Sanierung und Umbau des ehemaligen Kriegsspitals in Neu-Ulm

In Neu-Ulm wurde das als Defensivkaserne erbaute ehemalige Kriegsspital nach Plänen des Büros f64 Architekten und Stadtplaner saniert und überwiegend zu Gewerbeeinheiten umgenutzt. Besonders zeitintensiv war dabei die Trockenlegung des Mauerwerks.

Die beiden Städte Ulm in Baden-Württemberg und Neu-Ulm in Bayern sind einerseits durch die Landesgrenze und die Donau getrennt und andererseits durch die Bundesfestung aus dem 19. Jahrhundert gefasst. Die Festungsanlage besteht dabei aus der polygonalen Hauptumwallung mit einer Länge von fast neun Kilometern rings um die Stadt (beziehungsweise die Städte) und einem davor angeordneten Gürtel aus Außenforts.

Das ehemalige Kriegsspital ist Bestandteil dieser Festung im Süden auf dem Stadtgebiet von Neu-Ulm und somit Teil des Bodendenkmals der Stadtumwallung. Die Festung blieb weitestgehend von Kriegseinwirkungen verschont, wodurch noch heute erhebliche Teile der Anlage erhalten sind.

Das als Defensivkaserne erbaute, ehemalige Kriegsspital in Neu-Ulm, nach Abschluss der Sanierungs- und Umbauarbeiten Das als Defensivkaserne erbaute ehemalige Kriegsspital in Neu-Ulm nach Abschluss der Sanierungs- und Umbauarbeiten
Foto: Conné van d’Grachten / f64 Architekten und Stadtplaner

Das als Defensivkaserne erbaute ehemalige Kriegsspital in Neu-Ulm nach Abschluss der Sanierungs- und Umbauarbeiten
Foto: Conné van d’Grachten / f64 Architekten und Stadtplaner
Der Festung vorgelagert war die so genannte Glacis, das abgeflachte Gelände vor dem Festungsgraben. Diese groß angelegten Glacisanlagen bilden heute als Parks und Naherholungsgebiete einen Grüngürtel um die Städte Ulm und Neu-Ulm. Auch dem ehemaligen Kriegsspital an der Turmstraße liegt mit den Glacis-anlagen Neu-Ulm eine attraktive Grünanlage gegenüber.

Ehemaliges Kriegsspital

Das ehemalige Kriegsspital Neu-Ulm wurde von 1850 bis 1854 als Defensivkaserne (auch Defensionskaserne) erbaut. Schon zwanzig Jahre später allerdings wurde der zweigeschossige Festungsbau zum Kriegsspital umgebaut und weitere zwanzig Jahre später, Mitte der 1890er Jahre, erweitert und um zwei Geschosse aufgestockt. Im Zweiten Weltkrieg wurde diese Aufstockung allerdings zerstört und das Gebäude mit einem Notdach gesichert.

Seit 1979 ist das Gebäude im Besitz der Familie Panescu-Stubner. Die Panescu Immobilien GmbH & Co. KG war nun auch die Bauherrin der Sanierung, die das Büro f64 Architekten aus Kempten durchgeführt hat. Das Architekturbüro hatte bereits im Vorfeld eine städtebauliche Studie zu dem Areal durchgeführt, zu dem auch ein eingeschossiger Flachbau nördlich des Kriegsspitals gehört. Den für die Sanierung ausgelobten Wettbewerb konnten f64 dann für sich entscheiden.

Sanierung

Wesentlicher Anlass für die Sanierung des Baus war der schlechte Zustand des Mauerwerks. Das Gebäude sollte allerdings auch transformiert und für Wohn- und Gewerbezwecke angepasst werden. In weiteren Schritten ist geplant, die einstige Aufstockung um zwei Geschosse wieder aufzugreifen und den nicht denkmalgeschützten nördlichen Flachbau durch einen mehrgeschossigen Neubau zu ersetzen.

