Lehmputz auf Strohdämmung

Bei der Sanierung eines Wohnhauses aus den 1970er Jahren im italienischen Meran war es der Architektin Margareta Schwarz wichtig, möglichst ökologische Materialien zu verwenden. Das neu gebaute Dach und die mit Lehm verputzten Wände im Obergeschoss wurden mit Stroh gedämmt.

Für die Dachdämmung wurden formstabile Strohballen mit einer hohen Dichte von 110-120 kg/m³ auf der Baustelle eingebaut. Damit ist es dichter als das häufig verwendete Stroh mit 80-90 kg/m³. Eine Nachverdichtung des Strohs war zwar nicht vonnöten, die Löcher zwischen den Ballen mussten allerdings so dicht wie möglich gestopft werden. Um das Stroh vor eindringendem flüssigem Wasser und Kondensationsfeuchte zu schützen, wurden Wärmebrücken in der Nähe der Oberfläche, in diesem Fall alle Eisenteile, mit XPS-Platten gedämmt. Den ausführlichen Bericht über die Dachbauarbeiten finden Sie in der Ausgabe 3.2013 unserer Zeitschrift dach+holzbau.

Bei der tragenden Strohkonstruktion ohne Holztragwerk musste eine Unterkonstruktion aus Holz für den Innenausbau eingeplant werden. Im Inneren wurden Wandheizungen sowohl auf den Stroh-Außenwänden als auch auf den Wänden aus gelochten Lehmziegeln angebracht.

Verarbeitung des Lehmputzes

Die 38 cm dicke Strohballendämmung der Wände wurde erst mit Trasskalkmörtel mit Netzeinbettung, dann mit Lehmunterputz und darauf mit Lehmfeinputz mit einer Korngröße unter 1 mm versehen. Auch die Lehmsteine erhielten Lehmunterputz und Lehmfeinputz. Die Handwerker verarbeiteten Werkmörtel ohne Zellulosezusatz.

Auf einem fertigen Lehmunterputz wurden Muster erstellt, und die Handwerker experimentierten mit Zuschlägen. Zum Einsatz kamen Ziegelsand (0-2 mm), Strohfasern (1 cm), Blähglimmer grob (2-8 mm) und Blähglimmer fein (0-1 mm). Zwei Werktrockenmörtel, in Eierschalenbeige und in einem graubraunen Lehmton, wurden in unterschiedlichen Verhältnissen gemischt. Ihre Oberflächen glätteten und verdichtetnen die Handwerker mit der Chromstahlkelle oder rieben sie mit der Schwammscheibe ab. Nach Anziehen des Mörtels ließ sich das lose Korn abfegen. Die Bauschaft entschied sich schließlich für eine Mischung, die einen hellen Beigeton ergab. Für alle Flächen wurden 5 Volumenprozent Strohfasern beigemischt. Sie verbessern einerseits die Plastizität und damit die Verarbeitbarkeit, da der Mörtel weniger von der Kelle fließt. Gleichzeitig erhöht die Faserarmierung die Risssicherheit bei variierender Auftragsdicke. Für zwei stark im Streiflicht stehende Wände gaben die Handwerker 10 Volumenprozent feinen Blähglimmer zu. Bei direkter Sonneneinstrahlung entsteht auf diesen Oberflächen dadurch ein leichtes Glitzern.

Anfangs zog dem Unternehmer der dünne Feinputz zu schnell an. Daraufhin verdichtete er ihn entweder direkt mit der Kelle und bearbeitete ihn nicht weiter oder er verrieb ihn nachträglich mit der Schwammscheibe und verdichtete dann ein zweites Mal. Nach Einbringung der feuchten Lehmbaustoffe wurde geheizt und gelüftet, um einer Schimmelbildung vorzubeugen.

Badgestaltung

Im Tagesbad gaben die Handwerker dem Lehmputz groben Blähglimmer zu und verdichten die Oberfläche. Der Spritzwasserbereich ist mit Glas geschützt. Zudem wurde der Boden mit einem von der Wand wegführendem Gefälle ausgeführt. Die farbigen Lehmputze gestalteten die Schweizer Ralf Künzler und Vittorio Moretta. Vorgabe der Architektin war ein fleckiges Erscheinungsbild, in dem verschiedene Töne gemischt sind. Das Ziel war , die Eigenfarbigkeit der Erden hervorzuheben und eine plastische Erscheinung zu erzeugen, bei möglichst ebener und pflegeleichter Oberfläche. Zum Einsatz kamen verschiedene farbige Lehmpulver, heller Kalksteinsand (0-2 mm) und Faserstoffe wie Stroh-, Hanf- und Flachsfasern sowie Hanfschäben. Die gewünschten Rottöne erzeugt Tennissand (gemahlener, gebrannter Ton). Für feine Mischungen standen Siebe mit Maschenweiten von 0,3 -1 mm zur Verfügung. Nachdem raue, feine, faserfreie und struppige Mörtel gemischt waren, legten die Handwerker die Flächen zügig nass in nass an. Die Konsistenzen waren entweder flüssig-glatt oder steif und zeigten wenig Tendenz zu verfließen. Nachdem sich die Oberflächen durch Feuchtewanderung in den Unterputz versteift hatten, wurde nochmals kräftig in der Fläche verdichtet. So ließen sich vorstehende Mörtelteile reduzieren, ohne dass Vertiefungen und Absätze ganz verschwanden. Am folgenden Tag wurden die Oberflächen mit stark verdünntem Zelluloseleim satt besprüht. Dadurch kann ein Absanden von weniger dichten Partien vermindert werden. Gleichzeitig perlen Wasserspritzer etwas ab.

Putz dichtet Außenwand

Das Stroh der Außenwand wurde innen und außen verputzt. Das schafft eine ausreichende Winddichtheit, schützt vor Schädlingen und festigt das Stroh. Alternativ hätte es auch winddicht verschalt werden können. Als Grundputz verwendeten die Handwerker Trasskalk. Darauf kam außen ein Aufbau wiederum in Kalk. Innen kam Lehm im beschriebenen Schichtenaufbau zum Einsatz. Lehm als Feuchteregulator kompensiert das Trockenpotential des Strohmaterials. Stroh nur holzverschalt ergibt ein zu trockenes Ambiente. Vor dem Einbau des Strohs wurde die Holzwandkonstruktion mit einer diagonalen Sparschalung ausgesteift. Die gesamte Wandkonstruktion steht über dem Hausgrundriss vor. Der Übergang zwischen Dachgeschoss und dem Bestand darunter wurde zur Reduzierung der Wärmebrücken ebenfalls überdämmt. So verspringt die Fassade um die Dämmdicke etwas tiefer, als der neue Dachaufbau.

Gute Energiewerte

Im Winter sorgt die konsequente Dämmung aller Außenbauteile mit Stroh für wohlige Temperaturen. Die kleinen Außenwandflächen haben einen U-Wert von 0,13 W/m²K. Das Dach erreicht sogar 0,11 W/m²K. Die Wohnung erhält warmes Wasser für Nutzwasser und die Wandheizung über eine neu installierte Solaranlage, die von einem Gasbrennwertkessel unterstützt wird.

Autor

Achim Pilz ist Architekt und Buchautor. Sein Schwerpunkt sind Themen zum ökologischen Bauen. Er lebt und arbeitet in Stuttgart. Im Internet zu finden unter www.bausatz.net

Strohfasern im Lehmfeinputz verbessern die Verarbeitbarkeit und erhöhen gleichzeitig die Risssicherheit

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