Umbau und Erweiterung eines ehemaligen Offiziershauses in Münster
So wie der römische Gott Janus zwei Gesichter hat, so hat auch das ehemalige Offiziershaus in Münster nach dem Umbau durch Andreas Schüring zwei Gesichter: zur Straße hin ein geschlossenes, historisches und zum Garten hin ein offenes, modernes – fließend vereint unter einem gemeinsamen Mansarddach.
Zur Weißenburgstraße hin ist die historische Giebelfassade des ehemaligen Offiziershauses weitgehend geschlossen
Foto: Andreas Schüring Architekten
Beim Wohnhaus in der Weißenburgstraße handelt es sich um ein ehemaliges Offiziershaus der 1913 in Münster errichteten Train-Kaserne. Von dieser ist bis auf das Kommandantenhaus und ein paar Wohnhäuser, zu denen auch das Offiziershaus als Reihenendhaus gehört, nur noch der städtebauliche Grundriss erhalten. 2008 wurde das Hauptkasernengebäude abgerissen. Weitere Teile der Kaserne waren schon davor verschwunden.
Altbau und Anbau verschmelzen zu einem Ganzen
Heute ist das Gebäude ein prägendes Element des Straßenraums am Rand der autofreien Gartensiedlung Weißenburg. Es ist zwar nicht denkmalgeschützt, besitzt aber aufgrund seiner städtebaulichen und baukulturellen Bedeutung einen hohen identitätsstiftenden Wert. Vor diesem Hintergrund entwickelte der Architekt Andreas Schüring sein Konzept für den Umbau und die Erweiterung des Ziegelhauses. Der Anbau entwickelt sich dabei als organischer Weiterbau des Bestands. Alt und Neu treten nicht als Kontraste auf, sondern verschmelzen zu einem stimmigen Ganzen. Der Neubau ist dabei nicht als eigenständiger Baukörper neben den Bestand gesetzt, sondern wächst aus dessen Geometrie und konstruktiven Bedingungen heraus. Die besondere Form ist damit weniger Ergebnis eines eigenständigen Gestaltungswillens als vielmehr einer planerischen Weiterentwicklung des Vorgefundenen. Der fließende Übergang entsteht vor allem durch das rekonstruierte gemeinsame Mansarddach. Während der historische Teil des Hauses zur Straße hin weitgehend geschlossen ist, öffnet sich die Stirnseite des Anbaus mit einer großzügig verglasten Fassade zum Garten.
Schadstoffbelasteter Dachstuhl
Der Anbau aus den 1970er-Jahren wurde bis auf die Bodenplatte und den Keller abgerissen
Foto: Andreas Schüring Architekten
„Der in den 1970er-Jahren für die Sanitärräume errichtete Anbau war erkennbar baufällig. Darüber hinaus nahm er dem Haus die Westsonne und damit wertvolles Tageslicht. Und schließlich stand er auch gestalterisch im Widerspruch zum ursprünglichen Gebäude“, erinnert sich Architekt Andreas Schüring. So begannen die Bauarbeiten denn auch mit dem Rückbau des Anbaus bis auf die Bodenplatte und den Keller. Am Sockel des Anbaus führten die Handwerker eine mineralische Abdichtung aus. Hierfür trugen sie die „WP Sulfatexschlämme“ und den Dichtspachtel „WP DS Levell“ von Remmers auf. Am Sockel und Keller des Altbaus wurde keine zusätzliche chemische Abdichtung ausgeführt.
Beim Rückbau des Anbaus aus den 1970er-Jahren wurde schnell klar, dass der Dachstuhl des Hauses deutliche Feuchtigkeitsschäden hatte. Vor allem traten diese im Anschluss an den Anbau auf, da dieser seinerzeit nicht korrekt an das Haupthaus angeschlossen worden war. Der schadstoffbelastete Dachstuhl wurde größtenteils entfernt. Das Innere des Hauses wurde bis auf die zu erhaltenden Tragwerksbereiche zurückgebaut. Teile des Tragwerks, die mit dem Nachbarhaus verbunden sind, mussten dabei erhalten bleiben. So waren zum Beispiel Hölzer, die aus dem Nachbarhaus kamen, als Warnung zum Teil rot gestrichen, damit jeder weiß: Hier niemals durchschneiden.
