Chance mit Hindernissen für Flüchtlinge

Junge Migranten sind eine Chance für die Baubranche. Vor allem in „Mangelberufen“ wie dem Maurerhandwerk, in dem es immer weniger deutsche Bewerber gibt. Vier Beispiele zeigen, wie es klappt, Menschen aus anderen Ländern in Handwerksberufen unterzubringen.

Jan-Ole Guder ist Geschäftsführer eines Malereibetriebs in Hoya. Anfang 2015 brauchte er einen Malerhelfer und lernte Hasan Gjoni aus Albanien kennen. „Er konnte zwar nicht gut tapezieren, dafür aber sehr gut spachteln“, sagt Guder. Also stellte er Gjoni ein. Der hatte Asyl beantragt, um in Deutschland bleiben zu dürfen. Doch Albanien gilt inzwischen als sicheres Herkunftsland und die Chancen auf Asyl standen schlecht. Also kehrte der Malerhelfer wieder in seine Heimat zurück. Von Albanien aus beantragte er ein Arbeitsvisum. „Im Februar hat er es bekommen und ist jetzt zurückgekehrt, um bei uns zu arbeiten“, freut sich Guder. Mit dem Arbeitsvisum darf Gjoni erst einmal für drei Monate in Hoya arbeiten. Danach muss er ein neues beantragen.

Eine Frage des Wollens

„Wenn man Menschen aus anderen Ländern einstellen möchte, ist der bürokratische Aufwand überschaubar. Es lohnt sich nicht nur menschlich, sondern auch wegen des Fachkräftemangels,“ sagt Guder. Zusammen mit Sabine Meyer von der Handwerkskammer Hannover hat er einen Infoabend zur Integration von Flüchtlingen veranstaltet. Meyer beschäftigt sich seit Jahren damit, Flüchtlinge in Handwerksberufen unterzubringen. Sie sagt: „Der Betrieb muss wissen, welchen Aufenthaltsstatus der Flüchtling hat. Das steht in seinem Ausweis. Dort steht auch, ob er eine Arbeitserlaubnis hat.“ Denn nicht jeder Flüchtling, der nach Deutschland kommt, darf hier arbeiten. „Viele Betriebe möchten zwar Flüchtlinge beschäftigen. Mit dem bürokratischen Aufwand, den das mit sich bringt, wollen die meisten aber nichts zu tun haben“, sagt Meyer. Jeder Integration gehe eine Förderkette aus Deutsch- und Integrationskursen voraus. Eine komplexe Angelegenheit, bei der örtliche Handwerkskammern, die Agentur für Arbeit oder die Ausländerbehörde weiterhelfen. In vielen Städten gibt es bereits Projekte zur Integration von Flüchtlingen in Handwerksberufe.

Nachwuchsförderung für Flüchtlinge

So auch das Projekt „Berufsstart Bau“ am Handwerksbildungszentrum (HBZ) in Bielefeld-Brackwede. Eigentlich ist es für Jugendliche gedacht, die noch keinen Ausbildungsplatz haben oder nicht die nötige Reife für eine Ausbildung besitzen. Es beginnt in einer der zahlreichen Werkstätten: Ob Straßenbauer, Zimmermann, Stukkateur, Fliesenleger oder Maurer – hier gibt es für jeden der Berufe eine Werkstatt, in der sich Jugendliche praktisch ausprobieren dürfen. Amadou Diallo aus Guinea baute hier vor zwei Jahren das erste Mal selbst eine Mauer. „Von da an wollte ich Maurer werden“, erzählt Diallo. Seit dem vergangenen Jahr lernt er den Maurerberuf in Bielefeld. Sein Chef Ralf Krüger, Geschäftsführer der Bielefelder Plan Bau GmbH, ist zufrieden mit ihm und froh, dass er den Azubi hat: „Wir bekommen wenig deutsche Bewerber, und die meisten sind wenig tauglich.“ Die Aufenthaltserlaubnis von Diallo ist für die Dauer der Ausbildung geklärt, ebenso wie die Erlaubnis zum Arbeiten in Deutschland: „Ich bin im Oktober 2014 zur Ausländerbehörde gegangen und habe gesagt: Ich habe ein Angebot für eine Einstiegsqualifikation zum Maurer. Sofort habe ich meine Arbeitserlaubnis bekommen.“

Harter Weg in die Maurerlehre

So ähnlich war es bei Ebraim Jallow auch. Er ist vor vier Jahren ohne Ausbildung aus Gambia nach Bielefeld gekommen. Jetzt ist er im zweiten Lehrjahr seiner Maurerausbildung. Sein Chef Jörn-Uwe Plaß ist froh über den Azubi: „Ebraim ist sehr fleißig. Dass er noch nicht so gut Deutsch spricht, macht er durch seine Motivation wett.“ Das HBZ überzeugte Jörn-Uwe Plaß erst davon, Jallow für eine Einstiegsqualifikation aufzunehmen. „Ich war unsicher, ob ich ihn einstellen sollte“, sagt Plaß, „er sprach kaum Deutsch und fragte nicht nach, wenn er etwas nicht verstand.“ Der Senior-Experte Gerhard Kahmen motivierte Jallow, förderte ihn, brachte ihm Deutsch und Mathematik bei, alles ehrenamtlich. Ebraim Jallow lernte fleißig und Plaß stellte den jungen Mann nach einem Jahr Einstiegsqualifikation als Lehrling ein. „Wenn er die Ausbildung besteht, werde ich ihn auch übernehmen“, sagt Plaß. Vor wenigen Tagen hat er eine Anfrage vom HBZ Brackwede bekommen: Ob er bereit wäre, weitere Flüchtlinge auszubilden? Den Kooperationsvertrag unterschrieb Plaß sofort. Er sagt: „Ich sehe in der großen Zahl der Flüchtlinge eine historische Chance für die Baubranche. Wir können Nachwuchs aus diesem großen Kreis von Menschen gewinnen, der uns im Moment noch fehlt.“

Joel durfte erst nach vier Jahren arbeiten

Malermeister Uwe Walter aus Dortmund hat ebenfalls Nachwuchs aus dem Ausland gewonnen. Joel Mafuta kommt aus der Demokratischen Republik Kongo und ist bereits seit acht Jahren in Deutschland. „Joel hat eine freundliche Art und ist motiviert“, sagt Malermeister Uwe Walter. Das macht den 28-jährigen Azubi bei den Gesellen im Malerbetrieb sehr beliebt. „Sie fragen oft, ob sie Joel mit auf die Baustelle nehmen dürfen“, sagt Walter. Zu Beginn war es für ihn nicht so leicht, er hatte keine Aufenthaltserlaubnis und war nur geduldet. Erst nach vier Jahren durfte er arbeiten. Seit August letzten Jahres ist er Azubi bei Malermeister Uwe Walter in Dortmund. „Endlich darf ich im Handwerk arbeiten und meine Ausbildung an einem Stück machen“, sagt Joel, der mit Frau und zwei Kindern in Dortmund lebt. Jetzt hat er auch eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Sie gilt für die nächsten drei Jahre.

Autor

Stephan Thomas ist Volontär in der Redaktion der Zeitschriften dach+holzbau und bauhandwerk.

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