Fachwerkbauten in Buchen

Bauforscher Peter Knoch erkennt in der Kleinstadt Buchen die Bedeutung unterschätzter Fachwerkbauten. Deren Sanierung erfordert eine ständige Interaktion aller beteiligten Gewerke und das Beherrschen alter Handwerkstechniken. Die Schlüsselarbeiten macht Knoch daher selbst.

Buchen liegt im nordöstlichen Zipfel von Baden-Württemberg, im Odenwald. Der Volksmund nennt die Gegend wegen ihren klimatischen Bedingungen „Badisch Sibirien“. Nicht zuletzt wegen der ungünstige Lage verirrt sich das zuständige Landesdenkmalamt in Karlsruhe selten hierher. Gleichzeitig ist die Stadt gesegnet mit historischen Beständen, denn im Mittelalter gehörte es zum Erzbistum Mainz mit einem Vogtsitz. Hiervon zeugt ein pfalzartiger Bezirk an der östlichen Stadtmauer mit dem spätgotischen so genannten „Steinernen Haus“. Steinhäuser waren damals ein Zeichen von Reichtum, die Fachwerkbauweise war erheblich günstiger und brannte natürlich viel leichter. 1717 gingen beim großen Stadtbrand ein Fünftel der Häuser in Flammen auf. Daher war man beim Wiederaufbau bestrebt, möglichst in Stein zu bauen. Wer nicht soviel Geld hatte, ließ sein Haus vorzugsweise verputzen, um so einen wohlhabenden Steinbau zu imitieren und der Brandanfälligkeit wenigstens etwas vorzubeugen.

Zum Leidwesen der heutigen Bauforscher lässt sich das aber nicht pauschalisieren, es gibt – wie auch heute – eine Gleichzeitigkeit diverser Baustile in derselben Stadt, was sich insbesondere durch dendrochronologische Befunde belegen lässt.

„Prinz Carl“ mit Steinsockel und Imitat

Der im ansteigenden Terrain errichtete frühbarocke Bau des Hotels „Prinz Carl“ hat einen geschosshohen Natursteinsockel auf dem eine verputzte, Stein imitierende Fachwerkkonstruktion aufsitzt. Die umfassende Sanierung stand vor gut fünf Jahren an. Der Heidelberger Bauforscher Peter Knoch wurde damals mit der Erarbeitung eines Sanierungskonzeptes und den notwendigen Voruntersuchungen beauftragt. Nachdem er durch die Befunde umfassende Kenntnisse über das Objekt gesammelt hatte, übertrug man ihm die Bauleitung für die Sanierung. Es galt, die Fassade komplett zu erneuern, wobei mit einem feinen, reinen Kalkputz gearbeitet wurde. An dem vorgefundenen Nachkriegs-Zementputz wollte nichts mehr anhaften: zu hart und teilweise hohlliegend. Die großflächigen Arbeiten führte ein Putzunternehmen aus dem Kraichgau mit Putzmaschinen aus, was bei Sichtfachwerk so nicht möglich ist.

