Welchen Anforderungen nachgestellte Putze gerecht werden müssen

Die Sanierung historischer Bausubstanz mit nachgestellten Putzmörteln ist untrennbar mit der baugeschichtlichen Entwicklung verbunden. Alle Nachstellungen sollten bestimmten Anforderungen gerecht werden. Nur im Dialog mit allen Beteiligten wird die geeignete Putzstruktur gefunden.

Bestands-Fassaden lassen Geschichte lebendig werden. Die Bewahrung historischer Bauwerke sollte ein Ziel und Anspruch sein. Hier spiegelt sich das Können der Baumeister und Handwerker der damaligen Zeit wieder und gibt Zeugnis über die damals zur Verfügung stehenden Baustoffe. Diese Gebäude prägen das Erscheinungsbild von Plätzen, Straßen, Dörfern und Städten – und verlangen bei der Sanierung auch in der materialtechnischen Auswahl besondere Beachtung.

Wie die verschiedenen bauzeitlichen Epochen an den gestalterischen Merkmalen und Formen zu erkennen sind, lässt sich durch die Putzmörtel anhand Zusammensetzung, Ausführung und Gestaltung ebenfalls bauzeitlich einordnen.

Regionale Aspekte

Die Dorfkirche Rödern in Sachsen vor der Sanierung. Sie wurde als schlichtes Bauwerk nach 1650 als Saalkirche errichtet                    
Foto: Baumit

Die Dorfkirche Rödern in Sachsen vor der Sanierung. Sie wurde als schlichtes Bauwerk nach 1650 als Saalkirche errichtet                    
Foto: Baumit
Da in der Vergangenheit überwiegend auf örtlich verfügbare Rohstoffe zurückgegriffen wurde, sind die Putzmörtel in ihrer Zusammensetzung und die angewendeten Verabeitungs- und Gestaltungstechniken sehr stark regional geprägt. Man erkennt für die vorgefundenen Putzaufbauten und Strukturen – regional und bauzeitlich übergreifend – mit jeder Probenentnahme und Untersuchung vergleichbare Schichtaufbauten und in der Analyse dann ähnliche Bindemittel-Zuschlag-Verhältnisse, bestimmte Sieblinien oder die Verwendung von besonderen Zusätzen wie zum Beispiel Tierhaaren.

Bei der Restaurierung, Renovierung und Rekonstruktion von Baudenkmälern sowie der Sanierung besonders erhaltenswerter historischer Objekte ist es notwendig, mit Putz-Materialien zu arbeiten, die den Anforderungen und Zielstellungen der Denkmalpflege entsprechen. Auf Basis dieser Anforderungen sind Produkte mit jeweils angepassten Korn- und Bindemittel-Zusammensetzungen zu konzipieren, die sowohl dem historischen Bestand und dem Zustand des Bauwerks als auch den Nutzungsanforderungen Rechnung tragen. Die Salz- und Feuchtebelastung sowie Schädigungen durch Alterungs-, Umwelt- und Nutzungseinflüsse müssen beachtet und bei der Neukonzipierung der Putze ausreichend berücksichtigt werden.

Putzzusammensetzung hat sich verändert

Bereiche mit Feuchtigkeitsschäden erhielten bei der Kirche in Rödern als Unterputz einen Funktionsputz mit feuchteregulierenden Eigenschaften 
Foto: Baumit

Bereiche mit Feuchtigkeitsschäden erhielten bei der Kirche in Rödern als Unterputz einen Funktionsputz mit feuchteregulierenden Eigenschaften 
Foto: Baumit
Die bauzeitliche Putzzusammensetzung ist heute nur bedingt zu ermitteln, da diese in der Regel nicht mehr in ihrer ursprünglichen Zusammensetzung vorliegen. Diese hat sich im Laufe von Jahrzehnten durch Witterungs- und Umwelteinflüsse verändert. Die Mörteleigenschaften, die wir heute feststellen können, sind nicht mehr mit denen aus der Zeit der Herstellung der Mörtel identisch. Insbesondere die historischen Mörtelzusätze der alten Handwerksmeister sind heute nur noch schwer nachzuweisen. Gut erhaltene alte Mörtel zeigen aber, dass man vom Einsatz solcher Zusätze ausgehen muss.

