bauhandwerk-Serie über Strukturputze: Wie modellierter Putz entsteht

Der Putz am Erdgeschoss eines Mietshauses in der Münchner Klenzestraße zeigt eine ausgeprägte Scharfkantigkeit, wie sie bei Strukturputzen nur selten zu finden ist. Die Struktur wurde mit einem handelsüblichen Malerspachtel in einen Kalk-Zement Leichtputz eingeschnitten.

An der Fassade des 1898 in der Münchner Klenzestraße 105 erbauten Hauses finden sich im Erdgeschoss verputze Oberflächen mit einer ausgeprägten Scharfkantigkeit, wie sie bei Strukturputzen nur selten zu finden ist
Foto: Dominik Thoma

Foto: Dominik Thoma
Das 1898 erbaute und mittlerweile unter Denkmalschutz stehende Mietshaus in der Münchner Klenzestraße 105 ist kein klassischer Putzbau. Die Besonderheit der dort verputzen Oberfläche liegt in einer ausgeprägten Scharfkantigkeit, wie sie bei Strukturputzen nur selten zu finden ist. Die Abdrücke wirken fast so, als wären sie ähnlich wie bei Schreinerarbeiten mit einem Stemmeisen aus dem Putz ausgekerbt. Die Abdrücke sind zwischen 10 und 15 cm lang und zwischen 7 und 10 cm breit. Ihre Tiefe beträgt etwa 10 mm.

Der modellierte Putz wurde an der Fassade nur innerhalb kleiner Felder am Erdgeschoss aufgebracht. Rundbogenfenster und Eingangsportal werden von den Putzfeldern gerahmt, die wiederum nochmals horizontal voneinander getrennt sind. Dadurch ergeben sich zusammenhängende Putzfeldgrößen von maximal 5 m2.

Geschnitzt statt gestempelt

Anfänglich ist man von einem gestempelten Putz ausgegangen, was sich im Laufe der ersten Nachstellungen als falsche Annahme erwies Anfänglich ist man von einem gestempelten Putz ausgegangen, was sich im Laufe der ersten Nachstellungen als falsche Annahme erwies
Foto: Dominik Thoma

Anfänglich ist man von einem gestempelten Putz ausgegangen, was sich im Laufe der ersten Nachstellungen als falsche Annahme erwies
Foto: Dominik Thoma
Anfänglich ist man von einem gestempelten Putz ausgegangen, was sich im Laufe der ersten Nachstellungen als falsche Annahme erwies. Wäre die aufgezogene Putzmasse gestempelt worden, müsste mehr Putz an der Fassade haften als im Original vorhanden ist. Beim Stempeln wird die Mörtelmasse nämlich nur im Gefüge ineinander verschoben, das heißt die aufgezogene Mörtelmenge entspricht in etwa dem Volumen der fertig strukturierten Oberfläche. Am Originalputz ist jedoch sehr deutlich zu erkennen, dass in Putzfeldern weniger Putzmasse vorhanden ist als beim Aufziehen erforderlich gewesen wäre.

Die Oberfläche wurde durch Entfernen der Mörtelmasse mit einem handelsüblichen Malerspachtel analog zu einem Schnitzwerk strukturiert Die Oberfläche wurde durch Entfernen der Mörtelmasse mit einem handelsüblichen Malerspachtel analog zu einem Schnitzwerk strukturiert
Foto: Dominik Thoma

Die Oberfläche wurde durch Entfernen der Mörtelmasse mit einem handelsüblichen Malerspachtel analog zu einem Schnitzwerk strukturiert
Foto: Dominik Thoma
Daraus ist zu schließen, dass die Oberfläche durch Entfernen der Mörtelmasse strukturiert worden sein muss, also entsprechend der bereits geäußerten Vermutung analog zu einem Schnitzwerk. In den ersten Annäherungen an die modellierende Technik konnte die These bestätigt werden.