Das fachwerksichtige „Haus Belz“

An der östlichen Giebelseite der ehemaligen Stallungen des Mainzer Landvogts ermöglichte die Stadt Buchen Peter Knoch, seine restauratorischen Vorstellungen und Techniken exemplarisch umzusetzen. Im Gegensatz zum „Prinz Carl“ war bei diesem Gebäude das Fachwerk sichtbar. Die schädigenden, restaurativen Versuche der letzten vier Jahrzehnte mussten entfernt werden. So kratzten Knoch und sein Mitarbeiter Robert Erb zunächst Silikonversiegelungen aus zahllosen Rissfugen. Danach entfernte die Firma IDK GmbH aus Lustadt mit einem Trockeneisverfahren die alten Farbschichten von den Holz- und Putzflächen. Das Verfahren basiert auf der unterschiedlichen Sprödheit der Materialien bei plötzlicher Vereisung. Alte Farb- und Lackschichten platzen so einfach ab. In der Folge spante die Schreinerei Häfner die nun „puren“ Fachwerkhölzer fachgerecht aus. Hierzu passten die Handwerker Holzspäne in die schadhaften Risse und Fehlstellen ein und fixierten sie mit Holzleim. Abschließend schloss Restaurator Peter Knoch diese Stellen mit einem von ihm angemischten Leinöl-Kitt. Mit dem Fugenmaterial können sowohl die Ausspänungen als auch Risse im Holz bis zu einer maximalen Tiefe von 1 cm atmungsaktiv verschlossen werden. Primär dient die Verkittung dazu, das Wasser abzuführen. Sollte jedoch das so geschützte Holz dennoch feucht werden, kann das Wasser durch den Kitt ausdiffundieren. Außerdem ist das Fugenmaterial mit dem ebenfalls auf  Leinöl basierenden Pigmentlasuren für das Holzfachwerk überstreichbar.

Ehemalige Gaststätte „Zum Ross“ imitiert Steinbau

Die am „Haus Belz“ im Spätsommer 2014 ausgeführten Musterarbeiten wurden einen Winter lang der Witterung ausgesetzt, ohne dass es zu einer Schädigung kam. Grundsätzlich gilt, dass man sowohl das Verkitten, das Verputzen, als auch das Lasieren nicht unter einer Temperatur von 5 °C ausführen sollte. Die Restaurierung der südlichen Traufwand wurde hingegen ausgesetzt, da eine Instandsetzung der ehemaligen Gaststätte „Zum Ross“ drängte. Das ursprünglich Stein imitierende, voll verputzte Haus steht an zentraler Stelle in Buchen vis-à-vis des frühbarocken Rathauses. In den 1970er Jahren hatte man entsprechend der damaligen Lehrmeinung seine Fachwerkstruktur freigelegt. Peter Knoch spricht hier gerne von der „Sanierung der Sanierung“ und stieß dabei auf erhebliche Widerstände in Teilen der Bürgerschaft. Diese ignorierte die historischen Fakten weitgehend, sah sich ihrer Identität als Fachwerkstadt beraubt und favorisierte eine pseudo-historische Stadterscheinung. Diese habe aus braunen Hölzern und hellen Putzgefachen zu bestehen und nicht aus Veroneser Grün, einem Pigment, mit dem man historische Befunde hier rekonstruierte. Ausgeführt wurde nun ein fiktiver Kompromiss, das Holz blieb sichtbar, wurde aber so zurückgestrichen, dass es dieselbe Farbe annahm, wie die grünen Putzflächen. Dies konnte allerdings nicht mit derselben Farbe ausgeführt werden, da es sich bei den Putzflächen um einen eingefärbten Kalkputz handelt und bei den Hölzern um eine bis zu drei mal aufgetragene Leinölfarbe – beide allerdings mit dem gleichen Grün-Pigment.

Historisch bedeutsam ist der Bau infolge seiner Konstruktion, die zunächst falsch verstanden wurde, weshalb sogar eine Abrissgenehmigung erteilt worden war. Markant ist eine hölzerne Mittelsäule in den zentralen übereinander angeordneten Ecksälen, die ursprünglich durch alle Geschoss lief, wahrscheinlich aber schon im 19. Jahrhundert aus dem Erdgeschoss entfernt wurde. Im zweiten Obergeschoss beließ man hingegen die Stütze. Im ersten Obergeschoss musste sie dagegen um 1822 einem neuen Raum- und Dekorationskonzept weichen. Möglicherweise sollte der Raum den einflussreichen Zünften als repräsentativer Versammlungsort gegenüber der Ratsversammlung dienen. Man ersetzte  die statisch notwendige Stütze durch eine Hängekonstruktion. Durchdringende Stahlstäbe von einem hölzernen Bock im Dachstuhl ausgehend hielten den zuvor durch die Säule getragenen Unterzug nun in Position – ein frühes ingeneurtechnisches Kulturdenkmal.

