Start-ups geben auf der digitalBAU kreative Denkanstöße für den Handwerker-Alltag

Lassen sich digitale Technologien mitreißend in Szene setzen? Klare Antwort: Ja! 277 Aussteller präsentierten auf der digitalBAU in Köln äußerst kreative Lösungen. Im voll besetzten Vortrags-Forum des Bauverlags gab es zudem praktische Tipps für den Handwerkeralltag.   

Stelzen-Läufer als Transformer, Seilroboter im Miniformat, auf den Schultern tragbare Vermessungs-Scanner und mehr: 277 Aussteller aus 16 Ländern präsentierten auf der digitalBAU im Februar  äußerst kreativ ihre Produkte und Dienstleistungen. An zahlreichen Ständen hieß es in Köln: Anfassen und Ausprobieren erwünscht!

Zu den Themenschwerpunkten zählten die digitale Baustelle, Konnektivität, Smart City, zirkuläres Bauen und Nachhaltigkeit. Ergänzend zur Ausstellung gab es im Rahmenprogramm zahlreiche Einblicke in Praxisbeispiele. In mehr als 140 Vorträgen und Diskussionsrunden erläuterten über 180 Sprecherinnen und Sprecher Lösungsansätze für zukunftsfähiges Planen und Bauen.

Paolo Pappe zeigte auf, wie sich KI im Handwerker-Alltag sinnvoll nutzen lässt
Foto: Michaela Podschun

Paolo Pappe zeigte auf, wie sich KI im Handwerker-Alltag sinnvoll nutzen lässt
Foto: Michaela Podschun
Sehr gut gefüllt war das Vortragsforum des Bauverlages. Mehr als 140 Sitzplätze, weitere Lounge-Hocker und Sofas luden zum Zuhören und Verweilen ein. Am zweiten Messetag ging es um praktische digitale Tipps für den Handwerkeralltag. KI-Trainer Paolo Pappe vom Mittelstand-Digital Zentrum Hannover erklärte, was Künstliche Intelligenz ist und wie sie Betriebe unterstützen kann: „Menschliche Intelligenz wird künstlich nachgeahmt. Je mehr Daten die KI bekommt, desto stärker kann sie Muster erkennen und Voraussagen treffen“, sagte er. KI kann bei komplexen Entscheidungen behilflich sein, beispielsweise wenn teure Geräte oder Nutzfahrzeuge gekauft werden müssen und dafür Preisprognosen nötig sind. „Auch bei Bedarfsermittlung, Absatzprognosen und Vorhersage des Wartungsbedarfs liefert sie detaillierte Infos“, so Paolo Pappe. Bedingung: Der Handwerksbetrieb müsse digitale Strukturen haben.

Social-Media-Tipps von Influencerin Anna Sänger

Führte durch das Social-Media-„Wirrwarr“: Schweißerin und Unternehmensberaterin Anna Sänger
Foto: Christian Ippach

Führte durch das Social-Media-„Wirrwarr“: Schweißerin und Unternehmensberaterin Anna Sänger
Foto: Christian Ippach
Wie finden sich Unternehmen im Dschungel aus Instagram, Facebook, LinkedIn, Pinterest und Co.  zurecht und können sich über Social Media vermarkten? Anna Sänger ist Schweißerin, Unternehmensberaterin und Influencerin und bot einen sehr gut strukturierten Vortrag. Sie favorisierte Instagram. „Das ist ein visuelles Netzwerk, das die meisten Funktionen für Handwerksbetriebe hat. Verlinkungen zur Website, lokale Filter und die umfangreiche Präsentation der eigenen Firma sind möglich“, sagte sie. Man müsse allerdings seine Zielgruppe kennen und nicht konzeptlos einfach losposten. Auf Instagram tummeln sich 14- bis 39-Jährige. Facebook werde älter, kaum ein User sei unter 40 Jahren. Auf Instagram hätten Handwerksbetriebe aber gute Chancen aufzufallen. „Denn die Konkurrenz ist noch gering, kompetente Mitarbeiter und Zielgruppen können gut erreicht und der Umsatz gesteigert werden. Das Thema Bau ist insgesamt sehr relevant“, lautete ihr Fazit.

Pro Electrify startet rasant durch

Elektromeisterin Mona Kulka erklärte, warum „Pro Electrify“ keine Nachwuchssorgen hat 
Foto: Christian Ippach

Elektromeisterin Mona Kulka erklärte, warum „Pro Electrify“ keine Nachwuchssorgen hat 
Foto: Christian Ippach
Aufmerksamkeit erzeugen, mit cleveren Ideen Fachkräfte finden und eine Team-Atmosphäre schaffen: Das haben zwei junge Dachdecker-Betriebe eindrucksvoll geschafft. Pro Electrify aus Herford legte einen atemberaubenden Start hin. Gegründet vor rund einem Jahr ist das Start-up mittlerweile auf mehr als 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewachsen und hat bereits 40 Praktikanten Schnuppertage ermöglicht. Warum ein Autohaus eine wichtige Rolle spielte, das erzählten Betriebsleiter Sascha Kloss und Elektromeisterin Mona Kulka auf der Bühne. „Das Autohaus Mattern in Herford wollte ergänzend zu E-Autos auch Photovoltaik und Wall-Boxen anbieten und gründete uns als Tochterunternehmen“, so Sascha Kloss. Geschäftsführer Philip Kleineberg und der gelernte Dachdecker legten los. Pro Electrify vereint nun die Gewerke Dach, Elektro und Haustechnik.