Bisher wurden drei Wohneinheiten im Westflügel des Bestandes geschaffen, alle weiteren Wohnungen sind in der Aufstockung vorgesehen. Die übrigen Flächen werden vom produzierenden Gewerbe sowie von Agenturen genutzt.

Der Förderverein Bundesstiftung Ulm e.V. hatte der Sanierung zunächst recht kritisch gegenübergestanden, konnte diese Skepsis aber im Verlauf der Baumaßnahme zunehmend ablegen und findet auf seiner Internetseite folgende lobende Worte: „Alles in allem sind wir mit den bereits durchgeführten und geplanten Maßnahmen sehr zufrieden, und sehen hier einen echten und vorbildlichen Denkmalschutz.“

Trockenlegung

Was wurde also konkret gemacht? Eine wesentliche Aufgabe bestand in der Trockenlegung des bis zu 3 m dicken Mauerwerks im Untergeschoss. Hier hatte es ursprünglich einen Graben gegeben, als die Funktion des Gebäudes noch der einer Wehranlage entsprach. Für die Nutzung als Spital war der Graben dann zugeschüttet worden, ohne das Mauerwerk durch besondere Maßnahmen gegen Feuchtigkeit zu schützen. Dieses war nun durch die über 100 Jahre andauernde Durchfeuchtung durch das Erdreich in entsprechend schlechtem Zustand.

„Die Trockenlegung und Sanierung des Mauerwerks war im Grunde der Anlass für das gesamte Projekt“, erklärt Andreas Buchner, Projektleiter bei f64 Architekten. „Es war sehr schnell klar, dass ein so starkes Mauerwerk nicht mit den üblichen Methoden trockengelegt werden kann. Wir haben uns daher dafür entschieden, das Mauerwerk wieder freizulegen.“ Das bedeutete auf der Südseite, wieder einen Graben zu schaffen, der allerdings nicht mit Wasser gefüllt ist, sondern lediglich als Retentionsbecken für ein 100-jährliches Starkregenereignis ausgelegt ist. Ansonsten ist er als Grünfläche Teil der umgebenden Parklandschaft. Auf den anderen Seiten wurde das Mauerwerk ebenfalls freigelegt, hier allerdings handelt es sich um eine Bohrpfahlwand, die mit einem Abstand von 1,5 m vor dem Mauerwerk sitzt.

Den oberen Abschluss der Bohrpfahlwand bildet eine Krone aus Stahlbeton Den oberen Abschluss der Bohrpfahlwand bildet eine Krone aus Stahlbeton
Foto: Blautal Bauunternehmen

Den oberen Abschluss der Bohrpfahlwand bildet eine Krone aus Stahlbeton
Foto: Blautal Bauunternehmen
Der so entstandene „Graben“ ist von oben mit einem Gitterrost abgedeckt. „Für die Bohrpfahlwand wurden 214 Bohrpfähle mit einem Durchmesser von 75 cm gesetzt“, erklärt Jonathan Richter, der bei der beteiligten Firma Blautal die Bauleitung für das Projekt hatte. „Die Pfähle sind überschnitten, so dass die Wand dicht ist. Das Wasser läuft nun an der Pfahlwand herunter und kann durch ein Vlies im Boden versickern.“ Da der obere Abschluss einer solchen Wand nicht so schön ist, wurde hier zudem ein Schrammbord in Sichtbeton als Krone aufgesetzt.