Die Denkmalpfleger stellten fest, dass die Erdgeschossdecke von der Straße hin zum rückwärtigen Nachbarhaus um mehr als 30 cm abfällt und schrieben dies Setzungen der fehlenden Stütze zu. Peter Knoch konnte jedoch nachweisen, dass dies keine Setzungen sind, sondern dass der Bau auf  blankem Fels steht und auch die Deckenneigung konstruktiv so beabsichtigt war. Er erklärt dies mit der umlaufenden Fensterhöhe und den niedrigeren Deckenansätzen in der betreffenden Brandwand. So fällt etwa der Obergeschossfußboden nicht in einer vergleichbaren Weise ab, und auch die aus der Bauzeit noch vorhandenen Stuckdecken zeigen keine Setzungsrisse. Baufällig war indes der hölzerne Bock im Dachstuhl. Er wurde ersetzt durch eine massive Stahlkonstruktion.

Isolierfenster in Bleiglasoptik

Die Fenster im „Ross“ waren eine „bunte Mischung“, was insbesondere für das Erdgeschoss zutraf, wo sich blickdichte Buntgläser aus der Nachkriegszeit fanden. Ein einziges aus der Erbauungszeit fand sich noch. Der Rest musste ohnehin ausgetauscht und alle Fensterahmen überarbeiten werden. Daher legte die Stadt Buchen Wert auf eine Isolierverglasung, dem Denkmalamt war allein der Erhalt der Sprossung wichtig. Auf Anregen des Bauforschers Knoch kamen nun durchgehende Isoliergläser zur Verwendung, auf die Bleibahnen von innen und außen aufgewalzt wurden, um eine stimmige Sprossenoptik von 8 mm Breite zu erhalten.

Die Schreinerei Häfner baute alle Fensterahmen aus, arbeitete sie auf und strich diese final mit einer ockerfarben pigmentierten Leinöl-Lasur, da dieser Farbton der älteste nachgewiesene Befund war. Schließlich wurden die fertigen Fensterrahmen wieder eingesetzt.

Diese Kastenfenster sind eine spätere Zutat. Ursprünglich saßen aber die Fenster direkt auf dem Fachwerk, was Spuren abgeschlagener Rahmenwülste belegen. Trotz dieses Befundes war das Fachwerk am „Ross“ nie auf  Sichtbarkeit angelegt, da das Holz eine intensive Beilung aufweist, womit man traditionell ein Verputzen vorbereitet. Augenfällig ist auch ein 20 m langer Fachwerkbalken mit leeren Stakennuten in der Fassade. Normalerweise nehmen diese die Deckenstakungen mit der traditionellen Lehmwickelkonstruktion auf. Wäre der Bau in Sichtholzoptik angelegt, hätte man an dieser Stelle nie einen so vorbereiteten Balken verwendet, sondern einen geschlossenen.

Einer der ältesten Dachstühle Buchens

Infolge seiner abgesackt erscheinenden Decke sollte ein weiterer Fachwerkbau in Buchen abgerissen werden. Auch dieses Gebäude hatte schon jahrelang leer gestanden, die mutmaßlich statischen Mängel sollten nun zum Abbruch führen. Hier hat Peter Knoch nachgewiesen, dass es sich tatsächlich um eine bemerkenswerte Bauform eines Spitals aus dem 16. Jahrhundert handelt. Auch hier belegte er mittels rissarmer Deckenanschlüsse, dass es sich in Wirklichkeit um ein nur sehr flaches, hölzernes Scheitelgewölbe handelt, dass charakteristisch für solche Gebäude dieser Zeit war. Die so geschaffenen Räume dienten als Bettensäle.

