Kaffeemühle entschachteln

Beim Umbau eines in den 1930er Jahren in Stuttgart erbauten Hauses öffneten die Architekten

Maria Knott und Philippe Frey das Gebäude im Inneren mit einem Lichthof, der über die neuen

Dachflächenfenster auch für eine ausgezeichnete Belüftung sorgt.

13 Jahre hatte Bauherr Bernd Roth schon als Mieter in dem Stuttgarter Würfelhaus mit Walmdach gewohnt, ehe er Anfang 2012 Eigentümer des in den 1930er Jahren erbauten Hauses wurde. Begonnen hatte es mit einer Studenten-WG, dann zog seine spätere Frau Raphaela mit ein und irgendwann entschieden sich die beiden, eine Familie in dem Haus zu gründen. Als schließlich mit dem Heranwachsen ihrer Zwillinge völlig neue Anforderungen an die Wohnverhältnisse gestellt wurden, konnten die Bauherren das Haus käuflich erwerben und die vollständige Sanierung in Angriff nehmen. Die Architekten Maria Knott und Philippe Frey gingen ideenreich an die Kernsanierung und gestalteten das Haus komplett um, die Bauherren zogen risikofreudig mit. Sie vertrieben Enge und Muffigkeit. Die licht- und lufterfüllte Weite zwischen Kellerdecke und Dachfirst wurde beim Velux Architekten-Wettbewerb 2013 schließlich mit dem ersten Preis ausgezeichnet.

Alte Kaffeemühle mit modernen Akzenten

In den 1920er und 1930er Jahren war die würfelförmige Hausform sehr beliebt und wurde in Anlehnung an handbetriebene Kaffeemühlen auch als Typ Kaffeemühle bezeichnet. Dass es damals um ökonomisches Bauen ging, bestätigt Architekt Philippe Frey: „Nur die Außenwände sind massiv. Dabei wurde an Ziegeln und Steinen alles vermauert, was eben gerade so verfügbar war. Daher ist das Mauerwerk sehr inhomogen und in puncto Statik kritisch.“ Aus diesem Grund wäre etwa der Einbau von größeren Fensterflächen sehr schwierig und aufwendig geworden. „Doch das war für keinen von uns ein Problem“, so der Architekt.

Das Typische dieser Hausform sollte nämlich außen ohnehin erhalten bleiben, da sie sich angenehm in die nachbarschaftliche Architektur einfügt. Deshalb ersetzten die Architekten die alten undichten Holzfenster in der Fassade schlicht durch hoch wärmegedämmte Holz-Aluminiumfenster, überwiegend in der gleichen Größe. Ausbrechen ließen sie allein zwei Brüstungen, um technisch zeitgemäße Fenster- und Terrassentüren einzubauen. Und sie verzichteten auf die alten Klappläden. Somit wirken die Fassaden mit dem neuen WDVS lediglich dezent modernisiert und zeigen Respekt für den Altbau.

Das Walmdach mit Gauben nach Osten und Westen ließen die Architekten ebenso fast unverändert. Für mehr Tagesicht wurden fünf Dachfenster eingeplant, die auch einen wesentlichen Beitrag für eine gute Belüftung leisten. Raphaela und Bernd Roth freuten sich zudem, dass Dachstuhl und Ziegeldeckung technisch noch gut in Schuss waren. Ein paar Jahre vorher hatten sie die Dachräume zwar schon für ihre Zwillinge etwas modernisiert, dennoch war, angefangen bei der Dämmung, der ganze Innenausbau grundlegend erneuerungsbedürftig.

Lichthof und Luftkamin

Für das gesamte Innere hieß der Auftrag an die Architekten ohnehin: Die kleinen und engen Zimmer auf allen drei Etagen auflösen, stattdessen eine helle und luftige Wohneinheit von der Kellerdecke bis zum Dach schaffen. „Deshalb war es ein Glücksfall, dass im Gegensatz zum Außenbau innen die Decken und Wände Holzkonstruktionen sind. So konnten wir im Innern nämlich eher einfach schalten und walten“, erklärt Philippe Frey. Der zentrale Entwurfsgedanke stellt deshalb einen spannungsreichen Gegenpol zur verhältnismäßig geschlossen Außenhülle dar: In der Südostecke bricht er die Decken zum Ober- und zum Dachgeschoss in einer Größe von 2 x 4 m auf. Damit schafft er einen kommunikativen Lichthof mit Galerien, der auch als Abluftkamin wirkt. Denn dank der Eigenschaft warmer Luft aufzusteigen, bietet er eine besonders effektive Möglichkeit zu lüften: Werden auf unterschiedlichen Geschossebenen die Fenster geöffnet, steigt die warme, verbrauchte Luft auf und entweicht durch die Dachfenster nach draußen. Dadurch entsteht ein Sog, der kühle, unverbrauchte Luft im unteren Geschoss nachströmen lässt.

Der Lichthof ist zwar nur mit einzelnen Fenstern und Festverglasungen versehen. Doch ein zentrales Velux Elektrofenster flutet den gesamten Luftraum mit natürlichem Licht von Süden. Dank des Elektro-Antriebs können das Dachfenster und die Hitzeschutz-Markise bequem per Funksteuerung bedient werden und zur Klimatisierung beitragen.

Ein statischer Pluspunkt bei der Einrichtung des Lichthofs: Die Deckenbalken verlaufen in Längsrichtung der Durchbrüche. So liegen die beiden restlichen, westlichen Balkenhälften nach dem Absägen immer noch auf der Innenwand zum Treppenhaus auf. Und entlang der langen Deckenkanten erübrigten sich neue Stahlträger. Diese waren nur bei den Wanddurchbrüchen zu Esszimmer und Küche notwendig. Denn Offenheit wünschte sich Familie Roth im Erdgeschoss auch in der Horizontalen.

Mehr Lebensqualität auch unterm Dach

Raphaela und Bernd Roth sahen das mittlere Geschoss für ihre Zwillinge vor. In ihren Augen bot das etwas kleinere Dachgeschoss genügend Platz für ihr Schlafzimmer und Bad. Das Schlafzimmer auf der Nordseite ließen sie durch eine Leichtbauwand zur Galerie hin abschließen, um einen klimatisch abgetrennten, kühleren Raum zu erhalten. Dennoch sind ihnen Licht und vor allem Frischluft wichtig. Deshalb integrierten die Architekten nicht nur zwei breite Dachfenster rechts und links vom Ehebett. Sie fügten zudem noch auf Höhe des geöffneten Spitzbodens, wie im Lichthof, ein Elektro-Dachfenster ein. Dank neuer Mineralwolle-Dämmung zwischen und unter den Sparren und Hitzeschutz-Markisen vor den Dachfenstern lässt es sich hier oben nun zu jeder Jahreszeit bei angenehmen Temperaturen erholsam schlafen.

Autorin

Barbara Nauerz studierte Innenarchitektur und ist im Team Architektur und Planung bei der Velux Deutschland GmbH in Hamburg für Referenzen und Objekte zuständig.

Durch eine 2 x 4 m große Öffnung in den Ober- und Dachgeschossdecken entsteht im Haus ein Lichthof und Luftkamin

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