen mit dem Landschaftsarchitekten Alwin Seifert hat umbauen lassen. Es war für uns der Schlüssel für den Entwurf des neuen Erweiterungsbaus“, erläutert Architekt Axel Frühauf, Geschäftsführer des Büros meck architekten in München. Das Büro hatte den 2019 ausgeschriebenen Realisierungswettbewerb mit einem von zwei zweiten Plätzen belegt. Der andere Wettbewerbssieger hat später seine Arbeit zurückgezogen, der Entwurf ließ sich nicht mit dem Landschaftsschutz vereinbaren.
Das architektonische Konzept
Welche Gebäude hatten die Architekten nun konkret vorgefunden und was haben sie ergänzt? Das Museum steht am Rande des pittoresken bayerischen Ortes Dießen am Ammersee und besteht aus dem ehemaligen Wohnhaus, dem einstigen Arbeitshaus und nun dem neuen Erweiterungsbau mit Foyer, Dauerausstellung und Veranstaltungsraum. Die beiden Bestandsbauten stammen ursprünglich vom Ende des 19. Jahrhunderts. Aus den traditionellen Gebäuden mit großem Mansarddach waren nach dem von Orff beauftragten Umbau zwei sehr moderne, reduzierte Bauten der 1950er Jahre geworden, die über einen halboffenen Pergolagang miteinander verbunden waren und es heute noch sind. Orff hatte das Ensemble 1954 gemeinsam mit seiner damaligen Frau Luise Rinser erworben und dort mit seiner vierten Frau Lieselotte Orff bis zu seinem Tod
1982 gelebt.
Das Arbeitszimmer im Obergeschoss des Arbeitshauses hat seine inzwischen ebenfalls verstorbene Frau so erhalten, wie er es all die Jahre genutzt hatte. Überhaupt wurden die beiden bestehenden Häuser nur marginal verändert und angepasst. Blickt man von Süden auf das Ensemble, sieht es im Grunde aus wie vor der Sanierung – von dem Neubau ist aus dieser Perspektive fast nichts zu sehen.
Kommt man hingegen von der Straße beziehungsweise vom Parkplatz auf den neuen Haupteingang zu, fällt vor allen Dingen der neue Multifunktionsraum mit seinen Tonnendächern und auch das niedrigere Foyer als Verbindung zum Bestand ins Auge. Der moderne Anbau in Infraleichtbeton hebt sich ab, steht klar für etwas Neues und drängt sich dennoch nicht unangenehm auf.
Nutzungen und Blickbeziehungen
Vom Foyer hinter dem Haupteingang werden sowohl der Veranstaltungsraum als auch die Dauerausstellung direkt erschlossen. Gegenüber dem Eingang führt eine Treppe in das Untergeschoss, wo Garderoben und Sanitärräume zu finden sind. Der Blick geht aber zunächst in den kleinen Lichthof dahinter, der von hier wie ein großes gerahmtes Bild erscheint. Zur Linken befinden sich die Kasse und der Durchgang zum ehemaligen Wohnhaus, in dessen Erdgeschoss nun ein Café sowie der Blaue Salon für die Öffentlichkeit zugänglich sind.
Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich der neue Multifunktionsraum, der für Sonderveranstaltungen wie Tagungen oder auch Hochzeiten genutzt wird. Er bleibt im Rahmen des üblichen Museumsalltags geschlossen. Neben der Architektur der Tonnendecke, die hier auch von innen sichtbar ist, hat die 2,80 m x 4,53 m große Festverglasung an der dem See zugewandten Seite eine besondere Wirkung auf den Raum.
Die Besucherinnen und Besucher des Museums werden also nicht in diesen, sondern gleich in den neuen Raum der Dauerausstellung geleitet. Hier und im Foyer fallen die Rippen der Betondecke auf, die durch die enge Reihung gestalterisch Bezug zur Holzbalkendecke der Bestandsbauten nehmen. Aus statischen Gründen ändern diese im Erdgeschoss mehrfach ihre Richtung und werden so auch gestalterisch wirksam. Über zwei langgestreckte Rampen im Ausstellungsraum wird der Höhenunterschied zum bestehenden Arbeitshaus stufenlos überwunden. Die erste Rampe wird dabei von einem abfallenden „Mäuerchen“ mit Sitzpolstern flankiert. Die zweite Rampe verläuft im hinteren Bereich entlang der nordwestlichen Außenwand. Der letzte Raum der Dauerausstellung, in dem das historische Arbeitszimmer aus dem Obergeschoss in moderner Anmutung „gespiegelt“ wird, ist dabei bereits auf dem Niveau des Altbaus. Die Idee der Nachbildung des Arbeitszimmers entstand, da eine barrierefreie Erschließung des historischen Arbeitszimmers im Obergeschoss den technischen und finan-
ziellen Rahmen gesprengt hätte.
Im Erdgeschoss des Arbeitshauses wurde nun ein „Spielzimmer“ eingerichtet – mit Instrumenten, die vor allem Kinder ausprobieren können und sollen. Über die Treppe gelangt man in das Obergeschoss, wo das originale Arbeitszimmer Orffs so erhalten wurde, als sei er nur gerade kurz aus dem Raum gegangen, um sich einen Kaffee zu holen. Die Besucherinnen und Besucher müssen hier hinter einer halbhohen Plexiglaswand stehen bleiben und dürfen den Raum nicht betreten.
Die alte Verbindung zwischen Wohnhaus und Arbeitshaus bestand seinerzeit übrigens nur aus dem Pergolagang, der noch heute in seiner alten Form erhalten wurde. Lediglich die neue Betondecke des Ausstellungssaals musste hier verspannt werden.