Stahlbeton- und Holzbalkendecke
Am linken Rand des Anbaus die 12 cm dicke Betonscheibe. Daran schließt sich die Stahlbetondecke mit dem Ringanker an
Foto: Andreas Schüring Architekten
Auf dem Kellergeschoss des Anbaus aus den 1970er-Jahren wurde eine 12 cm dicke, zweigeschossige Wandscheibe frei in der Luft über sieben Abschnitte betoniert. Daran schließt die neue Stahlbetondecke über dem Erdgeschoss des neuen Anbaus an. Um eine für den Bestand belastungsarme Konstruktion zu ermöglichen, wurde entlang der Betondecke ein Ringanker betoniert, der auf der bestehenden Gebäudelängswand aufsetzt und auf dieser weiter bis zum Giebel an der Weißenburgstraße verläuft. An der Betondecke über dem Anbau ist ein L-Winkel aus Stahl befestigt. In der Mitte des Hauses steht eine im Querschnitt 10 x 10 cm große Doppel-T-Stütze aus Stahl, die bis unter den First reicht. An dieser und am Ringanker sind ebenfalls L-Winkel aus Stahl befestigt. Zwischen diese L-Winkel legten die Zimmerleute die Hölzer für die Holzbalkendecke über dem Erdgeschoss des Altbaus auf. „Die Balken sind nur aufgelegt und nicht befestigt“, betont der Architekt. An der Bestandsgiebelwand liegen die Balken der Decke in Balkenschuhen. So entsteht eine insgesamt leichte, filigrane Konstruktion, die Rücksicht auf die durch Bombenschäden aus dem Krieg geschwächte Bestandsstruktur nimmt. Die ungewöhnliche Konstruktion entstand somit unmittelbar aus den Anforderungen des geschwächten Bestands. Aus der konstruktiven Notwendigkeit entwickelte sich zugleich die gestalterische Qualität der neuen, filigranen Struktur. Unter die Holzbalkendecke im Altbau als auch unter die Betondecke im Anbau nagelten die Handwerker zugunsten einer maximalen Raumhöhe von unten Gipskartonplatten, so dass sich eine fugenlose Deckenuntersicht ergibt. Anschließend wurden die Decken grau gestrichen.
Mauern aus gestapelten Ziegeln
Wandabschnitt aus gestapelten Ziegeln neben dem neuen Eingang
Foto: Andreas Schüring Architekten
Die Ziegelsteine der rückgebauten Fachwerkinnenwände konnten größtenteils gerettet werden. „Wir konnten die Ziegel wegen der versandeten Fugen einfach aus den Wänden ziehen“, erinnert sich Andreas Schüring. Die qualitativ hochwertigen Ziegelsteine wurden unter anderem im Erdgeschoss des Anbaus für eine Mauerschale vor der Betonscheibe genutzt. Die Handwerker vermauerten die Ziegel im Stapelverband – einem Verband, der eine vergleichsweise geringe Stabilität aufweist. „Am Verband erkennt man, dass es eine nachträgliche Intervention ist, aber im gleichen Material und in der gleichen Anmutung“, so Architekt Schüring. Die Ziegelschale führt ihre Last auf eine Kalksandsteinwand im Kellergeschoss ab.
Die recycelten Ziegel wurden auch links und rechts des neuen Eingangs verwendet. Hier mauerten die Handwerker zwei bestehende Fenster zu und schnitten eine Öffnung für den neuen Eingang ins Mauerwerk, der auf den neuen Grundriss reagiert. „Wir haben die Eingangssituation heilen müssen und den Eingang an die Längsseite des Hauses verlegt“, sagt Andreas Schüring über den Eingang, der sich ursprünglich auf der Gartenseite befand.
Wohnzimmer im Erdgeschoss mit der Mauerschale aus gestapelten Ziegelsteinen im Hintergrund
Foto: Andreas Schüring Architekten
Beim Stapelverband wählte der Architekt je nach Bedarf eine andere Art der Ausführung. Mal wurden in einige Lagerfugen schmale Stahlbänder gelegt, um dem Verband Stabilität zu verleihen, mal wurde dies über einen höheren Zementanteil im Mörtel erreicht.
Mit Kalk geschlämmte Ziegelwände
Das marode, in den 1980er-Jahren aufgebrachte WDVS und die Riemchen in Klinkeroptik am Sockel des Hauses stemmten die Handwerker mit dem Bohrhammer ab. Darunter kam das Ziegelmauerwerk des Hauses zum Vorschein, das in Teilen weiß geschlämmt werden sollte. „Wir haben lange nach einer passenden Schlämme gesucht und nach einer Methode, sie zuverlässig zu verarbeiten“, so Architekt Schüring. Gefunden hat er eine passende Kalkschlämme bei MTM Baustoffe in Münster. Um die Schlämme aufzubringen, musste der Ziegelstein bis an die Sättigungsgrenze gewässert werden. Dann wurde die Schlämme mit dem Quast in kreisenden Bewegungen aufgetragen. Anschließend wurde die Oberfläche mit einem nassen Schwamm ebenfalls in kreisenden Bewegungen bearbeitet, so dass die ursprüngliche Struktur des Mauerwerks schichtweise wieder zum Vorschein kam. So erreicht man eine Schichtdicke zwischen 0 und 10 mm. „Alle Haarrisse werden von der Schlämme geschlossen und die Fassade geheilt“, sagt Andreas Schüring.
