Wärmedämmputz: Schäden durch falsche Verarbeitung erkennen und nachbessern
Nachdem im ersten Teil dieses Beitrags die Ausführungsfehler bei der Verarbeitung eines Hochleistungs-Wärmedämmputzes beschrieben wurden, geht es nun um deren Folgen für das gesamte Putzsystem und die Nachbesserungen der entstandenen Schäden.
Im ersten Teil dieses Beitrags in bauhandwerk 6.2026 standen die Ausführungsfehler bei der Verarbeitung eines Hochleistungs-Wärmedämmputzes an einer Fassade im Fokus. Sowohl die Frisch- als auch die Festmörteleigenschaften des Wärmedämmputzes wurden durch die fehlerhafte Verarbeitung negativ beeinflusst. Besonders kritisch wirkten sich die erhöhte Wasserzugabe beim Anmischen, fehlende Schutzmaßnahmen gegen zu schnelle Austrocknung sowie nicht aufgeraute Zwischenlagen aus.
Welche Folgen ergaben sich nun konkret für die spätere Putzqualität? Damit beschäftigen wir uns in dieser Fortsetzung des Fachbeitrags und zeigen auf, wie die Schäden nachträglich behoben werden konnten.
Konsistenz des Frischmörtels
Die offenbar relativ dünnflüssige Konsistenz des Dämmputz-Frischmörtels, bedingt durch mehr Anmachwasser im Frischmörtel, hatte folgende Auswirkungen:
Der Materialverbrauch wurde reduziert.
Das Stehvermögen des Frischmörtels (Spritzbild) verschlechterte sich.
Die Festigkeitskennwerte des Festmörtels wurden reduziert.
Die Schwindneigung und das Rissrisiko des Festmörtels erhöhten sich.
Die Wärmleitfähigkeit des Festmörtels wurde erhöht.
Das ausführende Unternehmen hätte daher dringend auf die richtige, steifere Konsistenz achten und sich gegebenenfalls durch die Anwendungstechnik des Herstellers vor Ort in die fachgerechte Verarbeitung einweisen lassen sollen.
Rissbildung des Festmörtels
Durch Karbonatisierung und Hydratation eines mineralisch gebundenen Außenputzes verändern sich das Putzgefüge und die Putzzusammensetzung. Es entstehen neue mineralogische Phasen mit einem geringeren Volumen als die Ausgangsprodukte. Diese Verkürzung wird als chemisches Schwinden beziehungsweise Anfangsschwinden bezeichnet. Sowohl die Ausprägung als auch der zeitliche Verlauf können durch die Art des Bindemittels sowie durch spezielle Wirkstoffe in der Rezeptur des Mörtels beeinflusst werden.
Schematische Darstellung der verschiedenen Längenänderungsbestrebungen an der Putzoberfläche, die zur Rissentstehung beitragen können
Grafik: Jürgen Gänßmantel
Dem langsam ablaufenden chemischen Schwinden kann zusätzlich eine schnelle Verkürzung des Putzes durch zu rasche Austrocknung folgen. Die festgestellten Risse, teilweise mit Rissbreiten bis zu 0,7 mm, sind daher Trocknungsschwindrisse, die später – wenn sich die Rissflanken nicht mehr bewegen – nach Empfehlung des Dämmputzherstellers aufgeweitet und verfüllt werden konnten.
Folgen für das gesamte Putzsystem
Zusammen mit dem auf den Dämmputz noch aufzutragenden Armierungsspachtel mit vollflächiger Gewebeeinlage und dem Oberputz unterliegt das gesamte Putzsystem im Laufe der Jahreszeiten Längenänderungsbestrebungen der Putzschale. Ursachen dafür sind beispielsweise Temperatur-, Luftfeuchtigkeits- und Sorptionsfeuchteunterschiede oder Nachverfestigungs- und Austrocknungsvorgänge. Diese können Spannungen verursachen, die zu einer Überschreitung der Zug- oder Haftzugfestigkeit im Putzsystem führen und damit Rissbildungen oder Hohlstellen verursachen können.
Temperaturunterschiede in den Fassadenflächen waren besonders auf der Süd- und Westseite von größerem Einfluss. Austrocknungsvorgänge durch „von außen“ eindringende Feuchtigkeit (zum Beispiel Regen) betrafen hauptsächlich die Westseite. Jahreszeitlich bedingte Veränderungen der Luftfeuchtigkeit und damit der Sorptionsfeuchtigkeit (Ausgleichsfeuchtigkeit) im Putz sowie Nachverfestigungsvorgänge in den Putzlagen betrafen alle Fassaden.