Von Beginn an stellte sich das Team digital auf und verzichtete weitgehend auf Papier. Die gesamte Buchhaltung, Verkauf, Einkauf, Lager, Zeiterfassung, Außendienst, Reparaturen und Wartungen laufen über ein digitales Tool. Social Media wird konsequent genutzt, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen. „Wir stellen den Menschen in den Vordergrund“, betonten beide. Wer ins Team passt, kriege eine Chance. So durchlaufe auch ein Tischler die Ausbildung zum Dachdecker und ein ukrainischer Kollege ohne Deutschkenntnisse arbeitet mit.

Qualität und Mitarbeiter: Zwei Säulen bei „Dein Dach“

Den eigenen Betrieb als Marke etablieren: Dachdecker Florian Hemmersbach gab wichtige Tipps
Foto: Christian Ippach

Den eigenen Betrieb als Marke etablieren: Dachdecker Florian Hemmersbach gab wichtige Tipps
Foto: Christian Ippach
Authentisch sein, Qualität und Team-Kultur in den Fokus setzen: Das hat auch „Dein Dach“ nach vorne gebracht. Die Brüder Florian und Lukas Hemmersbach starteten vor zweieinhalb Jahren mit ihrem Kölner Betrieb und sind mittlerweile auf mehr als 40 Mitarbeiter angewachsen. Geschäftsführer und Dachdecker Florian Hemmersbach machte deutlich: „Wir sind Handwerker aus Leidenschaft in der vierten Generation.“ Konsequent entwickelten sie ihre Firma als „Marke“, treten auf der Baustelle wie privat mit Firmenhoodie, Arbeitshose und Käppi auf.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finden sie ebenso über Social Media, setzen beispielsweise auf die 60-Sekunden-Bewerbung, senken damit Hemmschwellen. „Niemand kommt mehr über Zeitungsinserate. Wir kriegen die jungen Fachkräfte dort nicht mehr“, sagte er. Mailen, anrufen, vorbeikommen – am besten Freitagnachmittag, wenn zum Feierabend gegrillt oder gekickert wird. „Dann erleben Jobsuchende unsere lockere Atmosphäre. Das gesamte Team entscheidet, wer passt oder auch nicht passt.“ 

An der digitalBAU haben auch rund 40 Start-ups teilgenommen. Wir stellen einige ausgewählte junge und auch schon etablierte Unternehmen vor.  

Interaktive Geschäftsanalytik

„Wir wollen auffallen! Digitalisierung ist gar nicht langweilig!“, sagte Markus Uhl, Head of Marketing bei BRZ Deutschland. Das Unternehmen aus Nürnberg schickte einen Transformer mit grünem Firmenlogo durch die Halle. BRZ informierte unter anderem über Assistenzsysteme, die mit Hilfe Künstlicher Intelligenz bereits heute einen wichtigen Beitrag leisten, um Kernprozesse im Baubetrieb (Auswertungen mit interaktiver Geschäftsanalytik, digitale Bürgschaftsverwaltung) zu optimieren.

CO2-Fußabdruck von Gebäuden senken

Den CO2-Fußabdruck von Gebäuden reduzieren:  Willi Döhring und Ellen Schlegel von GreenLean Baulogistik (GLB) stellten ihre Software vor  
Foto: Michaela Podschun

Den CO2-Fußabdruck von Gebäuden reduzieren:  Willi Döhring und Ellen Schlegel von GreenLean Baulogistik (GLB) stellten ihre Software vor  
Foto: Michaela Podschun
GreenLean Baulogistik (GLB) mit Sitz in Hamburg gibt es seit rund einem Jahr. Verschiedene Planungstools sollen Bauprojekte wirtschaftlicher und nachhaltiger machen. „Wir analysieren, welche Materialien auf die Baustelle kommen, welcher Bauschutt abtransportiert wird und messen die entstandenen Emissionen“, fasste Willi Döhring, Head of  Development, zusammen.  Die einzelnen Gewerke erhalten eine detaillierte Auflistung, wie viel Strom, Wasser und Treibstoffe sie verbraucht haben. Auf Basis dieser Daten werden sie abgerechnet. „Durch diese transparenten Verbrauchs-informationen wollen wir auch zum Energiesparen anregen“, so Döhring. GLB misst  den CO2-Fußbdruck des kompletten Bauprojekts und erstellt eine Klimabilanz. Als Software dient eine cloudbasierte App-Plattform. Hinzu kommen Dashboard-Module für den gesamten Überblick sowie Container-Management-  und Zutrittskontroll-Module.