Wichtig waren den Architekten auch immer wieder Blickbeziehungen, sowohl innerhalb des Gebäudes, wie beispielsweise vom Foyer durch den Lichthof in den Ausstellungsraum als auch nach draußen in den das Gebäude umgebenden Landschaftspark.
Die Materialwahl: Infraleichtbeton
„Uns war von Anfang an klar, dass wir wiederum in Anlehnung an Orffs Suche nach dem Elementaren einen monolithischen Wandaufbau wollten“, erklärt Architekt Frühauf. „Infraleichtbeton hat eine gute Dämmwirkung und sorgt durch seine hygroskopischen Eigenschaften für Klimastabilität, so dass wir zudem auch die Haustechnik reduzieren konnten. Allerdings stellt der Einsatz von Infraleichtbeton hohe Anforderungen an die Planung.“ Zudem war eine Zulassung im Einzelfall notwendig. Und da es sich um Sichtbeton handelt, ist auch die Ausführung nicht ohne und nicht mit der Verarbeitung herkömmlichen Betons vergleichbar. Fehler werden nicht oder nur bedingt verziehen und lassen sich nur mit Betonkosmetik korrigieren.
Bis auf die Tonnendächer, die als vorgefertigte Viertelkreissegmente auf die Baustelle geliefert wurden, mussten alle Bauteile vor Ort gegossen werden. Für die ausführende Firma, die hier zum ersten Mal mit Infraleichtbeton gearbeitet hat, war dies eine Herausforderung: „Der Beton ist extrem fließfähig wenn man ihn gießt, da er erst in den folgenden zwei bis drei Stunden mit dem Abbindeprozess beginnt“, erläutert Christoph Mayer, Polier bei der Xaver Lutzenberger GmbH & Co. KG. „Er läuft einfach durch jede Ritze und die kleinsten Löcher. Wir brauchten hier passgenaue vorgefertigte Schalelemente und mussten diese extrem gut abdichten, ob zwischen den Schalungsplatten, den Abschalungen an den Betoniertakten mit durchlaufender Edelstahlarmierung oder im Bereich von Einbauteilen wie Steckdosen und Elektro-Leerrohren.“ So wurden beispielsweise spezielle Steckdosen mit Dichtungslippen organisiert, die temporär eingesetzt wurden und während des Betonierens für eine verbesserte Abdichtung gesorgt haben.
Zudem war es natürlich enorm wichtig, ein geordnetes, von den Architekten entworfenes Schal- und Fugenbild zu erreichen. Durch die Höhenunterschiede im Terrain, die Versprünge der Deckenhöhen und das vorgegebene Maß der Schalungsbreite, das nicht überall dem Standardmaß entsprach, musste eine Vielzahl von Sonderschalungselementen hergestellt werden. „Das war alles machbar, aber aufwändig und erforderte eine sehr gute Vorbereitung und Logistik“, so Polier Mayer. „Wir hatten einen Mitarbeiter in der Arbeitsvorbereitung, der ausschließlich dafür zuständig war, die Abläufe so zu planen, dass die Schalungselemente trotz ihrer Sonderform mehrfach eingesetzt werden konnten.“
Erwähnenswert aus der Sicht des Poliers ist die gute Zusammenarbeit mit dem Architekten und seinem Team: „Für uns als Ausführende und Pragmatiker ist es wichtig, wirklich zu verstehen, was der Architekt will und warum er es will. Architekt Axel Frühauf kann dies sehr gut vermitteln. Er nimmt sich die Zeit und erläutert seine Sichtweise so, dass uns am Ende klar ist, warum ihm bestimmte Dinge wichtig sind“, so Mayer. „Aber es ist eben eine ganz andere Herangehensweise, wenn zum Beispiel alle Kanten scharfkantig ausgeführt und nicht mit der Dreikantleiste gebrochen werden sollen.“
Umgang mit dem Denkmalschutz
Der Neubau sollte sich also klar als solcher zeigen, der Bestand weitestgehend in seinem Charakter erhalten werden. Und wie sah es mit dem Denkmalschutz aus? „Vieles war nicht mehr im Original erhalten“, so der Architekt. „Wichtig war, das zu bewahren, was Orff in den 1950er Jahren aus den Gebäuden gemacht hatte und diesen Charakter mit kleinen Mitteln und sparsamer Reparatur zu bewahren oder wiederherzustellen.“ So wurden zum Beispiel teilweise Fenster aus den 1950er Jahren wieder eingesetzt, Holzfenster denkmalgerecht aufgearbeitet und bei einem früheren Umbau unsachgemäß eingesetzte Plastikfenster durch Schreinerfenster nach bauzeitlichem Vorbild ersetzt.
Für den Denkmalschutz war der Erhalt der Garage lange ein Thema gewesen. Denn durch den Entwurf des Architekturbüros für den Bau des Foyers musste sie weggenommen werden. Orff hatte einen Mercedes 280 SE besessen, den er sehr liebte, weshalb die Garage so prominent wurde. Nun entsteht an anderer Stelle auf dem Grundstück eine neue Behausung für das historische Fahrzeug.
Autorin
Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau tätig.
Baubeteiligte (Auswahl)
Auftraggeber
Carl-Orff-Stiftung, Dießen, co-mu.de
Architektur
meck architekten, München, meck-architekten.de
Ausstellungsgestaltung
von wolffersdorff studio, Dießen,
www.wolffersdorff-studio.de
Tragwerksplanung
Reisch Ingenieure, Augsburg,
www.reisch-ingenieure.de
Rohbau- und Infraleichtbetonarbeiten
Lutzenberger, Pfaffenhausen,
www.lutzenberger-bau.de