Sanierungsbedürftig ist tatsächlich die südöstliche Giebelwand, bei der die Gefache herauszufallen drohen, was aber reparabel ist. Weitgehend intakt ist der Dachstuhl, den Knoch mit dendrochronologischen Proben ins 16. Jahrhundert datieren konnte, womit dies einer der ältesten von ganz Buchen ist. Den großen Stadtbrand hat der Bau seinerzeit unbeschadet überstanden, weil eine Herberge der Siechen und Aussätzigen abseits und außerhalb des Stadtzentrums lag. Warum aber nun überhaupt ein Spital existierte, ist vollkommen ungeklärt, womöglich ist es dem Reichtum eines christlichen Vogtsitzes zuzuschreiben. Derzeit lässt Peter Knoch von seinen Mitarbeitern den Sockel von innen freilegen, um dessen Sanierung vorzubereiten und um die Konstruktion abschließend zu bewerten.

Pigmente im Kalk bei Anstrich und Putz

Im Zuge seiner über 20 Jahre andauernden Tätigkeit hat sich der Bauforscher und Restaurator Peter Knoch auf historische Verarbeitungstechniken von Farben und Putzen spezialisiert. Kalk und Pigmente spielten dabei eine herausragende Rolle. Wo seine Sanierungsprojekte es zulassen, arbeitet er mit durchgefärbten Kalkputzen, da diese nicht abgewaschen werden und mechanische Beschädigungen nicht sofort auffallen.

Ein Fachwerkgefach besteht in der Regel aus Haselruten, die äußerlich mit Lehmputz beworfen werden. Darauf wird ein dünner, 5 bis 10 mm dicker Kalkputz aufgebracht, den man oft noch überstreicht. Knochs Putzlieferant sind die Hessler Kalkwerke aus Wiesloch, von ihnen bezieht er aber nur ein unmodifiziertes Grundprodukt, dem er seine historisch belegten Zuschläge und jeweils ausgewählte Pigmente beimischt.

Diese ermittelt er in umfangreichen Versuchsreihen. So besteht die Wandfarbe des „Prinz Carl“ aus 4 g Ocker pro Kilo Putz der Sorte „HP-Weiss“. Überhaupt erfordert die Farbabmischung viel Erfahrung, denn der Pigmente-Hersteller hält logischerweise keine Farbtabellen für eingefärbte Putze vor. Aufgrund von schriftlichen Katalogbeschreibungen sucht sich der Abnehmer Probenserien aus, mit denen er in kleinen Mustern die Farbwirkung austestet.

Die Vorzüge der Kalkfarben sieht Peter Knoch in einer erheblich lebendigeren Farbwirkung und einem changierenden Effekt. Beides entsteht durch eine nicht zu 100 Prozent gleichmäßige Pigmentverteilung im Kalk und durch das händische Auftragen des Kalkputzes in den Gefachen zwischen der Holzkonstruktion. Dabei achten die Handwerker stets darauf, dass sie mit den Kalkputzen die Hölzer nicht berühren. Denn diese dünn mit Kalk bedeckten Stellen sind immer die ersten Punkte, an denen Feuchtigkeitsschäden auftreten. Die Verzahnung zwischen Holz- und Putzarbeiten ist auch der Grund, weshalb er und Robert Erb diese Arbeiten generell selber ausführen. Im ungünstigsten Fall hätte er sonst auf kleinster Fläche eine Drei-Gewerke-Schnittstelle: einen Putzer, einen Zimmermann für die Rissarbeiten am Holz und einen Maler.

An Kalkfarben schätzt Peter Knoch aber auch ihren warmen Ton, der an dem hohen natürlichen Grauanteil des Kalks liegt. Wenn er aufgrund eines Untergrunds einmal gezwungen ist, auf Kunstfarben und RAL-Töne zurückzugreifen, wählt er ungern mit den Farbtafeln aus. Sofern er einen Befund hat, lässt er diesen lieber professionell scannen. „Dann besteht die Chance, eben diesen Grauton mitzubekommen“, sagt Peter Knoch.

Autor

Dipl.-Ing. Robert Mehl studierte Architektur an der RWTH Aachen. Er ist als Architekturfotograf und Fachjournalist tätig und schreibt als freier Autor unter anderem für die Zeitschriften DBZ, bauhandwerk und dach+holzbau.
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