Kalk in allen Variationen Handwerkliche Verarbeitung moderner Kalkputzprodukte

Kalkputze werden seit Jahrhunderten erfolgreich eingesetzt. Der uralte Baustoff Kalk hatte in neuerer Zeit auf Baustellen jedoch an Bedeutung verloren; Zement, Gips und Kunststoffe machten sich breit, haben aber aufgrund unsachgemäßer Anwendung zum Teil erhebliche Schäden an der Bausubstanz verursacht.

Mittlerweile zeichnet sich gottlob ein Wandel ab: Die Vorteile von Kalk werden wieder wahrgenommen und genutzt. Die Industrie hat ihre Hausaufgaben gemacht und das traditionelle Produkt Kalk für heutige Anforderungen verfeinert und spezialisiert. Viele Hersteller bieten dem Handwerker inzwischen eine maßgeschneiderte Produktvielfalt. Dazu gehören Grund- und Oberputze, Haftputze, Leichtgrundputze, Dämm- und Effektputze sowie Sumpfkalk für die Arbeit am Baudenkmal.

Maßgeschneiderte Kalkputz-Produkte

Kalk-Grundputze werden seit vielen Jahren nach bewährten alten Rezepturen hergestellt. Die Putze wurden mit der Zeit allerdings durch neue Rohstoff-Möglichkeiten ergänzt. Die grundlegenden Eigenschaften gibt aber, wie seit Jahrhunderten, der Grundstoff Kalk vor. Gute Qualitäten sind ausschließlich kalkgebunden und frei von synthetischen Bindemitteln, Zement, Gips oder Kunststoff. Sie enthalten keine Konservierungsstoffe. Hochwertige Kalkgrundputze sind das unbedenkliche Fundament für weitere Oberflächengestaltungen mit Kalk.

Kalk-Leichtputze enthalten mineralische Leichtzuschläge, jedoch keine synthetischen Bindemittel. Das Material ist innen und außen vielseitig einsetzbar, wie auf Mauerwerk, geschaltem Beton, Bims- und Schüttbeton. Auf glatten Betondecken muss der Handwerker den Kalkputz mit der Zahnkelle vorziehen. Flächen, die verfliest werden sollten, müssen hingegen mit Kalk-Zementputz vorgeputzt werden. Außen müssen Putzdicken von 20 mm, innen 15 mm, eingehalten werden. Größere Auftragsdicken oder ein Untergrund aus Polystyrol muss man mit einer Einlage aus alkalifestem Gewebe vorbereiten.

Bevor die weiteren Putzarbeiten in Angriff genommen werden können, sollte der Grundputz mindestens einen Tag je Millimeter Dicke aushärten. Kritische Untergründe, wie Rollladenkästen, Bauelementeteile oder Metall müssen zum Verputzen mit einem Putzträger überspannt oder mit einem alkalibeständigen Gewebe armiert werden.

Kalk-Feinputz als Oberputz enthält natürlichen hydraulischen Kalk und Weißkalkhydrat, des weiteren Marmormehl und Marmorgranulat in Körnungen von 0,3, 0,5 und 1 mm. Diesen dekorativen Oberputz für Innenräume liefert zum Beispiel die Firma Hessler in Naturweiß, Reinweiß und vielfarbig eingefärbt mit natürlichen Pigmenten in zahlreichen Helligkeitsstufen.

Ein idealer Untergrund dafür ist reiner Kalkgrundputz. Weniger gut, aber auch möglich, ist offenporiger oder saugfähig vorbehandelter vorhandener Kalk-Zementputz. Gipsputze müssen mit Putzhaftgrund, Gipskartonplatten mit Isoliergrund vorbehandelt werden. Besonders kritische Untergründe, etwa mit Montagefugen, sollten unbedingt eine vollflächige überlappende Gewebespachtelung mit Kalk-Haftputz erhalten.

Kalk-Dämmputz wird als Dämm- und Entfeuchtungsputz innen eingesetzt. Er besteht nur aus natürlichen Komponenten wie hydraulischem Kalk, mineralischen Leichtzuschlägen sowie Roman­kalk und Kaolin. Der geforderte saugende Untergrund wird mit etwa 10 mm dicken Kalk-Leichtputz erreicht. Auf glatte, ausgeschalte Betondecken muss mit der Zahnkelle Kalk-Haftputz aufgebracht werden. Nach ausreichender Aushärtung kann der Dämmputz 10 mm dick angespritzt werden. Der fertige Putz sollte bei dieser Schichtdicke für weitere Oberflächenarbeiten drei bis vier Wochen aushärten.

Kalkmörtel und Sumpfkalk

Kalk-Ansetzmörtel enthalten als Zusatz größere Quarzkörnungen sowie geringe Zusätze von Methylzellulose und spezielle Haftmittel. Es gibt viele Einsatzgebiete innen und außen. Dabei ist das schnelle Abbinden hilfreich beim Setzen von Eckschienen, Abschlussprofilen oder zum Verschließen von Leitungsschlitzen.

