Ostflügel
Sanierung und Umbau des Ostflügels des Festspielhauses Hellerau bei DresdenDas 1911 nach Plänen von Heinrich Tessenow erbaute Festspielhaus diente in der Gartenstadt Hellerau bei Dresden zunächst nur drei Jahre seiner ursprünglichen Funktion. Mit dem nun nach Plänen des Büros heinlewischer sanierten Ostflügel ist das Ensemble als Kulturort wieder komplett.
Das Festspielhaus Hellerau, erbaut 1911 von Heinrich Tessenow, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Entworfen und zunächst genutzt wurde es eben als Festspielhaus mit angrenzenden Pensionshäusern, also als ein Kulturbau für die Menschen in Hellerau und Dresden. Es gilt als Wiege des modernen Ausdruckstanzes. Viele bekannte Künstlerinnen und Künstler des Genres haben hier gelernt. Wichtig war zudem der Kontext zur seinerzeit neu entstandenen Gartenstadt Hellerau mit entsprechender Durchwegung.
Doch recht schnell, bereits drei Jahre nach Fertigstellung, beendete der Erste Weltkrieg diese Hochzeit und der Bau diente anderen Zwecken als der Kultur. Auch in der Zeit des Nationalsozialismus nutzten Polizei, SA und SS die Gebäude und nach dem Zweiten Weltkrieg die Rote Armee. Aus den Kulturbauten waren also Kasernengebäude geworden, deren Ostflügel die Durchwegung aus der Gartenstadt blockierte.
Nach der politischen Wende 1989 stand das Ensemble zunächst leer. Doch seit Mitte der 1990er Jahre wurden die Gebäude eins nach dem anderen saniert und wieder ihrer eigentlichen, kulturellen Nutzung zugeführt. Den Abschluss der Maßnahmen bildete nun die vom Architekturbüro heinlewischer (Standort Dresden) durchgeführte Sanierung des Ostflügels.
Probe- und Studiobühne
Der ehemalige Kasernentrakt sollte nun zu einem Residenz- und Probenzentrum umgebaut und der Anschluss an die Gartenstadt wiederhergestellt werden. Das Büro heinlewischer konnte sich in einem 2018 durchgeführten Vergabeverfahren durchsetzen. Ein – im wahrsten Sinne des Wortes – zentraler Aspekt des Entwurfes ist die Wiederherstellung der Bezugsachse zur Gartenstadt durch ein großzügig gestaltetes Foyer, mittig angeordnet und durch große Türen und Fensteröffnungen nach Außen geöffnet. Markant sind zudem zwei neue Säle, die in Form einer Whitebox beziehungsweise einer Blackbox als Probe- beziehungsweise Studiobühne ausgebaut wurden. Dabei bietet die weiße, lichtdurchflutete, kleinere Probebühne Raum für Proben und Trainings, die größere, schwarze Studiobühne wird für Auftritte mit Publikum genutzt.
Eine Besonderheit des Bestandsbaus war – und ist – die Dachkonstruktion. Als eines von zwei in Deutschland noch erhaltenen Kroher-Dachtragwerken, ist diese im gebäudehohen Foyer sichtbar. Die materialsparende Fachwerkkonstruktion, die sich aus Brettern statt aus Vollholz zusammensetzt, wurde grundsätzlich im gesamten Gebäude erhalten, ist aber nicht überall für die Besucherinnen und Besucher sichtbar. Der Erhalt der Konstruktion stellte beispielsweise beim Bau der neuen Gauben eine gewisse Herausforderung dar, da es sich um eine insgesamt stabile, aber bei Veränderungen doch anfällige Konstruktion handelt.
Neben Foyer und Probesälen sind in dem sanierten Ostflügel nun auch im ersten Obergeschoss die benötigten Künstlerresidenzen angeordnet. Sie liegen jeweils an den äußeren Enden des Riegels und sind über separate Treppenhäuser erreichbar. Am nördlichen Ende des Erdgeschosses gibt es zudem einen öffentlichen Gastronomiebereich. Im Foyer führt ebenfalls eine Treppe in die beiden Obergeschosse. Da es im Foyer selbst nun keine Zwischendecken mehr gibt, sind es hier jeweils Brücken, die die Obergeschossräume des Mittelteils miteinander verbinden und so einen Bezug zur vorherigen Gebäudestruktur herstellen.