Grundsätzlich lassen die Mörtelanalyse, die bauzeitliche Einordnung der Mörtelproben und der Zustand des Altmörtels unter Berücksichtigung seiner Lage am Objekt Rückschlüsse auf seine ursprüngliche Zusammensetzung zu.

Alle Nachstellungen – unabhängig davon, ob es sich um Mauer-, Fugen- oder Putzmörtel handelt – sollten folgenden Anforderungen gerecht werden:

Der nachgestellte Mörtel muss das gleiche optische Bild bieten wie der bauzeitliche Befund.

Die technischen Parameter müssen dem Befund weitgehend entsprechen.

Es sollten möglichst vergleichbare (örtlich verfügbare) oder ähnliche Rohstoffe verwendet werden.

Ersatzmörtel dürfen nur so weit vom Befund abweichen, wie es zur Beherrschung der Bauwerksschäden unbedingt erforderlich ist. Denn auch eine „historische Sanierung“ muss weitgehend dauerhaft sein.

Die nachgestellten Ersatzmörtel sollten mit traditionellen Handwerkstechniken verarbeitet werden.

Der vorgegebene Kostenrahmen darf nicht überschritten werden.

Diese Anforderungen lassen bereits erkennen, dass eine Vielzahl von unterschiedlichen Interessen in Einklang gebracht werden müssen. Aus denkmalpflegerischer Sicht soll der neue Putzmörtel möglichst dem bauzeitlichen Befund entsprechen. Für den Materialhersteller muss die Produktion in den Mischanlagen möglich sein. Aus planerischer Sicht sind sowohl die vorhandenen Bauwerksschäden zu beheben als auch die gültigen normativen Vorgaben einzuhalten. Dem Handwerker ist es wichtig, dass die Verarbeitung auch unter Einsatz moderner Technik möglich ist. Und zuletzt wünscht sich der Bauherr, dass der zur Verfügung stehende Kostenrahmen nicht überschritten wird und die Sanierung entsprechend dauerhaft ist.

Geeignete Lösung im Dialog finden

Nur im Dialog mit allen Beteiligten wird die geeignete Lösung gefunden. Vor Beginn der Mörtel-Nachstellung und -Entwicklung sind die folgenden Fragen zu klären und zu vereinbaren:

Welche Putzstruktur soll zur Anwendung kommen, zum Beispiel bei unterschiedlichen Befunden?

Sind die festgestellten Bindemittel auch im neuen Produkt einsetzbar? Sind Änderungen erforderlich und zulässig?

Sind die festgestellten Mörtelzusätze im neuen Produkt einsetzbar? Wie aufwendig wäre deren Beschaffung? Kann dieser Mörtelzusatz in den Produktionsanlagen eingesetzt werden? Besteht die Möglichkeit und die Erlaubnis der Denkmalpflege ersatzweise moderne Mörtelzusätze einzusetzen?

Darf bei mehrlagigen Putzsystemen aus wirtschaftlichen Gründen der Unterputz maschinell aufgetragen werden?

Darf der Unterputz zur Beherrschung bauwerksbedingter Schäden spezielle Funktionen erfüllen? Darf zum Beispiel ein Sanierputzsystem-WTA eingesetzt werden? Wie können zusätzliche energetische Anforderungen der späteren Nutzer auf die zu erhaltende Bausubstanz angepasst werden?

Werden Anstrichsysteme angewandt und wenn ja, welche?