Die Kalkschlämme wird auf Teile der Ziegelwände mit dem Quast aufgetragen
Foto: Andreas Schüring Architekten
Danach musste die Fassade drei Wochen lang in einem feuchten Milieu gehalten werden, damit die Schlämme mit dem Mauerwerk karbonatisieren und eine dauerhaft feste Verbindung eingehen konnte. Während dieser Zeit wurde die Fassade zweimal pro Tag gewässert, weil die Arbeiten im Sommer stattfanden.
Der Sockel blieb ziegelsichtig. Dies gilt auch für die Mauerabschnitte aus gestapelten Ziegeln links und rechts des Eingangs, da diese oberflächenbündig auf dem Sockel aufsetzen. Die dazu zurückversetzten Ziegelaußenwände sind geschlämmt. Die Giebelwand und die Längsseite erhielten eine mineralische Innendämmung aus „Multipor“ von Xella.
Glasfassade auf der Gartenseite
Zum Garten öffnet sich der Anbau über eine großzügig verglaste Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Holz
Foto: Andreas Schüring Architekten
Eigentlich besteht die Glasfassade des Anbaus auf der Gartenseite aus zwei Fassaden: Unten befindet sich eine polygonale Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Holz mit verklebten Glasscheiben und Ganzglasecke inklusive einer Schiebetür. Im oberen Bereich ist die Fassade gerade; die Querschnitte der Pfosten-Riegel-Konstruktion sind hier stark reduziert und erstrecken sich filigran über zwei Geschosse. Zwängungsfrei ist die Pfosten-Riegel-Konstruktion mit dem Stahlrahmen verschraubt. Im Erdgeschoss besteht die sichtbare Holzkonstruktion aus Eiche und in den beiden darüberliegenden Geschossen in Anlehnung an den Dachstuhl in Fichte/Tanne. Im oberen Teil der Pfosten-Riegel-Konstruktion setzten die Fensterbauer zuerst die fest verglasten Doppelscheiben von Hand ein. Im Erdgeschoss kam dafür aufgrund der Scheibengrößen und des damit verbundenen Gewichts ein Saugroboter zum Einsatz. Insgesamt wurden vier verschiedene Glasqualitäten verbaut. So wurde zum Beispiel an der Ganzglasecke im Erdgeschoss eine dickere Scheibe eingebaut, die man aber aufgrund der polygonalen Fassade nicht als optisch störend wahrnimmt. In der Glasfassade gibt es drei schmale, nach außen öffnende Lüftungsflügel, die aufgrund ihrer vertikalen Form zu einem hohen Luftwechsel führen.
Fazit
Das offene Treppenhaus sorgt für eine gute Klimatisierung im ganzen Haus
Foto: Andreas Schüring Architekten
Durch den Umbau und die Sanierung wurde aus dem ehemaligen Offiziershaus an der Weißenburgstraße in Münster ein modernes Einfamilienhaus, das fast komplett ohne Innentüren auskommt. Mit der Glasfassade öffnet sich das Haus zum Garten, während es sich zur Straße mit seiner historischen Anmutung weitgehend geschlossen zeigt. Alt und Neu werden dabei über das gemeinsame Mansarddach behutsam miteinander verbunden. Die Klimatisierung des Hauses funktioniert über das offene Treppenhaus in Zusammenspiel mit dem elektrisch steuerbaren Dachfenster und den schmalen Lüftungsflügeln so gut, dass es trotz der großzügigen Glasfassade auf der Gartenseite zu keiner Überhitzung kommt. Die besondere Qualität des Umbaus liegt dabei in der Verbindung von konstruktiver Notwendigkeit und architektonischer Gestaltung: Die Anforderungen des geschwächten Bestands wurden nicht nur gelöst, sondern zum Ausgangspunkt für eine neue räumliche und konstruktive Ordnung.
Autor
Dipl.-Ing. Thomas Wieckhorst ist Chefredakteur der Zeitschrift bauhandwerk.
Baubeteiligte (Auswahl)
Architekt und Bauleitung Andreas Schüring Architekten BDA, Münster, schueringarchitekten.de
Tragwerksplanung Jan Kattert, Altenberge
Rohbauarbeiten Kappel Bauunternehmung, Münster, kappel-bau.de
Zimmererarbeiten Holzbau Telgmann, Ahaus, www.holzbau-telgmann.de
Dachdeckerarbeiten Tekampe Bedachungen, Gescher, tekampe-bedachung.de
Fensterbau- und Verglasungsarbeiten Fenster Brinker, Neuenkirchen, www.fenster-brinker.de
Trockenbauarbeiten Marco Lorenz, Telgte
Malerarbeiten Malerbetrieb Bernhard Böing, Gescher, maler-böing.de
Herstellerindex (Auswahl)
Innendämmung Multipor, Xella Deutschland, Duisburg, www.xella.de
Abdichtung Remmers, Löningen, www.remmers.com