Nachstellung mit Kalk-Zement-Leichtputz

Die Intention der Nachstellungen lag bei diesem Strukturputz vor allem darin, die damals wahrscheinlich angewandte Putztechnik anzuwenden und möglichst akkurat nachzubilden. Für die Versuchsreihe standen dem Team zwei Tage zur Verfügung, was bedeutet, dass am ersten Tag kleinere Übungsplatten zum Testen der Technik bearbeitet wurden, am Folgetag war auf Basis der Erkenntnisse eine größere Fläche zu simulieren. Für die Bearbeitung innerhalb eines so kurzen Zeitraumes war es daher unumgänglich, auf einen mineralischen Putzmörtel zurückzugreifen, der nach dem Aufziehen rasch abbindet, aber trotzdem lange genug formbar bleibt, um die ganze Fläche modellieren zu können. Die Wahl fiel letztendlich auf den Kalk-Zement Leichtputz „Mineralpor Leichtputz MP 69 Speed“ von Baumit, Typ II nach DIN 18550-1, mit beschleunigter Abbindung und einer Körnung von 0 bis 1,2 mm. Schon bei den ersten Versuchen erwies sich der Putz als adäquater Ersatz, so dass der Leichtputz für alle Rekonstruktionen dieses Strukturputzes fortan eingesetzt wurde.

Putzbearbeitung mit dem Malerspachtel

Zuerst wird mit der spitzen Kante der Spachtel die Kehle zum Kerben etwa 1 cm tief eingeritzt Zuerst wird mit der spitzen Kante der Spachtel die Kehle zum Kerben etwa 1 cm tief eingeritzt
Foto: Dominik Thoma

Zuerst wird mit der spitzen Kante der Spachtel die Kehle zum Kerben etwa 1 cm tief eingeritzt
Foto: Dominik Thoma
Der Fokus lag nun auf der Putztechnik und dem richtigen Einsatz des Putzwerkzeugs. An der ersten Übungsplatte wurde der Mörtel auf 1 bis 2 cm dick aufgezogen. Nach kurzer Wartezeit wurde mit einer Lanzette beziehungsweise einem Stuckateureisen begonnen, Kerben in den leicht angezogenen Mörtel zu schneiden. Auf Anhieb schien dies der richtige Weg zu sein, die Muster waren dem Original bereits sehr ähnlich. Nicht zufriedenstellend waren die Konsistenz des Mörtels und das verwendete Werkzeug. An einer weiteren Übungsplatte wurden entsprechende Änderungen vorgenommen. Mit dem Anritzen wurde etwas länger gewartet und anstatt einer Lanzette kam eine handelsübliche Malerspachtel zum Einsatz. Dadurch wurde optisch und strukturell eine Oberfläche geschaffen, die dem historischen Vorbild sehr ähnlich sieht. Basierend auf den Erkenntnissen und Ergebnissen lautet die Arbeitsanleitung zur Nachbildung des modellierten Strukturputzes an der Klenzestraße wie folgt:

Nachbildung des modellierten Strukturputzes

Danach wird von beiden Seiten her die Masse aus dem Mörtel herausgeschnitzt Danach wird von beiden Seiten her die Masse aus dem Mörtel herausgeschnitzt
Foto: Dominik Thoma

Danach wird von beiden Seiten her die Masse aus dem Mörtel herausgeschnitzt
Foto: Dominik Thoma
Als Vorbereitung zum Strukturieren müssen zuerst die Putzfelder mit Maurerlatten am Putzgrund angeschlagen werden. Die Dicke dieser Latten entspricht der Schichtdicke des Putzes, da dieser bündig mit den Latten abgezogen wird. Mit den Latten werden also Form, Größe und Tiefe des Reliefs der Putzoberfläche festgelegt. Im nächsten Schritt muss der einlagige Oberputz auf den Unterputz angeworfen und bündig an den Maurerlatten abgezogen werden. Die Oberfläche ist vor dem Strukturieren also zunächst eben, was im Übrigen am Originalputz an einigen „Fehlstellen“ gut zu erkennen ist. Nach etwas Zeit zum Abbinden des Mörtels müssen die Maurerlatten wieder entfernt werden, nur so kann die Struktur über den Randbereich hinaus modelliert werden.