Mauerwerkssanierung

Die Trockenlegung war das eine, die Sanierung des bestehenden Mauerwerks eine weitere wesentliche Maßnahme zum Erhalt des Gebäudes. Ein großer Teil der Steine musste ausgetauscht, Fensterbögen und Fensterbänke erneuert beziehungsweise ausgetauscht und Türöffnungen geschlossen oder wieder zu Fensteröffnungen rückgebaut werden. „Wir haben unter anderem einen Großteil der vorhandenen Vorsatzschale abstemmen, die Steine austauschen und die neuen Steine wieder in das Mauerwerk einbinden müssen“, so Ronny Schäper von der Firma Schaper Bauwerkserhaltung GmbH. „80 Prozent der Fensterbögen wurden von uns erneuert, 11 Türen zugemauert und knapp drei Viertel der Außenwandfläche neu verfugt.“ Nur eine Fläche von 6 x 8 m sollte aus Anschauungsgründen samt der Einschusslöcher bleiben wie sie war.

Die neugebrannten Steine wurden in Größe, Format und Farbigkeit an die bauzeitlichen Bestandssteine angepasst Die neugebrannten Steine wurden in Größe, Format und Farbigkeit an die bauzeitlichen Bestandssteine angepasst
Foto: f64 Architekten und Stadtplaner

Die neugebrannten Steine wurden in Größe, Format und Farbigkeit an die bauzeitlichen Bestandssteine angepasst
Foto: f64 Architekten und Stadtplaner
Die neuen Ziegel wurden von der Firma Cerasaga (mit Sitz in der Lüneburger Heide!) nach genauen Vorgaben hergestellt. Zum einen mussten die Steine in einem bestimmten Format hergestellt werden, zum anderen sollten sie so gebrannt sein, dass sie sich in ihrer Farbigkeit an die bestehenden Steine anpassten. „Unsere Steine werden handgeformt, das heißt, die Tonbatzen werden dafür mit Druck in eine Holzform geschmissen und abgezogen, da nur so die für historische Steine typischen Quetschfalten entstehen“, erklärt Geschäftsführer Jörg Fuhrhop. „Beim Brand handelt es sich um einen Kohlebrand. Je nach Kohleanteil und Hitzezufuhr verändert sich der Rotton der Steine.“

Bei den Fensterbänken, die ebenfalls ausgetauscht wurden, handelt es sich um Natursteinbänke. Jede der Fensterbänke bestand dabei aus zwei Blöcken mit einem Gewicht von jeweils über 100 kg. Die 11 Sandsteinbänke, beziehungsweise die dafür notwendigen 22 Blöcke wurden hierfür von der Firma Vogel aus Ulm selbst angefertigt und eingesetzt.

Aufstockung im Blick

Natürlich waren auch im Inneren des Gebäudes diverse Eingriffe notwendig. „Sowohl bezüglich der Zugänge als auch im Gebäudeinneren gab es viel Wildwuchs, den wir auf den Ursprungszustand zurückgebaut haben“, betont Architekt Buchner. „Über 150 Jahre waren hier neue Zugänge geschaffen, Türen eingebaut und Wände durchbrochen oder neu eingezogen worden. Heute gibt es nur noch die drei historischen Zugänge und eine Brücke im Zentrum.“ Im Mittelbau West hatte es für einige Jahre eine Disco gegeben. Um hier einen großen Raum im Erdgeschoss zu schaffen, waren Wände weggenommen, eine Stahlkonstruktion eingesetzt und massiv in die bestehenden Tonnengewölbe eingegriffen worden. Die Wand unterhalb des Stahlträgers wurde wieder aufgemauert und das Tonnengewölbe in seiner alten Form rekonstruiert.

Im Obergeschoss des Mittelbaus Ost war wiederum eine Bäderanstalt ansässig gewesen. Durch das Wasser und das Gewicht der Wannen hatten die Holzbalkendecken Schaden genommen und mussten zum Teil ersetzt werden.