Bauten bequem vermessen

Bequem liegt der Laserscanner „VLX 3“ des Start-ups NavVis auf den Schultern. Ausgestattet mit mehreren Sensoren und Kameras können sich Anwender durch Innen- und Außenbereiche bewegen und Messungen vornehmen. Der Laserscanner lasse sich auch zur Baufortschrittskontrolle einsetzen, wie Harald Saeger, Senior Account Executive bei NavVis in München, erklärt. Das System funktioniere so ähnlich wie „Google Street View.“

Bewehrungen digitalisieren

Die Mesh AG aus der Schweiz konzentriert sich auf den 3D-Druck von Bewehrungen. Durch den Einsatz von Computern können auch komplexe  Bewehrungs-Formen exakt und effizient hergestellt werden. Die neue Bautechnologie wurde in zehnjähriger Forschung an der ETH Zürich entwickelt. 2019 wurde die Technologie in Partnerschaft mit Peri und Sika in einen industriellen Bauprozess überführt. 2022 folgte die Gründung der Mesh AG – einem ETH-Spin-off mit Sitz in Zürich. Die 3D-Bewehrungselemente dienen als Schalung und Bewehrung gleichermaßen und werden durch eine spezifische Betonmischung verfüllt.

Seilroboter für automatisiertes Bauen

Seilroboter für automatisiertes Bauen: das Start-up „red cable robots“ sucht Projektpartner
Foto: Michaela Podschun

Seilroboter für automatisiertes Bauen: das Start-up „red cable robots“ sucht Projektpartner
Foto: Michaela Podschun
red cable robots“ ist ein Start-up, das zur Uni Duisburg-Essen gehört. Die jungen Forschenden werden vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz und dem Europäischen Sozialfond gefördert. Sie konzipieren Seilroboter, die Aufgaben überall automatisieren, wo dies bisher aufgrund des großen Arbeitsraums schwierig ist. Beispielsweise lässt sich ein Seilroboter nicht nur zum Heben schwerer Lasten, sondern auch zum Mauern einsetzen. Das Start-up sucht jetzt Unternehmen, um den Einsatz von Seilrobotern bei einem realen Bauprojekte zu testen.

Ortung von Fahrzeugen und Werkzeugen

Manuel Kimanov (links) und Nassiem Beyer von Syniotec erklärten, wie die digitale Ortung von Maschinen funktioniert  
Foto: Michaela Podschun

Manuel Kimanov (links) und Nassiem Beyer von Syniotec erklärten, wie die digitale Ortung von Maschinen funktioniert  
Foto: Michaela Podschun
Syniotec startete vor sechs Jahren zunächst mit der Vermietung von Baumaschinen. „Wir haben aber schnell festgestellt, dass vielen Betrieben der Überblick über ihr Equipment fehlt. Daher haben wir eine Ortungs-Software entwickelt“, berichtete Elena Schaper, Senior Marketing Specialist bei syniotec in Bremen. „Auch bei kleinen Firmen ergeben GPS-Tracker Sinn, denn auch Bohrhämmer und Rüttelplatten sind teuer und sollten nicht abhandenkommen,“ erklärte sie. Syniotec bietet verschiedene Monatstarife. Ein 40-köpfiges Team entwickele die digitalen Tools in Zusammenarbeit mit Handwerksfirmen weiter.

Bausoftware mit Ticket-System

Flexxter ist ein junges Unternehmen mit Sitz in Hannover, das sich vor vier Jahren gründete. Die Cloud-basierte Software bietet Bauzeitenplanung, Aufgaben- und Ticketmanagement, Bautagebuch, das Einlesen von GAEB- und MS-Projekt-Dateien, eine Plantafel zur Mitarbeiterplanung und Betriebsmittelplanung. „Betriebe können ihr eigenes Personal und auch Fremdfirmen einbinden. Für jedes Bauprojekt wird erfasst, welche Handwerker tätig sind und welche Arbeiten sie genau ausführen“, erklärt Flexxter-Geschäftsführer Axel Mayer.

Zeiterfassung

Das Start-up „Timesec“ hat sich in Zusammenarbeit mit der Sozialkasse des Berliner Baugewerbes gegründet. Es bietet eine digitale Zeiterfassung zu günstigen Konditionen an. Von einer Gratis-Version bis zur Premium-Variante für 7,92 Euro pro Monat reicht das Angebot. Über eine mobile App können Mitarbeiter alle Arbeits- und Pausenzeiten sowie Abwesenheiten von unterwegs erfassen. Das kostenlose Modul „Basic Bau“ beinhaltet alle wichtigen Grundfunktionen für die Zeiterfassung. Zusätzliche Features sind buchbar.

Autorin


Michaela Podschun ist Redakteurin der Zeitschriften bauhandwerk und dach+holzbau.

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