Bunt allein reicht nicht

Harmonische Farbgestaltung für unser Umfeld zu schaffen erfordert umfangreiche spezifische Fachkenntnisse und Verantwortung – vom Auftraggeber wie vom ausführenden Handwerk gleichermaßen. Das gilt an moderner Architektur ebenso, wie an den Fassaden historischer Gebäude.

Die moderne Architektur hat das Fassaden-Erscheinungsbild seit Beginn des 20. Jahrhunderts vielfach gewandelt. Es war lange Zeit geprägt von funktioneller Reinheit und bedingungsloser Materialehrlichkeit. Farbtonbestimmend waren lange Naturstein, Ziegel, farbige Keramik, sowie mineralische weiße, graue und erdfarbene Putze. Ergänzt wurde mit Naturholz und Metallen wie beispielsweise Kupfer und Zinkblech.

Diese Materialien wurden auch zur optischen Gliederung der Gebäude eingesetzt und machten bauliche Zusammenhänge, oft gut gestaltet, sichtbar. Farbe vom Maler war lange Zeit nur eine Zutat. Mit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg begann man, insbesondere an den modernen großen Wohneinheiten, mit Farbigkeit zu experimentieren. 


Schrille Farbigkeit in Industriegebieten

Über das Thema Farbe an zeitgenössischer Architektur wird seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bis heute sehr divergent unter allen Beteiligten diskutiert. Erst in den achtziger Jahren brach man die vergleichsweise monotone Farbgestaltung der Nachkriegsjahre etwas auf. Viele Experimente erbrachten bis heute nicht immer akzeptable Ergebnisse. Das spiegelt sich auch bei vielen preisgekrönten Fassaden bundesweiter Wettbewerbe wieder.

Die Schachtelbauweise in den entstandenen großen Industriegebieten brachte eine neue starke Farbigkeit in unterschiedlichen Formen – oft mit einem aufdringlich bunten Ergebnis. Diese Entwicklung ist bis heute nicht beendet. Große farbige Fensterkonstruktionen bestimmen hier oft die Gestaltung ohne Bezug zu den Wandflächen und ohne Abstimmung auf die Nachbargebäude. Die großen Baukörper, häufig in schrillen Werbefarbtönen, wirken wie achtlos am Straßenrand abgestellte Frachtcontainer. Einen spannungsreichen Bezug untereinander in der Gesamtgestaltung sucht man vergebens.

 

Wohnungsneubau: Alles bunt gemischt

Die Farbigkeit am Wohnungsneubau auf dem Land und an den Stadträndern hat sich ebenfalls sehr gewandelt. Fertighaushersteller mengen etwa Kopien landschaftstypischer Bauformen von Nord bis Süd reihenweise durcheinander.

Neben den nostalgischen Fassaden finden sich aber auch gute Beispiele zeitgemäßer innovativer Farbgestaltung an moderner Architektur. Es verstärken sich gottlob Tendenzen zu durchdachter Farbigkeit in der bebauten Umwelt, als Ergänzung zu Sichtbeton, Stahl und Glas. Aber auch bei mutigen neuen farbigen Lösungen sind altbewährte Grundregeln gefordert: Der Einsatz von Farbe will gelernt sein.

 

Farbe zur Betonung der Form

Durch Farbe werden die Sinne ebenso angeregt wie durch Formen, Material, Texturen, Dimensionen und Proportionen. Gebäude mit ungewöhnlicher Formgebung sollten nicht durch verschieden Farbtöne verändert werden. Farbe sollte die Formen eines Gebäudes nicht zerstören, sondern unterstreichen. Gut gestaltete statische Konstruktionen sind der besonderen Betonung wert. Weiße oder neutrale helle und dunkle Kontrastfarbtöne sind dafür eine gute Lösung. Für die Fernwirkung sind große dominante Dachflächen bei der Gestaltung zu berücksichtigen. Konventionelle Wohnblöcke und besonders lange Gebäude lassen sich durch Farbgestaltung optisch in einzelne Baukörper zerlegen. Das sollte symmetrisch erfolgen. Farbige effektvolle Ergänzungen, etwa zur Orientierung, Kennzeichnung oder als schmückende Ornamentik, können hingegen asymmetrisch gestaltet werden.