Dabei gibt es für alle Seiten Grenzen der Umsetzbarkeit, denn nicht alle Anforderungen können erfüllt und gleichermaßen berücksichtigt werden. Es muss vertraglich vereinbart werden, wenn von den normativen Vorgaben beziehungsweise den allgemeinen Regeln der  Technik abgewichen wird, um die Anforderungen an die Nachstellung zu erfüllen. Alle Risiken und Folgen müssen dem Bauherren bekannt sein und von ihm und der Denkmalpflege akzeptiert werden. Auch notwendige Abweichungen vom Befund erfordern eine entsprechende Regelung.

Baumit als Werktrockenmörtelhersteller macht sich auf die Suche nach vertretbaren Lösungen, um im wirtschaftlichen Kostenrahmen zu bleiben. Es wird geprüft, ob es durch die Wahl passender Bindemittel, moderner Zusatzstoffe sowie werksseitiger Produktion alternative Lösungen gibt, die das Einhalten der meisten Anforderungen sicherstellen und zusätzlich eine Maschinengängigkeit ermöglichen.

Oft ist der Handwerker bereit, spezielle Zugaben, wie zum Beispiel Tierhaare oder sehr grobe Körnungen, auf der Baustelle hinzuzufügen, deren Beimischung über Produktionsanlagen nicht möglich ist. Die hierfür verwendeten Materialrezepturen werden speziell auf diese Zugaben abgestimmt.

Die Dorfkirche Rödern

Die schlichte Barockform der Dorfkirche in Rödern wird durch helle Fensterumrahmungen unterstrichen        
Foto: Baumit

Die schlichte Barockform der Dorfkirche in Rödern wird durch helle Fensterumrahmungen unterstrichen        
Foto: Baumit
Die evangelische Dorfkirche Rödern befindet sich im Ortsteil von Ebersbach im Landkreis Meißen/Sachsen. Zuständig ist die Kirchengemeinde Radeburg im Kirchenbezirk Großenhain der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.

Die Dorfkirche Rödern wurde als schlichtes Bauwerk nach 1650 einheitlich als Saalkirche errichtet. An der Ostseite zeigt sie ein abgewalmtes Satteldach und im Westen wird sie von einem stattlichen Dachreiter mit Haube, Laterne und hoher Spitze bekrönt. An der Südseite befindet sich ein Vorbau, in dem Sakristei und Betstube untergebracht sind, daneben der Treppenturm. Die rundbogigen Fenster wurden bei einer Erneuerung im Jahr 1862 eingebaut. (Quelle: Wikipedia)

Die sehr schlichte Barockform der Kirche wird durch die hellen und fein abgeriebenen Bossierungen an den Gebäudeecken und den hellen Fensterumrahmungen unterstrichen. Diese bilden einen harmonischen Kontrast zur rauen und gelb-ocker gefassten Fassadenfläche und lassen trotz der Schlichtheit den Prunk und Glanz der Barockzeit erahnen.

Kurze Kellenzüge

Analog zum Putzbild im Bestand wurde bei der Sanierung der Fassade dem Wand- und Mauerwerksverlauf folgend geputzt. Bereiche mit Feuchtigkeitsschäden erhielten als Unterputz einen Funktionsputz mit feuchteregulierenden Eigenschaften. Im trockenen Fassadenbereich diente der als grobkörniger Unterputz aufgetragene Trasskalkputz dabei als griffiger Untergrund für den nach Befund nachgestellten historischen groben berappten Kellenzugputz. Mit handwerklich geschickten kurzen Kellenzügen wurde die Oberfläche bearbeitet. Es entstand eine rustikale, lebendige Putzstruktur je nach Lichteinfall und Blickwinkel mit verschiedenen Tiefenwirkungen. Die abschließende farbliche Fassung erfolgte mit einem silikatischen Anstrichsystem.

Gelungene Sanierungsobjekte – wie die Dorfkirche Rödern – zeigen, dass man im Dialog mit allen Beteiligten für das entsprechende Objekt Herausforderungen meistern und eine geeignete Lösung gefunden und umgesetzt werden kann.

Autoren

Dipl.-Ing. Constance Brade arbeitet in der Bauberatung der Baumit GmbH in Bad Hindelang. Eric Pumpol ist Objektberater bei Baumit.

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