Umbau des Niedermairhofs in Südtirol zum Gästehaus

Der schon früher als Gasthaus genutzte historische Niedermairhof in Südtirol wurde mit viel Engagement der Bauherren gemeinsam mit dem Architekten Andreas Vallazza, einem fachkundigen Restaurator, einer Künstlerin und einer Vielzahl guter Handwerksbetriebe zu einem modernen B & B umgebaut.

Seit über 200 Jahren ist der Niedermairhof in Bruneck im Besitz der Familie Mair. 2014 entschieden sich die Eheleute Kathrin Mair und Hemuth Mayr, das Gebäude zu sanieren und den Ort mit neuem Leben zu füllen. Urlauber aus aller Welt sollen sich in einer gelungenen Mischung aus historischem Ambiente und modernem Komfort in ihrem B & B erholen.

Auch in der Vergangenheit hatte das Haus bereits als Gasthaus, Fremdenzimmer oder Jugendferienhaus gedient. Entsprechend schnell war die Idee des Bed & Breakfast gereift. Acht Suiten und Zimmer können die Bauherren seit Februar 2016 ihren Gästen anbieten, alle individuell eingerichtet und alle per Aufzug zu erreichen.

Historischen Charme erhalten 

Der Hof wird bereits 1304 erwähnt. Die ältesten Fundamente stammen von etwa 1500. Für die Sanierung war allerdings die letzte Umbaufassung von 1904 relevant. Sowohl bei der Gestaltung der Fassade als auch bei der Innenraumgestaltung diente der für die Entstehungszeit typische Jugendstil als Basis. „Ganz klar hatte für uns das Erhalten all dessen, was sich erhalten ließ, absolute Priorität“, erzählt Bauherr Helmuth Mayr. „Wir haben im Prinzip nie etwas ,nachgebaut‘ und sind dem Motto gefolgt: Was erhaltenswert ist, erhalten wir, was neu gemacht werden muss, ist auch als solches deutlich erkennbar. Deswegen gibt es stellenweise auch recht starke Kontraste.“ Nur die in die Jahre gekommene und baufällig gewordene Jugendstil-Veranda an der Westfassade wurde vollständig rekonstruiert. Eine Sanierung der alten Konstruktion war leider nicht mehr möglich, die Veranda aber ein wichtiges Gestaltungselement der Jugendstilfassade.

Neue Decken verbessern Akustik und Schallschutz 

Grundsätzlich kam der Ansatz des Erhaltens dem Gebäude an vielen Ecken zu Gute. Dennoch ist es auch wichtig zu erkennen, wenn eine Grenze des Machbaren erreicht wird, wie auch bei den Zwischendecken des Haupthauses. Während die Balken der Decke zwischen erstem und zweitem Obergeschoss noch recht gut erhalten waren und die Deckenbalken hier weiterverwendet werden konnten, musste die Decke zwischen dem zweiten Obergeschoss und dem Dachgeschoss komplett neu gebaut werden. Die Architekten hatten grundsätzlich entschieden, zunächst das Dach zu erneuern und sich dann von oben nach unten vorzuarbeiten. „Das war so nun nicht mehr möglich gewesen“, erzählt Architekt Andreas Vallazza. „Wir standen zwischenzeitlich in einer bis zu 9 m hohen Halle ohne Zwischendecken.“ Alle Decken wurden letztendlich als Holz-Beton-Verbunddecken ausgeführt. „Das hatte vor allen Dingen etwas mit den sehr hohen Anforderungen der Bauherren an die Akustik und den Schallschutz zu tun“, so der Architekt. „Der Beton bringt in dem Zusammenhang viel Masse in die Konstruktion. Bei dem Deckenaufbau ging es aber auch darum, durch unterschiedliche Materialien, die dann in unterschiedlicher Frequenz schwingen, ebenfalls positiv auf die Schalldämmung einzuwirken.“ Die Holzdecken bestehen dabei aus Fichte-Vollholzbalken mit einer Höhe von 24 cm mit entsprechend hoher Holzfaserdämmung und einer darunterliegenden Installationsebene von 6 cm. Oben und unten schließt diese Ebene mit einer Holzschalung ab. Nach unten, also an der Decke des darunterliegenden Raumes, gibt es zusätzlich eine Lage Gipskartonplatten. Der Bodenaufbau besteht oberhalb der Holzdecke aus einer abdichtenden PE-Folie, 7 cm Stahlbeton, 3 cm Mineralwolle, 6 beziehungsweise 7 cm Fließestrich und in den Bädern aus Fliesenkleber und Fliese beziehungsweise in den übrigen Räumen aus 0,5 cm Trittschallbahnen und 2,5 cm Holzdielen. Die Bedenken, dass die Fliesen bei einer 3 cm dicken Dämmebene brechen könnten, erwiesen sich in diesem Fall als unbegründet. „Auch nach 4 Jahren haben wir keinen Riss im Fliesenbelag. Dafür sind wir – und unsere Gäste – mit der Akustik ausgesprochen zufrieden!“, so Helmuth Mayr. „Das Besondere ist eben auch, dass unsere Dielen durchaus noch knarzen, weil das zu so einem alten Hof einfach dazugehört, aber es stört eben den Gast im Nebenzimmer nicht.“ Jedes Zimmer sei konstruktiv im Grunde eine eigene Schachtel, die akustisch von den anderen getrennt wurde, ergänzt hierzu der Architekt.