Sinterhaut verschlechtert die Haftung
Auf Putzlagen mit längerer Standzeit können sich beim Erhärten beziehungsweise Schwinden Sinterhäute bilden, die die Haftung verschlechtern können, sofern sie nicht aufgeraut werden. Dort, wo bereits Hohlstellen vorhanden sind oder entstehen könnten, kann es daher mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer schnellen Enthaftung kommen. Dies geschieht insbesondere bei den genannten Längenänderungsvorgängen und zeigt sich als Adhäsionsbruch bei der Prüfung des Haftverbundes. Auch ein Abriss im Dämmputz infolge zu geringer Zugfestigkeit ist möglich (Kohäsionsbruch).
Der falsche Umgang mit dem Wärmedämmputz sowie dessen nicht fachgerechte Verarbeitung könnten daher ursächlich für spätere Fassadenschäden sein. Der Putzaufbau mit den verwendeten Materialkomponenten entsprach zwar den Vorgaben, die Ausführung der Putzarbeiten jedoch nicht.
Haftverbund des Dämmputzaufbaus geprüft
Zur fachgerechten Prüfung des Haftverbundes wurden an der Süd- und Westseite so genannte Abreißtests durchgeführt. Dazu wird eine Schicht Armierungsspachtel auf die Dämmputzoberfläche aufgebracht, darin ein Armierungsgewebe eingelegt und eine weitere Schicht Armierungsspachtel frisch-in-frisch aufgebracht. Das Armierungsgewebe steht für die Prüfung aus der Spachtelschicht hervor und wird nach Erhärtung des Armierungsspachtels senkrecht zur Putzoberfläche manuell abgezogen.
Abreißtests zeigen auf der Südseite der Fassade die Festigkeit und den unterschiedlichen Haftverbund des Putzsystems. Hier ist die oberflächliche Putzschicht „verdurstet“
Foto: strebewerk Architekten GmbH Stuttgart
In beiden Fällen wurden so genannte Kohäsionsbrüche festgestellt. Das bedeutet: Die Materialien lösten sich nicht voneinander, sondern die Haftzugfestigkeit innerhalb eines Materials wurde überschritten – und zwar im Dämmputz. Die Erklärung: Die Zugfestigkeit des Dämmputzes war deutlich geringer als die des Armierungsspachtels.
Beim Abreißtest an der Südseite blieb deutlich weniger Dämmputz am Armierungsspachtel hängen. Bei dieser Probe liegt erfahrungsgemäß die Vermutung nahe, dass bei den Ausführungsbedingungen die oberflächliche Putzschicht „verdurstet“ ist, also zu weich war, weil ihr das Anmachwasser zu schnell entzogen wurde. Auf der Westseite wurde hingegen lediglich die Haftzugfestigkeit innerhalb des Dämmputzaufbaus überschritten.
Bezüglich der überprüften Fassadenbereiche konnte grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass keine größeren hohl liegenden Bereiche im Dämmputzaufbau vorhanden waren. Andernfalls wären so genannte Adhäsionsbrüche aufgetreten, bei denen sich die einzelnen Schichten voneinander lösen.
Festmörteleigenschaften
Die Festmörtelrohdichte des Dämmputzes wurde vor Ort überprüft, indem drei Putzentnahmen am eingebauten Dämmputz vor Ort durchgeführt wurden. Die Bestimmung der Rohdichte (Wiegung des Festmörtels, Volumenbestimmung anhand der Probenabmessungen) ergab Werte im Bereich 216 / 240 / 252 kg/m³, im Mittel somit etwa 235 kg/m³. Auf Basis der ermittelten Rohdichtewerte kann man erfahrungsgemäß davon ausgehen, dass die im technischen Produktmerkblatt angegebene Wärmeleitfähigkeit des Festmörtels (die direkt von der Rohdichte abhängig ist) voraussichtlich auch in der Praxis erreicht wird.