 

Vage Vorschriften von Vater Staat

Nordseiten muss man farbig intensiver behandeln als sonnenbestrahlte Südseiten. Gebäudefarben sollten dabei immer einen harmonischen Kontrast zum Um-feld bilden. Gute komplementäre Farbkontraste sind beispielsweise Orange/Rot nicht nur zu Grün, sondern auch zum blauen Himmel. Deshalb wirken die ziegelroten Dächer und Backsteinhäuser in unserer Umwelt farbig ausgleichend.

Allerdings spricht auch Vater Staat bei der Farbgestaltung mit: 16 unterschiedliche Landes­bauordnungen und Gestaltungsvorschriften für Innenstädte der Kommunen  machen es Bauherren und Handwerkern oft schwer, mit zum Teil alten, aber heute noch bestehenden äußerst vagen Vorschriften umzugehen.

 

Historische Fassaden – authentische Farben

Historische Fassaden spielen am Denkmal eine wichtige Rolle. Mit vorgegebenen Formen ist die Farbgebung prägend. Die Farben müssen authentisch, also epochen- und stilgerecht sein. Trotz strenger Vorgaben sind lebendige zeitgemäße Gestaltungen möglich.

Selbst nach aufwändigen Analysen, aber ohne eindeutige Befunde, ist es schwer, authentisch zu restaurieren. Hier müssen Kompromisse in Absprache mit den Denkmalbehörden und Bauherren gefunden werden. Vorrangig ist dabei wieder eine harmonische Gesamtwirkung. Dafür ist farbige Zurückhaltung erforderlich. Historische Fassaden sollten nicht wie Knusperhäuschen und Gründerzeitgebäude nicht wie Trutzburgen aussehen.

Für die denkmalgerechte Restaurierung, Renovierung und Pflege historischer Fassaden stehen Gebäude aus den Stilzeiten von Renaissance bis Art-Deco an. Aus diesen Zeiträumen sollten die ursprünglichen Farbfassungen übernommen werden. Die Regionen von Nord bis Süd unseres Landes weisen allerdings typische Unterschiede in Formen, Oberflächenstrukturen und Farbtönen an der Fassade auf.

 

Harmonie mit den Nachbarn

Streng unterschieden werden muss zwischen stilechter historischer und moderner Farbigkeit an der Fassade. Dabei sollte man immer auch eine gute Harmonie zu dem nachbarschaftlichen Umfeld im Auge behalten. Bunttöne dürfen in Helligkeit oder Sattheit bei Gebäudereihungen nicht zu weit auseinander liegen. Das gilt auch für zugeordnete Neubauten an historische Denkmalfassaden.

Bei zusammengefügten Baugruppen aus unterschiedlichen Bauperioden ist eine komplett einfarbige Gestalten im Allgemeinen nicht ratsam. Dass die zeitlich unterschiedlich erstellten Bauteile sich in vielen Fällen auch farblich unterscheiden müssen, wird zum Beispiel bei der Wärmedämmung an der Fassade allzu häufig außer Acht gelassen.

Der ausführende Bauhandwerker findet für Arbeiten an der Fassade hilfreiche Unterstützung bei der erfah­renen Farbenindustrie. Neben unbedenklichen, bewähr­ten Produkten erhält er dort auch intensive Unterweisungen für alle geforderten historischen und neuen Ausführungstechniken. Akzeptable denkmalgerechte Farbleitpläne kann der Hersteller ebenfalls erstellen.

  

Autor

 

Hans Jürgen Ronicke ist Restaurator im Handwerk, Maler- und Lackierermeister sowie Innenarchitekt, er lebt und arbeitet in Wittenberg.

Farbe darf die Formen eines Gebäudes nicht zerstören, sondern soll sie unterstreichen

Originalgetreu

Hier finden Sie eine kompakte Farbenstilkunde für historische Fassaden

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