Bei den hier durchgeführten Arbeiten wurde zudem mit einem Raum- und Bauakustiker zusammengearbeitet, der zunächst eine Trittschall- und Schallisolationsmessung in allen Etagen und Räumen vorgenommen hat. Durch die ergriffenen Maßnahmen konnten die Werte unter die von der DIN geforderten 53 Dezibel reduziert werden.

Moderner Anbau an den Bestand gefaltet 

Es sollte also möglichst viel des alten Charmes erhalten und doch auch ein zeitgemäßes B & B geschaffen werden, das heutigen Ansprüchen – beispielsweise nach viel Ruhe – gerecht werden kann. Dieses erfrischende Zusammenspiel zwischen dem einerseits Heimeligen und Geborgenen vergangener Zeiten und dem Bedürfnis nach mehr Licht und Klarheit andererseits, zeigt sich nicht zuletzt durch die Entscheidung für einen sehr modernen Anbau – oder Zubau, wie man in Südtirol sagt. „Wir hatten zunächst mit einem noch stärker gefalteten und verschachtelten Element experimentiert und waren damit bei der Genehmigung gescheitert“, erzählt Bauherr Mayr. „Da an der Stelle des Zubaus bereits ein Anbau gewesen ist, der sich historisch nachweisen ließ und es sich zudem um die Fassade handelt, die nicht der Straße, sondern unserem Stallgebäude zugewandt ist, wurde unser Anbau schließlich doch genehmigt.“ Zum Glück! Die gefaltete, vorgefertigte Holzrahmenkonstruktion wurde am Ende mit OSB-Platten beplankt und mit geschwärztem Stahlblech verkleidet. Die leicht changierende Oberfläche und die kristalline Form fügen sich sehr schön in das vorherrschende Ambiente der Berge ein. In Anlehnung an den dort historisch nachgewiesenen „Toiletten-Turm“ wurden im Zubau nun die Bäder untergebracht.

Das historische Kehlbalkendach konnte letztendlich erhalten und durch eine Stahlkonstruktion ertüchtigt werden. Bei der notwendigen neuen Dämmung wurde darauf geachtet, das Dach dennoch entsprechend der historischen Anmutung durch eine relativ geringe Aufsparrendämmung mit Aluminiumbedachung und das Verjüngen der Dachbalken im Dachüberstand möglichst schlank erscheinen zu lassen.

Mehr Tageslicht fürs Gästehaus 

Auch mit drei weiteren Maßnahmen wurde, mit sehr viel Gefühl für den Bestand, auf den Wunsch der Bauherren nach mehr Licht im Gebäude reagiert: Zum einen wurde im zweiten Obergeschoss an der Westseite, vor der die rekonstruierte Veranda steht, für den dahinterliegenden Frühstücksraum die Fassade stärker geöffnet. Dies bringt sehr viel Licht für den Raum, stört aber durch die vorgestellte Verandakonstruktion nicht die historische Ansicht. Als Zweites wurden die Dachgauben nicht nur an ihrer Vorderseite, sondern zusätzlich jeweils an einer Seitenfläche verglast. Und zum Dritten konnte über drei großzügige, festverglaste Einschnitte im Dach sehr viel Tageslicht in das Obergeschoss geholt werden.