Statik und Konstruktion
Vor der Sanierung handelte es sich um eine Kasernenstruktur mit klassischer Mittelflurerschließung. Man betrat das Gebäude von der Hofseite mittig oder über die beiden erhaltenen Nebeneingänge, ebenfalls hofseitig am nördlichen oder südlichen Gebäudeende zu erreichen. Da der Mittelflur mit seinen Längswänden einen wesentlichen Aspekt der Statik ausmachte, war hier eine gute Lösung gefragt, um das gebäudehohe Foyer und die zweigeschossigen Säle realisieren zu können. „Es war eine der großen Herausforderungen, den denkmalgeschützten Bestand im Wesentlichen zu erhalten und gleichzeitig große und hohe Bühnenräume darin zu verwirklichen“, erläutert dazu Daniel Weiße, der als Projektleiter bei heinlewischer an der Sanierung mitgewirkt hat. „Wesentlich sind dabei zwei große Stahlfachwerkträger, die nun im Dachgeschoss die beiden Säle, in den Achsen der alten Mittelflurwände, überspannen.“ An den Stahlfachwerkträgern hängen jeweils die Decken der White- und der Black-Box. Die Fachwerkträger liegen wiederum auf den neuen und zum Teil mit Stahlbetonstützen ertüchtigten, zweigeschossigen Innenwänden auf, die die Säle abschließen. Auch die Außenwände mussten von Innen mit Stahlbetonstützen gegen Abknicken verstärkt werden. Diese Aufgabe hatten bisher die Zwischendecken übernommen, die nun entfernt worden waren.
Wie schon angesprochen, erforderte die Dachkonstruktion insofern einen besonderen Umgang, da sie schnell instabil wird, sobald ein Teil fehlt. „Die Vorgabe war aber, dass auch hier, wie bereits im Westflügel, Gauben in das Dach eingesetzt werden. In einer Kroher-Konstruktion darf aber kein Brett fehlen, sonst verliert sie ihre Stabilität“, so Projektleiter Weiße. „Umgesetzt haben wir die Gauben dann mit vorgefertigten Kerto-Rahmen, die hier als Wechsel eingesetzt wurden.“
Sehr gelungen ist übrigens zudem das Beleuchtungskonzept der Hamburger Lichtplanerin Ulrike Brandi. Durch LED-Streifen wird in der Kroher-Dachkonstruktion auch tagsüber ein goldtonfarbenes Licht erzeugt, so dass trotz Höhe und Form der Binder die innere Dachfläche nicht durch Schatten im Dunklen liegt.
Schallschutz, Akustik und Bühnentechnik
Natürlich spielt in einem Projekt mit Theaterräumen die Bühnentechnik eine große Rolle. Abhänger, Laststangen, Seile, Haken und Scheinwerfer sowie die dazugehörigen Antriebe mussten in der Decke beziehungsweise auf der Decke untergebracht werden. Dafür war es notwendig, über 200 Deckendurchbrüche vorzusehen. „Vor allem durfte dabei die Lüftungsanlage auf der Decke der Studiobühne während der Aufführung nicht zu hören sein“, erklärt Architekt Weiße. „Die vielen Kernbohrungen mussten zusätzlich ausgedämmt und zum Teil durch aufgesetzte, gelochte und außenseitig gedämmte Rohrhülsen ergänzt werden, durch die sowohl die Tragseile als auch die Kabel der Bühnentechnik zum Rollenboden im Dach laufen.“
Für den Schallschutz war auch die Ertüchtigung nahezu aller Fenster relevant. Nur drei der denkmalgeschützten Kastenfenster konnten aufgearbeitet werden. Alle anderen Fenster wurden durch neue, den hohen Anforderungen entsprechende Fensterinnenflügel ergänzt. Die recht großen Fensterflügel der beiden Säle haben ein Gewicht von 120 kg und mussten daher mit Hilfe von Minikränen und Hebebühnen eingesetzt werden.