Im Keller wurde bereits die für die Unterfahrt des Aufzugs notwendige Grube hergestellt Im Keller wurde bereits die für die Unterfahrt des Aufzugs notwendige Grube geschaufelt
Foto: Blautal

Im Keller wurde bereits die für die Unterfahrt des Aufzugs notwendige Grube geschaufelt
Foto: Blautal
Im Kellergeschoss wurde zudem der gesamte Betonboden herausgestemmt und ein Klinkerboden nach historischem Vorbild hergestellt. Dabei wurde auch über die gesamte Hauslänge ein 1 m tiefer Graben für die Haustechnik angelegt. „Bis zu sieben unterschiedliche Heizanlagen haben wir rückgebaut und das gesamte Gebäude an das naheliegende Nahwärmenetz der Stadt Ulm angeschlossen“, so Projektleiter Buchner. „Außerdem haben wir nun bereits die gesamte horizontale Haustechnikverteilung verlegt, so dass wir für eine künftige Aufstockung nur noch an die vertikale Verteilung müssten.“

Auch ein Aufzug könnte im Falle einer Aufstockung problemlos nachgerüstet werden, da der Schacht bereits im Grundriss einer ehemaligen Arrestzelle angelegt und die Grube für die Unterfahrt betoniert wurde.

Fenster aus Eucalyptusholz

Erwähnenswert ist noch die Materialwahl für die Denkmalschutzprofile der Außenfenster. Lange hatte man überlegt, ob diese mit günstigem, aber weniger robustem Kiefernholz oder in der teureren Variante in Eichenholz ausgeschrieben werden sollen. Überraschender Weise schlug der auf denkmalgeschützte Gebäude spezialisierte Schreinermeister Markus Schuler Profile aus Eucalyptusholz vor. Das Holz stammt aus Plantagen, hat die Optik von Eichenholz und ist ähnlich resistent und langlebig, aber deutlich günstiger. „Eucalyptusholz ist um etwa 50 Prozent härter und schwerer als Eichenholz, im Wasser kann es fast nicht schwimmen“, erklärt Tischlermeister Markus Schuler. „Es ist allerdings auch entsprechend schwerer zu bearbeiten und man braucht spezielle Werkzeuge.“ Ein weiterer Vorteil des Holzes ist, dass es sehr schnell wächst. Nach 20 Jahren ist ein Eucalyptusbaum bereits 45 m hoch.

Alle Außenfenster waren bei vorangegangenen Umbauten gegen Kunststofffenster ausgetauscht worden. Die neuen Holzfenster wurden nun nach historischen Aufnahmen und Unterlagen rekonstruiert. Allerdings konnte ein Original-Innenfenster zum Treppenhaus aufgearbeitet werden.

Die ausführende Schreinerei Schuler hat darüber hinaus auch die beiden äußeren Innenhoftüren aufgearbeitet und die mittlere, die bis dahin durch ein schnödes Garagentor ersetzt worden war, wieder nachgebaut. Auch die Innenfenster, also die Festverglasung mit Sprossenteilung zwischen Flur und Arbeitsräumen, wurden neu angefertigt sowie die extrem schmalen Schießschartenfenster, die trotz Isolierglas und Wärmeschutzanforderungen nicht von außen sichtbar sind. Die einstigen Schießscharten waren zwischenzeitlich zugemauert worden. Nun sehen sie aus wie Schießscharten, sind aber verglast.

Autorin

Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau tätig.

Baubeteiligte (Auswahl)

 

Auftraggeber Panescu Immobilien

Architektur f64 Architekten und Stadtplaner, Kempten, www.f64architekten.de

Tragwerksplanung Dr. Schütz Ingenieure,
Kempten, www.drschuetz-ingenieure.de

Mauerwerkssanierung Schaper Bauwerkserhaltung, Nienhagen, schaper-fassaden.de

Trockenlegung Blautal Bauunternehmen,
Blaubeuren, blautalbau.de

Holztüren- und Holzfensterbau Markus Schuler Fensterbau, Rechtenstein,
www.schreinerei-schuler.com

 

Herstellerindex (Auswahl) 

Ziegel Cerasaga Baukeramik, Bardowick,
cerasaga.com

Mörtel Remmers, Löningen, www.remmers.com

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