Erforderliche Nachbesserungen
Für die Zwischenabnahme wurden folgende Nachbesserungen empfohlen:
Vor dem Auftrag der vollflächigen Armierungsspachtelung sollte der Dämmputz mittels akustischer Überprüfung auf eventuell vorhandene partielle Hohlräume überprüft werden. Ein dunkler Klang auf massiven, festen Untergründen (Mauerwerk, Beton) weist auf eine Hohlstelle hin. Auf „weichen“ Untergründen, wie Dämmstoff oder Holz, ist die Klopfprobe nicht anwendbar. Hohlräume sollten durch Abschlagen entfernt und die Putzflächen mit Dämmputz ausgebessert beziehungsweise wieder hergestellt werden.
Auf der Südseite sollte die Dämmputzoberfläche rabbottiert beziehungsweise abgekratzt werden, um die weiche, dünne Putzoberschicht vorsichtig zu entfernen und einen ausreichenden Haftverbund zwischen Armierungsspachtel und Dämmputz sicherzustellen.
Nach dem Abkratzen der weichen Oberflächenschicht sollte die verbleibende Putzschicht gegebenenfalls nachverfestigt werden. Dies ist erforderlich, wenn sich beim Handtest Material ablöst beziehungsweise Bindemittel oder Putzreste an der Handfläche haften bleiben.
Eine Nachverfestigung ist relativ gut mit Kieselsäuremethylester, Wasserglas beziehungsweise Kaliumsilikat möglich. Hinweise zur Anwendung der jeweiligen Produkte kann die Anwendungstechnik des Herstellers geben.
Auf die nachgebesserten Dämmputzflächen sollte anschließend die vollflächige Armierungsspachtelung und der Oberputz mit Fassadenanstrich aufgebracht werden.
Lernen aus bekannten Fehlern?
Die entstandenen Schäden konnten nachgebessert werden und die Fassade ist nun fachgerecht erstellt
Foto: Jürgen Gänßmantel
Baumängel und -schäden müssen nicht sein, wenn man die wesentlichen Ursachen erfasst, erkennt und so weit wie möglich abstellt. Besonders hervorzuheben sind: Flüchtigkeitsfehler aufgrund des kontinuierlich steigenden hohen Zeit- und Kostendrucks bei der Fertigstellung von Bauvorhaben, zunehmende Komplexität des Bauens, steigende energetische Anforderungen, mangelndes (bau-)technisches Verständnis der Ausführenden, mangelhafte Kommunikation der Beteiligten untereinander und fehlende oder unzureichende Kontrollen während und nach der Fertigstellung von Bauleistungen.
Durch das Lernen aus bekannten Fehlern, im Zusammenspiel und in der transparenten Kommunikation aller am Bauprozess beteiligten Personen, kann eine deutlich verbesserte Bauqualität entstehen – und zwar in allen Phasen des Bauens. Dadurch ist nachhaltiges Bauen im Sinne einer langen Lebensdauer möglich.
AutorAls Dipl.-Ing. (FH) Verfahrenstechnik ist Jürgen Gänßmantel seit 15 Jahren in Forschung und Entwicklung / Anwendungstechnik tätig. Er ist Inhaber des Ingenieurbüros Gänßmantel in Kaufbeuren, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Baustoffe, Energieberater für Baudenkmale und gibt Schulungen, Seminare und Coachings.
Aus der Erfahrung für die Zukunft lernen?
Präventionsmaßnahmen sollen helfen, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Das Praxisbeispiel zeigt jedoch, dass bestimmte Fehler in der Praxis immer wieder gemacht werden und aus bekannten Baumängeln und -schäden nicht oder nur wenig gelernt wird. Die Psychologie beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, warum Handlungsempfehlungen, Hinweise und Praxisregeln häufig ignoriert werden:
Unklarheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit: Fehlende, zu komplexe, zu komplizierte oder mehrdeutige Regeln, Empfehlungen und Hinweise führen zu Unsicherheit, Fehlinterpretationen oder einer kompletten Ignoranz.
Mangelnde persönliche Relevanz: Menschen schätzen die Risiken oft als gering ein, weil Hinweise zu allgemein gehalten sind oder sie sich von Praxisregeln nicht persönlich betroffen fühlen.
Falsche Risikoeinschätzung: Die Wahrscheinlichkeit und Schwere eines möglichen Schadens werden häufig falsch eingeschätzt.
Übertreibung: Praxisregeln und Handlungsempfehlungen werden als übertrieben wahrgenommen.
Bequemlichkeit: Manchmal wird der Aufwand, einer Praxisregel oder Handlungsempfehlung zu folgen, als (unverhältnismäßig) größer empfunden als das unsichtbare Risiko.
