Gut gedämmte Villa Innendämmung in einer Tabakfabrikantenvilla in Vierraden

Für die im vergangenen Jahr abgeschlossene energetische Sanierung einer ehemaligen Tabakfabrikantenvilla in der Uckermark wählte der Berliner Architekt Klaus Hirsch eine natürliche, dampfdiffusionsoffene Innendämmung, wodurch die spätklassizistische Fassade erhalten bleiben konnte.

Der fünfgeschossige Ziegelbau der Tabakfabrik Vierraden in Schwedt ist ein imposanter Hinweis darauf, dass die Uckermark einmal das größte zusammenhängende Tabakanbaugebiet Deutschlands war. Das aus  Speichergebäude, Fabrikantenvilla und Arbeiterwohnhaus bestehende Ensemble in Vierraden entstand zwischen 1875 und 1880. Nach 1923 diente es unterschiedlichen Nutzungen, bis von 1990 an Speicher und Villa leer standen und zu verfallen drohten. 1999 gründete ein Reihe engagierter Bürger um den Berliner Architekten Klaus Hirsch den Verein kunstbauwerk e.V. Ihr Ziel: Die dauerhafte Erhaltung der Gebäude und ihre Nutzung für Symposien interkultureller, insbesondere deutsch-polnischer Zusammenarbeit sowie für Jugendbegegnungen. Seit 2001 wird der Verein hierbei unterstützt vom Förderverein Tabakfabrik Vierraden e.V.

Instandsetzung und energetische Sanierung  

Erste dringende Instandsetzungsarbeiten begannen im Speicher, der nach abgeschlossener Sanierung an Dach, Holztragwerk, Mauerwerk und Fenstern bereits seit 2000 wieder genutzt werden kann – allerdings begrenzt auf die wärmeren Monate im Jahr. Anders als beim Speicher, standen bei der Sanierung der Fabrikantenvilla energetische Aspekte im Zentrum der Überlegungen, da diese möglichst ohne Einschränkungen ganzjährig nutzbar sein sollte. Neben Räumlichkeiten für Seminare und Workshops sollten hier Verwaltungsräume und Übernachtungsmöglichkeiten für Gäste entstehen. Insgesamt stehen heute auf drei Etagen rund 600 m2 Nutzfläche zur Verfügung. Klaus Hirsch und seine Mitstreiter von kunstbauwerk e.V. planten eine schlichte, denkmalgerechte Sanierung, die den baulichen Charakter des Hauses bewahrt und gleichzeitig den heutigen Anforderungen an Energieeffizienz Rechnung trägt.

Außendämmung war keine Option   

Zudem musste die Fassade des traufständigen Putzbaus mit seinen spätklassizistischen Stuckverzierungen saniert werden. Sie ist auch der Grund dafür, warum eine Außendämmung nicht in Frage kam und man sich auf eine diffusionsoffene Innendämmung mit dem kapillaraktiven TecTem System von Knauf Aquapanel verständigte: So werden nicht nur die Anforderungen der EnEV erfüllt, sondern auch der Wohnkomfort des Hauses modernen Erwartungen angepasst. Daher trug man zum Schluss auf die Fassade auch eine extrem dampfdurchlässige Silikataußenfarbe (Keim Soldalit-arte) auf, die die diffusionsoffene Innendämmung ergänzt.

Feuchtigkeitsregulierende, natürliche Innendämmung 

TecTem ist eine mineralische, faserfreie Dämmplatte mit einer Wärmeleitfähigkeit von 0,045 W/mK. Neben den thermischen Kennwerten weist das System sehr gute feuchteregulierende Eigenschaften mit einem Wasserdampfdiffusionswiderstand µ 5-6 und einem Wasseraufnahmekoeffizient AW 1,98 kg/m2 s0,5 auf. So kann die natürliche Innendämmung viel Feuchtigkeit aufnehmen und zeitverzögert wieder abgeben. Feuchtespitzen in der Raumluft werden abgepuffert, gleichzeitig erhöht sich die Oberflächentemperatur der Wand. In Kombination mit einem pH-Wert von 10 führt diese natürliche Fähigkeit der Feuchtigkeitsregulierung zu größtmöglicher Schimmelpilzresistenz.

Nachdem durch den Hersteller Vorbemessungen (COND Berechnungen) zur Wahl der geeigneten Dämmdicke erfolgt waren, beschloss man, die Innenseiten aller Außenwände der Beletage, des früheren Wohnbereichs der Villa, mit einer 80 mm dicken Dämmung zu versehen. Da zwischen den Fensterlaibungen und den Fenstern ausreichend Platz zur Verfügung steht, soll hier statt der üblichen 25 mm Laibungsplatte die 50 mm dicke Dämmplatte zum Einsatz kommen.

Verlegung nach Verarbeitungsrichtlinien 

Nach Entfernung nichttragender alter Putzreste wurde zunächst eine Schicht diffusionsoffener Ausgleichsputz aufgebracht, mit besonderem Augenmerk auf einen gleichmäßig ebenen Untergrund (entsprechend DIN 18202 und 18203). Nach der Durchtrocknung wurden die Innendämmplatten mit dem systemeigenen, diffusionsoffenen Klebespachtel an Wänden und Laibungen geklebt: waagerecht, im Verbund, mit mindestens 20 cm Versatz. Die Ecken an den Fensterlaibungen wurden verzahnt ausgeführt, die vorhandenen Unebenheiten des alten Dielenbodens mit komprimierbaren Entkopplungsstreifen ausgeglichen.

Versatzstellen der Oberfläche wurden nach der Verlegung mit dem Schleifbrett egalisiert, offene Fugen von mehr als 2 mm Breite mit dem zum System gehörenden Füllmörtel geschlossen. Danach folgte die Vorbehandlung der gesamten Fläche mit TecTem Grundierung. Steckdosenöffnungen schnitt man mit Hilfe eines Fräsers in die Platten und setzte die passenden Geräteverbindungsdosen von Kaiser in die Dämmplatten oberflächenbündig ein.

Die Ausführung der Oberflächen als glatte, bewusst nicht übermäßig akkurate Putzoberfläche entspricht dem denkmalschutzgerechten Sanierungskonzept. Der hierfür aufgebrachte, gewebearmierte TecTem Flächenspachtel wurde in zwei Arbeitsschritten von Hand aufgetragen und geglättet (Einbettung des Gewebes im oberen Drittel der Armierungsschicht; Verlegung in Bahnen, mit 10 cm Überlappung in den Stoßbereichen). Abschließend erfolgte ein weißer Anstrich, systemgerecht mit diffusionsoffener Silikatfarbe.

Autorin

Dipl.-Ing. Architektin Andrea Grond ist verantwortliche Produktmanagerin mit dem Schwerpunkt technische Beratung von Architekten und Handwerkern bei der Firma Knauf Aquapanel in Dortmund.

Die bewusst nicht akkurate Putzoberfläche entspricht der denkmalgerechten Sanierung

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