Erreicht der Mörtel die richtige Festigkeit, wird mit dem Anlegen der Kerben begonnen. Zuerst wird mit der spitzen Kante der Spachtel die Kehle zum Kerben etwa 1 cm tief eingeritzt. Die Länge beim Einritzen definiert die Größe der Kerbe. Danach wird von beiden Seiten her die Masse aus dem Mörtel herausgeschnitzt. Dazu wird die Spachtel in einem flachen Winkel zur Fassade und mit einer leicht gewölbten Handbewegung durch die Putzmasse geführt. Anschließend wird die nächste Kerbe versetzt zur Vorigen wieder vorgeritzt und dann ausgekerbt. Wichtig ist, dass die Kerben immer versetzt zueinander und leicht überlagernd angelegt werden. Nur so bildet sich letztendlich das typisch kussmundartige Muster. An den Rändern des Putzfeldes müssen die Kerben darüber hinaus geritzt werden. Fehlstellen, an denen kein Material aus dem Putz herausgenommen wurde, bleiben als glatte Flecken an der Oberfläche sichtbar.

Durch das Aufritzen des Putzmörtels ist die Oberfläche sehr offenporig und daher sehr wassersaugend. Eine Nachbehandlung mit einer Putzschlämme füllt die Kapillaren und glättet gewissermaßen die Oberfläche nach, so dass auch das Kleinstkorn nicht mehr an der Oberfläche erkennbar ist. Nach vollständiger Trocknung kann eine mineralische Farbbeschichtung auf Silikatbasis aufgebracht werden.

Fazit

Nachgebildete Strukturputzoberfläche Nachgebildete Strukturputzoberfläche
Foto: Dominik Thoma

Nachgebildete Strukturputzoberfläche
Foto: Dominik Thoma
Resultierend ist festzustellen, dass die Strukturputztechnik im Grunde genommen einfacher nachzubilden war als zu Beginn vermutet. Trotz eines Mörtels, der dem heutigen Stand der Technik entspricht, und eines gänzlich anderen Putzgrundes gelang es, die Putzoberfläche unter anderem durch die richtige Wahl des Putzwerkzeuges nachzustellen.

Bei der Planung und Kalkulation ist zu beachten, dass für die Bearbeitung des Oberputzes viel Zeit eingeplant werden muss. Der Zeitaufwand für die Herstellung der einen Quadratmeter großen Musterplatte betrug vier Stunden. Mit etwas mehr Routine und Übung lässt sich ein Quadratmeter wahrscheinlich in drei Stunden strukturieren. Anhand der zeitintensiven Herstellung können zwei Aussagen schlussgefolgert werden: Erstens ist der Putz nur in kleinen Flächen ansatzfrei anzufertigen. Große Flächen würden zu schnell erhärten und wären nicht weiter zu bearbeiten. Die geringe Größe der Putzgliederungen an der historischen Fassade ist daher absolut nachvollziehbar. Zweitens müssten die Kosten für die Herstellung dieses Strukturputzes vergleichbar hoch sein, ist doch in den kalkulierten drei Stunden weder die Putzgrundvorbereitung noch die Nachbehandlung mit inbegriffen. Inklusive Vor- und Nacharbeiten wird sich der Zeitaufwand auf fünf bis sechs Stunden pro Quadratmeter belaufen.

In bauhandwerk 3.2024 ging es in unserer Strukturputz-Serie um groben Kellenstrichputz, in bauhandwerk 5.2024 wird es im vierten Teil um scharfkantigen Kammzugputz gehen.

 

Autor

Dominik Thoma ist Architekt, Maler- und Lackierermeister sowie staatlich geprüfter Farb- und Lacktechniker. Er lebt und arbeitet als Architekt und Autor in München. 2022 erschien sein Buch Münchner Strukturputze.

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