Dieses Material und auch alle anderen Kalkputze dürfen während des Abbindevorgangs nicht wieder mit Wasser „gängig“ gemacht werden. Kalkputze als Fugenmörtel sind besser geeignet als solche aus Zement, denn Fugenmaterial muss generell weicher als der zu verfugende Stein sein.

Hochwertiger Sumpfkalk wird aus schwefelfreiem Stückkalk gelöscht hergestellt und muss zuvor mindestens drei Jahre reifend gelagert worden sein; gute Malqualitäten lagern sogar sechs Jahre. Sumpfkalk ist die Basis für viele Arbeiten in der Denkmalpflege. Der erfahrene Restaurator entscheidet oft mit eigenen Rezepturen über den Einsatz bei unterschiedlichen objektbezogenen Voraussetzungen. Als Malgrund für Fresko- und Seccotechniken lassen sich beispielsweise folgende Rezepturen verwenden:

3 Teile Sand + 1 Teil Sumpfkalk für einen Spritz- und Ausgleichsbewurf
2 Teile Feinsand + 1 Teil Sumpfkalk für eine grobe Malschicht
1 Teil Marmormehl + 1 Teil Sumpfkalk für einen Feinputz als Malschicht

Effektputze und Tadelakt sind gefragt

Aktuelle Kalk-Effektputze schaffen in ihrer Vielfalt ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten. Die unterschiedlichen Wirkungen werden durch interessante Zuschlagstoffe und neue Putztechniken erzielt. Neben dem großen Angebot der Hersteller zeichnen sich die hier genannten Hessler-Effektputze durch ihre besonderen Oberflächeneffekte aus: „Stone colour“ ist gefüllt mit 0,6 mm Marmorkörnungen in den Farben rot, gelb, grün, orange und schwarz; „Perlmutt“ ist ein sehr dekorativer Innenputz, der die schillernden Farben des Perlmutt wiedergibt; „Gold“ zeichnet sich durch den goldfarbenen Glanz der 0,6 mm dicken Granitkörnung aus.

Auch Tadelakt erlebt als historische Kalkpresstechnik, die ursprünglich aus Marokko stammt, bei uns eine Renaissance. Diese edlen Oberflächen erinnern an glatt gewaschenen Marmor und gelingen nur nach vielen Übungen und gewissenhafter Ausführung, die hier in Kurzform beschrieben wird: Für einen vollständig glatten Untergrund verwendet der Handwerker eine so genannte Kalkglätte. Bei kritischen Untergründen hat sich darunter eine mit der Zahnspachtel aufgebrachte Haftbrücke bewährt. Der Autor empfiehlt dafür einen guten Fliesenkleber. Zwischenschliffe werden mit planem Schleifbrett und feiner Körnung ausgeführt. 

Zunächst wird eine etwa 1 mm dicke Lage Tadelakt auftragen, eine zweite folgt nach dem Ablüften. Nach dem erneuten Ablüften mit der Venezianer-Kelle wird durch Glätten weiter verdichtet. Geringe Zugaben kalkechter Pigmente nach Farbtonwunsch ergeben die angestrebte Oberfläche.

Nach dem Verdichten streicht der Handwerker die Fläche mit einer Lösung aus Marseiller-Seife ein, damit sich die wasserunlösliche Kalkseife bilden kann. Poliert wird anschließend mit einem harten, dichten Stein, dessen Arbeitsseite glatt und plan poliert sein muss. Der persönlichen Experimentierfreudigkeit sind hier schon bei dem geforderten Üben keine Grenzen gesetzt.

Voraussetzungen für die Arbeit

Für eine fach- und materialgerechte Verarbeitung wird vorausgesetzt, dass Folgendes beim Handwerker bekannt ist und auch eingehalten wird:

Untergrundprüfung nach DIN 18 350 und DIN V 18 550.
Umgang mit Putzmaschinen und Rührwerken aber auch mit Putzschienen, Kardätsche und Kellen
Abdecken aller gefährdeten Flächen gegen die Alkalität des Materials
Arbeitsschutz von Augen und Haut, Schutz gegen Einatmen von Stäuben
Richtige Lagerung des Materials
Verarbeitung nur bei angemessenen Temperaturen (nicht unter 5 °C) und Luftfeuchtigkeit
Keine Vermischung unterschiedlicher Kalkprodukte oder Zugabe von Fremdprodukten

Die technischen Merkblätter der Hersteller sind hier nicht einfach nur hilfreich, sondern sollten unbedingt genutzt werden. Noch besser ist ein Fachberater am Objekt vor Ort. Um mit diesen sensiblen Produkten erfolgreich zu sein, sind Kenntnisse in Farbgestaltung und Denkmalpflege sehr von Nutzen.


Autor

Hans Jürgen Ronicke ist Malermeister, Innenarchitekt WKS, Restaurator im Handwerk und freier Autor unter anderem der Zeitschrift bauhandwerk. Er lebt und arbeitet in Wittenberg.

Die Vorteile von Kalkprodukten werden endlich wieder wahrgenommen und genutzt

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