Sanierung der Jugendstil-Fassade  

Wie behutsam auf den Bestand und die Geschichte des Hauses reagiert wurde, zeigt auch der Umgang der Bauherren mit dem gesamten Erscheinungsbild des Hauses gerade an der Fassade und dem Dach. So sind typische Merkmale der Häuser aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende die hölzernen Verzierungen an den Dachüberständen, den Dachgauben und am Dachgiebel. Diese so genannten Akroterien sollten an verschiedenen Stellen ergänzt werden. Hierzu bediente man sich im Niedermairhof aber nicht einer computergesteuerten CNC-Technik. Die Bauherren haben sich in diesem Fall selbst ans Werk gemacht und eigenhändig mit Hilfe von Schablonen die Ornamente auf Lärchenbretter übertragen und mit der Stichsäge ausgesägt.

Zum anderen sollte auch das Farbkonzept in Anlehnung an das historische Vorbild umgesetzt werden. „Das Dunkelrot, Dunkelgrün und Ocker wurde genau an die Farbfunde vor Ort angepasst“, erläutert hierzu Markus Pescoller, Geschäftsführer der Firma Pescoller Werkstätten GmbH, die am Niedermairhof verschiedene Arbeiten ausgeführt hat. „Die Putzfassade musste nicht neu gemacht werden. Wir haben sie gereinigt, an verschiedenen Stellen ausgebessert und mit Kalkfarbe gestrichen. Wo es notwendig war, haben wir auch die Friese und Eckquader repariert.“

Historische und neue Tapetenmalerei

Spannend wurde es dann in den Innenräumen. In fast allen Zimmern hatte man alte Tapetenmalereien aus der letzten Jahrhundertwende gefunden, bei der verriebener Putz die Grundlage für die Tapetenmalerei bildet. „Der Feinputz wird aufgetragen und verrieben. Auf der fertigen Oberfläche wird dann gemalt“, so Restaurator Pescoller. „Gemeinsam mit den Bauherren und den Planern wurde entschieden, einige dieser Tapetenmalereien als historische Fenster mit dem Skalpell freizulegen und so zu erhalten.“ In einem der Gästezimmer sowie an der Rezeption und in der Diele erhielt zudem die Künstlerin und Innenraumdesignerin Ingrid Canins den Auftrag, die Räume zu gestalten und punktuell die historischen Tapetenmalereien mit eigenen Kreationen zu ergänzen. Ein weiteres Beispiel für den durchaus modernen und zeitgemäßen Umgang der Bauherren mit ihrem historischen Schatz.

Autorin

Dipl.-Ing. Nina Greve studierte Architektur in Braunschweig und Kassel. Heute lebt und arbeitet sie als freie Autorin in Lübeck (www.abteilung12.de) und ist unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau tätig.

Baubeteiligte (Auswahl)

 

Bauherr Kathrin Mair, I-Bruneck, www.nmhof.it

Architekt Dr. Arch. Andreas Vallazza, I-Vahrn,

www.enartec.it

Statik Dr.-Ing. Klaus Heidenberger, I-Vahrn,

www.enartec.it

Fachplanung Sicherheit exact ingenieure, I-Brixen

Brandschutz Studio Aricochi, I-Brixen,

www.aricochi.it

Akustiker Klaus Ramoser, Nira consulting, I-Brixen

Restaurator Pescoller Werkstätten, I-Bruneck,

www.pescoller.it

Künstlerische Gestaltung Ingrid Canins, I-Bruneck, www.ingridcanins.com

Herstellerindex (Auswahl)

Mineralwolledämmung Deutsche Rockwool

Gladbeck, www.rookwool.de

Holzfaserdämmung Steico, Feldkirchen,

www.steico.com

Trittschalldämmung Isolgomma, I-Albettone,

www.isolgomma.com / Deutsche Rockwool,

Gladbeck, www.rookwool.de

Gipsfaserestrichelemente James Hardie Europe, Düsseldorf, www.fermacell.de

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