Bleibt noch die Akustik: Eine gute Akustik für die geplante Nutzung mit einer Bandbreite von Sprachaufführung bis Kammermusik zudem im Bestand herzustellen, erfolgte in enger Abstimmung mit dem Bauphysiker, den Nutzerinnen und Nutzern sowie dem Denkmalschutz. Zur Verbesserung der Raumakustik der beiden Säle wurden an beiden Decken im Probestudio und der Studiobühne zusätzlich Mittel- und Tiefenabsorber in Form von Holzwolle-Leichtbauplatten mit Mineralfaserkern umgesetzt. Das Arbeiten mit aus der Wandebene heraustretenden, reliefhaften Kanten, wie es im Neubau häufig umgesetzt wird, war hier aus Platz- und Kostengründen nicht möglich. Hinter einer zum Teil gelochten Außenwandbekleidung der Studiobühne wurden daher einerseits Schallabsorber, andererseits Schallreflektoren eingesetzt.
Erhalt der Treppenhäuser
Original erhalten blieben auch die drei Bestandstreppenhäuser. Hier konnten die Betonwerksteinstufen und das Holzgeländer restauratorisch aufgearbeitet werden. Etwas knifflig wurde es aber bei der brandschutzgerechten Ausbildung der Treppenhausköpfe, nachdem klar war, dass eine Trockenbaulösung nicht die geforderten Auflagen des Brandschutzes erfüllen würde. Schließlich sollte daher eine parallel zur Dachschräge verlaufende Stahlbetondecke eingebaut werden. „Die Treppenhausköpfe mussten an die Neigung des Dachstuhls angepasst werden und wir hatten nur wenige Zentimeter Platz zwischen Treppenhauskopf und Dachkonstruktion“, erzählt Stefan Preuß von der Bauhauf GmbH Hoch- und Tiefbau, die maßgeblich an den Arbeiten am Ostflügel beteiligt war. „Die Idee, den historischen Dachstuhl ab- und wieder aufzubauen, hielten wir auf Grund der äußerst weichen Konstruktion der historischen Kroher-Binder für problematisch. Daher haben wir den oberen Treppenhausabschluss von oben gedeckelt und die Schalung auf Grund der starken Neigung gebaut wie eine Wandschalung sowie die äußere Schalhaut als verlorene Schalung belassen.“ Bei der Ausführung mussten die Handwerker dann, auf Grund der Enge, die Bewehrungsstähle mühevoll durch die Dachkonstruktion führen – aber, wie man heute sehen kann, mit großem Erfolg!
Intensive Zusammenarbeit des Projektteams
Das Bauunternehmen, das bereits seit vielen Jahren in der Sanierung tätig ist, war im Projekt mit sehr unterschiedlichen Aufgaben, wie auch dem statischen Abbruch oder dem Bau beziehungsweise der Aufstellung der Stahlfachwerkbrücken betraut. „Gerade bei Sanierungen ist eine intensive Zusammenarbeit des Projektteams wichtig“, betont Bauingenieur Preuß. „Aber es ist auch immer wieder erfüllend zu sehen, wenn nach der Rückbauphase, in der es manchmal wirklich schlimm aussieht im Gebäude, etwas so Selbstverständliches, Modernes entsteht, das zudem auch einen wertvollen Nutzen für die Gesellschaft darstellt.“ Und auch Projektleiter Weiße lobt die gute und kooperative Zusammenarbeit, nicht zuletzt auch mit dem Denkmalschutz: „Wir hatten hier ein ausgesprochen positives Miteinander mit sehr intensiven Abstimmungsprozessen aller Planenden und Ausführenden, gerade auch bei den vielen Bemusterungen mit der Denkmalpflege bis hin zur 1:1-Bemusterung im Foyer.“
Fazit
Die Sanierung des Ostflügels ist auch deshalb gelungen, weil mit dem Entwurf einerseits sehr prägnante, beeindruckende Räume entstanden sind und dennoch dem Gebäude kein unpassendes, schillerndes Kleid übergeworfen wurde. In der Zurückhaltung der Ästhetik bleibt der Blick frei und die Geschichte des Hauses ablesbar.
Autorin
Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau tätig.
Baubeteiligte (Auswahl)
Bauherr Landeshauptstadt Dresden
Architektur heinlewischer, Standort Dresden, www.heinlewischer.de
Tragwerksplanung Kröning und Schröter Ingenieurpartnerschaft, Dresden, www.kus-statik.de
Bauarbeiten Bauhauf, Coswig, bauhauf.de
Fensterbau Auerbach und Hahn, Wilsdruff, www.auerbachundhahn.de
Bühnenbodenbau Bühnenbau Wertheim, Wertheim, www.buehnenbauwertheim.de
